Denkanstöße

Keine Alternative (zu Johannes 7, 53-8,11)

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An die Wand stellen, oder laufenlassen?
Das ist die Frage.
Eigentlich ist die Frage längst tranchiert
Durch Moses, die unantastbare Autorität des Moses.
Durch das Gesetz, das Volksschädlinge ausrottet.
Ein Volk, das Mörder und Diebe,
Sabbatschänder und Ehebrecher,
Meineidige und Aufmüpfige
Laufen lässt,
Richtet sich selber zugrunde.
Darum sagte Moses, man solle kurzen Prozess machen.
Ähnlich denken auch heute noch Diktatoren.
Sie sagen, sie dächten ans Volk,
Denken doch wohl am meisten an sich.
Unsere Zeit ist nicht arm an solchen
In Bolivien, Brasilien und Russland,
In El Salvador (dem Land des Erlösers),
Wo man kürzlich einen Bischof
Umlegte, der die Privilegien der Privilegierten
Antastete.
… Und in der Kirche…?
Gar nicht so dachte der Jesus.
An die Wand stellen, oder laufenlassen?
Für ihn war das
Keine Alternative.
Was soll man dann machen mit den Sündern?
Denn Sünder gibt es, daran ist nicht zu tippen.
Grosse Sünder und kleine Sünder
Und mittelgrosse und mittelkleine.
Verkehrssünder und Kavaliersdelinquenten
Notlügner und Betrüger
Dealer und Fixer

Strichjungen und Strichmädchen
Und jene, die sich ihrer bedienen.
Bodenspekulanten, Steuerhinterzieher und
Neutronenbombemkonstrukteure.
Leute mit schmutziger Weste
Und solche, die immer, wenn es darauf ankommt
Ganz plötzlich wieder eine weisse Weste tragen.
Was soll man machen mit all den Sündern?
Wer soll sich anmassen, über sie zu richten?
Wer ohne Sünde ist?
Dann müssten alle Richter
Den Hut nehmen.
Angefangen mit den Ältesten,
Denn sie haben wohl die längste Latte.
Wer soll das Urteil sprechen?
Jesus meint: Keiner!
Nicht einmal er selber.
Laufenlassen?
Jesus meint: Auch das nicht!
Was dann?
Das Bad bereithalten zum Waschen.
Eine Firma gründen.
Die zur Umkehr verhilft.
Eine Firma
Die selber immer im Umkehren ist.
Mein lieber Jesus
Du weisst dir auch keinen Rat.
Mit all den Verstocken,
Die auf Dekrete und Vorschriften bauen.
Du malst auf die Erde:
Wann werden sie es verstehen? →

Malst du auf die Erde.
Dass sie nicht urteilen sollen
Und nicht verurteilen.
Du weltfremder Spinner.
Du bist verurteilt.
Für alle Zeiten bist du verurteilt.

Jupp Wagner

Zeichnung: Jais

Ein Kontemplativer hat durchaus seine politische Mission. Ich glaube, ein Kontemplativer, ein Mönch, und selbst ein Einsiedler, sind in Wirklichkeit Revolutionäre. Sie bewirken soziale Veränderung. Sie legen davon Zeugnis ab, daß es hinter den sozialen und politischen Wirklichkeiten und Veränderungen eine transzendente Wirklichkeit gibt, auch jenseits des Todes. Ich halte es für wichtig, daß es Menschen gibt, die die Menschheit daran erinnern, daß die Revolution nach dem Tode noch nicht zu Ende ist. Und daß die Menschheit auch für eine Hochzeit mit Gott geschaffen ist, nachdem sie zu ihrer wirklichen Volljährigkeit gelangt ist, das heisst ein einziger Leib wurde.

Im Augenblick ist die Menschheit wie ein Mädchen von 13 Jahren, das noch keine Sehnsucht nach Vereinigung hat; sie denkt, sie kann allein leben, sie hat kein Bedürfnis nach einem Gefährten. Aber wenn die Menschheit volljährig wird, wenn der soziale Organismus reif ist, dann fühlt sich die Menschheit vereinsamt und sehnt sich nach Begleitung. Und dann kommt der Bräutigam.

Jetzt sind wir, die Menschen, in einem Stadium, in dem wir die Notwendigkeit eines Liebhabers noch nicht spüren. Die Kontemplativen sind wie Hormone, die den Reifungsprozess fördern. Sie lassen den Organismus reifen und erinnern den Körper daran, daß eines Tages die Vereinigung, die Ehe, stattfinden wird. Im Augenblick ist es das wichtigste, daß die Gesellschaft heranreift, sich entwickelt, daß sie zu einem Leib wird. Wir bauen die Menschheit auf. Aber die Revolution ist damit nicht zu Ende. Die Revolution findet statt, damit die Menschheit reif für diese Hochzeit wird.

Ernesto Cardenal info aktuell 5/80

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