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Konventionell denken alle Religionen, die Götter seien mächtiger als die Sterblichen. Alle konventionellen Götter sind eifersüchtig darauf bedacht, das Geheimnis ihrer Macht den Sterblichen vorzuenthalten. Die Sterblichen können nur in die Gunst der Götter kommen, wenn sie sich vor den Unsterblichen erniedrigen, die Grösse der Allmächtigen anerkennen. Wer es wagt, in die göttliche Sphäre einzudringen, wird fürchterlich bestraft, wie Pronetheus, der den Göttern das Feuer raubte, um es den Menschen zu bringen.

In der echten christlichen Überlieferung ist es ganz anders. Da öffnet der einzige Gott ganz unkonventionell seinen Himmel und lässt sein Feuer auf Menschen fallen. Nicht um sie zu verbrennen, oder um sie damit ihre Suppe kochen zu lassen. Sondern damit sie an seinem eigenen Leben teilhaben. Sein Leben ist Feuer, um Dunkles zu erhellen, um Starres biegsam zu machen, um Erfrorenes aufzutauen, um Totes lebendig zu machen.

In der echten christlichen Überlieferung gibt Gott den Menschen nicht irgendein Leben dritter oder vierter oder noch minderer Qualität, sondern sein eigenes, seinen eigenen Geist. Schon die Bibel der Juden (von Christen gerne ‚Altes Testament‘ genannt) erzählt, dass Gott den Menschen erschuf nach seinem Bild. Der Mensch soll nicht, wie in den heidnischen Göttersagen, Gottes Lakai sein, dazu bestimmt, mit Opfern den göttlichen Tisch zu decken, sondern Gottes Kind, ein Geschöpf, in dessen Adern Gottes eigenes Leben pulsiert.

In der echten christlichen Tradition wird darum von keinem Menschen verlangt, sich dauernd zu demütigen, um Gottes Verlangen nach Selbstbestätigung zu erfüllen. Erst recht wird nicht verlangt, dass die Menschen Gott dauernd am Rockzipfel hängen wie unmündige Kinder, die immer wieder dies und das erbetteln müssen, die ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Ganz im Gegenteil: der unkonventionelle Gott der Bibel ist nicht derjenige, der mit Hilfe seiner Allmacht das tun soll, wozu der Mensch selbst zu faul oder zu einfallslos ist. Gerade dies ist der Sinn des Pfingstfestes: ungebeten gibt Gott seinen Geist, dass der Mensch lerne, die Schöpfung so zu beherrschen, dass sie zur Freude aller Geschöpfe werde.

Schon in der Bibel der Juden ist es ein Zug Gottes dass Er es ist, der die Initiative ergreift, die Menschen aus den Knechtschaften zu befreien, in die er sich immer wieder verstrickt. Unüberbietbar wird dieser Zug offenkundig in der Person jenes Menschen, von dem die Christen behaupten, er sei der Sohn Gottes, der Mensch ist. Gerade an Pfingsten wird von Gott her die Person des Christus relativiert, der ganz bestimmt keinen Wert auf Personenkult legt. An Pfingsten wird offenbar, dass der Geist Gottes in seiner Fülle nicht auf die historische Person des Jesus beschränkt ist. Er ist ein Geist, der überall dort zum Vorschein kommt, wo Menschen in ihrer Zeit und in ihrer

Umgebung das tun, was der Jesus damals in seiner Zeit und in seiner Umgebung getan hat.

Es hat darum keinen Sinn, Gott zu bitten, er möge den Hungrigen Brot geben. Das einzige, was Gott uns geben kann, ist sein Geist. Mehr hat er nicht. Sein Geist ist darum auch die einzige Gabe, um die wir ihn bitten können. Wenn wir ehrlich darum bitten, wird uns klar, dass es an uns ist, zunächst die Produktion all jener Dinge einzustellen, welche die Brotproduktion in Frage stellen. Das ist wieder nicht denkbar, wenn wir uns Feindbilder einreden lassen, die uns Angst machen. Da wir aus Angst ja dann wiederum bereit sind, jene gewähren zu lassen, die uns Sicherheit mit Hilfe von Massenvernichtungsmittel versprechen. Angst und Gottes Geist sind unvereinbares Gegensätze. Vertrauen und Gottes Geist sind gleichbedeutende Wörter. Lassen wir uns um Gotteswillen doch nicht entmutigen mit dem Slogan, Vertrauen sei naiv. Durchschauen wir doch die Behauptung, unsere ‚Gegner‘ seien Feinde Gottes. Lassen wir uns doch überzeugen, dass der wirkliche Gott sich nicht auf Ost oder West, auf Süd oder Nord festlegen lässt. Sondern dass er der Vater aller Menschen sein will. Durchschauen wir doch die Masche, Vertrauen sei naiv. Erkennen wir denn nicht im Geist Gottes, dass infantil schlimmer ist als naiv. Es ist aber regelrecht infantil, immer wieder zu sagen: ‚die andern wollen nicht … die andern haben aber doch auch …‘ So reden Unmündige. Probieren wir’s doch mal mit Vertrauen. Zeigen wir doch Vertrauen. Nur Vertrauen weckt Vertrauen. In diesem Versuch steckt Gottes Geist drin. In der Tat, ein unkonventioneller Geist. Denn die konventionellen Götter sind immer Stadt- oder Staatsgötter gewesen. ‚Gott mit uns‘ ist ein heidnischer Spruch, wenn eine Nation Gott für sich beansprucht. Genau so heidnisch ist der Anspruch einer Nation, die erste, die tüchtigste, die grösste zu sein. Ein derartiger Anspruch wird nicht von dem Gott Jesu Christi gedeckt.

Die konventionellen Götter wurden immer in Königen inkarniert. Der unkonventionelle Gott ist inkarniert umgeben von Armen, Ohnmächtigen, Schutz-

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und Wehrlosen. Bei den Regierten kam er zur Welt und lebte er. Von den Regierern wurde er zu Tode gebracht. Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Das müsste den Regierten Mut machen, die Regierer zur Vernunft zu bringen. Deshalb sollten die Regierten Gott nicht bitten, die Regierer zur Vernunft zu bringen. Und wenn sie es trotzdem tun, dann wird Gott ihnen zur Antwort geben, was längst bekannt ist. Kein anderes Wort Gottes wird uns gegeben als das, was gegeben ist: ‚Euretwegen habe ich meinen Erstgeborenen nicht geschont‘, ‚er ist

mein lieber Sohn, auf ihn hört!‘ ‚meinen Geist habe ich in eure Herzen gelegt‘, ‚Benützt also euren Geist, der mein Geist ist. Und daran werdet ihr erkennen, dass es mein Geist ist: wenn ihr Gedanken des Friedens und des Vertrauens, des Schenkens und der Versöhnung denkt, dann ist es der Geist eures Vaters, der in euch denkt. Dann widersteht diesem Geist nicht! Tut seine Gedanken. Lasst ihn in euch ausdenken. Realisiert seine Pläne. Und eure Erde beginnt, Gottes Reich zu werden.‘

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