Alt-Portugiesen und Neu-Luxemburger?
"Les Portugais au Luxembourg"
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Alt-Portugiesen und Neu-Luxemburger ?
Kurz nach dem Erscheinen der Baleine-Studie¹,
einer quantitativen soziologischen Erhebung,
der es um den "Grad" an Integration geht, den
die hiesigen Immigranten verschiedener Gene-
rationen erreicht haben, liegt die parallel erar-
beitete Publikation
Delfina Beirao,
Les Portugais au Luxembourg,
(1999, Paris: L’Harmattan, 660 Luf)*
vor. Das Buch kann man jedem "Soziologie-
Laien" ohne Bedenken als Lektüre vorschlagen;
diesen Vorteil bietet nicht jede soziologische Stu-
die¹ Die zahlreichen Auszüge aus den Interviews
geben anschauliches Material her, das sich ange-
nehm liest und die Zusammenfassungen konkret
veranschaulicht.
In bis zu 3-stündigen offenen Interviews
befragte Delfina Beirao 12 Familien nach ihren
Erfahrungen in Luxemburg, das Ganze in insge-
samt 30 Interviews. Dabei wurden die 1. und
die 2. Generation getrennt "vernommen". Die
Auswahl der Familien verlief nicht so unproble-
matisch und brachte eine leider bedauernswerte
Einschränkung: Familien, die die Immigration
letztlich gut gemeistert hatten, waren bereit mit-
zumachen, während diejenigen mit harten und
enttäuschenden Erfahrungen aus "Zeitgründen"
absagten – eine wohl verständliche Reaktion,
denn wer hängt schon gern seine Misserfolge an
die große Glocke, zumal sie, wenn man den
Einstellungen der Portugiesen "logisch" folgt,
zumeist auf das eigenen Konto verbucht wer-
den. Auch bei den verbleibenden 12 Familien
sind zweifelsohne Elemente einer "nicht gelun-
genen Integration" zu entdecken.
Doch welche pädagogischen Tricks man hätte
anwenden müssen, um das Vertrauen der "har-
ten" Fälle zu gewinnen, die enttäuschende
Erfahrungen gemacht haben, ist auch mir un-
klar. Nach eigener Erfahrung offener Interviews
weiß ich nur, dass, wenn die Befragten einmal
zum Sprechen kommen, sie dieses auch mit
"Vergnügen" ausführlich tun: Sie werden ernst
genommen, ihre Klagen finden ein offenes Ohr
und häufig vermittelten wir im Rahmen dieser
Interviews Hinweise auf Institutionen, die bei
diesen oder jenen Problemen helfend eingreifen
können. Nehmen und Geben sollten Teil eines
solchen Gesprächs sein.
Nach den 30 Interviews stellte die Autorin die
sich irgendwann immer ergebende Redundanz
fest und beliess es bei dieser Zahl an Interviews.
Sie deckte mit ihrer Arbeit folgende Gebiete ab:
das alltägliche Leben, das soziale Leben, die
Sprach- und Schulsituation, die Situation der
befragten Familien in verschiedenen geographi-
schen Regionen, erste und zweite Generation
getrennt so wie die Beziehungen unter den ver-
schiedenen nationalen Gemeinschaften bzw.
den verschiedenen hier eingetroffenen portugie-
sischen "Generationen", den Neuenankömm-
lingen und den bereits "Eingenisteten".
Kontextwissen
Welches Ausmaß an Wissen über den Kontext
(Institutionen, legale Situationen, Praktiken
in den verschiedenen Bereichen wie Schule,
Wohnungsmarkt, Gesundheitswesen etc.)
der/die Interviewer/in besitzen muß, wird bei
Bourdieu’s Studie über Armut deutlich, bei der
nur er selbst und einige hochrangige Kollegen
(Touraine etc.) ans Werk gelassen wurden, um
Bezieher des RMI² zu befragen. Es gilt ja,
strukturell bedingte Hindernisse zu ermitteln,
über den Schatten des individuellen Schicksals
hinwegzuspringen.
- zu beziehen zum Preis
von 660,- Luf + 75,-
Luf Porto über SESOPI,
5, av. Marie-Thérèse
L-2132 Luxembourg.
Tél: 44743 501
Fax: 44743 515
CCP 39371-86
Die Beziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gemeinschaften sind eher durch die Dauer und den Grad der Anpassung bestimmt als durch die Nationalität.
Dieses Kontextwissen lag während der Interviews in den Händen der Autorin. In der Publikation hat Fernand Fehlen in einem längeren Vorwort und im Rahmen verschiedener Boxen die Erfahrungen entsprechend situiert. Leider gibt es im Ganzen nur 3 Boxen, und zwar beschränkt auf die Kapitel "Sprache" und "Schule". Eine "Einbettung" der Interviews in den luxemburgischen, aber auch den generell mitteleuropäischen Kontext hätte sicher an manchen Stellen weiterführende Verallgemeinerungen erlaubt:
So wäre eine Erklärung der legalen Situation in Sachen Arbeitsrecht sinnvoll gewesen, da das drei-gestaffelte hiesige System der Arbeiterlaubnis die Unsicherheit der Arbeitnehmer extrem lang – im Vergleich mit dem Ausland -, nämlich über minimal 5 Jahre und häufig viel länger aufrechterhält. Nur so erklärt sich im übrigen, dass Luxemburg die ausländischen Arbeitnehmer als Puffer benutzte: sie in Zeiten der Vollbeschäftigung massiv ins Land rief und sie in Zeiten erhöhter Arbeitslosigkeit wieder zu großen Teilen zurückschicken konnte. Die derzeitigen Puffer sind die Grenzgänger.
Der eingeweihte luxemburgische Leser wird die kontextuellen Hinweise nicht so sehr brauchen, doch wäre es für den ausländischen Leser einfacher, eine Erklärung des luxemburgischen Sprach- und Schulsystems zu Beginn des Kapitels zu haben: der Einstieg in medias res ist zwar löblich, doch wird das nötige Vorwissen erst am Schluss des Kapitels oder gar nicht geliefert. Zudem versteht Fernand Fehlen seine Erklärungen eher als soziologische Interpretationen denn als Basiswissen. Der generelle Verzicht auf eine solche historische Situierung ist umso erstaunlicher, als ein französischer Verlag das Manuskript übernommen hat und seinen ‚eigenen‘ Lesern die spezifisch luxemburgische Brisanz der Situation nur an Hand einer entsprechenden Einführung hätte unterbreiten können.
Das Thema Sprache wurde beispielsweise intensiv in der parallel erarbeiteten Baleine-Studie durchleuchtet, zwar mit geschlossenen Interviews. Auch hier wäre es nicht uninteressant gewesen, ein paar wichtige quantitative Ergebnisse parallel "mitzuliefern".
Ein Rückblick auf die Studie von Cordeiro (1976) lässt die etwas positivere Blickrichtung Delfina Beiraos herauskommen. Spricht sie von der "coexistence" der zwei Welten, so stellte Cordeiro damals ein komplettes Nebeneinander fest – das sich in der Zwischenzeit für die 2. Generation sicher entscheidend verbessert hat,
nicht jedoch auch für die der jungen Eltern und Neuankömmlinge. De facto trennen sich auch heute noch die Wege häufig: dass die junge Portugiesin eine luxemburgische Freundin findet, die sie abends mitnimmt und mitnehmen darf, scheint eher eine unübliche Konstellation zu sein; das "bussing" ermöglicht es den luxemburgischen Eltern, die "portugiesischen" Schulen zu vermeiden und ihre Kinder in die besseren "luxemburgischen" Primärschulen zu schicken – ein Phänomen, das auch nicht abgenommen hat. Von Integration kann für die 1. Generation noch keine Rede sein; die "coexistence" ist eher ein deutlich getrenntes Nebeneinander, ohne dass es jedoch zu häufigen explizit rassistischen Auseinandersetzungen kommt.
Die Beziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gemeinschaften sind eher durch die Dauer und den Grad der Anpassung bestimmt als durch die Nationalität. Man setzt sich gegenüber einander verwandten Gemeinschaften deutlicher ab als gegenüber gänzlich verschiedenen (so zumindest die klassische ethnologische und ethnomethodologische Literatur). Entsprechend fühlen sich "gut eingesessene" Portugiesen ihren luxemburgischen "Gastgebern" nach einer bestimmten Verweildauer näher als einer "Generation" neuankommender Portugiesen.
Die Idee, Delfina Beirao, selbst Immigrantin der 2. Generation, mit der Aufgabe der offenen Interviews zu beauftragen, war die einzig mögliche Konstellation, um das Vertrauen der Befragten zu sichern, sei es nur auf der Basis der gemeinsamen Muttersprache und der gemeinsamen "Leidensgeschichte". Dass Vertrauen eine conditio sine qua non für ein aufschlussreiches Interview ist, beweist die Autorin selbst, indem sie erklärt, dass sie Probleme hatte, die Männer zum Gespräch zu bewegen (S.24). Neben klassischer Rollenverteilung in der portugiesischen Familie spielte das Geschlecht und vielleicht auch das Alter der Autorin eine Rolle: ein Interviewer hätte es vielleicht doch geschafft, die weniger kommunikativen offiziellen Familienchefs zum Gespräch zu locken.
Alles in allem gibt dieses Buch einen Überblick über Erfahrungen der Immigranten in den verschiedenen Bereichen unseres privaten und sozialen Lebens. Viele Hypothesen werden bestätigt:
-
das klassische Dilemma des Hier-Bleibens oder des Zurückkehrens nach Portugal,
-
der Hauskauf und die Renovierung in Portugal und in Luxemburg,
-
die stärkere Integration, die durch das Haus in Luxemburg entsteht,
-
die schulischen Probleme, die für den ausländischen Leser vielleicht nicht deutlich genug geworden sind, einfach weil die Einleitung mit nötigem Vorwissen feht,
-
die Verankerung der 2. Generation, die mit dem Erwerb eines "astreinen" Luxemburgisch einen qualitativen Sprung macht,
-
das Sich-Absetzen gegenüber den Neuankömmlingen usw.
Andere Beobachtungen waren mir relativ neu:
Der Hauskauf und die Renovierung in Portugal
werden aber offensichtlich häufig in Frage ge-
stellt: man bedauert wohl zuviel – oder sogar
überhaupt – in das kaum genützte Haus in Por-
tugal investiert zu haben. Nicht uninteressant
wäre gewesen zu wissen, welcher Anteil der
Immigranten definitiv hierbleibt und welcher
wieder zurückkehrt – eine Aufgabe, die im Rah-
men dieser Studie nicht geleistet werden
konnte.
In welchem Ausmaß das Schulleben in der
Stadt Luxemburg von der französischen
Sprache geprägt ist im Vergleich zu den länd-
lichen Regionen im Osten, Süden und Norden
des Landes, war mir vor der Lektüre nicht klar.
Wurde diese Beobachtung im Süden des Landes
auch überprüft?
Das Buch gibt zweifelsohne einen guten Über-
blick über das Leben der Immigranten, es liest
sich sehr angenehm, kann somit von einem
breiten Publikum benutzt werden und ist
"Zeuge" der Vielseitigkeit und des erklärenden
Charakters offener Interviews.
Claudia Hartmann-Hirsch
1 FEHLEN et alii, 1998,
Le sondage "Baleine",
Luxembourg: SESOPI,
Flux 600 zu bestellen
über: SESOPI,
5. av. Marie-Thérèse
L-2132 Luxembourg.
Tél: 44743 501;
Fax: 44743 515.
Vgl. auch die
Besprechung in forum
Nr. 190, S.41ff.
2 französisches Sozial-
hilfesystem, entspricht
dem hiesigen RMG:
cf. BOURDIEU, P.,
La misère du Monde,
Paris: Seuil.
100, rue de Bonnevoie
L-1260 Luxembourg
Tél. 49 98 82
Fax 49 98 83
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