Eine gefährliche Organisation

Zur Kritik am diesjährigen Friedensnobelpreis

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"Wir … fordern das Nobelpreiskomitee auf, den Preis nicht an Dr. Tschasow zu übergeben." In einer Sprache, die komischerweise eher an die üblichen Sowjettiraden gegen vergangene Entscheidungen des Friedensnobelpreiskomitees erinnerte, protestierten 11 Präsidenten christdemokratischer Parteien aus Europa gegen die Vergabe des diesjährigen Preises an die von Dr. Bernard Lown (USA) und Dr. Jewgeni Tschasow (UdSSR) präsidierte Vereinigung "International Physicians for the Prevention of Nuclear War" (IPPNW). Als Hauptargument galt ihnen – und sie waren keineswegs allein –,

daß Dr. Tschasow, auch Vizegesundheitsminister der UdSSR, mitverantwortlich ist am traurigen Schicksal, das die Sowjetregierung seit Jahren dem Regimekritiker Andrei Sacharow bereitet. Eine Motivation, die sicher Anerkennung und Zustimmung verdient.

Doch der unabhängige Beobachter kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier der arg von seiner Regierung geschundene Sacharow für völlig andere Zwecke mißbraucht wurde. Der Friedensnobelpreis ist nämlich nicht Dr. Tschasow, den auch wir nicht

zu verteidigen vorhaben, vergeben worden, sondern an die IPPNW. Und von dieser Vereinigung ging wegen des inszenierten Rummels um Tschasow und Sacharow in der Weltpresse (inklusiv der Luxemburger Presse) verdächtig wenig die Rede!

Die IPPNW wurde geehrt, weil sie heute die einzige blockübergreifende Friedensbewegung ist – eine Organisation, die man vor Jahren noch für undenkbar gehalten hätte. Ärzte aus beiden ideologischen Lagern finden sich zusammen, weil sie sich einig wurden, daß bei allen Bedrohungen, denen die Menschheit heute ausgesetzt ist, der Gefahr, die vom Atomwaffenpotential ausgeht, absolute Priorität in der Therapie zukommt. In beiden Lagern wurden selbstverständlich noch weitere Gefahren für die Menschheit ausgemacht, aber über diese fanden sie keine gemeinsame Meinung, und sie waren sich einig, daß ihnen nicht dieselbe Dringlichkeit zukomme. Nur durch diese thematische Selbstbescheidung war eine gemeinsame Arbeit über die Blockgrenzen hinweg möglich. Ein Einverständnis mit anderen Aktivitäten ihrer Mitglieder bedeutet das keineswegs.

Daß dieses Verdienst Widerstand erregen würde, war ihnen wohl auch klar. Doch manchmal verlangt die Wirksamkeit im Einsatz für eine bestimmte Sache ein Zurückstehen in einer anderen, weniger prioritären Sache. Selbst die Luxemburger Sektion mußte schon Leute enttäuschen, die ihre Mitarbeit z. B. im Kampf gegen das AKW Cattenom oder für die Menschenrechte in Südafrika oder Afghanistan gewinnen wollten. Wenn die IPPNW (auch in Luxemburg) ihr Friedensziel erreichen will, muß sie von kontro-

versen Themen, die nicht zu ihrem Ziel gehören, absehen. Das wird keineswegs heißen, daß die Frage der Menschenrechte unberechtigt sei, denn erstens ist ein Friede ohne Menschenrechte kein Friede, sondern Friedhofstille, und zweitens müssen auch die engagiertesten Menschenrechtler anerkennen, daß Menschenrechte in einer Welt ohne Frieden nicht herstellbar sind.

Wenn aber nun solche Kontakte im Dienste des Friedens über die Blockgrenzen hinweg als "Werkzeug der Politik des Kreml" (er, in: LW, 11.12.85) verunglimpft werden, dann muß man doch fragen, was solche Kritiker denn erwarten. Träumen sie etwa von der urplötzlichen Herstellung aller Menschenrechte, ohne daß vorher Menschen von beiden Seiten sich begegnet seien? Ich werde den Eindruck nicht los, daß der implizite Maximalismus in solchen Kritiken eigentlich nur dazu dient, ein Aufweichen des Blockdenkens, wie es in der Logik der IPPNW liegt, zu verhindern. Wenn da Ärzte (und bald Ingenieure, Professoren … Bürger) aus Ost und West wieder miteinander reden, und gar über Mittel zur Sicherung des Friedens, droht das Feindbild, mit dem die Machthaber in West und Ost das Volk bei der ideologischen Stange halten, in Frage gestellt zu werden. Dies ist unerwünscht, also muß die IPPNW diskreditiert und von ihr abgelenkt werden!

Daß am selben 9.12.1985 400 (vierhundert) US-Geschäftsleute zwecks Kontaktaufnahme nach Moskau reisten, hat kein Politiker und kein Journalist im Westen kritisiert: Geldgeschäfte sind weniger gefährlich als Friedensgespräche!

m.p. (15.12.85)

Telegramm, das Kardinal Casaroli namens des Papstes dem 5. Kongress der IPPNW in Budapest zukommen liess:

"Als Männer und Frauen, die dazu da sind, menschliches Leben zu bewahren und zu schützen, können Ärzte in aller Welt einen grossartigen Beitrag zur Verhinderung eines Atomkrieges leisten, indem sie vor allem das Bewusstsein ihrer Weltmitbürger schärfen und vor den unheilvollen Folgen eines nuklearen Konflikts warnen. Ihre Heiligkeit ermutigt die Mitglieder dieses Kongresses, ihre Anstrengungen auf diese für die Zukunft der Menschheit lebenswichtige Aufgabe zu konzentrieren".

in: IPPNW-Report, Oktober 1985

"Die Organisation war schon bisher Instrument der sowjetischen Politik. Ihre Finanzen sind undurchsichtig – um es milde auszudrücken. Dazu kommt ihre einäugige Vorgehensweise. Kritisiert wird, was aus dem Westen kommt. Der Osten wird fast immer ausgeklammert oder verharmlost. Sachlich gesehen ist dieses Ärztekomitee nichts als ein verlängerter Arm des sowjetisch beherrschten Weltfriedensrates, der sich immer mehr als das wesentlichste Instrument der Desinformation und der Propaganda der KPdSU erweist. (…)

Nach der Verleihung des Nobelpreises an Herrn Tschasow und an die von ihm geführte Organisation sollte man sich eigentlich ernstlich überlegen, ob nicht doch noch Pol Pot und Idi Amin für diese Ehrung in Frage kämen."

Otto Habsburg
in: LW, 6.12.1985

"Das Nobelpreis-Komitee hat ohne Zweifel auf eine beschämende Art und Weise versagt. (…) Es hat sich selbst und den einst hochgeschätzten Preis entwürdigt. (…) Die Kritiker sind sich darin einig, dass, solange die IPPNW-Organisation sich nicht von dem sowjetischen Funktionär an ihrer Spitze trennt, die Vereinigung bewusst oder unbewusst als ein Werkzeug der Politik des Kreml gelten muss, was auch immer die Ärzte anderswo behaupten mögen."

er, in: LW, 11.12.85

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