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Die Universität Luxemburg kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen. Der Präsident der Industriellenföderation Nicolas Soisson forderte auf der Foire des études Anfang November ein Moratorium von 6 Monaten, um die sich abzeichnende Ausrichtung der Uni wieder in Frage zu stellen und sie auf eine reine Forschungsuni zu reduzieren, „so wie das ursprünglich abgemacht war“. Doch die Arbeit an der Universität ist auf allen Ebenen im Gange, eine Neuausrichtung wie die von Soisson angedeutete, die kaum durch das Gesetz gedeckt ist, kann sich zur Zeit keiner leisten. (Im übrigen: von einer Abmachung der Regierung mit der FEDIL war in der Kammerdebatte zur Universitätsgründung wohlweislich keine Rede!)
Michel Pauly
Aber nicht nur der FEDIL-Präsident verlangt einen Neuanfang. Der neue Hochschulminister kündigte vor wenigen Wochen ohne Absprache mit den Universitätsverantwortlichen für den 11. Januar 2005 eine „Assises de l’université“ betitelte Tagung an, bei der alle inner- und außeruniversitären Kräfte, die am Projekt interessiert sind, ihre Meinung zur Weiterentwicklung äußern sollen, so als stände noch alles zur Disposition.
Aufbauarbeit
Für die an der Universität seit nunmehr einem Jahr die Aufbauarbeit leistenden Lehrer und Forscher ist das eine zusätzliche Überraschung. Sollen die Konzepte und Programme für Lehre und Forschung, die sie seit Inkrafttreten des Gesetzes vorbereiten, nun wieder in Frage gestellt werden? In ungezählten Sitzungen versuchen Lehrkräfte und Forscher das im Universitätsgesetz vorgezeichnete Programm in Musik umzusetzen, Bachelor- und Master-Studiengänge auszuarbeiten, Kooperationen mit ausländischen Universitäten von nah und fern auf die Beine zu stellen, Forschungsschwerpunkte zu definieren und entsprechende Doktoranden zu werben. Soll das alles wieder in Frage gestellt werden?
Oder weiß der Minister nichts von den wahren Verhältnissen und dem, was die universitäre Gemeinschaft seit dreizehn Monaten umtreibt? Die an dieser Stelle schon im März 2004 ausgesprochene Warnung vor übertriebener Eile und drohenden Gesundheitsschäden (forum Nr. 234) ist leider nicht von den Auftraggebern gehört
worden. Der Stress ist umso größer als die Ernennung zusätzlicher wie das Ersetzen ausgeschiedener Lehrkräfte verweigert wird, bis endgültige Programme vom alles entscheidenden Conseil de gouvernance, lies vom Regierungskommissar, genehmigt sind. Trotz dieser Unterbesetzung und der dadurch z. T. fehlenden Kompetenz wird mit Hochdruck an der Formulierung der oben genannten Studiengänge und Forschungsschwerpunkte gearbeitet. Die naturwissenschaftlich-technologische und die geistes- und sozialwissenschaftliche Fakultät haben ihre Vorstellungen auch schon an den Conseil de gouvernance weitergereicht, der wie üblich sein Wohlwollen oder Ablehnung zum Geheimnis macht. Der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultät (Faculté des Lettres, Sciences humaines, Arts et Sciences de l’éducation) ist sogar das Kunststück gelungen, so unterschiedliche Ausbildungsgänge wie die ehemaligen ISERP, IEES und CUnLux unter einen Hut zu bringen. Sie will ihre Ausbaupläne in naher Zukunft der Öffentlichkeit vorstellen. Nur die rechts- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, von der sich die Regierung allerdings Etliches erwartet hatte, hinkt noch etwas hinterher, möglicherweise wegen des Kuckuckseis namens „Luxembourg School of Finance“, das ihr die Banken- und Bankiersvereinigung ABBL ins Nest gelegt hat.
Die universitäre Gemeinschaft hat in diesen dreizehn Monaten, also in Rekordzeit, Programme entwickelt, die durchaus imstande sind, der neuen Universität einen internationalen Ruf einzubringen. Wenn aber Journalisten wie Mario Hirsch
Weiß der Minister nichts von den wahren Verhältnissen und dem, was die universitäre Gemeinschaft seit dreizehn Monaten umtreibt?
(d’Lëtzebuerger Land) oder Jean-Pol Roden (Radio 100,7) in den letzten Monaten und Wochen nicht müde werden, nach schnelleren Entscheidungen zu rufen, dann haben sie nicht nur die Klagen der Hochschulgemeinschaft über Zeitdruck und Stress nicht vernommen, sondern verkennen auch völlig die Problemlage, die sich bei der Gründung einer Universität ergibt.
Ganz ohne Verantwortung an dieser Fehlinformation ist allerdings das Rektorat nicht. Seit Februar verkündet es immer wieder die Botschaft, das Uni-Projekt sei durch den frühen Tod des ersten Rektors ins Stocken geraten. Das ist schlicht falsch. Auch wenn Herr Tavenas noch am Leben wäre, wäre die Ausarbeitung von Lehr- und Forschungsprogrammen innerhalb eines Jahres das Resultat eines Rekordtempos. Was sich allerdings wahrscheinlich anders dargestellt hätte, wäre die katastrophale Öffentlichkeitsarbeit der Universitätsleitung, die wohl als einzige durch den plötzlichen Tod sechs Monate lang gelähmt war.
Der heimliche Rektor
Die schlimmste Folge dieser (vorgeschobenen) Lähmung ist allerdings, dass der Regierungskommissar im Conseil de gouvernance nun die Rolle eines heimlichen Rektors übernommen hat. Er wählte fast allein den neuen Rektor aus, stellte
ihn ohne Alternative dem Conseil de gouvernance vor, bat pro forma, weil es so im Gesetz vorgesehen ist, den Conseil universitaire, dem gewählte Vertreter aller Universitätsorgane angehören, um seine Meinung, die dieser aber verweigerte, da ihm nur ein zweiseitiges Curriculum vitae vorgelegt wurde, ohne irgendwelche Aussagen über die Vorstellungen des Herrn Tarrach zur Weiterentwicklung der Uni Luxemburg, und ließ seinen Minister trotzdem ganze zwei Tage später der Öffentlichkeit den neuen Rektor vorstellen. Nicht einmal die beiden Vizerektoren waren im voraus über die Pressekonferenz informiert!
Derselbe heimliche Rektor ließ einen Conseil de gouvernance zusammenstellen, dessen vom Gesetz abgesegnete Geheimniskrämerei schon in forum Nr. 239 beanstandet wurde und der offensichtlich große Schwierigkeiten hat, Entscheidungen zu finden. Wenn man in der Tat weiß, dass darin zwei ehemalige Bankdirektoren sitzen, die sich schon früher nicht immer grün waren, dass dort ein Universitätsrektor aus der Großregion tagt, der die Luxemburger Gründung als Konkurrenzunternehmen verstehen muss und daher so viele Projekte wie nur möglich zuerst mal mies macht und ansonsten in öffentlichen Vorträgen für eine Großuniversität der Großregion plädiert, in der die aktuellen Universitäten jeweils auf eine Spezialität reduziert würden,
Der Regierungskommissar hat die Rolle eines heimlichen Rektors übernommen. Er wählte fast allein den neuen Rektor aus und bat pro forma den Conseil universitaire, um seine Meinung, die dieser aber verweigerte, da ihm nur ein zweiseitiges Curriculum vitae vorgelegt wurde.
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Das akademische Ausland hat noch keine Zweifel an der Anerkennung der in Luxemburg geleisteten wissenschaftlichen Arbeit erkennen lassen.
dass im selben Gremium der Boss von Telindus S.A. sitzt, der vor allem die „Luxembourg International Advanced Studies in Information Technologies“ (LIASIT) im Kopf hat, die noch kurz vor der Universitätsgründung mit der wohlwollenden Zustimmung des Hochschulministeriums von seiner Firma zusammen mit Arcelor S.A., SES Global S.A., SES Astra S.A. u.a.m. aus der Taufe gehoben wurden, und der von der technologischen Fakultät erwartet, dass sie vorrangig Programme zur Sicherung des Internet-Handels entwickeln soll, dass mit Ausnahme eines isländischen Philosophen die Geisteswissenschaften dort gar nicht vertreten sind, dass die monatlichen Sitzungen jeweils nur einen Tag dauern, weil der Aufenthalt der vier Ausländer ansonsten zu teuer käme, da der Conseil de gouvernance als erste Entscheidung anscheinend seine Präsenzgelder erhöht hat, dann versteht man, dass auf dieser Ebene Entscheidungen länger dauern, als es den direkt Betroffenen (Universitätsangestellten und Studenten) und der steuerzahlenden Öffentlichkeit lieb sein kann.
Der Qualität der von Lehrenden und Forschenden seit über einem Jahr geleisteten Aufbauarbeit und der Qualität des immerhin weiterlaufenden Unterrichts in den meisten der schon vorher bestehenden Fächer tat das bislang wenig Abbruch. (Pannen bei der Organisation der Lehre, die bei Studenten wie Lehrkräften zu Ärger und Stress führten, sind eher der hoffnungslos überforderten Zentralverwaltung anzulasten.)
Das akademische Ausland hat auch noch keine Zweifel an der Anerkennung der in Luxemburg geleisteten wissenschaftlichen Arbeit erkennen lassen, auch wenn etliche großspurige Deklarationen der Universitätsverantwortlichen, die leider auf eine größenwahnsinnige Verkennung der Realitäten schließen lassen (etwa im Sinne von: „Wir wollen in Luxemburg in drei Bereichen Weltniveau erreichen, eine Zusammenarbeit in der Großregion interessiert uns weniger …“) mit Befremden zur Kenntnis genommen wurden.
Hingegen bedurfte es der Androhung gerichtlicher Schritte, bevor derselbe Ministerialrat mit zwei Jahren Verspätung ein großherzogliches Reglement ausarbeitete, mit dem Masterdiplome der Uni geschaffen werden, damit Absolventen des Master-Studiengangs in Philosophie, den die Uni Luxemburg zusammen mit der Uni Metz anbietet, auch der Zugang zum öffentlichen Dienst, insbesondere zum Lehramt offen stehe. Seit Jahren warten die Planer der Universität auch auf Vorgaben aus dem Erziehungsministerium, welche Ausbildung in Zukunft von Lehramtskandidaten erwartet wird, denn die bisher vom Gesetz verlangten „vierjährigen universitären Studien“ wird es bald nicht mehr geben,
da nach dem Bologna-Prozess Studiengänge in ECTS-Punkten ausgedrückt werden und im Prinzip drei (Bachelor), fünf (Master) oder acht (Doktorat) Jahre dauern werden. Entsprechend groß war die Enttäuschung bei den Schülern, die entsprechende Fragen auf die Studienmesse Anfang November mitgebracht hatten, von den Uni-Verantwortlichen aber keine Antwort bekamen, weil die selbst noch keine in Erfahrung bringen konnten.
Vielleicht hätte die Präsenz eines starken Rektors dazu beigetragen, den Regierungskommissar in seine Schranken zu verweisen. Es hilft nämlich nichts, wenn der Minister immer wieder (vgl. u. a. seinen Vortrag vor der ALUC, in: LW, 20.11.2004) seinen Respekt vor der Autonomie der Universität beteuert, sein Kommissar aber genau das Gegenteil tut.
Zur Zeit jedenfalls spielt der Regierungskommissar die unvorhergesehene Rolle eines Rektors und die ihm vom Gesetz zugedachte Rolle eines Kontrolleurs gleichzeitig. Was das an Machtfülle bedeutet, kann jeder sich leicht ausmalen.
Wenn man in den Interviews, die Rolf Tarrach mittlerweile der heimischen Presse (Tageblatt, Woxx, RTL-Radio) gegeben hat, erfährt, dass der zukünftige Rektor sich bislang kaum Gedanken über sein neues Arbeitsfeld gemacht hat, fragt man sich, wie bald diese Situation bereinigt werden kann bzw. ob das überhaupt gewünscht wird.
Eine positive Überraschung sollte man aber nicht ausschließen! Schließlich könnten Tarrachs Informationslücken auch auf seine mediterrane Gelassenheit zurückzuführen sein. Sollte die im hektischen Uni-Alltag ansteckend wirken, wäre das sicher kein Fehler.
Wie dem auch sei, anstelle der „Assises universitaires“ scheinen mir eher personalpolitische Entscheidungen und eine Revision etlicher Gesetzesartikel, die der Qualität des universitären Angebots eindeutig im Wege stehen (vgl. forum Nr. 239), gefordert. Das würde aber die ungesunden Machtverhältnisse und Entscheidungsstrukturen in Frage stellen und wird daher wohl kaum freiwillig geschehen.
Die Universität könnte sich mittelfristig gezwungen sehen, die Richtung selber zu bestimmen und notfalls gegen den Wortlaut des Gesetzes Fakten zu schaffen – im Vertrauen auf die normative Kraft des Faktischen. So wie die Dinge sich entwickeln, läuft alles auf eine Machtprobe hinaus.
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