Die letzten 25 Jahre des Luxemburger Wort
Stellungnahme zu "Für Wahrheit und Recht?" von Michel Pauly, in forum Nr. 187
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Die letzten 25 Jahre des Luxemburger Wort
Stellungnahme zu „Für Wahrheit und Recht?“ von Michel Pauly, in forum Nr. 187
Die ausführliche Besprechung meines Buches „150 Jahre Luxemburger Wort. Selbstverständnis und Identität einer Zeitung“, die Michel Pauly in forum Nr. 187 (Okt. 98, S. 58-65) unternommen hat, ehrt mich. Ich danke ihm aufrichtig für die systematische und kritische Auseinandersetzung mit dem Stoff wie auch für so manches gemachte Kompliment. Da „das Positive einfach keinen Kommentar verlangt“, wie er sich gegen Ende ausdrückt (S. 65), will ich es denn in dieser Hinsicht bei einem ehrlichen Dankeschön bewenden lassen.
Manches bei dem, was als Einwand vorgebracht wird, kann ich teilen oder aber verstehen, anderes hingegen nicht. Da zusätzlich Fragen aufgeworfen werden, die nicht unbeantwortet im Raum stehen zu lassen sind, möchte ich hiermit, im Sinne einer Entgegnung, darauf eingehen. Gerade die Zeitschrift forum, die sich dem Dialog programmatisch verschrieben hat, ist ja der geeignete Ort dafür.
Vorfragen und Fragen
- Antworten
Michel Pauly gibt von vorneweg zu verstehen, von ihm, als einem unmittelbar in damalige Auseinandersetzungen um das LW Involvierten, solle man „nicht eine objektive Buchbesprechung erwarten“, er könne wohl meine Arbeit „nicht mit rein sachlicher Distanz beurteilen“ (S. 58). Das wird jeder begreifen, der um die Schärfe und die Dauer der Kontroverse zwischen LW und „Jugendpor“ bzw. forum, beides Betätigungsfelder eines engagierten Michel Pauly, weiß.
Doch wie soll nun der Leser die gemachten Ausführungen, die durch eine subjektiv getönte Brille präsentiert werden, einordnen? Stoff zum Meditieren ergibt sich aus der Problematik, ob und wieweit der Fachhistoriker bei aller existenzieller Betroffenheit die Mütze seiner Zunft aufbehalten und trotz allem mit größtmöglicher Reserve die Dinge angehen kann, soll oder muß. Oder aus der Frage, bis zu welchem Punkt er das von seiner Methodologie sich nahelegende „sine ira, sine studio“ durch die unmittelbare und streckenweise leidenschaftliche Implikation als Mitstreiter in das Geschehen wird
Geschichtsschreibung,
zumal auf die
Zeitgeschichte bezogen,
ist stets Stückwerk. Sie
kann und muß zu späteren
Zeitpunkten in einem
mehrfachen Sinn und von
zusätzlichen Blickwinkeln
her „überholt“ werden.
durchziehen können, auch oder zumal, wie hier, bei der Beurteilung von Historiographischem, dessen Inhalt seine Biographie und seine Überzeugungen mehr als nur tangiert. Wobei letzteres Chancen und Grenzen für eventuelle Richtigstellungen der Geschichtsschreibung durch einen Zeitzeugen nach sich zieht. So oder so, die relativierenden Vorzeichen vor der Stellungnahme entbinden mich, der ich „en cause“ bin, jedenfalls nicht davon, das daraufhin Gesagte ernst zu nehmen. Darum also „eine Replik mit
klärender Funktion und, warum nicht, als Anstoß zu weiteren Überlegungen“¹.
Die Rezension vermißt zunächst eine tiefere Analyse der Erfolgsursachen und -bedingungen von ISP-Gesellschaft und Luxemburger Wort (S. 58). Hier verweise ich auf das Kapitel „Würdigung“ im Buch, das zusammenfassend aufzählt: gesunde Finanzlage, bedeutende Investitionen, Ausbau- und Diversifizierungskonzept, Professionalität und sachgerechte Führung im Betrieb, Wertlegung auf den menschlichen Faktor und ein positives Betriebsklima (S. 371). Im einzelnen werden die genannten Elemente vorher erläutert, besonders in Kap. VIII. Die Nähe des LW zum Volk wird von Herrn Pauly selbst angegeben, als ein von mir angeführter „Ansatz“ einer Erklärung des Erfolges von Zeitung und Unternehmen, unter Verweis auf S. 274 des Buches; weitere Ausführungen dazu gibt es auf S. 272f und 370, ebenso 266f und 269f. Auch sind die allgemeine Ausgestaltung des LW (S. 85), seine zunehmende Übersichtlichkeit (S. 82-84 und 88), die nationale Verbundenheit (S. 276ff) und als Voraussetzung das Gemeinschaftsbewußtsein des Mitarbeiterstabes (S. 328f) zusätzlich für das Expandieren der Zeitung geltend zu machen. Darüber hinaus gibt es zu dieser Fragestellung m. E. nichts weiter zu sagen.
Dann wird der Wunsch ausgedrückt, mehr zu erfahren von den Überlegungen, die zur Einführung einer neuen Rubrik oder zum Ausbau der Druckerei geführt haben (Besprechung S. 58). Im speziel-
len gehe ich in der Studie ein, wobei Ursachen und Begründungszusammenhänge beleuchtet werden, auf den Ausbau der Sparten Kultur, Wirtschaft und Finanzen, Sport, Innenpolitik und Soziales, Glaube und Leben, Kirche in der Zeit, Leitartikel (S. 85-94). Daß Europapolitik-, Informatik-, Reise-, Auto- und Umwelt-, Jugend- und Erziehungsseiten… entstanden sind, ergibt sich aus den Notwendigkeiten der Zeit und den Interessegebieten unserer Zeitgenossen, was nicht eigens erörtert wird. Die Einführung der mittlerweile wieder verschwundenen Beilage „La Voix du Luxembourg“ findet ihre Erklärung in der bedeutenden Ausländergemeinschaft aus dem romanischsprachigen Europa, wie auf S. 97 dargelegt; vom Nachfolgeorgan contacto ist die Rede ebd. Gibt es keine direkt nennbaren Gründe für die eine oder andere Entwicklung – hier hatte ich mich vor Ort erkundigt -, so muß das vielleicht Unerklärliche in seinem Unerklärlichsein stehen bleiben, auch wenn dies nicht befriedigt; ich gehe wohl auf die Problematik ein, auf S. 85 und 96. Die vom Rezensenten angefragten Überlegungen zum Ausbau der Druckerei sind thematisiert: „Notwendige drucktechnische Umstellungen hatten eine Computerisierung und Herstellung der Zeitung im Photosatzverfahren und im Offset-Rotationsdruck nach sich gezogen.“ (S. 98; spezieller noch S. 326f und 330f). Die Vergrößerung des Betriebs sowie eine weitere drucktechnische Neuerung, die endgültige Informatisierung des Zeitungsverfahrens, erklären schließlich den Ausbau des ISP-Zentrums in den 90er Jahren (vgl. S. 343-347).
Die „charte rédactionnelle“ des LW enthält im Wortlaut, sieht man einmal von betriebstechnisch-strukturellen Erörterungen ab, nicht mehr als das, was ich referiere und mit ausschlaggebenden Zitaten belege. Denkbar wäre gewesen, wie Michel Pauly anregt, sie darüber hinaus textuell zu veröffentlichen, es hätte aber kein Mehr an Information gebracht. In den Anhang hätten in dem Fall auch andere Dokumente gesetzt werden müssen, wie die Statuten der ISP, das Investitionsabkommen mit der Regierung…, wobei sich, abgesehen vom zunehmenden Volumen, irgendwo die Frage stellt, was sinnvollerweise an die Öffentlichkeit bzw. in eine Publika-
tion wie die vorliegende gehört und was nicht.
Die vielen Hd.- und Iz-Zitate – auf die Gefahr hin, penetrant auf den einen oder anderen zu wirken – halten in ihrer Zusammenstellung für spätere Zeiten fest, wie das LW an seiner hierarchischen Spitze Ende des 20. Jahrhunderts gedacht und in der von ihr bestimmten Großwetterlage konzipiert worden ist. Daß der Standpunkt der LW-Redaktion hierbei wichtig ist, ergibt sich von selbst. Die Vorgehensweise entspricht aber auch der von mir gewählten und angegebenen Gesamtausrichtung des Buches (S. 15) sowie dem Titel, der ja Programm sein will, nämlich „Selbstverständnis und Identität einer Zeitung“. A. Heiderscheid und L. Zeches haben das Profil des Wort im besprochenen Zeitraum maßgeblich geprägt. Viele andere Personen werden aber ebenfalls mit ihrem Beitrag gewürdigt (S. 86-98 und bes. S. 101-104).
Grenzen ergeben sich durch Rücksichtnahme auf lebende Personen und das Fehlen der nötigen historischen und damit auch kritischen Distanz. (…) Daher ist in Darlegung und Interpretation Zurückhaltung geboten.
Daß etliche externe Standpunkte bei der Analyse nicht berücksichtigt werden konnten, hängt, wie auf S. 16 und 214 angegeben, nicht zuletzt mit fehlenden wissenschaftlichen Vorarbeiten zusammen, die es derzeit nicht gibt und die ein einzelner Autor auch nicht bewältigen kann. Mit der Synode sowie dem Blickfeld des Bulletin d’information der „Jugendpor Letzeburg“ bzw. forum habe ich mich immerhin systematisch auseinandergesetzt, zumal gerade hier „Selbstverständnis und Identität“ des LW ganz konkret und wie wohl nirgendwo sonst zur Debatte standen. Andere Impostationen für die Untersuchung wären durchaus denkbar gewesen, diese hier hat sich mir aber als für jenes Vierteljahrhundert zentrale Fragestellung angeboten. Daß das Ergebnis, durch besagtes Einfangsprisma bedingt, nicht komplett sein kann, sondern das
Thema offen für weitere Abhandlungen unter anderen Gesichtspunkten läßt, ergibt sich daraus ebenso; das deklariere ich von vornherein in der Buch-Einleitung (S. 16f). Michel Pauly gibt hier, wohl in negativ-kritischer Formulierung, Stichworte und Pisten an (Besprechung S. 64). Geschichtsschreibung, zumal auf die Zeitgeschichte bezogen, ist stets Stückwerk. Sie kann und muß zu späteren Zeitpunkten in einem mehrfachen Sinn und von zusätzlichen Blickwinkeln her „überholt“ werden.
Verfasserschaft und „genre littéraire“
Die Besprechung bemüht auf S. 59, zumindest hypothetisch, einen Wort-internen Ghostwriter, um mir die Feder zu halten, wenn da die Rede ist von „unseren Journalisten“. Dem Leser des Buches dürfte jedoch nicht entgehen, daß ich auf den entsprechenden Seiten (42-51) vom einheimischen Pressewesen spreche, soweit es typisch für unser Land ist und sich vom Ausland abhebt. In dem Sinn ist das mehrfach verwendete „wir“ und „unser“ (unsere Zeitungen, unser Markt, unsere Gesellschaft…) durchaus zu rechtfertigen und verständlich. Es handelt sich dabei nicht um Wort-Belange, sondern um Luxemburgensia, Dinge und Umstände also, die bei „uns“ vielfach anders sind als sonstwo auf der Welt. So weise ich mit dem Einwand von Herrn Pauly den von ihm formulierten „Eindruck“ als Unterstellung zurück.
Das LW-Buch ist entstanden als Jubiläumsbuch, und ohne diesen Anlaß wäre es nicht entstanden. Daß folglich das Positive des zu untersuchenden Gegenstandes vorgekehrt und bestehenden Errungenschaften entsprechend Raum gewährt wird, hängt nicht zuletzt mit dieser Gattung zusammen, neben der Sache selbst. Das hat mich allerdings nicht von kritischen Äußerungen abgehalten. Das Buch aber einfachhin als „hausinterne Festschrift“ abzutun (S. 65) oder in die Nähe „hagiographische(r) Berichte“ zu rücken (S. 59), greift doch etwas kurz. Kommt andererseits diese Einschätzung aus dem Epizentrum des Geschehens, sprich dem Konfliktfeld zwischen Wort und forum, so wird sie von daher, im Sinne der eingangs besprochenen Vorzeichen, in ihrem engagierten Charakter zu bedenken und wohl auch entsprechend zu relativieren sein.
Der non-dit, wenn er denn schon veranschlagt wird – in all seiner Problematik, ihn von außen her korrekt zu interpretieren – spielt per se und fairerweise nach allen und nicht nur nach einer Seite hin. Auf S. 17 meines Buches schrieb ich: „Grenzen ergeben sich durch Rücksichtnahme auf lebende Personen und das Fehlen der nötigen historischen und damit auch kritischen Distanz. (…) Daher ist in Darlegung und Interpretation Zurückhaltung geboten.“ Dieses zunfinterne Prinzip stellt natürlich jeden Autor für Zeitgeschichte vor kruziale Fragen. Zugleich flößt es ihm ein, in aller Demut vorauszusehen und zuzulassen, daß momentane Forschungsergebnisse nur Teilwerk sind und durch spätere Arbeiten ergänzt und vervollständigt werden können (dazu ebd. S. 16f, wie bereits angeführt).
Ist der GréngeSpoon (GS), von dem ich ebenfalls eine Schelte erhielt, nun Parteizeitung der Grünen oder nicht? Er ist jedenfalls in einer Phase der Selbstwerdung/Selbstfindung und dabei, seine Identität, die im Werden begriffen ist, zu reflektieren – was durchaus berechtigt und in keinster Weise tadelnswert ist. Immerhin wurde bei seinem 10jährigen Geburtstag deutlich, daß die Identitätsbestimmung der Wochenzeitung noch nicht abgeschlossen ist (vgl. GS vom 9. Oktober 1998, S. 8: Redaktions-Artikel „Der Grünen böses Kind“ und Gastkommentar von François Bausch „10 Jahre Identitätssuche“). Bei einer solchen, nicht nur nach außen hin, sondern immanent flottierenden Situation, ist es sicher keine Majestätsbeleidigung, die Kategorie „Parteizeitung“ in das Spektrum der Verständnismöglichkeiten einzubauen. Wo man sich über sich selbst nicht ganz eins ist, darf man da von Außenstehenden eine präzise und eindeutige Sicht der Dinge erwarten? Ich gebe aber zu, daß ich hier im nachhinein vorsichtiger geworden bin. Für das, was ich schrieb, bedurfte es freilich nicht wiederum des mir angehängten Ghostwriters aus dem LW, sondern ich bewegte mich innerhalb eines bestehenden, neben anderen vertretenen Interpretationsstranges, der tatsächlich von den betreffenden Zeitungsverantwortlichen nicht geteilt wird. Andererseits ist der GS 1988 als „Organ“ der damaligen GAP, die „Anstifterin“ für sein Erscheinen war, entstanden (vgl. „Noch eine Zeitung?“, in GS-Nullnummer vom 23. Sept. 88, in der Jubiläumsbeilage vom 18. Sept. 98 übernommen) und zeigt auch heute noch mit seinen zwei Redaktionsmitgliedern, die zugleich Abgeordnete sind, nicht unwesentliche personelle Überschneidungen mit der grünen Partei, abgesehen von der gemeinsamen ökologischen Ausrichtung.
Synode und kein Ende
Eine Klärung zur Synode und dem von mir angeführten Papier des Priesterrates in besagtem Kontext wird gefragt (Besprechung S. 60). Das erwähnte Dokument wurde späterhin von den Wort-Opponenten in dem Sinn benutzt, daß sie eine Wortkritische Aussage, die sich auf die Anlehnung der Zeitung an die CSV in der Vergangenheit bezog, als eine für hic et nunc vom Priesterrat vorgebrachte Kritik darstellten und also die Absicht des Rates bis zu einem gewissen Grad verfälschten. Das gebe ich im Text in anderen Worten an, S. 135 und 175. Der entsprechende Paragraph des im Priesterrat besprochenen Papiers lautet in extenso (in Anm. 9 auf S. 135 zitiert), mit Blick auf weitere Verbesserungen in der Unterscheidung zwischen LW und CSV, die in der Tat angeregt wurden: „Le Conseil presbytéral reconnaît volontiers les efforts que le ‚Luxemburger Wort‘ a déjà faits
Exposition
GUST GRAAS
LUMIÈRE, OMBRE ET PASSION
10 ANNÉES DE PEINTURE À MAJORQUE
du 13 mars au 16 mai 1999
à la VILLA VAUBAN GALERIE d’ART de la VILLE de LUXEMBOURG
Exposition ouverte tous les jours, sauf le lundi, de 10 à 18 heures. Jeudi: nocturne jusqu’à 20 heures.
Visites guidées les jeudis à 18 heures et les dimanches à 15 heures.
VILLA VAUBAN
GALERIE d’ART de la VILLE de LUXEMBOURG 18, Avenue Emile Reuter L-2090 LUXEMBOURG Tél.: 4796-3061
(…) en vue de disloquer les liens qui l’attachaient trop au parti chrétien-social, imbrication préjudiciable à l’action de l’Eglise parmi les hommes." Der Satz fiel in der Stellungnahme zugunsten der Zeitung aus, die LW-Kritiker griffen den letzten Satzteil aber negativ auf und richteten ihn gegen das Wort. Dabei haben sie die Vergangenheitsform der Aussage entweder übersehen, das war dann Naivität; oder unterschlagen, dann war es Kalkül. – So bleibe ich bei dem, was ich nahegelegt habe, daß nämlich durch eine z. T. unkorrekte und tendenziöse Übernahme bestimmter Sätze unter Auslassung anderer, d. h. LW-freundlicherer, auf der Synode der Priesterrat „gegen das LW instrumentalisiert" wurde.
Von Hd. hätte ich bestimmte harte Aussagen unterschlagen, wird mir vorgeworfen (Besprechung S. 60). Von allen betroffenen Seiten, nicht nur der einen, hätte ich entsprechende und z. T. deftige Zitate anführen können. In einem solchen Fall läuft ein Verfasser aber Gefahr, die Richtung einer Skandalchronik einzuschlagen und in die Polemik der miteinander streitenden Parteien hineinzugeraten. Auch würde er wohl schwerlich dem Vorwurf, Schmutzwäsche zu machen, entgehen.
Will der Historiker, auf dem Boden der jeweiligen Zeit und ihres Wissensstandes, größtmögliche Objektivität anpeilen, so gelingt das ihm andererseits immer nur partiell. Neben der gewählten Optik und Konzeption, die er denn auch deklarieren muß (bei mir S. 12-15), spielen stets auch seine Charakterzüge und Überzeugungen, ja vielleicht auch geheime und unbewußte Intentionen mit. Geschichtsschreibung ist, bei aller Methodik, ja keine rein komputermäßig zusammengetragene Ereignissammlung, sondern eine von Menschen betriebene, menschliche Wissenschaft, die neben der Darstellung von Fakten auch Erklärungen und Deutungen im Rahmen von herzustellenden Zusammenhängen unabdinglich macht. Sollte ich denn, neben meinem Standpunkt („le lieu d’où je parle", S. 15 des Buches), solche Absichten gehabt haben, dann war es jedenfalls nicht mein Ziel, den Graben zwischen forum-Verantwortlichen und LW-Verantwortlichen zu verbreitern, wenngleich auch nichts künstlich zuzukitten. Eher finde ich mich wieder in einem der Schlußsätze von André Grosbuschs Be-
sprechung in der „Warte" vom 28. Mai 1998, wo mir nachgesagt wird, das Werk sei angetan, „Vorurteile abzubauen, Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen und somit dem Dialog mit anderen weltanschaulichen Richtungen neuen Schwung zu verleihen". Sollte es in irgend einem Sinn Versöhnliches in die Wege leiten, so wäre das in der Tat eine angenehme Nebenerscheinung und es sollte mich freuen.
Ist im Schlußteil der von der „Jugendpor"-GAG 1974-75 herausgebrachten Wort-Analyse die Rede von „Erhaltung der herrschenden Machtverhältnisse" (Elemente einer Analyse S. 219), „Interesse der Herrschenden" (ebd.), „Redak-
Geschichtsschreibung ist, bei aller Methodik, ja keine rein komputermäßig zusammengetragene Ereignissammlung, sondern eine von Menschen betriebene, menschliche Wissenschaft, die neben der Darstellung von Fakten auch Erklärungen und Deutungen im Rahmen von herzustellen den Zusammenhängen unabdinglich macht.
tionskollektiv" (ebd. S. 220-222), „Klassengegensätzen" (ebd. S. 221), dann handelt es sich hier sehr wohl um Kategorien aus dem marxistischen Umfeld. Um dies festzustellen, braucht nicht André Heiderscheid mit seinem Sprachgebrauch bemüht zu werden, den undifferenziert zu übernehmen mir unterstellt wird (Rezension S. 60).
Ich hatte im übrigen, im Unterschied zu Herrn Pauly, den objektiven Vorteil, weder bei Wort noch forum noch im Spannungsfeld zwischen beiden involviert zu sein. In keinem der zwei Medien habe ich Aktien oder bin ich strukturell eingebunden, von gelegentlichen Artikeln als „freier Mitarbeiter" (im LW wohl mehr als im forum, zugegeben) einmal abgesehen. Den Vorwurf der Abhängigkeit, der mir von Herrn Pauly mehr
als nur unterschwellig gemacht wird (S. 61), weise ich zurück. Es stimmt auch sehr wohl, was die Synode angeht, daß ich „damals noch zu jung war bzw. in Rom studierte" (S. 60). Das erlaubte mir in vielem unvoreingenommen und unbefangener an ihre Darstellung heranzugehen als im Fall einer persönlichen Teilnahme.
Wird mir von beiden Konfliktpartnern, nämlich forum und LW, vorgehalten, ich habe jeweils die andere Seite zu positiv dargestellt, so sollte das eigentlich ein Indiz dafür sein, daß ich die Mitte in etwa getroffen habe und in meiner Beurteilung nicht völlig daneben liege.
Die im LW durchgezogenen und von der Synode mitbeeinflüßten Neuerungen spielt Michel Pauly in seiner Besprechung herunter (S. 64). Bei der Bestellung eines beigeordneten LW-Chefredakteurs, die sicher wesentlich durch den Hd. in Anspruch nehmenden Neubau in Gasperich bedingt war, ist der Einfluß der Synode vor allem derjenige, daß, wie ich schrieb, ein Laie und kein Kleriker ernannt wurde (S. 195ff; vgl. Vorgeschichte S. 136, 171f, 197 und 455); die späteren Ernennungen in der Chef-Etage haben diese Entwicklung bestätigt. Bis zu welchem Grad beim Rückgang der Hd.-Leitartikel mehr die praktische Notwendigkeit oder die Stoßkraft der Synode in dieselbe Richtung eines verstärkten Laienengagements gewirkt hat (vgl. S. 126f und 197), dies zu untersuchen wäre müßig und reine Spekulation. Die umfassender werdende Berichterstattung im LW war, entgegen dem, was Michel Pauly schreibt (Besprechung S. 64), sehr wohl eine von der Synode angeregte Empfehlung („objektiv, vollständig und kritisch" solle die Information sein, vgl. Buch S. 167f, 431f und 452); sie wurde jedenfalls als solche von der LW-Leitung wahrgenommen und ging in deren Langzeitgedächtnis ein, wie festzustellen ist. Auch die Abnahme der Zahl von Wort-Journalisten mit gleichzeitigem Abgeordnetenmandat wurde zumindest vom Klimatischen her durch die Synode gefördert. Bei den Faktoren, die ich aufzählte, habe ich hinsichtlich des Synodeneinflusses das „auch" betont, das durchaus andere Erklärungen einschließt, wenngleich das Ausmaß der Beeinflussung im konkreten Fall schwer auszumachen ist. Jedenfalls haben sie sich nicht, wie Michel Pauly z. T. nahe-
legt und dabei wohl die Decke nach seiner Seite hin zieht, an den Synodenbeschlüssen vorbei oder (fast) ohne sie durchgesetzt. Man wird hier von konvergierenden Ursachen sprechen müssen, die sich ja auch, bedingt durch die allgemeine Zeitentwicklung mit ihren Anforderungen, durchdrängen und ergänzten.
Alles in allem würde ich, Herrn Pauly abermals dankend für seine Mühe und sein Interesse, auf folgendes Bild zurückgreifen, um die Lage zu beschreiben. Es handelt sich hier um eine typische Verkehrssituation. Sitzt man im Auto vor der Ampel und den Zebrastreifen, so hat man für die Gesamtsituation ein anderes Empfinden als in dem Augenblick, wo man als Passant die Straße überquert und neben sich die Autos anhalten oder warten sieht. So ergeben sich verschiedene Interpretationen und Sichtweisen in einer und derselben objektiven Lage, die die Betroffenen, situationsbedingt, unterschiedlich erleben. Diese Erfahrung kennen wir alle. Zur Applikation des Bildes: Herr Pauly sitzt in seinem Auto, Herr Heiderscheid kommt gerade von der anderen Straßenseite (oder Rollen umgekehrt). Ich stehe ein paar Schritte von der Ampel entfernt und schaue dem abwechselnden Spiel von Stoppen-Fahren und Kommen-Gehen zu. Herrn Heiderscheid erblickend, rufe ich ihm aus gegebenem Anlaß einen Gratulationsgruß zu
Michel Pauly steht nun seinerseits vor einem Jubiläum. Er bietet mir zum Schluß an, die „Festschrift“ zur 200. forum-Nummer zu schreiben. Dafür danke ich freundlich, bin aber über das Angebot etwas überrascht, ob der offensichtlichen Schwierigkeiten, die in seinem Verständnis aus jener Gattung resultieren. So bin ich mir nicht sicher, ob es in der damit gegebenen Logik verantwortbar wäre, das Unterfangen zu wagen.
Georges Hellinghausen Januar 1999
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