Das Jahr der Familie — eine Bilanz

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Keine einzige gesetzliche Initiative wurde in die Wege geleitet.

"forum" hatte für Anfang 1995 ein Dossier zum Thema Familienideologien angekündigt. Es war gedacht als Bilanz des Internationalen Jahres der Familie und sollte untersuchen, welches (ideologisch befrachtete) Bild der Familie in den aus diesem Anlaß organisierten Veranstaltungen vermittelt wurde. Doch die kompetenten Personen, die wir zwecks Mitarbeit an einem derartigen Dossier ansprachen, winkten fast alle ab: Sie seien einfach zu müde, nach den vielen Familienfesten so schnell wieder reflexive Arbeit zu leisten. Alle unsere Gesprächspartner bedauerten, daß es zwar viel action gegeben habe, aber es seien wenig strukturelle Verbesserungen bewirkt worden.

Dieser Eindruck wird nun höchstoffiziell in einer vor kurzem erschienenen Broschüre bestätigt. Das "Comité luxembourgeois pour l’organisation de l’année internationale de la famille" veröffentlichte unter dem Titel "Bilanz und Ausblick" auf 24 Seiten seine Sicht der Dinge. Auf 7 Seiten werden Personen aufgelistet, die an der Organisation beteiligt waren. 10 Seiten umfaßt die Liste der Veranstaltungen, die schon am 8.3.1991 ansetzt: Sie reichten von fünf Konzerten der Militärkapelle über großherzogliche Besuche in Kinderkrippen bis zur ‚Brotwoche‘ des Bäckermeisterverbandes: in der Hauptsache Feste und Feiern, die auch ohnedies 1994 stattgefunden hätten, die aber fürs Familienjahr vereinnahmt wurden. Immerhin drei Autoaufkleber wurden zu diesem Zweck herausgegeben, daneben 25 Broschüren. Doch auch hier sollte man sich nicht täuschen lassen: Dazu gehört auch eine Broschüre zur Brotwoche der Bäcker oder der Katalog einer Malerei-Ausstellung…

Bleibt die inhaltliche Bilanz, die knapp 5 Seiten in der Boschüre ausmacht: Als "originelle und sehr erfolgreiche Beiträge zum Familienjahr" werden bezeichnet: "die Familienkonzerte unserer Militärkapelle, die Familientorte der Escher Bäcker, der Familienjingle, die CD/MC ‚Lo oder nie‘, eine hübsche

Sonderbriefmarke sowie der Familienbus". Ehrlicher geht’s nicht: Das Organisationskomitee gibt offen zu, daß reine Konsumveranstaltungen und Ablenkungsmanöver die erfolgreichsten Veranstaltungen des Familienjahres waren.

Das Komitee stellt fest, daß das Familienjahr "einmal mehr die Sorgen und Probleme vieler Familien erkennen ließ". Es zählt dann auch echte Probleme auf: der Lasten- oder der Leistungsausgleich, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Elternteile, das Recht auf eine sichere und komfortable Wohnung, der Ausbau der sozio-familialen Einrichtungen, eine bessere Zusammenarbeit von Familie und Schule, … Hat es wirklich dieses Jahres bedurft, um diese Probleme zu erkennen? Sucht man nämlich nach Maßnahmen, die solche Probleme einer Lösung zuführen könnten, muß man festhalten, daß das Familienjahr rein gar nichts gebracht hat! "Viele haben gewünscht, daß die brennenden Fragen um Familie auch nach dem Familienjahr im Gespräch bleiben," heißt es auf Seite 1. Wurde deswegen keine einzige gesetzliche Initiative in die Wege geleitet?

Um dem Vorwurf der rein destruktiven Kritik zu entgehen, seien aber zumindest zwei Veröffentlichungen erwähnt, die ohne Familienjahr vielleicht nicht so schnell zustande gekommen wären: Das vom Jugendministerium herausgegebene Buch "Jeunes, vos droits et vos devoirs" füllt zweifellos eine Lücke. Und das von der ASTI initiierte Kolloquium über Hausaufgaben in der Primärschule ist nun auch in Form einer Broschüre dokumentiert worden: Sie sei Eltern und vor allem Lehrern, die ja beim Kolloquium fehlten, sehr zur Lektüre empfohlen.

Nicht aufgeführt in der Liste des "Comité luxembourgeois pour l’organisation de l’année internationale de la famille" ist eine Broschüre, die im Herbst 1994 von der Luxemburger Kommission "Justitia et

Pax" herausgegeben wurde. Auf 32 Seiten beschäftigt sich hier eine katholische Reflexionsgruppe mit "Erziehung im Spannungsfeld von Familie, Schule und Gesellschaft". Der erste Teil versucht eine schonungslose Bestandsaufnahme von Gesellschaft, Familie, Schule. Wohl ohne Schuldzuweisung wird ein in der Tat eher negatives Bild der Gesellschaft und ihrer Institutionen Familie und Schule gezeichnet. Im zweiten Teil werden dann ethische Ansprüche an die Erziehungsinstanzen Familie und Schule gestellt. Offen bzw. nicht angesprochen wird aber das ‚Spannungsfeld‘ zwischen diesen beiden Teilen: Wie sollen Erzieher, die wohl oder übel der beschriebenen Gesellschaft angehören, einen Auftrag erfüllen, der letzten Endes die Fehlentwicklung dieser Gesellschaft stoppen und umkehren soll? Kann Familie und Schule, die beide als krank beschrieben werden, die Verantwortung zugeschrieben werden, diese Krankheit zu heilen?

Ansonsten kann der Unterzeichnete sich durchaus mit den Erziehungszielen der Kommission "Justitia et Pax" identifizieren. Was den Auftrag an die Schule anbelangt, decken sich die Vorstellungen durchaus mit ähnlichen Aussagen in der Broschüre von Ex-Erziehungsminister Fischbach "Demain l’école" oder auch mit Grundsatzpapieren der LSAP oder Grünen: Die Schule darf nicht mehr reine Wissensvermittlung betreiben, sondern muß ihre erzieherische Verantwortung verstärkt wahrnehmen. Ich komme aber nicht umhin festzustellen, daß eigentlich nur eine gesellschaftliche Gruppe sich gegen diese Neudefinierung der gesellschaftlichen Rolle der Schule wehrt: die Lehrergewerkschaften, und zwar weitgehend unabhängig von Partei- oder Ideologiezugehörigkeit. Wie ist dieser Dissens zu erklären?

Schließlich muß man festhalten, daß in keiner zum Familienjahr erschienenen Broschüre, auch nicht in

jener der Kommission "Justitia et Pax", die Familie definiert wird: Eine Gastarbeiterfamilie ist doch nicht mit einer Arztfamilie gleichzustellen, in einer Familie des "Quart Monde" stellen sich doch andere Probleme als in einer Familie, wo der Vater Rechtsanwalt ist und die Mutter eine Boutique in der Großgasse betreibt, das Zusammenleben in einer Alleinerzieherfamilie ist doch völlig anders organisiert als in einer Familie, die neben Eltern und Kindern auch noch ein Großelternteil umfaßt. Kann man dann Erziehungsaufträge an DIE Familie richten? Wo bleibt das differenzierende Reden über DIE Familie? Kann Partnerschaft, Offenheit, Dialog, Vertrauen, Respekt, Solidarität in allen sozialen Milieus dasselbe bedeuten? Wer solche Differenzierungen nicht macht, wird in der Tat noch lange über "die brennenden Fragen um Familie" diskutieren können, denn seine Lösungsvorstellungen werden stets an der Wirklichkeit vorbeigehen. m.p.

Helmut Walter
in: Publik-Forum

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