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Die verschachtelten Antworten des Premierministers schriftlich wiederzugeben, ist kein leichtes Unterfangen. Jean-Claude Juncker versteht es nämlich im gleichen Satz unterschiedliche politische Aussagen (die nicht selten im Widerspruch zueinander stehen) addierend zusammenzusetzen, ohne dass hierbei für den Zuhörer erkenntlich wird, welchen dieser Standpunkte JCJ letztendlich vertritt. Das hat den Vorteil, dass jeder frei annehmen darf: irgendwie (auch) den meinigen. Die verwirrenden Satzeinschübe des Premiers hinterlassen so beim Zuhörer das Gefühl vagen Einverständnisses und heimlicher Komplizenschaft. In den Vereinigten Staaten wurde diese Form der politischen Kommunikation als „triangulation“ theoretisiert und verhalf Bill Clinton 1996 zur Wiederwahl. Dessen politischer Berater, Dick Morris, umschrieb die Clintonsche Taktik wie folgt: „Triangulate, create a third position, not just in-between old positions of the two parties but do it in a way that is uniquely yours.“ Indem der Politiker sich einzelne Kernpositionen seiner Gegner zu eigen macht (oder so tut als ob, um die eigenen durchzusetzen), macht er sich im politischen Spektrum nicht nur unverortbar, sondern auch unwiderlegbar: zwischen, über, jenseits von lechts und rinks …

Doch vor kritischeren Fragen schützen JCJ nicht nur seine rhetorischen Talente, auch sein technisches Wissen, das er in Jahrzehnten der Machtausübung erlangt hat, kommt hier zum Einsatz. Seine Zuhörer hetzt er durch Hintertüren und Abstellkammern, entlang der Flure und Stiegen von Gesetzes- und Institutionsgefügen, die nicht weniger labyrinthisch anmuten als seine Satzkonstruktionen. Doch er kennt sich aus, denn an deren Bau war er nicht unmaßgeblich beteiligt. Der Zuhörer stolpert so von einem technischen Nebenschauplatz zum nächsten und verliert die eigentliche Frage, nämlich die nach den politischen Alternativen und Verantwortungen, aus dem Blick. Der Ariadnefaden des Fragestellers ist nach ein paar Schritten im Labyrinth eines Junckerschen Schachtelsatzes durchtrennt. Andere Türen bleiben hingegen fest verschlossen: „Geheim ist geheim“. Der Brüsseler Korrespondent von The Economist, Anton La Guardia, beschrieb JCJ als „past master of the dark EU arts of corridor deals, late night compromises and procedural ambushes“. Dass JCJ seine nationale Karriere zeitgleich mit der Institutionalisierung der Tripartite begann, wo unterrichtete Gruppen in geschlossenen Kreisen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Entscheidungen aushandeln, dürfte sich bei seinem Job als Eurogruppenchef nicht unvorteilhaft ausgewirkt haben.

Und dennoch gilt JCJ weder als Technokrat noch als Apparatschik. In Interviews weiß der Premier alle verfügbaren Gefühlsregister zu ziehen. Die reichen von Empörung („Ich muss mich doch nicht wie ein Krimineller oder ein korruptes Schwein beschreiben und mich pausenlos beleidigen lassen. Es reicht!“ RTL-Radio, 19.01.2013), über Bescheidenheit („Hierzulande hat eigentlich keiner wirklich Macht“, forum, 22.12.2012) bis zur persönlichen Unterstellung, wenn er etwa Journalisten Unprofessionalität oder politischer Rachemotive bezichtigt („Der SREL arbeitet wahrscheinlich nicht so, wie Sie das gerne darstellen, weil Ihr Bild von der CSV das ist, das Sie regelmäßig vehikulieren“, Radio 100,7, 22.12.2012). Wird es ernst, stellt der Unbeirbare seine eigene (nicht unsympathische) Person in die Vitrine und verlangt Vertrauen.

Dieses Interview bietet dem Leser die Gelegenheit, die Junckersche Rhetorik auf ihren Kern zu prüfen. Wer sich das Gespräch in seiner (fast) integralen Länge anschauen möchte, findet das vom Film-Kollektiv L-pod aufgenommene Video mit dem Premierminister auf youtube (Suchbegriffe: „Juncker“, „forum“) oder auf unserer Internetseite (www.forum.lu).

Max Gindt / Bernard Thomas

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