Ein bisschen Lektüre gefällig?

Noch heute denke ich mit einem wohligen Bauchgefühl an meine Kinder- und Jugendtage zurück, an denen ich in der gemütlichen Kinderecke der Ourdall-Bibliothéik saß. Hier reiste ich mit Hexe Lilli ins Italien des Leonardo Da Vinci, gruselte mich mit R. L. Stines Fear Street-Reihe und flog mit Christopher Paolinis Eragon auf Drachen. Später wurden diese Figuren durch Goethes Werther, Kleists Penthesilea und Wolframs Parzival ausgetauscht. In dieser kleinen Bibliothek wurde der Grundstein meiner Liebe für Geschichten und somit auch mein späteres Literaturwissenschaftsstudium gelegt.

Wie wichtig das Lesen für den Menschen schon von klein auf ist, haben bereits zahlreiche Studien erwiesen, zuletzt die von Professor Sam Wass, Neurowissenschaftler an der University of East London. Seine Forschungen haben ergeben, dass sich die Gehirnwellen von Eltern und Babys synchronisieren und in die gleichen Muster fallen, wenn sie gemeinsam lesen. „Wenn man einem Kind vorliest, kommt alles in einen Rhythmus – die Atemfrequenz, der Herzschlag und der Gehirnrhythmus“, sagt er. Das hilft Babys und ihren Eltern, eine starke emotionale Bindung aufzubauen. Lesen, sagt Wass, ist für die Entwicklung unseres Gehirns unerlässlich.1

Wir lesen so vieles beiläufig in unserem Alltag: Straßenschilder, die Titelseiten am Zeitungsständer, die WhatsApp-Nachricht auf dem Handy … Wir denken kaum noch darüber nach und dennoch liest die Menschheit, in Anbetracht ihrer Geschichte, noch gar nicht so lange. Hans Magnus Enzensberger hat einmal den Analphabeten als den Normalfall der Geschichte bezeichnet, den Leser als die Ausnahme.2

© Carlo Schmitz

In der Antike wie auch im Mittelalter fand die Rezeption von Literatur hauptsächlich mündlich statt – es wurde vorgelesen bzw. vorgetragen. Das Lesen war Gelehrten, meistens Geistlichen, vorbehalten und erst durch die Gutenberg’sche Druckerpresse konnte das Lesen industrialisiert und demokratisiert werden. Es ist verständlich, dass wir das Medium des Buches bis heute in seiner Bedeutung und Wirkung so hochhalten. Es hat uns als Gesellschaft grundlegend verändert, wenn nicht gar revolutioniert.

So ist es ebenfalls nachvollziehbar, dass wir uns das (Bücher)Lesen als Menschheit nicht nehmen lassen wollen – eine wahrhafte Befürchtung, die im heutigen digitalen Zeitalter herrscht, vor allem unter akademisch Geschulten. Allerdings ist das keine Neuerscheinung: Ein Blick in die Mediengeschichte zeigt, dass technologische Umbrüche stets für Unmut und Kritik gesorgt haben. Selbst Platon hat seinerzeit seinen Lehrer Sokrates im Werk Phaidros das Medium Schrift gegenüber der Mündlichkeit kritisieren lassen und schrieb (wie ironisch), dass „das Schreiben nur ein mangelhaftes Abbild des Redens“3 und Geschriebenes nicht zur Vermittlung von Wissen und Weisheit geeignet sei. 

Kommt jungen Menschen die Lesekapazität und somit ihre Kritikfähigkeit abhanden? Lassen wir uns zu sehr von unseren elektronischen Apparaten und Applikationen verwirren? Verblöden wir? 

Viele Forscherinnen und Forscher versuchen das Ganze etwas nuancierter und zielführender anzugehen. Gerhard Falschlehner spricht von einem „Generation Gap“: Während ältere Generationen das Buch weiterhin als Medium bevorzugen, greifen jüngere Leserinnen und Leser verstärkt auf digitale Formate zurück. Diese Verschiebung prägt Vorstellungen von „richtigem“ und „falschem“ Lesen und führt zu Debatten über den vermeintlichen Niedergang der Lesekultur.4 ­Maryanne Wolf betont jedoch auch, dass das Gehirn bei digitalem Lesen zunehmend auf schnelle Reizverarbeitung eingestellt und zum „Überfliegen“ eingeladen wird. Dies könne langfristig dazu führen, dass Fähigkeiten, die mit tiefem Lesen verknüpft sind, verloren gehen.5

Die Lesekultur befindet sich zweifellos in einer Übergangsphase und es gilt, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Dies braucht Zeit. Aber man darf nicht denken, dass es nur die eine Art zu lesen gibt; die gute, die schlechte, wenn auch vielleicht die richtige für das entsprechende Medium. Wer Audiobuch und BookTok6 von vornherein mit Missmut begegnet und gewisse Genres geringschätzig ansieht, der vergisst vor allem eins: nämlich, dass Lesen auch der Unterhaltung dienen soll.

Und wir hoffen natürlich auch, Ihnen mit diesem Dossier Unterhaltung bieten zu können. Hier schon mal einen kleinen inhaltlichen Überblick: 

Christine Schiltz und Aliette Lochy machen den Einstieg mit dem Artikel „Le cerveau lecteur“, in welchem sie erklären, welche Auswirkungen das Lesen auf das menschliche Gehirn hat.

Anschließend gibt Laurence Brasseur einen Einblick in die Lesegewohnheiten der Einwohner und Einwohnerinnen Luxemburgs und veranschaulicht das Lesen als eine Praxis im Wandel.

Inge Orlowski berichtet in ihrem Beitrag „Lesestoff aus Luxemburg“, wie es um die Aktivitäten der Luxemburger Verlage bestellt ist und welche Chancen und Herausforderungen der Büchermarkt hierzulande bietet.

Im Anschluss können Sie etwas über die Ausstellung erageluusst des Centre national de littérature erfahren. Zum 30-jährigen Jubiläum stellt das Luxemburger Literatur­archiv seine zahlreichen Aktivitäten vor.

Heinz Günnewig und Romain Sahr beschreiben, wie „Literatur als Grundlage für Wissen, Willen und Weisheit“ dienen und schon von Kindesalter an für die Entwicklung von Empathie und Kritikfähigkeit ausschlaggebend sein kann.

Christian Reidenbach schreibt über das Phänomen des Lesens in der regressiven Moderne und argumentiert, dass im digitalen Zeitalter das tiefe Lesen zur Kompetenz der Wenigen zu werden riskiert.

Im Artikel „Transatlantische Überlegungen zur Zensur, Lese- und Schreibfreiheit“ zieht Yannick Lambert einen Vergleich zwischen den Vereinigten Staaten und Europa und zeigt nicht nur auf, was wir lesen, sondern auch was wir nicht lesen.

Ulrike Bail bringt in „Gedichte entfesseln“ dem Leser nahe, was ein Gedicht ist, was die Poesie bewirken kann und wieso man sie lesen sollte.

Jean-Marie Weber hat in „Hoffnung braucht Imagination und Kinder brauchen Märchen“ die bekannte Geschichte des Schneewittchens aufgegriffen und es sich aus einer psychoanalytischen Perspektive angesehen.

Dann hat forum noch mit den drei „Berufsleser*innen“ Maike Edelhoff, Amaru Flores Flores und Inge Orlowski vom Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) über das Lektorat in Luxemburg gesprochen.

Zu guter Letzt erfahren Sie, welche Bücher Luxemburger Autorinnen und Autoren lesen: Amélie Vrla, Robert Weis, Elise Schmit, Chris Lumu, Corina Moscovich und Màxim Serranos Soler geben Ihnen Lesetipps.

Genug des Vorworts… An dieser Stelle wünsche ich Ihnen: Viel Spaß beim Lesen!  


Naomi Berrend hat deutsche -Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und ist Redaktionskoordinatorin bei forum.


1 https://www.thetimes.com/uk/get-britain-reading/article/how-bedtime-stories-synchronise-your-childs-brain-with-yours-vc3b2mfp8

2 Hans Magnus Enzensberger, „Lob des Analphabeten“, in: Die Zeit, Nr. 49, 1985.
http://www.zeit.de/1985/49/lob-des-analphabeten 

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Phaidros#Die_Bewertung_der_M%C3%BCndlichkeit_und_der_Schriftlichkeit 

4 Gerhard Falschlehner, Die digitale Generation: Jugendliche lesen anders, Wien/Berlin, Carl Ueberreuter Verlag, 2014.

5 Maryanne Wolf, Schnelles Lesen, langsames Lesen: Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen, Penguin Verlag, 2019. 

6 Subcommunity rund um Bücher und Lesen auf der Social Media-Plattform TikTok.

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