Denkanstöße

Bethlehem oder Nazareth

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gla / ges

Betlehem oder Nazaret

"Es ist ein Junge", sagte die Hebamme zu Joseph, "eine ganz normale Geburt, Mutter und Kind geht es gut, alles in Ordnung." Dann packte sie ihre Siebensachen und machte sich auf den Heimweg.

Damit hatte es sich. Ein ganz normales Baby. Wie viele andere auch, die damals in Nazaret geboren wurden.

In Nazaret? Wieso in Nazaret? Man hat uns gelehrt, Jesus sei in Betlehem geboren.

Ja natürlich! Doch: Betlehem oder Nazaret, was macht das für uns Europäer des Jahres 1979 schon aus? Das sind doch nur zwei jüdische Dörfer. Für uns mehr oder weniger dasselbe.

Anders klingen für uns schon die Namen von zwei Ortschaften wie Stadtgrund – Belair. Ja, die sind nicht miteinander zu verwechseln. Im "Grund" ist das Gefängnis. Rundherum enge Gassen und alte Häuser. Viele Leute wohnen auf engem Raum. Nicht jede Familie hat ihren eignen Abort. Badezimmer haben eher Seltenheitswert. Anders Belair: Villenviertel, moderner Komfort in jeder Wohnung.

Nazaret – Betlehem. Für uns fast dasselbe. Für Juden von vor 2000 Jahren gar nicht dasselbe.

B e t l e h e m wird in der Gedankenwelt eines Juden mit David in Verbindung gebracht. Deshalb sagt Matthäus kurz und bündig, Jesus sei in Betlehem geboren, und dann folgt sofort die bekannte Geschichte der Weisen aus dem Morgenland. Nichts von Krippe, Hirten und Engelsgesang. Betlehem, die Stadt Davids. Sie steht sozusagen im Vorwort des Matthäusevangeliums. Das heisst, wenn wir den Code entschlüsseln: "Jesus ist der Sohn Davids." Der neue König. Der König für alle. Die "Gojim", das heisst die Nichtjuden kommen, um den neuen König zu suchen, um ihn als ihren Herrn anzuerkennen, während die jüdischen Autoritäten, Herodes und der Klerus von Jerusalem, ihn ablehnen.

N a z a r e t. Dieses Dorf lag für einen Juden am Ende der Welt. Da, wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist. Im Land der kleinen Leute, der Ungebildeten, deren religiöser Glaube nicht ganz orthodox ist. Deshalb lässt Lukas die Lebensgeschichte Jesu in Nazaret beginnen. Doch zur Geburt lässt er ihn auf mehr

on ne rasera plus les murs, on les fêcurira

oder weniger künstliche Weise nach Betlehem kommen. Auch für Lukas ist Jesus der neue David, der Begründer des neuen Friedensreiches. Und zugleich lässt er in Betlehem das Dorf Nazaret entstehen mit seiner Geburtsgeschichte von Stall, Krippe und Hirten. Jesus ist der Retter der Armen, der Ungebildeten, der nicht ganz Rechtgläubigen, der Ausgestossenen, der Zöllner und Dirnen.

Betlehem oder Nazaret? Eigentlich unwichtig, wenn wir den Sinngehalt dieser beiden Namen nicht mehr verstehen.

Was ist denn nun wichtig? Doch wohl, dass wir diesem Jesus bei uns einen Platz geben. Als dem Herrn des Friedensreiches.

Indem wir Frieden machen.

Als Retter der Armen.

Indem wir für Gerechtigkeit eintreten, dass alle vom Kuchen mitbekommen.

Als Lehrer der nicht ganz Rechtgläubigen.

Indem wir unsern Glauben besser kennen lernen, so dass wir ihn sagen können, wie man ihn heute verstehen kann.

Wann werden unsere Kirchen vom sentimentalen Weihnachtsgeschmuse wegkommen, um endlich die frohe Botschaft zu verkündigen? Wann wird es eine Kirche geben, die selber Engel wird, anstatt sich auf übernatürliche Engel zu berufen, die das tun sollen, was diese Kirche zu tun sich weigert?

Jupp Wagner

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