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Georges Hellinghausen

Woher kommt Ostern?

Ist nach allgemeinem Volksempfinden Ostern das Fest der Ostereier, des Osterhasen, des Frühlingsanfangs, so ist all dies nicht ganz falsch. Doch liegt kultur- und entstehungsgeschichtlich die Bedeutung des Festes viel tiefer. Wo also kommt Ostern her?

Pesach – jüdisches Substrat für Pascha

Ostern ist ein religiöses Fest. Wie so viele kommt es ohne seine jüdischen Wurzeln nicht aus. Gemeint ist zunächst das Pesach-Fest, auf lateinisch „Pascha“ (vom Aramäisch-Griechischen übernommen), welches das den Ersten Bund begründende zentrale Heilsereignis feiernd in Erinnerung ruft: das Vorbeigehen des Strafengels an den Häusern der Israeliten in Ägypten, gefolgt vom Durchzug durch das Rote Meer (Exodus), wodurch die Rettung des Volkes Israel durch Jahwe heilsgeschichtlich vollzogen wurde. Diese Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei begingen und begehen die Juden als die große Erlösungstat Gottes am 14. Nisan, dem ersten Vollmond im Frühling.

Im Rahmen des Pesach feierte Jesus von Nazareth vor knapp zweitausend Jahren sein letztes Abendmahl mit den Aposteln. Dabei deutete er die Feier um auf seinen bevorstehenden Tod, indem er den Anwesenden Brot und Wein als Zeichen seiner Lebenshingabe reichte. So wurde das Pesachfest zum Typos, d. h. Vorläufer und Ausdeuter, des christlichen „Pascha-Mysteriums“, der Gedächtnisfeier von Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu. Auch im Neuen Bund geht es um einen Über- und Durchgang, nämlich vom Tod zum Leben, initial und real geschehen an Jesus Christus, mit potenzieller Ausweitung auf alle diejenigen, die ihm anhängen. Rettung und Heil

verwirklichen sich anfanghaft in der Gedächtnisfeier dieses Pascha-Mysteriums: So lautet der Glaube der Kirche.

Bei beiden Festen handelt es sich um eine Art Reaktualisierung des erfolgten Heilshandelns Gottes, das in seinem Erlösungseffekt erneut präsent gesetzt und also gegenwärtig wird. Im Französischen heißt diese Kategorie „mémorial“, was weit mehr besagt als „mémoire“. Beim jüdischen und beim christlichen Fest steht das Blut des Lammes im Mittelpunkt: dort das an die Türpfosten gestrichene Blut und das Verzehren des Lammes vor dem Auszug aus Ägypten, hier Christus als sühnendes Opferlamm gedeutet, in Anlehnung an entsprechende Prophetentexte des biblischen Jesaja-Buches.

Das christliche Paschafest wurde bis ins 4. Jahrhundert an einem einzigen Tag gefeiert. Danach wurde es im Rahmen

aufkommender Historisierungen und Nachahmungstendenzen auf mehrere Tage verteilt. So entstand das „Triduum paschale“, die drei österlichen Tage, welche bis heute die eigentliche Jahrfeier des Pascha-Mysteriums und damit den Höhepunkt im Kirchenjahr darstellen: Gründonnerstag mit der Abendmahlsmesse, Karfreitag mit dem Gedächtnis der Passion, Karsamstag mit der Grabesruhe und in der Osternacht der Festfeier der Auferstehung des Herrn als Höhepunkt und Übergang zum Ostersonntag, dem eigentlichen Auferstehungsfest.

Diese Jahrfeier existiert neben dem wöchentlichen Pascha-Gedächtnistag, dem Sonntag, der bis in die Urkirche zurückreicht. Signifikant ist zudem in der christlichen Heilsökonomie, dass das Ostergeschehen als Heilshandeln Gottes in der gesamten Liturgie der Kirche als gegenwärtig und wirksam erfahren und

Éimaischen (© Comité Alstad)

geglaubt wird, etwa in den Sakramenten, bis es am Ende der Tage ganz und unverhüllt ausbrechen soll. Hineingenommen in dieses Heilsereignis werden die Gläubigen durch das Taufsakrament. Da die Thora den Juden gebot, Pesach sieben Tage lang zu feiern, wurde auch dies kirchlicherseits rezipiert und zum Vorbild für die Osteroktav, welche die Auferstehungsfeier bis zum „Weißen Sonntag“ (Wäissen Ouschterdag) verlängert.

„Ostern“ – typisch christliches Wort

Lange wurde das deutsche Wort „Ostern“ in Zusammenhang gebracht mit einer englischen Frühlingsgöttin „Ostara (Eostre)“, die heute wissenschaftlich unbewiesen ist und lediglich durch Rückschluss entstanden zu sein scheint. Wie selbstverständlich ging man dabei vom nicht ideologiefreien Paradigma aus, jedes christliche Fest müsse sich aus heidnischem Ursprung herleiten, deren Verchristlichung es gewissermaßen darstelle.

Nach heutigem Forschungsstand scheint „Ostern“ von „Eostro (Morgenröte)“ zu kommen, belegt zuerst bei Beda Venerabilis im Anfang des 8. Jahrhunderts, denn die Osternacht wurde durchgefeiert bis zur Morgenröte. Doch gibt es noch andere christliche Deutungen dieser Wortwahl.

Streit um den Ostertermin

Bereits im 2. Jahrhundert kam es zu einem Streit über den christlichen Ostertermin. Die Kirche in Kleinasien und Syrien hielt am 14. Nisan, dem überlieferten jüdischen Pesachdatum und Vollmondtag des Frühjahrsmonats, als dem wahrscheinlichen Kreuzigungstag Jesu fest. In Rom und den anderen Teilkirchen wurde Ostern am Sonntag nach dem 14. Nisan gefeiert.

Diese Differenz bestand, bis das Konzil von Nizäa 325 Ostern gesamtkirchlich auf den Sonntag nach dem 14. Nisan festlegte und damit zugleich die Abhängigkeit von den Mondphasen festschrieb. Letzteres impliziert, dass bis auf den heutigen Tag für den Ostertermin eine Schwankungsbreite von fünf Wochen in Kauf genommen wird (22. März bis 25. April). Damit ist sowohl das Kirchenjahr als auch, in Anlehnung dazu, das Ziviljahr jeweils bedeutenden zeitlichen Divergenzen unterlegen.

Für eine endgültige Fixierung des Ostertermins auf einen bestimmten Tag, etwa einen bestimmten Sonntag in der ers-

ten Aprilhälfte, hatte katholischerseits das II. Vatikanische Konzil (1962-65) Offenheit gezeigt, soweit die Frage überkonfessionell geregelt würde; doch stieß dies auf orthodoxer Seite auf Bedenken.

Wurde zu Beginn der hier gemachten Ausführungen Ostern als Fest der Ostereier, des Osterhasen, des Frühlingsanfangs an

sich positiv aufgenommen, so ist dies ideell zu begreifen und zu vertreten unter der Rücksicht des Lebens, das hier gefeiert wird: das neue Leben in Christus kommt symbolkräftig zum Ausdruck im Frühlingsausbruch und – warum nicht – in den Fruchtbarkeitssymbolen, als die Eier und Hase wohl zu gelten haben.

Ostern, eine Hymne an das Leben! ♦

Ostereier 2.0

Ostern ist bereits seit Jahrzehnten mehr als nur eine angestaubte christliche Auferstehungsgedächtnisfeier. Es ist ein idyllisches Familienfest und wird symbolisch repräsentiert durch bunt bemalte Ostereier und Schokoladenhasen, klibbernd Kinder, versteckte Geschenke, Tulpen, Hyazinthen und Narzissen.

Seit mehr als 30 Jahren nun haben unsere Osterbräuche eine weitere Evolutionsstufe erobert. Wurden früher nur einmal im Jahr Ostereier versteckt, so kann man sie mittlerweile tagtäglich finden. Waren Ostereier einst fragile, bemalte Gebilde aus Calciumcarbonat, Salzen und Proteinen, so sind sie mittlerweile kaum noch greifbar, digital encodiert und entziehen sich bisweilen dem öffentlichen Bewusstsein: Die Rede ist von den sog. Easter Eggs. Klein, genial und dem Geltungsdrang der Programmierer entsprungen, verstecken sie sich hinter alltäglichen Anwendungen Ihres PCs.

Sie haben Ihren Rechner nicht zum Spielen, sondern zum Arbeiten gekauft? Dann lassen Sie sich nicht erwischen, wenn Sie Ihre Version von Word 97 dazu benutzen, um Flipper zu spielen, mit dem Flugsimulator von Excel 97 über farbenfrohe Fraktallandschaften fliegen oder das in Excel 2000 versteckte Autorinnen ausprobieren. Und der Flugsimulator, der hinter Google Earth versteckt ist und auf die Eingabe der Tastenkombination Strg-Alt-A wartet, bietet ihnen zwei verschiedene Flugzeugtypen sowie die Möglichkeit, in der Luft oder auf einer Startbahn zu starten.

Als Erfinder der Easter Eggs gilt Warren Robinett, ein Programmierer, der sich bereits 1978 durch das Verstecken seines Namens in einem Atari-Spiel (Adventure) verewigte. Damals war es noch nicht üblich, dass der Name eines Programmierers publiziert wurde, und Robinett fand mit der versteckten Hintergrundinformation Created by Warren Robinett den Weg aus der Anonymität.

Mehr als 30 Jahre ist das jetzt her, und in der Zwischenzeit sind es echte funktionierende Programme, die in der Software verborgen sind. Der Begriff Easter Egg bezeichnet also versteckte und undokumentierte Software für Ihren Computer. Sie fordern die Anerkennung des Urhebers ein, in der Regel auf unterhaltende Art und Weise und meistens ohne Wissen des Auftraggebers. Im Gegensatz zu sog. Malware ist sie jedoch nicht darauf ausgelegt, auf dem Rechner des Users Schaden anzurichten.

Videos, Lieder, Spiele, Comics, Witze. Falls Ihnen über Ostern langweilig wird, machen Sie sich doch mal digital auf die Suche. Hilfe dazu gibt es unter www.eastereggs.de.

Flugsimulator, versteckt hinter Google Earth

TK

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