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Vieles ist schiefgelaufen in den Kirchen seit zweitausend Jahren. Manches davon wurde bereits in forum bedacht. In mehr als hundert Artikeln. Viele davon zeigen die verhängnisvolle Kluft auf, die besteht zwischen der oberkirchlichen liturgischen Beweihräucherung des Evangelienbuches als «Gottes Wort» und dem praktischen Außerachtlassen eben dieses «Gotteswortes» durch eben diese Oberkirche. Mit dem «Überamt» ist der Petrusdienst oder das sogenannte Papstamt angesprochen, so wie es sich heute präsentiert. Ob es evangelienkonform ist, möchte die folgende Überlegung in Frage stellen. Oder auch eine Anfrage wiederholen, die 1970 Hans Küng gestellt hatte, die jedoch unbeantwortet geblieben war. Durch die Praxis Johannes Pauls II. hat sie neue Aktualität erlangt.
Der Petrusdienst wird, es ist bekannt, sogar von progressiven katholischen – aber auch von etlichen protestantischen – Theologen für unverzichtbar gehalten. Die katholischen haben Angst vor dem ersten Vatikanischen Konzil (1870-71). Sie wollen nicht als Ketzer gelten. Sie wollen nicht das Los ihres Kollegen Hans Küng teilen, der mit der Anfrage «Unfehlbar?» (1970) sich im Jahr 1979 den Verlust seines Lehrstuhles einhandelte.
In seiner jetzigen Form ist der Petrusdienst nicht bloß überflüssig, sondern hinderlich. Er ist zwar vorgeprägt durch fünfzehn Jahrhunderte der Christentümlichkeit, doch zur Katastrophe ist er erst geworden durch das erste Vatikanische Konzil. Genauer gesagt durch den damaligen Diensttuer Pius IX. (1846-1878), der den Verlust seiner weltlichen Macht durch einen Zugewinn an «geistlicher» Macht ausgleichen wollte. Beim Ausbruch des deutsch-französischen Krieges war der Kirchenstaat von den französischen «Schutztruppen» verlassen und von den Soldaten des italienischen Königreiches am 20. September 1870 besetzt worden. Eine römische Volksabstimmung erklärte darauf die Papstherrschaft für erloschen. Übrig blieb eine symbolische «Città del Vaticano», deren jetziges rechtliches Statut erst 1929 mit
Mussolini ausgehandelt wurde. Den Zuwachs an geistlicher Macht hatte sich Pius IX. durch das Doppeldogma der päpstlichen weltweiten Jurisdiktion und der päpstlichen Unfehlbarkeit in Sachen des Glaubens und der Moral versprochen. Das zweite Vatikanische Konzil hat nicht gewagt, an diesen beiden doch sehr fragwürdigen Dogmen zu rütteln.
Mir scheint, der jetzige Amtsinhaber hat während seiner nun fast zwanzigjährigen Amtsausübung diese Fragwürdigkeit eindeutig unter Beweis gestellt. Sogar innerhalb der römisch-katholischen Kirche ist dieses Amt – in seiner jetzigen (kaum noch als Dienst zu bezeichnenden) Form – überflüssig wie ein Kropf. Leider werden die Kardinäle auch dann noch immer einen Papst finden, wenn mehr als die Hälfte der Pfarreien längst keinen Pfarrer mehr ihren eigenen nennen, von Kaplänen und Vikaren nicht einmal zu reden.
- Der jetzige Amtsinhaber regiert durch seine Bischofsernennungen in die Diözesen hinein. Zumeist hat er darin keine sehr glückliche Hand. Er schickt in die Diözesen Männer, die seine persönliche, als römisch getarnte, jedoch polnische Linie (oder ist es die Opus-Dei-Linie?) durchziehen. Die Zahl seiner unglück-
Dieser
«Petrusdienst»
steht einem
Fortschritt
der Kirchen
ins dritte
Jahrtausend
im Wege.
lichen Bischofsernennungen geht weit über das hinaus, was seinen Amtsvorgängern in dieser Hinsicht gelungen war.
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Der derzeitige Amtsinhaber nennt seine (für die heimgesuchten Diözesen) nicht ganz billigen Reisen «Pastoralbesuche». Doch es ist wohl global gesehen das Gleiche wie bei den Pastoralvisiten der Bischöfe in ihren Sprengeln. Die heiligen Hirten haben kaum eine Ahnung von dem, was sich im Leben ihrer oft mehrere Hunderttausende zählenden katholisch getauften «Schwestern und Brüdern im Glauben» abspielt. Wie soll da ein Einzelner aus dem fernen Rom Einschwebender wissen, was weltweit in den pastoral heimgesuchten Diözesen ansteht. Trotz seiner Unfehlbarkeit – oder ist es vielleicht gerade wegen seiner Unfehlbarkeit? – trifft er falsche Entscheidungen und sagt die verkehrten Worte.
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Denken wir hier nicht einmal an die Hartnäckigkeit, mit der er gegen millionenfach praktizierte Geburtenregelung zu Felde zieht, sondern an die weitaus furchtbarere Trockenlegung der fruchtbaren Befreiungstheologie und an die in die Wüste geschickten Befreiungstheologen; denken wir an sein fast mit Unfehlbarkeit begründetes radikales Verbot, weiter über Frauenordination zu diskutieren; denken wir an die Laien, denen dies und das zu tun untersagt wird, obschon dabei ganze Sparten der Pastoralarbeit zum Erliegen kommen; denken wir an das sogenannte «Priesteramt», das von Jesus ganz sicher weder gewollt noch eingesetzt wurde; denken wir überhaupt an den im Rechtsbuch Johannes Pauls II. erneut formulierten gotteslästerlichen Kanon 207 §1, der Gott selbst die Zerrissenheit der Kirche in Laien und Kleriker anlastet.
Ein «Petrusdienst», der all diese Dinge produziert, ist nicht bloß überflüssig wie ein Kropf, sondern dazu auch noch hinderlich. Er steht einem Fortschritt der Kirchen ins dritte Jahrtausend im Wege. Neben dem Leben steht ja ein Petrusdienst, der zur Jahrtausendwende nichts anderes zu verkünden weiß als ein Jubeljahr. Eine dem Namen nach zwar der hebräischen Bibel entlehnte Feier. Im Volk Israel sollte sie eine eminent soziale Aufgabe erfüllen: die Verschuldung der in finanzielle und soziale Abhängigkeit geratenen Juden aufheben. In seiner römischen Fassung heutzutage jedoch ist sie ein pastoraltheologisch längst völlig aussichtsloses, mit der Magie des Ablasses arbeitendes Unterfangen. Was anders als total überflüssig ist denn ein Petrusdienst, der Jubeljahre verkündet und
Verbote formuliert, die von den meisten Katholiken schlicht und ergreifend ignoriert werden?
Überflüssig für die eigene römische Kirche und hinderlich für die Gesamtheit der christlichen Kirchen, die man gerne als Ökumene bezeichnet. Eine Ökumene, die vom 18. bis zum 25. Januar jeden Jahres zu einer Alibifeier benützt wird von derselben römischen Kirche, die es bis heuer noch nicht einmal fertigbrachte, wirkliches Mitglied des Weltrates der Kirchen zu werden und nur «Beobachter» zu dessen Zusammenkünften «entsendet».
Gewünscht wäre eine andere Form des Petrusdienstes.
Fragt sich, wie der aussehen soll. Müßten nicht all jene Formen ausgeschlossen werden, die eindeutig dem widersprechen, was den vielfach geäußerten Vorstellungen des Jesus widerspricht. Dabei können wir ruhig davon ausgehen, daß Petrus unter den Zwölfen eine besondere Rolle spielte. Nach Paulus ist er eine der «Säulen», wohlverstanden nur eine von mehreren. Simon ist im Mattäusevangelium der «Felsenmann», bei Lukas der «Glaubensbestärker» seiner Brüder, bei Johannes der «Hirte» von Schafen und Lämmern. Daß Jesus dabei an ein zweitausend Jahre währendes Petrusamt gedacht
Zeichnung: Mester, in: Publik-Forum
haben könnte, ist nicht anzunehmen, da er das «Gottesreich» als unmittelbar bevorstehend erwartete.
Auch den Titel «Papa – Vater» hat Jesus sich für den Petrus und all seine Jünger verbeten. Trotzdem war eben dieser Titel bereits im dritten Jahr-hundert für Bischöfe – nicht bloß für den römischen – in Gebrauch. Wie auch heute noch in vielen nicht-römischen Kirchen. Dasselbe gilt für andere Titel, wie zum Beispiel «Heiliger Vater». Petrus wäre in Ohnmacht gefallen, wenn einer ihn so angeredet hätte. Gott allein war für einen frommen Juden «Heiliger Vater».
Natürlich geht es hier nicht um Titel, sondern um die Sache. Das zeigt sich zwar auch an einem weiteren Titel: «Stellvertreter Christi». Vor einem solchen Titel schreckten die «Päpste» noch bis ins hohe Mittelalter zurück. Sie zogen es vor, «Stellvertreter Petri», nicht dessen Nachfolger zu sein. Anscheinend war man sich der Sonderrolle des Petrus noch bewußt, die ganz auf ihn persönlich zugeschnitten war und deshalb auf keinen Nachfolger übertragbar. Es war aber vielleicht möglich, einen Teil der Petrusrolle zu spielen, und genau
das ist ja die Rolle des Stellvertreters. So kann zum Beispiel kein einziger aus der langen Liste römischer Bischöfe mit etwas aufwarten, das er mit jenem Jesus am eigenen Leibe erlebt, mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hat. Trotzdem beschränkte der römische Bischof sich mit der Zeit nicht mehr auf die Rolle des Stellvertreters Petri, sondern mauserte sich zum Nachfolger Petri bis er mit Innozenz III.(1198-1216) schließlich zum Stellvertreter Christi auf Erden aufrückte. So jemand in den Schriften des Neuen Testamentes nachliest, kommt die Leserin und der Leser zur Überzeugung, jener Jesus würde ganz andere Akzente in seiner Pastoralarbeit setzen als der römische Bischof, der sich als seinen Stellvertreter ausgibt. Mit Jesus gäbe es weder Kleriker noch Laien; mit ihm wären die Frauen nicht bloß dazu da, Kirchengebäude sauber zu halten und Blumenvasen zu füllen; mit ihm dürften Frauen der Eucharistie vorstehen und sein Evangelium auslegen; mit ihm würde die Sexualität aus ihrer verkorksten Lage, in die sie ein kirchliches Lehramt gebracht hat, erlöst werden. Kurzum: einer Menge amtskirchlicher Schriftstücke würde Jesus seine Unterschrift verweigern.
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Damit das Papsttum in seiner jetzigen Form so bald wie möglich abgestellt werde, wäre es wünschenswert, wenn der Petrusdienst
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zeitlich begrenzt würde. Auch der Petrusdiensttuer dürfte erlöst werden vom unmenschlichen Zwang, immer das Richtige tun zu müssen. Die Erleichterung wäre nicht nur für den Petrusdiensttuer, sondern für die ganze Kirche wünschenswert. Sie müßte nicht einen alternden und gebrechlichen «Papst» bedauern, weil er immer mehr der Mafia seiner «Kurialbeamten» oder des «Opus Dei» ausgeliefert ist, die ihn von Termin zu Termin hetzt, obschon er das Tempo nur mehr mit Hilfe von Doping aushält. Auch einem aus dem Amt geschiedenen Papst müßte es ermöglicht werden, noch mal einen andern Dienst zu machen, oder einfach seine Pension zu nehmen.
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Da der Petrusdienst immer mehr die Möglichkeiten eines Einzelnen übersteigt, müßte er unter mehrere Frauen und Männer aufgeteilt werden.
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Da der Petrusdienst unmittelbar und von innen her mit der Ökumene zusammenhängt, müßten alle christlichen Kirchen ihn unter sich aufteilen.
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Die jeweiligen Petrusdiensttuer müßten demokratisch gewählt werden, und zwar jeder von seiner eigenen Kirche.
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Das vom ersten Vatikanischen Konzil unter eigenartigen Umständen zustande gekommene Doppeldogma des weltweiten päpstlichen Jurisdiktionsprimats und der ohne Zustimmung der Kirche geltenden päpstlichen Unfehlbarkeit in Sachen der Glaubens und der Moral ist – wie vom Dominikaner Yves Congar gefordert – unbedingt zu revidieren.
Reform an Haupt und Gliedern oder: wie man mit Utopien umgehen soll.
Es wäre eines der (unbeabsichtigten) Verdienste Johannes Pauls II., des polnischen Papstes, wenn Martin Luthers und Hans Küngs Anliegen mal wieder aufgegriffen und schließlich sogar einer Lösung zugeführt würden. Natürlich hätte auch diese Lösung, so sie denn stattfinden sollte, selbstverständlich nicht für alle Ewigkeit Bestand.
Es ist klar, daß die fünf angesprochenen Punkte so erschrecken wie die von den deutschen Grü-
nen geforderte Anhebung des Benzinpreises auf fünf DEM innerhalb von zehn Jahren. Genau wie dies den Grünen sonst nichts ist als eine jetzt zu debattierende Utopie, von der sie hoffen, daß vernünftige Leute darin etwas viel Wichtigeres entdecken werden: die Richtung in welche weitergedacht werden muß. Genau so klar ist es, daß die angedeuteten fünf Punkte utopisch sind. Doch Utopien – das Gottesreich und das Evangelium sind nämlich solche – haben den Zweck, eine Linie deutlich zu machen, die für alle Menschen einen Weg der Hoffnung aufzeigt in unserer nur für Millionäre geplanten, für Arme immer düsterer werdenden Welt.
Kirchberg, am 17. März 1998
Jupp Wagner
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