… dem man nicht genug danken kann

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Das Rätselraten hat ein Ende. Er ist ernannt. Der neue Erzbischof für die Erzdiözese Luxemburg. Der Bischof von Rom hat ihn ernannt. Uns hat er nicht gefragt. Nur ein paar Luxemburger Frauen und Männer hatten einen Fragebogen erhalten aus der Brüsseler Nuntiatur. Worauf sie notieren durften, was für einen neuen Erzbischof die Luxemburger wünschten. Wer war gefragt worden? Geheim! Geheim! Wie waren die Befragten ausgewählt worden. Geheim! Geheim! Ob der Bischof von Rom sich an die geheimen Wünsche der geheim Befragten gehalten hat? Wir wissen es nicht. Denn auch für uns gilt das Schreiben des Bischofs von Rom an die Bischöfe des brasilianischen Bundesstaates Paraná, worin er die Vorstellung zurückwies (nachzulesen im Osservatore Romano vom 25. Februar 1990), "das Bischofsamt stamme aus einer Art Beauftragung durch das Volk Gottes. Es sei vielmehr sakramentalen Ursprungs und damit stamme die Autorität des Bischofs ausschließlich von Gott. Sie bedürfe keine Ratifizierung durch irgendjemand." (Zitiert nach HERDER KÖRRESPONDENZ 5/1990 S. 250).

Von seinem Vorgänger Leo I (Bischof von Rom 440-461), genannt "der Große", ist Johannes Paul II. ziemlich weit entfernt. Gerade weil Leo "besonderen Anteil an der frühen Ausformulierung des Primatbewußtseins hatte … ist es interessant, daß er die Wahl des Bischofs durch Klerus und Volk als ein überkommenes Recht darstellt" (Gerhard HARTMANN: Der Bischof; Graz 1990, S. 18). Leo’s inzwischen allgemein bekannte und jedermann einleuchtende Begründung lautet: "Wer allen vorstehen soll, muß auch von allen gewählt werden." (Nachzulesen in der Migne-Sammlung der lateinischen Kirchenväter 54, 634.) Weniger bekannt ist Leo’s Brief an den Bischof von Saloniki, dem er zu bedenken gab, man solle als Bischof den vorziehen, "auf den sich in einträchtigem Verlangen die übereinstimmende Mehrheit von Klerus und Volk gerichtet hat." Leo’s Vorgänger COELESTIN I. (422-432) "vertrat in einem Brief an die gallischen Bischöfe den Grundsatz, daß niemand gegen den Willen der Gemeinde zum Bischof bestellt werden darf." Im gleichen Sinn "formulierte die 3. Synode von Paris (557) sehr deutlich: ‚Kein Bischof soll gegen den Willen der Bürger geweiht werden, sondern nur der, den die Wahl seitens Volk und Klerus in vollkommener Freiheit verlangt.“ (Nachzulesen bei Gerhard HARTMANN im bereits zitierten Werk. Daselbst ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis.)

Nun ja, Johannes Paul II. hat uns, anders als in Chur, einen "Erz"-Bischof beschert nicht gegen den Willen der Gemeinde. Kirchenrechtlich haben wir Luxem-

burger Erzdiözesanen gar kein Wort mitzureden. Ob dieses Kirchenrecht nun eher ein Kirchenunrecht ist, sollte doch mal eine theologische Untersuchung wert sein.

Wenn Johannes Paul II. meint, die Autorität des Bischofs "stamme ausschließlich von Gott und sie bedürfe keiner Ratifizierung durch irgendjemand", so läßt diese Meinung doch etliche sehr christliche Zweifel aufkommen:

  1. Angenommen, der Bischof von Rom ratifiziere eine Wahl nicht, welche vom "Volk Gottes" vorgenommen wurde, ist der Gewählte dann Bischof seiner Kirche oder ist er es nicht? War Martin Bischof von Tours, als das Volk ihn in seinem Gänsestall aufstöberte, obschon der Bischof von Rom von der Wahl "nur" informiert wurde?

  2. Was tut Johannes Paul II., wenn er irgendeiner Kirche "seinen" Kandidaten aufdrängt (wie in Chur offenkundig gegen den Willen der Gemeinde)? Woher weiß Johannes Paul II., daß "sein" Kandidat auch "Gottes Kandidat" ist? Glaubt Johannes Paul II. wirklich, bei Bischofsernennungen einen Akt der päpstlichen Unfehlbarkeit auszuüben? Oder gibt es eine andere Erklärung für das Wissen Johannes Paul II. um den Willen Gottes?

  3. Sollen Bischofsernennungen jetzt auf einmal Akte des "päpstlichen Jurisdiktionsprimates" geworden sein? Wenn ja: ist das nicht eine Interpretation, welche die Grenzen des sowieso nicht lupenreinen "Jurisdiktionsprimates" sprengt?

  4. Angenommen, ein Bischof tut nicht, was er tun sollte, darf er, dessen Autorität ausschließlich von Gott stammt, von irgendjemand abgesetzt werden? Wenn ja: von wem und mit welcher Begründung?

  5. Ist der Bischof von Rom "näher beim Thron Gottes" als das "Volk Gottes"? Anders gefragt: Ist die Stimme des "Volkes Gottes" nicht die "bessere Stimme Gottes"? Da der Jesus seinen Schülern dringendst ans Herz legte, den Vateritiel für Gott allein zu reservieren. Exklusiver noch: sie sollten Gott nicht mehr mit dem vieldeutigen Wort "Gott", sondern nur mehr mit "Vater" anreden. Sollten deshalb nicht alle Träume von heiligen Herrschaften (im griechischen heißt das "Hierarchie") und von Heiligen Vätern ausgeträumt sein? Wir hätten nämlich alle unmittelbaren Zugang zum "Thron der Gnade", meinte schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts der Schreiber des Hebräerbriefes, da "unser einziger Hohepriester" Jesus uns allen diesen Zugang verschaffte (Hebr 4, 14-5,1).

Leo I, Bischof von Rom 440-461: "Wer allen vorstehen soll, muß auch von allen gewählt werden."

Zur Person des Erwählten

zweiten Luxemburger Erzbischofs brauchen wir nichts zu schreiben, da alles im Miniblätterwald des Großherzogtums (einschließlich der "Zeitung vum Lëtzeburger Vollek") bekanntgemacht wurde.

RTL scheint nicht viel gehört zu werden, da es bis zum 7. Januar dauerte bis jemand mir versicherte, er habe gehört, wie unser 78-jähriger Erzbischof Jean HENGEN am Abend des Freitag, 21. Dezember 1990, dem Interviewer antwortete, er hoffe, der neue Erzbischof werde neue Wege der Pastoral einschlagen. Und gleich danach habe der neue Erzbischof, in Rom interviewt, verlauten lassen, er werde alles so belassen wie es immer lief in Luxemburg. Ich kann nur hoffen, daß mein Gewährsmann sich verhörte. Aber was soll ein alter Erzbischof auch sonst sagen, wenn ein RTL-Interviewer ihm eine solche Frage stellt? Er kann seinem Nachfolger doch den Weg nicht versperren. Und was soll ein neuer Erzbischof sagen, wenn ein RTL-Interviewer ihm eine solche Frage stellt? Er kann doch nicht sagen, bislang sei alles falsch gelaufen. Also aufgepaßt, ihr RTL-Interviewer im nächsten Jahrtausend: stellt keine derartigen Fragen mehr, falls es noch einmal einen Luxemburger Erzbischof geben sollte, der nicht vom Kirchenvolk gewählt wird.

Die unwichtige Kirche.

Soll die Herde auf einen Hirtenbrief warten oder soll sie einen Herdenbrief schreiben. Wohl nichts von beiden. Denn die Herden haben aufgehört. Nicht nur zu allem Hirtenwort mäßig und amen zu sagen. Sondern schlicht und ergreifend überhaupt aufgehört Herde zu sein. Weil endlich, wie das Volk der DDR im November 1989, das Kirchenvolk, das "Volk Gottes" das längst fällige "Wir sind das Volk" anstimmen wird. Wird es das?

Natürlich wird es das nicht. So was tun wir Luxemburger nicht, und überhaupt: dazu ist das Kirchesein zu unwichtig geworden. Das wird der neue Erzbischof (ich will’s wieder beim normalen "Bischof" bewenden lassen, denn das "Erz" ist nur dekorativer Titel und damit genau eines von jenen Dingen, die evangelienwidrig sind) wohl als erstes zur Kenntnis nehmen. Und sich mit dem verbliebenen Kirchenvolk zusammensetzen, um zu überlegen, ob man es bei dem unwichtigen bis überflüssigen Kirchesein belassen soll. Oder was man dagegen unternehmen könnte.

Es zirkuliert bereits ein (im Ausland verfaßter) Herdenbrief im Ländchen: "In Sorge um die Zukunft der Kirche, betroffen vom Priestermangel in sehr vielen Gemeinden, und in der festen Überzeugung, daß Gott Verheiratete und Unverheiratete zum priesterlichen Dienst ruft, bitten wir den Bischof von Rom, Papst Johannes Paul II. und alle andern Bischöfe, das Zölibatsgesetz aufzuheben und für Priester Ehe wie Ehelosigkeit als mögliche Lebensformen vorzusehen."

Das "Journal" meinte dazu am 2.1.91 S.3: "Erzbischof Fernand FRANCK steht vor einer ersten Auseinandersetzung." Meiner – wie jeder weiß – unmaßgeblichen Meinung nach, wird diese Auseinandersetzung nicht stattfinden. Nicht als ob sie nicht wichtig wäre. Aber weil die "Zölibatsfrage" bloß das Symptom einer viel schlimmeren Krankheit ist. Diese Krankheit heißt: "Römischer Zentralismus". Am klarsten ist sie zu diagnostizieren im Eid des vorausseilenden Gehorsams: "Ich werde mich bemühen, die Rechte und die Autorität der Päpste zu fördern und zu verteidigen, ebenso die Vorrechte ihrer Gesandten und Vertreter. Was aber von jemandem dagegen unternommen wird, will ich dem obersten Hirten aufrichtig melden" (zitiert nach "Kirche intern", Forum für eine offene Kirche, Nr. 6, Juni 1989, S. 8).

Wer ist der oberste Hirt?

Fragte ich den Petrus oder den Paulus, sie würden mir antworten: "Der Messias Jesus." Fragte ich nun weiter, wie ich es anstellen muß, um beim Jesus all jene aufrichtig zu melden, welche die Rechte und die Autorität des Papstes sowie die Vorrechte ihrer Gesandten und Vertreter in Frage stellen, werden sowohl Petrus wie Paulus, und noch etliche authentische Christen mehr, mich verständnislos ansehen.

Nicht untergeordnet

sondern partnerschaftlich verbunden stehen alle Kirchen auf der gleichen Ebene. Aus einem sehr einleuchtenden Grund. Weil jede Kirche an ihrem Ort weiß, was los ist. Und weil jede Kirche reagieren muß auf das "was los ist" und nicht auf das, was irgend ein ferner Onkel meint, daß los sei. Heilen sollen die Kir-

Daniel Künel

In ihrer engen Verbindung mit dem Luxemburger Staat und seinen politischen Gemeinden wird die Luxemburger Kirche zwar nicht durch Fesseln gelähmt, sondern durch Verfettung.

chengemeinschaften. Dabei dürfen sie es in keinem Fall auf eine Ferndiagnose ankommen lassen. Besonders wo die römische Heilkunde (lies: Theologie) längst nicht auf dem letzten Stand ist. Jede Kirche (und nur sie) ist in der Lage, ihre Diagnose selbst zu stellen. Jede Kirche muß in der Lage sein, die geeignete Therapie ausfindig zu machen und anzuwenden. Beließen wir es beim römischen Zentralismus, würde die Krankheit noch rapidere Fortschritte machen, bis zur absoluten Sklerose. Denn jeder Organismus (das Bild von der Kirche als Organismus ist uralt), der in seiner Bewegungsfreiheit gehemmt ist, wird auf die Dauer total gelähmt. Genau dort ist die Luxemburger Kirche gelandet: zum (minoritären) romgehorsamen Teil fragt sie: "Was steht im Gesetz?" oder sie bittet um Aufhebung eines Gesetzes, wenn nicht gar (doch das ist dann wieder ein anderer Teil des romgehorsamen Restes) um eine Verschärfung des Gesetzes. Doch majoritär läßt sie römische Vorschriften sein. Genau wie sie bischöfliche Verordnungen bischöfliche Verordnungen sein läßt. Was der neue Bischof ja wohl in Kürze selber erfahren wird, falls er sich unters Kirchenvolk mischt und beobachtet, was um ihn herum passiert.

Kein Staatsbetrieb

ist die Kirche. In ihrer engen Verbindung mit dem Luxemburger Staat und seinen politischen Gemeinden wird die Luxemburger Kirche zwar nicht durch Fesseln gelähmt, sondern durch Verfettung. Luxemburger Kahtoliken brauchen sich nicht zu kümmern um Kirchenhäuser und nicht um Pfarrhäuser, nicht um den Unterhalt ihrer Kirchenbeamten (sic!), denn sie sind vom Staat besoldete Privatbeamte. Luxemburger Katholiken brauchen sich nicht um die Weitergabe des Glaubens zu kümmern, das tun ebenfalls staatsbesoldete Katecheten in den öffentlichen Schulen. Jede Kirche, die derart ihre ureigensten Aufgaben an eine andere Institution delegiert, wird genau dort landen, wo die Luxemburger Kirche zur Majorität bereits gelandet ist: im Zeremonientantenasyl. Auch in dieser Hinsicht wird der neue Bischof mit seinen Mitchristen aller Schattierungen manches, wenn nicht alles, neu bedenken müssen.

In der hohen Politik haben Regierungen hundert Tage Schonfrist. Da in den Kirchen alle Prozesse viel langsamer ablaufen, in der verfetteten Luxemburger Kirche noch viel langsamer als in lebendigen

Kirchen, wird der neue Bischof dreihundert Tage lang geschont werden müssen.

Mittwoch 9.1.91

Nachtrag: Soeben las ich auf dem Titelblatt eines Magazins, Monsignore Fernand FRANCK sei Missionar und Diplomat. Daß man nur als Diplomat Monsignore werden kann, war mir längst klar. Obschon ich da so meine Schwierigkeiten habe. Klar, weil mir die Trauben zu sauer sind. Aber nicht das ist die Schwierigkeit. Sondern weil Kleriker auf Lametta aus sind. Ein violettes Lätzchen hier, eine lila Paspelierung da, ein Mäntelchen zum Erweis der größeren Ehrbarkeit, eine langbefranste Bauchbinde zum Hervorstreichen der gewichtigen Persönlichkeit, eine hohe Mütze zum Größermachen als man ist, all diese Eitelkeiten lassen den simplen Kleriker, bei dem kein bißchen Lila leuchtet, stramm stehen. Warum nur muß ich immer ans Militär denken, wenn mir ein Bischof oder sonst ein kirchlicher Würdenträger über den Weg läuft? Ob’s den Würdenträgern (wo tragen sie bloß ihre Würde?) ähnlich ergeht, wenn ich ihnen über den Weg laufe? Natürlich denken sie nicht an Eugen DREWERMANNs Klerikerbuch. Welcher Würdenträger kann es sich leisten, zuzugestehen, er habe den Wälzer gelesen? – Aber nein, bitte doch nicht, Exzellenz, nein wirklich nicht – an DREWERMANN reiche ich nicht heran. Andererseits ist DREWERMANN mir zu zahm. Trotz aller Kritik möchte er Klerikern eine Chance geben. Für mich sind sie Leute, die heutzutage nur noch eine Möglichkeit haben: sich selber überflüssig zu machen.

Daß man als Diplomat Missionar sein kann, bereitet mir genau solche Denkschwierigkeiten, wie wenn ich mir das berühmte hölzerne Schutzblech oder das nicht weniger bekannte blecherne Mantelbrett vorstelle. Nun ja, die gab’s. Man dachte nur nicht darüber nach, daß ein Blech nicht aus Holz und ein Brett nicht aus Blech sein kann. Doch Missionare sind bekanntlich Christen (oder sollten es sein). Ob ein diplomatischer Christ nicht genau so undenkbar ist wie der viereckige Kreis? Warum ich jetzt wieder an DOSTOJEWSKIs "Brüder Karamasow" denke! Sie, liebe(r) Leser(in) wissen ja: mit dem Wiederverurteilten, dessen Name nie verraten wird.

Donnerstag 10.1.91

Jupp WAGNER

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