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Georges Hellinghausen
Die Muttergottesoktave mit ihren Gründungsdaten 1666 und 1678 – Erwählung der "Trösterin der Betrübten" zur Stadt-, dann zur Landespatronin – reicht zurück in die Barockzeit. Barock scheint es auch in manchen ihrer Rituale bis heute durch. Das gilt für die damit verbundene Wallfahrt und die Prozessionen, die in der Wallfahrtskirche zelebrierten Hochämter mit ihrem Gepräge, das Rosenkranzgebet und die Oktav-Andachten mit sakramentalem Segen. Der im Trienter Konzil (1545-63) verwurzelte Lebensnerv bleibt konstitutiv. Wollte man ihn entfernen, würde die Oktave wohl kaum überleben.
Überkommen muß nicht von vornherein anachronistisch bedeuten. Sonst hätte sich diese Devotionsform so nicht bis heute gehalten. Die Eucharistie war stets und bleibt ein katholisches Must auch im Pilgerwesen. Der Wallfahrtsgedanke an sich (dazu unten mehr) ist sogar von höchster religionspraktischer und -soziologischer Aktualität, nachzulesen in "Le pèlerin et le converti" der französischen Religionssoziologin Danièle Hervieu-Léger (Flammarion 1999). Selbst der goldbehangene Votivaltar entspricht einem früheren Schaubedürfnis und Bildhunger ("civilisation de l’image"), wie wir ihn ähnlich ausgeprägt bei unseren Zeitgenossen wiederfinden – die elektronischen Medien lassen grüßen.
Brüche und Konstanten
So sind Kontinuität und Diskontinuität die Merkmale dieser aus geschichtlicher Ferne in unsere Zeit sich verlängernden Volksfrömmigkeit. Geblieben ist das Marienbild in der Kathedrale als Sammel- und Mittelpunkt in der Oktavzeit. Dass es nach wie vor die spanische Bekleidung trägt, ist ausdrücklicher Volkswille, gegen den sich in und nach der Zeit der Aufklärung die zuständigen Bischöfe – bis hin zum traditionellen Frömmigkeitsformen sich anlehnenden
Johannes Theodor Laurent (1841-48) – nicht haben durchsetzen können.
Um ist jedoch die Zeit der großen theatralisch inszenierten Schauprozessionen, auch wenn die Schlussprozession vom Konzept her die Tradition des nach Ständen, heute Gruppen und Vereinen,
Das Phänomen Oktave mit seinen Verästelungen in Gesellschaft und Kirche, Kunst- und Kulturschaffen, Theologie und Pastoral, Spiritualität und Liturgie eignet sich wie kaum eine zweite Luxemburger Realität als Gegenstand im heute viel beschworenen interdisziplinären Forschungsbereich.
zusammengesetzten religiösen Umzugs weiterführt. Der Versuch, sie im Hinblick auf das pilgernd Gottesvolk als einer ekklesiologischen Kategorie jüngster Konzilstheologie umzugestalten, ist vor ein paar Jahren gescheitert – wiederum am Volkswillen, theologisch ausgedrückt: am Widerstand des Volkes Gottes selbst (sic). Was der planenden Hierarchie sinnvoll erschienen war, war "unten", wiewohl es um die Valorisierung dieses "Unten", sprich der kirchli-
chen "Basis", ging, nicht rezipiert worden. Hier zeigt sich einmal mehr der lange Atem der Geschichte.
Verschwunden sind die bei der Initialzündung wichtigen Wunderheilungen. Die Barockzeit war hierfür sehr empfänglich, um nicht zu sagen süchtig danach. Die alten Mirakelbücher aus der Zeit sind diesbezüglich beredt. Das letzte mir bekannte Wunder, ein Unikum, ist eine etwas absonderliche Heilung, ein Exorzismus aus der Zeit des Apostolischen Vikars Laurent, belegt für die Oktave 1842. Heute geht dem Luxemburger Marienkult diese Wunderdimension, die z. B. in Lourdes nach wie vor eine große Rolle spielt, ab. Die 1995 von unserer Charismatischen Erneuerung gedruckte Broschüre "Zeichen und Wunder auf die Fürsprache der Trösterin der Betrübten" listet nochmals bekannte Wunderheilungen aus dem Jahrhundert zwischen 1626 und 1719 auf. Der an die Leser gerichtete Appell, etwaige auf die Fürsprache Mariens erhaltene Hilfen oder spezielle
Der Autor, Präsident des Luxemburger Priesterseminars, ist Theologe und Historiker. – Die Illustrationen des Beitrags sind Meditationsbilder, die Theodor Galle für das Buch "Pancarpium marianum" (Antwerpen 1618) geschaffen hat. Georges Hellinghausen hat diese Bilder ausführlich in seinem Aufsatz "Honorificentia populi nostri – Madonnen-Drucke als historisch-bildhafte Paraphrase unseres Oktav-Introitus" (Die Warte, 10. Mai 2001) behandelt.
Gnadenerweise mitzuteilen, erbrachte spärliche Reaktionen; lediglich einige Gebetserhörungen wurden gemeldet.
Unsere Oktavwallfahrt war von vornherein als Nationalwallfahrt konzipiert, bezogen auf die Bevölkerung eines abgegrenzten Territoriums – Provinz bzw. Land -, mit der Festungsstadt als Zentrum. Solche Nationalwallfahrten haben sich in Absetzung zu den alten mittelalterlichen Wallfahrten, die entweder lokal oder aber grenzüberschreitend waren, mit dem Entstehen der Nationalstaaten zu Beginn der Neuzeit entwickelt. Luxemburg ist ein Fallbeispiel. Doch wurde bei uns der Faden konsequenter weitergesponnen als anderwärts, und das mit ansehnlichen Nachwirkungen bis in die heutige Epoche.
Ihre große Zeit kannte die Oktave zunächst unter den Jesuiten, die sie aus der Taufe gehoben hatten, im 17. und 18. Jh. also. Existenzbedrohend wurde die Auflösung der Gesellschaft Jesu, des faktischen Betreibers der Wallfahrt (1773), desgleichen die den Katholizismus zeitweise ausschaltende Französische Revolution mit ihrer expliziten Kirchenfeindlichkeit (1795-1801). Letzterer fiel die Kapelle auf dem Glacisfeld, die 1624 von Pater Brocquart SJ als Pilgerstätte und Heiligtum für das Gnadenbild errichtet worden war, zum Opfer. Seither steht das Bild bekanntlich in der alten Jesuitenkirche, heute Kathedrale.
Eine neue Blüte erlebte die Mariendevotion dann im 19. Jh. Sie wurde zum Integrationsfaktor der neu entstandenen Ortskirche, zunächst ein von Rom abhängiges Apostolisches Vikariat, das sich aus den luxemburgischen Teilen der vorrevolutionären Bistümer Trier und Lüttich zusammensetzte, soweit sie innerhalb der neuen Landesgrenzen von 1839 lagen. Dass sich die einheimischen Ordinarien von Anfang an, ab 1840, den populär gebliebenen Marienkult zu eigen machten, war seelsorglich klug. Sie führten die Linie des Weltklerus, der sich seit 1773 der Wallfahrt angenommen hatte, weiter. So wuchsen Kirchenleitung und Kirchenvolk des neuen Jurisdiktionsgebietes zusammen, die "Chemie" zwischen Oben und Unten stimmte. Das half wiederum den Faden der Oktave selbst zu konsolidie-
ren und zu stärken. Sie wurde zum großen Erfolgserlebnis der 1870 gegründeten Diözese Luxemburg.
Bei diesem Auftrieb wurde die Verbindung mit dem modernen Nationalgedanken im Sinn des Nationalgefühls, aus religiösem Blickwinkel ein Nebenprodukt, wesentlich. Für die Durchsetzung und den Ausbau der Andacht wurde dieser ab der Mitte des 19. Jh. zu einer immer mächtigeren Triebfeder, die ihrerseits europaweit im Trend lag. Der mit der Oktave verwachsene einheimische Patriotismus erklärt deren herausragende Bedeutung im letzten Weltkrieg. So wie denn die Anrufung
"Trösterin der Betrübten" dazu prädestiniert war, bei der Bewältigung von individuellen oder kollektiven Leidsituationen lindernd und kanalisierend zu wirken. Religion als Faktor für Leidbewältigung und als Sinnquelle wird hier greifbar. Das ist die existenziell bedeutsame Komponente der Oktave.
Wieweit der nationale Aspekt Zukunft haben wird, hängt nicht nur von kirchlichen Entwicklungen ab, sondern vom nationalen Gedanken überhaupt in einem sich vernetzenden und vereinheitlichenden Europa. Landesintern nicht zuletzt auch vom Entwicklungsstadium der nach menschlichem Ermessen weiter sich weltanschaulich wie
religiös pluralisierenden Luxemburger Gesellschaft, die immer weniger dekkungsgleich ist mit der katholischen Kirche – denken wir an die Zunahme anderer Konfessionen und die mittlerweile bedeutend angewachsene Gemeinschaft etlicher Tausend Muslime. Doch kennen auch diese, interessanter Weise, einen Zugang zu Maria; in Algier beten Moslems in der katholischen Marienkirche.
Glücksfall der Luxemburger Kirche
Die Oktave war, historisch gesehen, die Chance für die Luxemburger Kirche. Und sie hat sie genutzt. Soll das in Zukunft auch so sein, heißt es kirchlich am Ball bleiben und mit Fingerspitzengefühl die inhärenten Bezugspunkte mit neuen Aspirationen verbinden.
So der folgenden. Das Wallfahrtswesen boomt heute, international gesehen. Es entspricht dem auf Mobilität, Flexibilität und Änderungsfreudigkeit ausgerichteten Zeitgeist. Für Luxemburg ist mit Interesse zu vermerken, dass die Öslinger Herbst-Walfahrt nach dem belgischen Banneux in der Nähe von Lüttich, bis vor einigen Jahren eine Angelegenheit etlicher nördlicher Pfarreien, sich ob ihres Zulaufs und ihrer progressiven Ausweitung nach Süden immer mehr zu einer diözesanen Pilgerfahrt mausert. Busweise fahren mittlerweile Pfarreien aus dem ganzen Lande Anfang September hoch, während der Fahrt wird gebetet.
Zudem ist erstaunlich, wieviele kleinere, lokale Marienwallfahrten es in Luxemburg gibt – welche ein Potenzial, pastoral gesehen! Zusammen- und vorgestellt sind sie in "Marianische Geographie von Luxemburg", von Aloyse Biel und Norbert Thill im Marianischen Jahr 1988 herausgegeben.
Bei der Oktavwallfahrt besteht hingegen der Trend, diese auf die Teilnahme an einem Gottesdienst in der Kathedrale zu reduzieren, zu der man sich – wenn möglich bequem – hinbegibt. Straßenverkehr und -stress machen ja ohnehin Pilgern, wie es früher üblich war, d. h. zu Fuß, so gut wie unmöglich. Von der Sache her ist jedoch der Weg mindestens so wichtig, vielleicht wichtiger, als das Ziel. Warum also nicht neue Pilgerwege und gut begeh-
bare "routes spirituelles", die sich durch Wald, Natur und ruhigere Gegenden ziehen, erschließen. Feldwege und bestehende "Autopédestres" bräuchten nur eingebaut zu werden. Wäre das keine Aufgabe für die Pastoralregionen der Diözese oder für die neuen Pfarrverbände, nicht zuletzt auch als willkommene Gelegenheit, um diese zusammenzuschweißen. Für Pilgern und Unterwegssein sind gerade Jugendliche und Kinder zu begeistern – eine weitere Chance. Wird sie genutzt?
Damit die Oktave nicht zum Museumsstück verkommt, muss sie theologisch, pastoral und spirituell stets neu auf Vordermann gebracht werden. Die um das Jahr 2000 abgehaltene Diözesanversammlung hat sich mit ihr jedoch nicht auseinandergesetzt, genauso wenig wie vorher die Diözesansynode (1972-81). Wie diese Unterlassung interpretieren? Bestand kein Bedürfnis, sich mit einer Devotionsform zu befassen, die sowieso gut läuft? Wurden damit aber nicht auch Chancen vertan?
Von einem liturgischen Standpunkt ist zu bemängeln, dass sich die vom II. Vatikanum geforderte aktive Teilnahme der Gläubigen ("participatio actuosa") an Feier und gesanglicher Gestaltung in der Regel nicht durchgesetzt hat. Ich schreibe das mit großem Respekt für unsere Kirchenchöre und ihre oft
meisterhaften Darbietungen in den Pilgermessen. Doch ist ein integriertes Zusammenspiel zwischen Chor und singender Gemeinde bisher in den meisten Fällen nicht geglückt. Im Gegensatz zum Ausland. Dass es in dieser Frage dennoch auch hierzulande klappen könnte, zeigt das regelmäßige Absingen der Lauretanischen Litanei in der Kathedrale: das Miteinander läuft hier reibungslos, im Sinn der gewünschten Komplementarität.
Seit jeher ist das Marianische inmitten der kühl berechnenden Männerwelt der Kirche als emotionale, frauliche Komponente ein wohltuender Gegenpol. Diese theologisch wie psychologisch wichtige Dimension könnte durch Heranziehen anregender Persönlichkeiten wie Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz mit neuen, attraktiven Akzenten versehen werden. Zwecks Auflockerung ein Ausspruch von Margaret Atwood: "Falls ich je einer Religion beitreten sollte, würde ich wahrscheinlich den Katholizismus wählen. Da gibt’s wenigstens weibliche Heilige und die Jungfrau Maria."
Vorstöße in einer aktualisierenden Richtung hatte Papst Johannes Paul II. in seiner 1987 veröffentlichten Marienenzyklika "Redemptoris Mater" gemacht. Er brachte Kategorien aus der damals gängigen Befreiungstheologie ("Arme Jahwes, Option zugunsten der Armen") mit Maria in Verbindung und gab ihr neue Titel wie "Bild der Freiheit und Befreiung der Menschheit" oder schlicht und einfach "die Frau". Auch war weltkirchlich im Marianischen Jahr 1987/88 mehrfach das soziale Anliegen mit Maria verknüpft worden. Hierzulande hatte bereits zehn Jahre zuvor die Gründung der "Fondation du Tricentenaire" zugunsten Behinderter, ein Jubiläumsgeschenk der Luxemburger Kirche für die Dreihundertjahrfeier der Wahl der Landespatronin, konkrete Früchte gezeitigt.
Jüngst habe ich mich in der "Warte" (20. Februar) kritisch geäußert über das Fehlen einer aktualisierten Oktav-Spiritualität und -Theologie. 1978 hatte André Lesch bezüglich der Marienwahlen von 1666/1678 den "Versuch einer Übersetzung in die Gegenwart" unternommen (Aspekte 13-14). Die vor gut zwanzig Jahren von Jesuitenpater Jos. Klopp edierten Aufsätze "Marienverehrung heute" (ISP 1982) sind meines Wissens die letzten systematischsten Überlegungen zur einheimischen Mariologie. Anregende Initiativen im Sinn von Nachdenklich-Meditativem hat letzthin Georges Vuillermoz unternommen. 1998 veröffentlichte er im Sammelband "time-out. Ein Suchender blickt auf Maria" die gut lesbaren Leitartikel, die er während fast 20 Jahren im "Lëtzeburger Sonndesblad" zur Oktavzeit geschrieben hatte. Auch erwarb er sich Verdienste durch die ergänzte Neuauflage von Frédéric Rasqués 2. Oktavprediger-Band "Te Matrem praedicamus" (Ed. Saint-Paul 2002). Zudem hat er selbst einen dritten Band verfasst, mit dem Untertitel "Oktav-Prediger 1973-2001 und ihre Botschaft", so dass diese der Nachwelt in Synthese erhalten bleibt.
Doch fehlt bisher der große Wurf, theologisch und spirituell.
Mehrere Kunstführer gibt es von Michel Schmitt zur Kathedrale, jedoch keine volkstümliche Darstellung der Oktavwallfahrt oder des Wallfahrtsgedankens. Ebenso fehlt ein entsprechendes Pilgerbuch, wie man sie im Ausland findet.
Soweit zum Kirchlich-Seelsorglichen. Nun zu einem anderen Register.
Erforschtes und Unerforschtes
Angekurbelt wurde die Geschichtsschreibung durch die letzten beiden großen Jubiläen 1966 und 1978. In den respektiven "Hémecht"-Jahrgängen sind wichtige Fragestellungen um die hiesige Muttergottesverehrung wissenschaftlich bearbeitet worden. Letzte löbliche Initiative ist eine 1997 erschienene "nos cahiers"-Spezialnummer (2, Jg. 18) mit Beiträgen über die Oktave im 19. Jh. sowie in und nach dem Zweiten Weltkrieg, über Votivaltar und Wallfahrt in künstlerischen Darstellungen, über die Geschichte der Oktavmesse, über Marienverehrung und Volksfrömmigkeit bzw. Folklore. Die Bedeutung der Oktave für die Bevölkerung z. Z. des Kriegsgeschehens ist in rezenten Publikationen zudem mehrfach gewürdigt worden, so von Paul Dostert, André Grosbusch und mir selbst; ähnlich beleuchtet die Entwicklung in den 50ger Jahren (G.H.). Bereits 1984 hatte
“nos cahiers” Nr. 2, Jg.5, bezüglich des Nationalgefühls den marianischen Einschlag ventiliert (Beiträge von Ed. Molitor und G. Trausch). Die im Luxemburger Kolleg von den Jesuiten gegründete Bruderschaft der “Trösterin der Betrübten” ist im Kontext der Sodalitäten und Bruderschaften der Jesuiten im Herzogtum Luxemburg ebenfalls untersucht worden (Hémecht Nr. 1/1994). Eine regelrechte Wallfahrtsgeschichte im Sinne der sowohl die Volksmentalität als auch die religiöse Praxis und deren Impakt auf das sozio-ökonomische Verhalten berücksichtigenden “histoire religieuse” fehlt bislang, sieht man von den Veröffentlichungen über die Wallfahrtskirche und die allgemeine Entwicklung der Oktave in ihren institutionellen Zusammenhängen ab.
Handlich für den pastoralen Gebrauch sind die drei vom emeritierten Erzbischof Jean Hengen in der mittlerweile eingestellten Beilage zum Kirchlichen Anzeiger “Dossier für Information an Dokumentation”. Sie greifen die zentralen Oktav-Themen übersichtlich auf: “Die Consolatrix Afflictorum in Luxemburg” (2/1993), “Unsere Oktave, eine Doppeloktave” (2/1994, in Bd. 3 von “Te Matrem praedicamus” übernommen), “Die Oktave, eine nationale Andacht” (5/1995).
Über die Oktave ist bei weitem nicht alles recherchiert. Der im Besitz der Kirchenfabrik von Liebfrauen befindliche und im Nationalarchiv deponierte “Fonds Notre-Dame” könnte eine Höhle
Ali Babas für die wissenschaftliche Forschung sein, u. a. auch für die Gesellschaftsgeschichte von Ancien Régime und Moderne. Doch ist der umfangreiche Fundus weder erschlossen noch zugänglich. Er spiegelt den Umstand wieder, dass die Oktave sich wie ein roter Faden durch die Luxemburger Geschichte der vergangenen vierhundert Jahre zieht und trotz aller Umschichtungen selbst radikalster Natur (staatlich, gesellschaftlich, kirchlich, religiös…) bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist, mit Höhen und Tiefen.
Forschungspisten, die zudem noch offen sind: eine geschichtliche und theologische Analyse des Titels “Trösterin der Betrübten” (Consolatrix afflictorum), besonders im Kontext des für die jesuitische Spiritualität typischen und auf Ignatius von Loyola zurückgehenden Trost-Gedankens sowie hinsichtlich der allgemeinen Verbreitung in der katholischen und orthodoxen Welt zur Entstehungszeit des Luxemburger Kultes und darüber hinaus. Kontinuität und Brüche der Luxemburger Erwählungen von 1666/1678 gegenüber ähnlichen Weiheakten im In- und Ausland (Arlon 1656, Frankreich 1638…) aufweisen, könnte ebenfalls von Belang sein. Dasselbe gilt für den Vergleich der Luxemburger Nationalwallfahrt mit dem Werden und Evoluieren anderer aus dem Ausland. Die genaue Beziehung unserer Wallfahrt zu Montaigu, Avioth usw. bleibt entstehungsgeschichtlich noch im Dunkeln.
Ungeklärt ist nach wie vor die Herkunft des Luxemburger Gnadenbildes. Die zahlreichen Consolatrix-Darstellungen von nah und fern, ob zur Luxemburger Tradition zugehörig (viele in der belgischen Provinz Luxemburg, etliche im Congo, den USA, eine im Konvent der Luxemburger Franziskanerinnen in Rom, in Taiwan,…) oder nicht (Kapuzinerkirche Wien, Maria Plain/Salzburg, N.-D. de Consolation Paris und Namur, Trinité/Fécamp in der Normandie, S. Maria Consolatrice in Rom, Drohiczyn/Polen, Verklärungskirche Moskau…) sollten fotografiert werden – Norbert Thill hat hier mustergültige Vorarbeit geleistet. Desgleichen gehören sie neu und systematisch katalogisiert und auf ihre gegenseitige Beeinflussung kunsthi-
storisch oder auch wallfahrtsgeschichtlich untersucht. Von Interesse wäre eine aktualisierte Inventarisierung Luxemburger Marienbilder und -statuen in den verschiedenen Ländern und Kontinenten, wo Auswanderung, Mission, Fremdarbeit oder andere Bewandtnisse solche und damit ein Stück Luxemburger Pietät oder Heimat hingebracht haben. Und das sind weltweit erstaunlich viele. An einigen Orten sind daraus wiederum Wallfahrten entstanden, die bedeutendsten unter ihnen Kevelaer am Niederrhein und Carey im US-Staat Ohio.
Das Repertoire kultureller Ausdrucksformen unserer Oktave, so die Sakraliteratur, -musik und -gesang, die im einheimischen Marienkult ein schier unausschöpfliches religiöses Inspirationspotential gefunden haben und eine tatsächliche Luxemburger Eigenart ausmachen, würde seinerseits eine systematische Bearbeitung verdienen.
So eignet sich das Phänomen Oktave mit seinen Verästelungen in Gesellschaft und Kirche, Kunst- und Kulturschaffen, Theologie und Pastoral, Spiritualität und Liturgie wie kaum eine zweite Luxemburger Realität als Untersuchungsgegenstand im heute viel beschworenen interdisziplinären Forschungsbereich. Denn sie liegt am Schnittpunkt von Religions-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte, mit zusätzlichen Links in Richtung Soziologie, Politik, Gesellschafts- und Bevölkerungsentwicklung.
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