Hermann Josef Venetz: „So fing es mit der Kirche an.“

Ein ungewohnter Blick in das Neue Testament

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Ein ungewohnter Blick in das Neue Testament

Dieses spannend geschriebene Buch handelt von den Anfängen der Kirche, wie sie im Neuen Testament geschildert werden. Im Zentrum steht die Frage nach Kirche und Amt. Dabei bekommt der Leser ein lebendiges Bild über die Entstehung des Neuen Testaments und über die historischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen diese Schriften entstanden sind. Zur Information und Weiterbildung, besonders für Nicht-Theologen, ein Arbeitsbuch für kirchliche Gruppen, zu Fragen der Bibel, der kirchlichen Strukturen und Ämter.

Wir Katholiken sind gewohnt, uns vorzustellen, Jesus habe seine Kirche bis in die kleinsten Details geplant. Und er habe auf diesen Plan den Stempel "UNABÄNDERLICH" aufgedruckt. Wir Katholiken sind jene Christen, die es sich in den Kopf gesetzt haben, einzig und allein die römisch-katholische Kirche sei in allen Punkten diesem unabänderlichen Plan treu geblieben. So sind wir zu denken gewohnt, denn so hat man uns belehrt.

Zwar gibt es auch im katholischen Raum seit etlichen Jahrzehnten Theologen, die wissen, dass das so nicht stimmt, dass ein solcher unabänderlicher Kirchenbauplan nie existierte. Doch aus Angst, das Kirchenvolk zu verunsichern, blieb das Wissen um den nicht existierenden Kirchenbauplan den Eingeweihten vorbehalten. Nun tritt der Bibelwissenschaftler Hermann-Josef Venetz, seines Zeichens Professor für neutestamentliche Exegese an der theologischen Fakultät der Universität Fribourg, vor und schreibt im Vorwort seines Buches: "Es ist nicht … einzusehen, warum Erkenntnisse, die für den Bibelwissenschaftler bereits zu den Gemeinplätzen zählen, nicht auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten."

Der Buchtitel "So fing es mit der Kirche an" hat mich gereizt, das Inhaltsverzeichnis durchzublättern. Und siehe da! Für ein Buch mit 255 Textseiten ist das Inhaltsverzeichnis erstaunlich lang: 201 Überschriften. Die Abschnitte sind also nicht lang. Man hat ihren Anfang noch nicht vergessen, wenn man am Ende angekommen ist. Einige dieser Überschriften haben mich bewogen, das Buch zu kaufen. Zum Beispiel: "Keine Inthronisation, aber Anerkennung der Fähigkeiten und Begabungen", oder "Rechte" und "Linke" gab es schon damals", oder "Keine Gemeinde ohne Amt- kein Amt ohne Gemeinde" … Und dann habe ich das Buch gelesen. Ganz. Für mich, den halbwegs Eingeweihten, enthielt es nichts Neues. Doch die Art und Weise, wie Venetz sein Wissen an den Mann bringt, ist erfreulich. Das ist keine billige Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern solide Arbeit. Und dennoch lesbar für jeden, dessen Lesetätigkeit sich nicht im Durchblättern von Illustrierten erschöpft.

Nachdem der Autor in einem sehr kurzen 1. Teil anhand des Markusevangeliums die Person des Jesus skizziert, durch den "der Stein ins Rollen kam", wird im 2. Teil -erstaunlich für einen Bibelwissenschaftler- die "Je-

susbewegung soziologisch gesehen". Genau in diesem 2. Teil kommt das Hauptanliegen des Buches zum Tragen: dass nämlich auf einem je anderen "Resonanzboden", also auf einem ökonomisch, gesellschaftlich, politisch (und religiös) jeweils anders strukturierten Umfeld die gleiche Jesusmelodie eine jeweils andere Klangfarbe annahm. Damals schon, als es "mit der Kirche anfing", kannten die Evangelisten neue Interpretationen. "Korinth ist nicht Pälestina", und "Tokio ist nicht Flamatt". Man darf ruhig weiterdenken: "Düdelingen ist nicht Hüpperdingen" und "Stadtgrund ist nicht Belair".

Zwar ist jede Kirche, von der wir im neuen Testament lesen, strukturiert, doch nirgendwo gibt es ein "hierarchisches Modell". "Alle sind in Pflicht genommen", "doch die einen sind geschickter als die anderen". So gab es überall Ämter, doch sie stehen alle im Dienst des "klaren Auftrags", nämlich die Jesusmelodie auf dem jeweils verschiedenen "Resonanzboden" vernehmbar zu machen.

Im 3. Teil werden der Epheserbrief, das Matthäusevangelium, das Lukasevangelium sowie die Pastoralbriefe auf ihren Resonanzboden abgeklappt. Eine Exegese wird geboten, die wohl nicht jedem katholischen Exegeten gefallen wird. Doch das kann man vom ganzen Buch sagen. Allzuviele Exegeten sind allzustark dem verhaftet, was in der katholischen Kirche seit anderthalb Jahrtausenden pausenlos wiederholt wird. Das Buch des Hermann-Josef Venetz ist ein mutiges Buch.

Im letzten Teil des Buches warnt der Bibelwissenschaftler davor, nur jene Ämter gelten zu lassen, die es im neuen Testament bereits gibt, andererseits dürfen die Episkopen, Presbyter und Diakone des neuen Testaments nicht mit unsern heutigen Bischöfen, Priestern und Diakonen verwechselt werden. "Die Bibel ist kein Alibi", das uns die Verantwortung abnimmt oder die Phantasie abschaltet, "aber auch kein Rezeptbuch", auf das sich alle möglichen Leute berufen können, um "alle möglichen und unmöglichen Veränderungen" vorzunehmen.

Das Buch ist für Nichttheologen, die unter der Kirche leiden, eine wertvolle Hilfe, sie (wenigstens teilweise) von ihrem Leiden zu befreien, sie zu ermutigen, auf ihrem jeweiligen Resonanzboden die Jesusmelodie hörbar zu machen. Auch jenen Jugendlichen, die

sagen:"Jesus? Ja! -Kirche? Nein!" würde ich die Lektüre des Buches empfehlen, denn es lässt sie ihren Slogan durchschauen: die Sache Jesu ist nämlich – die Kirche. Und die Kirche ist die Sache Jesu.

Jupp Wagner

Hermann Josef VENETZ, So fing es mit der Kirche an. Ein Blick in das Neue Testament, 283 S., Benziger Verlag, Zürich 1981, ISBN 3 5423038 4

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