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Am Tag danach, das ist selbstverständlich
am Tag nach dem Jahrhundertereignis in
Luxemburg.
Verunsicherung oder Resignation
"Warum gehen die Leute nicht mehr in die Kirche?"
fragte die Frau den Reporter. Der Reporter wußte
es nicht. Er gab die Frage weiter an den Moderator. Der wußte es auch nicht und gab die Frage
weiter an die geladenen Experten. Experten sind
immer geladen. Zuerst eingeladen und dann geladen
mit Wissen. Die geladenen Experten waren sich
nicht einig. Einer von ihnen meinte, er hätte lieber ein abwechslungsreiches Menü als immer nur
dieselbe aufgewärmte Suppe. Damit hatte er dem andern Experten ein Stichwort gegeben. Der wehrte
sich zunächst einmal heftig gegen das Menü: die
Messe sei schließlich nichts, das man zu allen
Soßen servieren könne. Ich weiß nicht, ob die
Frau, die den Reporter gefragt hatte, den Experten
zuhörte, und wenn, ob sie alles verstand, was die
Experten an Erklärungen von sich gaben. Sie redeten obendrein französisch. Die Frau, offenbar eine
der einfachen Frauen, für die unsere größte Tageszeitung ihre Lanzen bricht, hatte eine scheinbar einfache Frage gestellt: "Warum gehen so viele
Leute nicht mehr in die Kirche?" Eine einfache
Frau ist verunsichert. Nicht durch das Gerede von
Großspurtheologen und auch nicht durch die kleinkarierten Kritikaster, die immer, wenn ein Papst
spricht, dessen Unfehlbarkeit in Zweifel ziehen.
Eine einfache Frau stellte eine anscheinend einfache Frage. Eine Frage aus ihrer Erfahrungswelt.
Sonntags findet sie sich mit noch ein paar Leuten
in der Kirche. Ihre Pfarrei zählt aber viel mehr
Getaufte als sonntags in der Kirche anzutreffen
sind. Die einfache Frau stellt keine Prozentrechnung an. Doch Beobachtungen hat sie angestellt und
Erfahrungen gesammelt. Aus ihrer Erfahrung stellt
sie eine einfache Frage. Auf diese Frage antworten
die Experten mit wortgewandtem Stottern. Eins zu
einer Million wette ich, daß die einfache Frau
kein Wort verstanden hat.
Wortreich habe ich nun eine Lanze für die einfache Frau gebrochen. Nochmals: wetten, daß die einfache Frau nicht bis hierhin gelesen hätte, wäre
ihr dieses Papier unter die Augen gekommen. Eigentlich ist dieses Papier ja auch geschrieben worden, um den frommen Augenaufschlag der Chefredakteure als falsche Frömmigkeit zu entlarven. Einfache Leute werden kaum verunsichert durch das teuflische Gerede von ein paar Berufsnörglern, sondern durch Tatsachen, die sie in Erfahrung bringen.
Es ist ja durchaus möglich, daß die Ehe einer Prinzessin nicht "von der Kirche geschieden wurde", obschon diverse bunte Blätter das in Umlauf brachten. Doch von "der Kirche" dementiert wurde die Scheidung bis jetzt nicht. Verunsichert sind nicht nur einfache Leute durch das Schweigen "der Kirche". Einfache Leute verstehen auch nicht, weshalb sie (im Gegensatz zu Prinzessinnen) als geschiedene Wiederverheiratete zwar sonntags zur Kirche gehen müssen, aber nicht kommunizieren dürfen. Sie verstehen auch nicht, warum ihr Pfarrer ihnen sagt, wenn sie kommunizieren wollen, dann sollen sie dazu in eine Kirche gehen, wo keiner sie kennt. Einfache Leute finden das unehrlich. Wüßten sie, daß ihr Pfarrer ihnen mit seinem Rat die (halb)offizielle Anweisung "der Kirche" gab, sie wären verunsichert. Halboffiziell ist die Anweisung, weil sie jederzeit offiziell abgestritten werden kann, indem gesagt wird, so sei das nun ganz sicher nicht gemeint. Prinzipiell seien geschiedene Wiederverheiratete im Stand der Todsünde und könnten deshalb nicht zu den Sakramenten zugelassen werden. Geschiedenen Wiederverheirateten jedoch, die versprechen, wie Bruder und Schwester miteinander zu leben (kirchliche Sprachregelung für die getrennten Betten), könnte, wegen des Ärgernisses, der Pfarrer den Rat geben, in einer fremden Pfarrei zu kommunizieren. Wegen des Ärgernisses. Was ist damit gemeint? Ja, da würden doch die einfachen Leute, die wissen, daß es sich um Geschiedene handelt, verunsichert, wenn sie sähen, daß die so ganz einfach in ihrer Kirche zur Kommunion gingen. Ärgernis hieß früher, was heute Verunsicherung genannt wird. Den Kleinen soll man kein Ärgernis geben. Einen Ärgernisgeber soll man, mit einem Mühlstein beschwert, ins Wasser werfen steht sogar in der Bibel. Nicht nur profilier-süchtige Kleinkaliberschützen, auch Großspurtheologen verunsichern. Die einen, weil sie, bar jeder Diplomatie, Sachverhalte aufdecken, die nun mal nicht für jedermanns Augen bestimmt sind. Die andern, weil sie Sachverhalte verschleiern, die vom Evangelium nun mal nicht gedeckt sind. Wäre es nicht an der Zeit, statt über die einfachen Leute, die verunsichert werden, (fast hätte ich geschrieben: scheinheilig) zu jammern, ihnen zu helfen, erwachsen zu werden, da niemand vor Verunsicherungen geschützt ist.
Dauernde Verunsicherungen schläfern ein. Der Verunsicherte findet sich eines schönen Tages damit ab, "daß ‚die da oben‘ doch machen was sie wollen". Dann nennt man das "Resignation". Resignation schien sich breit zu machen bei den Jugendlichen in
Echternach
als sie die Antworten hörten, die unser Bruder Jean Paul ihnen auf ihre paar zahmkritische Fragen gab. Am Applaus der Jugendlichen konnte abgehört werden, wer bei der Antwort nach den wiederverheirateten Geschiedenen nicht verunsichert war: die Applaudierenden. Sie freuten sich, daß unser Bruder Jean Paul ihre Erwartung nicht enttäuschte. Ihr Applaus klang allerdings spärlich. Doch vielleicht hatte ich morgens meine Ohren nicht gewaschen. Trotz meiner möglicherweise nicht ganz sau-
seu-beren Ohren könnte ich mir, mit meiner teuflischen Fantasie, vorstellen, es wäre ein ungeheurer Applaus losgebrochen, wenn unser römischer Bruder zwar noch kein fix und fertiges Rezept aus der Tasche gezaubert, sondern nur gesagt hätte, es sei ihm klar geworden, daß die Frage ganz neu zu bedenken sei. So aber bleibt alles beim Alten. Hatten die Jugendlichen sich eine andere Antwort erwartet als jene, die ihnen da gegeben wurde? Zur Glaubwürdigkeit der jungen Leute hoffe ich es. Dann wurde ihre Hoffnung enttäuscht. Enttäuschte Hoffnungen schaffen Resignation. Das heißt, irgendwann werden keine Jugendlichen mehr mobil gemacht werden, wenn es darum geht, einem Bruder Bischof von Rom zahmkritische Fragen zu stellen.
Zahmkritisch ist eine Wortschöpfung. Gemeint ist das, wozu unsere jungen Leute wohl nicht in der Lage waren: echt kritische Fragen zu stellen, nicht nur jene Standardfragen, die jede Gruppe, die sich einer kritischen Stellungnahme verpflichtet fühlt, gehorsamst an den Bruder Bischof von Rom richtet. So wäre zum Beispiel bei der Frage nach den geschiedenen Wiederverheirateten zu bemerken gewesen, daß nur ein ganz geringer Anteil davon überhaupt Wert darauf legt, noch einmal "in
der Kirche" zu heiraten. Außerdem wäre zu fragen gewesen, wie man es anstellen solle, Brautleute auf eine christliche Ehe vorzubereiten, was ja offenbar nicht einmal Spezialisten so genau wissen. Ob es vielleicht an unsern Pfarreien liegt, für die kirchliche Trauungen eher private Spektakel darstellen, die eine Menge Schaulustiger anlocken, als Feiern, an denen die ganze christliche Gemeinschaft teilnimmt, bei denen die Pfarrei gemeinsam Verantwortung übernimmt für die Treue der jungen Paare, wobei auch die frisch gegründeten Familien Verantwortung übernehmen für die christliche Gemeinschaft, in die sie ‚hineinheiraten‘. So oder ähnlich stelle ich mir jene Fragen vor, an denen unser Bruder Bischof von Rom nicht einfach hätte vorbeireden können.
Auch an unserer einfachen Frau, mit der wir anfingen, haben die Experten vorbeigeredet. Sie hätten zum Beispiel sagen können: im Lauf der Zeiten seien ganz viele Getaufte von "der Kirche" enttäuscht worden, und da niemand von ihrer Enttäuschung Notiz nahm, hätten sie schließlich resigniert: Arbeiter, die sich von "der Kirche" in den Jahren der ersten Industrierevolution alleingelassen spürten; Intellektuelle, die auf ihre neuen Fragen immer nur die alten Antworten bekamen; Konservative, denen nun Gitarren- statt Orgelmusik, neusprachige rhythmische statt lateinischer Mozartmessen vorgespielt werden; Progressive, denen nur die alten Predigten statt Diskussionsrunden angeboten werden; Reiche, die schon früher nicht in die Kirche gingen, ihre Kinder aber taufen ließen, weil "die Kirche" mit dem siebten Gebot ihren Reichtum absicherte. Und noch viel mehr hätten die Experten sagen können. Zum Beispiel: daß durch die Ängstlichkeit der Bischöfe und Pfarrer ein Fehlverhalten
"der Leute" geradezu gepflegt wird. In den Köpfen einer von Jahr zu Jahr noch immer wachsenden Schar ist die Messe nicht mehr die wöchentliche Versammlung einer Kirche, sondern die einmalige Sache, die man (bei uns) im Alter von neun Jahren hinter sich zu bringen hat. Daß die öffentliche Meinung dies denkt, müßten Experten eigentlich wissen. Ergebnisse von Umfragen sprechen da eine sehr deutliche Sprache.
Das Expertengutachten wäre der einfachen Frau sicher noch zu kompliziert gewesen. Hätte es einfacher ausfallen können? Vielleicht mit der Frage, warum nicht alle Leute malen können. Wenn die Frau jemals etwas von Talent gehört hätte, wäre ihre Antwort gewesen: "Nicht jeder hat das Talent zum Malen. Andere können dafür gut singen. Andere gut rechnen." Möglicherweise hätte sie verschämt hinzugefügt: "Ich war nie gut im Rechnen." Dann wäre es ein Leichtes gewesen, ihr klarzumachen, nicht alle Leute hätten Talent zum Gläubigsein. Was ja stimmt. Von Tag zu Tag schwindet der soziale Druck, der früher jene, die nicht glauben konnten, in die Kirche trieb und zum Vortäuschen eines Gläubigseins zwang, wollten sie nicht zu Außenseitern gestempelt sein.
Mir scheint, die Experten hatten Zeit genug, sich die Frage der einfachen Frau zu Herzen zu nehmen. Dann hätten sie auch mit den oben gegebenen Elementen eine Antwort zusammenbauen können, die nicht nur von einfachen Frauen verstanden worden wäre. Doch dann hätte vielleicht der eine oder andere Experte seine Konsequenzen ziehen müssen.
Jupp Wagner
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