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Bei Gelegenheit der Pfarratswahlen die in den kommenden Wochen allerthalben stattfinden, schrieb Jupp Wagner das 4. Kapitel des 1. Korintherbriefes neu.

Seit Kaiser Konstantin hat sich ein Herrschertum über die Kirche ausgebildet. Auch euch hat man es so gelehrt, dass es in der Kirche einige gibt, die herrschen und alle andern haben zu gehorchen. Ja, seit ich im Jahre 54 nach der Geburt des Messias Jesus meinen Brief an die Christengemeinde von Korinth geschrieben habe, hat sich vieles verändert in den Kirchen. Damals musste ich ein paar Leute zurechtweisen, die sich als Herren der Gemeinde aufspielten, die vergessen hatten, dass keine Gemeinde -heute würdet ihr sagen: keine Pfarrei- einen andern Herrn hat, als Jesus den Christus. Das ist auch heute noch so. Weder Papst, noch Bischof, noch Pfarrer sind Herren der Kirchen. Damals, als die gute Nachricht vom Jesus durch mich unter die Völker gebracht wurde, waren die Gemeinden, welche diese Nachricht aufnahmen, arm und klein, ohne Pfarrkirchen und ohne Kathedralen. Heute sind die Kirchen grosse Organisationen geworden. Da liegt die Gefahr sehr nahe, dass Kirchenbeamte, angefangen von der Telefonzentrale bis zum Generalvikar eine Bedeutung erlangen, die sie gar nicht haben dürften. Das Wort von der Ohnmacht der Bürger, das bei euch zirkuliert, gilt leider auch von den Kirchen. Doch unter euch sollte es nicht so sein. Nicht einige wenige sollten Einblicke haben, welche der grossen Majorität vorenthalten bleiben. Sonst bekommt das Kirchenvolk den Eindruck: wir verstehen ja doch nichts davon, das überlassen wir lieber denen da oben. Es gibt kein unten und kein oben in den Kirchen des Jesus. So mögen die Zivilgemeinden denken. Dort mögen Minister und Bürgermeister die Bürger zur Ohnmacht verdammen mit ihren Beschlüssen, die sie den Bürgern als letzte Weisheit auferlegen. Unter euch soll es nicht so sein. Gerade dann, wenn es bei euch nicht so wäre, könntet ihr für Ministerien und Schöffenkollegien Zeichen und Vorbild sein dafür, dass es auch anders geht.

Ihr habt Bischöfe und Pfarrer. Die haben einen Dienst in euren Kirchen. Ich lege den Akzent auf die beiden Worte: einen Dienst, nämlich einen unter den vielen Diensten, die in einer Kirche zu leisten sind. Einen Dienst, denn sie sind ja nicht die Herren der Kirchen, wie ich schon geschrieben habe. Ihr Dienst besteht darin, darüber zu wachen, dass nicht über das Fundament hinausgebaut wird, das gelegt ist. ‚Nicht über Jesus Christus hinaus!‘ Kein Bischof und kein Pfarrer hat das Recht, euch Lasten aufzulegen, die über das hinausgehen, was Jesus uns allen aufgelegt, was ihr freiwillig bei eurer Taufe übernommen habt. Aber ich muss mich hier verbessern: Jesus legt uns keine Lasten auf. Er ist unser aller Diener geworden. In ihm zeigt sich die Torheit Gottes, die weiser ist als die Wahrheit der Menschen. So seid selber Toren

Gottes, seid einer der Diener der andern, seid gemeinsam Diener an euren Brüdern, die den Jesus noch nicht kennen, oder die ihn vergessen haben.

In diesem Zusammenhang möchte ich euch noch etwas sagen. Es ist nicht ganz anständig von euch, dass ihr das, was die ‚Herren‘ euch sagen, passiv über euch ergehen lasst, dass ihr sie einfach ihre Dekrete proklamieren lasst, und dann zur Tagesordnung übergeht. Ihr habt Verantwortung für eure ‚Herren‘. Fragt sie doch einmal, auf welches Herrenwort sie sich berufen, wenn sie euch Lasten auflegen, die ihr nicht tragen könnt. Seid ehrlich gegen eure ‚Herren‘. Das ist ein Dienst, den ihr ihnen erweisen solltet. An euch ist es gegebenenfalls, sie darauf hinzuweisen, dass nur das gilt, was wir alle vom Herrn Jesus empfangen haben.

Damals, vor jetzt 1927 Jahren, konnte ich meinen Freund Timotheus nach Korinth schicken, um diejenigen die sich dort als Herren und Wichtigtuer aufspielten, in ihre Schranken zu weisen. Heute kann ich das nicht mehr. Ihr aber könnt profitieren von den Erfahrungen einer zweitausendjährigen Kirchengeschichte. Wenn die Kirchen falsche Wege gegangen sind, dann war das zumeist die Schuld der ‚Herren‘. Und wenn die Kirchen auf den Weg Christi zurückfanden, dann war das zumeist das Verdienst einfacher Manner und Frauen in den Kirchen. Franz von Assisi im 13. Jahrhundert, Mutter Theresa in euren Tagen. Aber drückt jetzt um Gotteswillen der Mutter Theresa keinen Scheck in die Hand in der Meinung, damit hättet ihr das eure getan. Schecks werden wohl demnächst sowieso seltener. Das ist auch gut so. Beschämt nicht die Armen mit eurem Geld. Werdet vielmehr selber arm. Übt die Torheit Gottes, die weiser ist, als die Weisheit der Menschen. Ihr sagt: ‚Zeit ist Geld.‘ Gut, so schenkt Zeit, nehmt euch Zeit. Zeit für einander. Wie der Christus Jesus, der sich ein Leben lang Zeit genommen hat für euch, für uns alle.

Jupp Wagner

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