Kultur — eine Frage von Qualität und Preis

Zu einem Rundtischgespräch von "spektrum 87"

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Zu einem Rundtischgespräch von "spektrum 87"

In den letzten Jahren ist "forum" außer in mehreren aktuellen Beiträgen in zwei Dossiers auf die Situation der Kulturschaffenden in Luxemburg eingegangen (Nr. 107/1988: Künstler; Nr. 123/1990: Literaten). Die hier aufgeworfenen Probleme standen allesamt auf der Tagesordnung eines Rundtischgesprächs, das die der LSAP nahestehende Vereinigung ’spektrum 87′ am 16.5.1991 im Kapuzinertheater organisiert hatte. Am runden Tisch saßen neben den beiden Moderatoren Marc Zanussi und Conny Scheel Premier- und Kulturminister Jacques Santer, der Escher Bürgermeister François Schaack, der hauptstädtische Kulturschöffe Pierre Frieden, Theaterdirektor Marc Olinger sowie zwei Vertreter des "Syndicat des artistes-interprètes de France". Fast 200 Kulturschaffende – Maler, Bildhauer, Stückeschreiber, Schauspieler, Sänger, Musiker, Tänzer, … – füllten das Parterre des Kapuzinertheaters. Von der personellen Zusammensetzung her hätte es eine große Auseinandersetzung über Kulturpolitik in Luxemburg werden können. Doch das Ergebnis sei vorweggenommen: Die Politiker ließen den Abend scheitern. Ihre "langue de bois", ihre unverbindliche Redensweise, die alles erhoffen läßt, aber nichts Konkretes verspricht, führte, wie Josy Braun im "tageblatt" schreibt (18.5.1991), zum "Frontalzusammenstoß zwischen Politik und Kunst".

Leitthema war das Jahr 1995: In vier Jahren soll Luxemburg Europas Kulturhauptstadt sein. In Kopenhagen, dem 1996 diese Ehre zuteil werden soll, haben die Vorbereitungen schon begonnen. In Luxemburg ist außer in Sonntagsreden kaum etwas davon zu hören. Die Kulturschaffenden wollten wissen, ob sie denn nicht in die Planungen einbezogen würden. Kulturminister Santer hatte darauf drei Antworten parat: Erstens habe die Regierung eine Fachkommission ins Leben gerufen hat, der allerdings nur Beamten angehören, die für den Staatshaushalt 1992 einen ersten Finanzplan vorlege, aufgrund dessen erst die Künstler um ihre Meinung gebeten werden können. Zweitens vermisste er schon lange eine repräsentative Organisation der Künstler in Luxemburg, mit der er verhandeln könne; trotz mehrerer Ansätze nach dem Krieg seien alle derartigen Versuche außer dem "Lëtzebuerger Schrëftstellerverband" (LSV) gescheitert. (Santer läßt nichtsdestoweniger auch die Briefe des LSV jahrelang unbeantwortet.) Drittens habe man auch in Glasgow nur zweieinhalb Jahre lang vorbereitet, und die dortigen Organisatoren stehen der Luxemburger Regierung beratend zur Seite. Es half nicht viel, daß Marc Olinger den Minister daran erinnerte, daß man Kunst nicht nur mit Geld und Neubauten macht, da Kunst immer nur von Menschen stammen kann. Einer der talentiertesten Luxemburger Nachwuchsmaler verließ als erster entnervt den Saal: "Här Santer, ech hun d’Flemm!"

Einen echten Tumult provozierte Pierre Frieden, dessen Senilität offensichtlich krankhafte Ausmaße angenommen hat und der nur noch wie ein Automat hohle Phrasen zu klopfen imstande ist. Von einem Luxemburger Opernsänger als "Kultur-Mumie" apostrophiert wußte er nicht einmal eine Antwort auf die Frage, warum im Theater am Rond-Point Robert Schuman keine Luxemburger Operntruppe auftreten darf.

Dem Escher Bürgermeister erging es nicht besser. Auf den guten Willen angesprochen, der sowohl von Regierungsseite als auch von den Aktiven der "Kulturfabrik" in den letzten Monaten an den Tag gelegt wurde, um das Escher "Schluechthaus" nach zehn Jahren Bewährung endlich zu sanieren, d.h. die dringend notwendigen Reparaturarbeiten durchzuführen und den organisatorischen Fortbestand zu garantieren (vgl. "forum", Nr. 123/1990), faselte er von fehlenden juristischen Strukturen und von privaten Firmen (er nannte eine Produktionsfirma für Zeichentrickfilme), die er hier installieren möchte. Vor Jahren war es eine Tankstelle gewesen. Hauptsache ist wohl, es sind nicht diejenigen, die seit zehn Jahren beweisen, daß es auch außerhalb der offiziellen Schienen Kulturbahnhöfe gibt.

Viel Applaus ernteten die Vertreter der französischen Gewerkschaft, als sie auf eine Zuhörerfrage hin mitteilten, daß in Frankreich Gemeindeverwaltungen Straßenkünstlern einen Saisonvertrag geben, um zur Animation beizutragen, während in Luxemburg solche ambulante Künstler eine Genehmigung brauchen, um höchstens während drei Wochen in den Straßen der Hauptstadt etwas Geld verdienen zu dürfen, wenn Wetter und Passanten wohlgesinnt sind.

Nicht weiter thematisiert wurden die Entlohnungspraktiken für Künstler durch private Auftraggeber in Luxemburg. In Frankreich, so die beiden Gewerkschaftler, gibt es Tarifverträge, an die jede Rundfunk- oder Fernsehanstalt sich als Minima halten muß. Sowohl die Luxemburger Tages- und Wochenzeitungen als auch RTL tun hingegen meistens so, als habe der Künstler es dankbar als Ehre anzusehen, überhaupt dort auftreten zu dürfen; finanzielle Forderungen sind also keine zu stellen, das zu versteuernde Entgelt ist kritiklos entgegenzunehmen, falls ein weiterer Auftritt nicht durch Selbstverschulden vereitelt

"Här Santer, ech hun d’Flemm!"

werden soll. Entsprechendes gilt im übrigen von den privaten Galerie-Besitzern in bezug auf darstellende Künstler.

Die Nachteile des Amateurismus

Hier wirkt sich m.E. ein Nachteil des quantitativ starken Amateurismus bei den Luxemburger Kulturschaffenden aus. Andere Bedingungen sind nur zu erreichen, wenn starke Berufsorganisationen den Auftraggebern bessere Tarife abtrotzen können. Solche Organisationen – das zeigt sich auch im LSV – sind aber nicht stark, weil bei uns die wenigsten auf solche (Zusatz-)Einkommen aus kulturellem Schaffen angewiesen sind und daher auch mit niedrigen, lies symbolischen Honoraren einverstanden sind. Die zahlreichen Amateure verhindern so, daß auch die wenigen Profis besser verdienen. Der Ausweg kann nur darin bestehen, daß die Berufsorganisationen auch den Amateuren zur Auflage machen, nur zum Mindesttarif in Zeitungen oder Sendungen mitzuwirken. Nur die Fotografen haben meines Wissens solche Maßstäbe für professionelles Schaffen bislang durchsetzen können. Dann werden einige Herausgeber zwar nicht mehr bereit sein, alle Beiträge zum starken Preis zu drucken oder zu senden; m.E. kann das aber nur der Qualität förderlich sein. Geld ist wohl der einzige Maßstab, mit dem unsere Gesellschaft Qualität anerkennt. Solange Künstler oder Wissenschaftler von internationalem Format zum selben niedrigen Preis abgespeist werden können wie Sonntagsmaler, Amateurhistoriker oder Dorftheaterautoren wird sich in Luxemburg keine qualitative Unterscheidung durchsetzen lassen. Und beim breiten Publikum – dazu gehören leider auch verantwortliche Politiker – formt die Masse der Amateure Geschmack und Wissen. Daher ist Provinzialität Trumpf in Luxemburg. Zwischen lokalem Amateurismus und ausländischem Elitismus, zwischen der Öslinger Schneelandschaft des Heimatmalers und dem Stararchitekten I.M. Pei ist kein Platz für solide, professionelle Kulturarbeit "made in Luxembourg". Angesichts fehlender Vergleichsmaßstäbe kann weder der Politiker noch der einfache Bürger zwischen diesen drei Ebenen unterscheiden. Der Spießbürger verherrlicht sowohl das unerreichbar Fremde als auch den heimatlichen Mief.

Diese Aussage ist nicht einmal abwertend gemeint; es soll nur eine Tatsache zum Ausdruck kommen, die erklärt, warum auf der Kunstszene in Luxemburg Solidarität kaum zu erwarten ist. Marc Olingers Aufruf zur Schaffung einer Künstlergewerkschaft wird m.E. nicht von mehr Erfolg gekrönt sein als die bisherigen Initiativen. Ich bin überzeugt, daß die Künstler 1995 genauso wie die Historiker 1989 reagieren werden. Nachdem Architekt, Schreiner, Sicherheitsbeamten und wohl auch Putzfrauen schon bestellt waren, wurden die Historiker knapp ein Jahr vor der Eröffnung der 150-Jahr-Ausstellung auch um ihre Mitarbeit gebeten. Es fehlte nämlich noch ein Inhalt für die Monstershow, die ein Jubiläum feiern sollte, bei dem es gar nichts zu feiern gab. Und dann werden 1995 die Künstler wie 1989 die Historiker bei allem Ärger und im Rekordtempo ohne Rücksicht auf die Gesundheit und trotz Bedauern über die vertane Gelegenheit, einmal echte Qualität zu bieten, doch das

Beste hergeben und dem Politiker wieder den Eindruck vermitteln, daß man Großereignisse auch im letzten Augenblick planen kann, da es immer noch Idealisten und Narzissen gibt, die auch unter schlimmsten Bedingungen bereit sind, ihr Können unter Beweis zu stellen. Der Unterzeichnete gehörte 1989 auch dazu.

Solchen Amateurismus gibt es selbstverständlich auch im Ausland. Dort bleibt er aber auf die Provinz beschränkt, weil es ein Publikum gibt für höhere, lies teurere Qualität. In Luxemburg besteht sicher auch eine solche Gesellschaftsschicht, nur ist sie zu schmal, um einem ganzen Künstler- und Wissenschaftsfermilieu die Existenz finanzieren zu können.

Das Problem der Entlohnung von Fachkräften aus dem Kulturbereich wird sich dem einleitenden Referat von Conny Scheel zufolge aber in absehbarer Zeit noch auf einen Sektor ausdehnen, auf dem nun tatsächlich eine verstärkte Professionalisierung möglich wird: Die Film- und Fernsehproduktionen werden seit kurzem von der Regierung großzügig gefördert, die Mitwirkenden vor und hinter der Kamera werden aber weit unter den ausländischen Tarifen bezahlt. Hinzu kommt, daß für Luxemburger ohne dies nur Nebenaufgaben übrigbleiben, weil die Produzenten einfach nicht darüber informiert sind, daß es auch in Luxemburg z.B. Schauspieler, Requisiteure, Ton- und Bildtechniker u.a.m. gibt. Conny Scheel forderte daher nicht nur eine Quotenregelung zugunsten Luxemburger Mitarbeiter, sondern allgemein eine zentrale Kartei aller Kulturschaffenden. Sie sollte gekoppelt werden mit einem Archiv über Luxemburger Kunst, das auch Ausländern Informationen über aktuelle Luxemburger Musik, Theater, Literatur, Skulptur, … bieten könnte. Eine Börse für Theaterstücke wäre auch für manchen Dorfverein von großem Nutzen und könnte zu einer notwendigen Erneuerung des Repertoires beitragen.

Schließlich wäre im Luxemburger Schulsystem ein eigener Ausbildungsweg für die Berufe im audiovi-

Carlo Schmitz

Zwischen der Öslinger Schneelandschaft des Heimatmalers und dem Stararchitekten I.M. Pei ist kein Platz für solide, professionelle Kulturarbeit "made in Luxembourg".

suellen Bereich zu schaffen, wenn man verhindern will, daß das "neue industrielle Standbein", das die Regierung in diesem Bereich anstrebt, wieder nur Steuern einbringt, aber keine Arbeitsplätze für Luxemburger schafft, weil wie im Bankenwesen keine Luxemburger Fachkräfte zur Verfügung stehen. Ebenfalls vorgetragen wurde die Forderung nach einer verbesserten Schulbildung in Sachen Kunst und Kultur, die vor allem stärker praxisorientiert sein und Künstler wochenweise in den Schulbetrieb einbeziehen sollte, doch die Antworten der (Gemeinde-)Politiker zeugten wieder von einer so haarsträubenden Unkenntnis – der eine brüstete sich mit den Leistungen von Schultheater (das aber ohne Ausnahme auf private Lehrer(innen)initiativen zurückzuführen ist) und Musikschulen, der andere meinte Kunsterziehung sei erst im Sekundarunterricht möglich! -, daß das Thema schnell fallengelassen wurde.

Hauptstreitpunkt bleibt ohne Zweifel die Schaffung eines Statuts für professionelle Künstler. Kulturminister Santer brachte zwar die positive Nachricht – wohl die einzige dieses Abends -, daß der Regierungsrat beschlossen habe, als er der Fußballnationalmannschaft einen vom Staat bezahlten, jährlichen

Sonderurlaub gewährte, dasselbe Prinzip für Kulturschaffende anzuwenden; ein entsprechender Gesetzesvorschlag gehe noch dieses Jahr auf den Instanzenweg. Was die soziale Absicherung von freischaffenden Künstlern anbelangt, so gab er im Gespräch mit den französischen Gewerkschaftsvertretern unumwunden zu, daß er noch immer nach einer Lösung suche. Kein Problem stellen die angestellten, lohnabhängigen Künstler dar. Insofern waren die Vertreter des "Syndicat des artistes-interprètes de France" nicht die richtigen Gesprächspartner. Doch was wäre zu tun, um etwa einer kranken Bildhauerin während Wochen der Arbeitsunfähigkeit das Einkommen zu garantieren? Santer versprach eine soziale Absicherung, doch kein garantiertes Einkommen.

Wie man angesichts dieser, für manche existentiellen Probleme behaupten kann, "beaucoup des doléances avancées … étaient insignifiantes" – so rh im LW vom 18.5.1991 unter dem abstrusen Titel "Un coût (sic) pour rien" -, kann nur einer verstehen, der überhaupt keinen Draht zur Künstlerszene hat. Dazu gehörten an jenem Abend auch manche Politiker.

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