Macht und Paranoia
Weshalb wir Ausspähung brauchen
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Thierry Simonelli
1. Juncker/Mille: ein Schauspiel mit Uhr
Freitag, 28. Juni, 20:15, Kulturfabrik. Inszenierung: Tom Dockal. Mit Marc Baum und Jacques Schiltz
„It might almost — if one were paranoid enough — seem to be a collaboration here …“
In einer Szene die auch einem talentierten Schriftsteller nicht überzeugender gelungen wäre, mahnt der Leiter des Geheimdienstes seinen Vorgesetzten Staatsminister davon auszugehen, dass heute jeder abgehört werde. Das gelte also auch für ihn, den Staatsminister. Auch er habe ja nicht nur Freunde. Der Geheimdienst selbst sei jedoch solch unzulässigem Ausspähen von politischen Akteuren strikt abgeneigt.
Verschiedene Boulevardzeitschriften, so der Geheimdienstchef, verbreiteten jedoch Gerüchte, genau dies wäre der Fall. Der Chef selber zeichne gar jeden auf, mit dem er sich unterhalte. Derartige Zeitschriften lese er zwar nicht, so der Geheimdienstler, aber er könne seinem vorgesetzten Minister versichern, das sei alles frei erfunden. Solche Spinnereien könnten sowieso nur aus den Fantasien von Möchtegernjournalisten stammen, die der Loyalität redlicher Beamter schaden möchten. Ja, ja, so die Antwort des Ministers, das sehe er ein.
Diese Sätze stammen aus dem tatsächlichen Gespräch über eine vermutliche Aufzeichnung einer Unterhaltung zwischen dem Staatsminister und dem Staatschef. Die Zuschauer wissen, dass der Staatsminister während diesem Aufklärungsgespräch mit Mille über gesetzeswidrige Ausspähung von genau dem wohlwollenden Freund aufgezeichnet wird, der ihn vor versteckten Aushorchern warnt.
Die tragikomische Zuversicht der beiden Gesprächspartner ist atemberaubend. Der Abhörer warnt den ahnungslosen Abgehörten vor versteckten Abhö-
Abhörungen, die jederzeit, auch in diesem Moment, in diesem Büro, laufen könnten. Und der Abgehörte scheint sich nicht einmal zu erträumen, dass er während der Unterhaltung über die Aufzeichnung seiner Abhörungen abgehört wird. Dem populären Fehlschluss$^{2}$ folgend, beteuert dieser immer wieder, dass er nichts „Spannendes“$^{3}$ zu verbergen habe und sich deshalb auch nicht sonderlich an der Abhörung und Aufzeichnung stören müsse.
Die Tragweite der zahlreichen Hinweise, die der Geheimdienstchef in diesem Katz-und-Maus-Spiel gibt, können zur Zeit des Gesprächs noch nicht vom machtsicheren Vorgesetzten verstanden werden. Dass diejenigen, die dich abhören, nicht deine Freunde sind; das aber zeichnet sich bei dieser Unterhaltung immer klarer ab. Das Ich-habe-nichts-zu-verbergen-Argument scheint damit etwas weniger überzeugend. Und in der Welt, die sich im Gespräch der beiden Chefs langsam darstellt, können deine Feinde sich überall verstecken. Sogar hinter dem freundschaftlichen Gesprächspartner, der dich über abhörende Feinde warnt.
Hier dürfte sich dann auch das Unspektakuläre als äußerst spannend für den Späher erweisen, wie es der Geheimdienstchef an einem amüsanten Beispiel darlegt: das Aufgezeichnete kann nämlich auch abgeändert, geschnitten, kopiert und auf interessanteste Weise wieder zusammengefügt werden. Es war vielleicht nicht spektakulär, aber es kann durch Abänderung immer noch spektakulär gemacht werden. Was nicht ist, das kann erschaffen werden; und das gilt folglich auch für die Wahrheit.
Die praktische Logik der geheimen Armeen des Stay-Behind-Netzwerks hat dies überzeugend vorgezeichnet. Zur Grundlage jeder erfolgreichen Angstpolitik gehört, dass die Retter oft die Feinde und Gefahren zuerst erfinden und erschaffen müssen, vor denen sie uns dann schützen.$^{4}$ Diese neuen Geburtshelfer der Wahrheit verhalten sich hier gottähnlich. Aus
„Wenn du bis paranoid wirst“, erklärt der Geheimdienstchef dem Staatsminister, „dann hört es nirgends mehr auf.“
In der paranoiden Erkenntnis ist das noch nicht Erkannte immer nur das versteckte Bekannte. Unter der Sonne der Paranoia gibt es wahrlich nichts Neues. Oder besser: Es darf dort nichts Neues geben. Das Neue provoziert eine unerträgliche Angst, die erst mit der Demaskierung des Vertrauten zur Ruhe kommt.
inkongruenten Informationsklumpen können sie Menschen nach Belieben zusammenstellen um sie dann als Feinde zu bekämpfen. Solche „flüchtig hingemachte Männer“ (P. D. Schreber), eingespannt in das eiserne Gehäuse von bürokratischen Akten und Klassifikationen, bevölkern ihre Welt von Freund und Feind.
Wir haben vielleicht nichts zu verbergen, aber vor welchen Behältern? Was wissen wir über diese freundlichen Helfer, die unser blindes Vertrauen erheischen?
„Wenn du bis paranoid wirst“, erklärt der Geheimdienstchef dem Staatsminister in einer anderen Szene, „dann hört es nirgends mehr auf.“ Das Gegenteil ist jedoch auch wahr. Wenn du paranoid wirst, hört es immer und überall an der gleichen Stelle auf: bei vermeintlichen, verborgenen Feinden die dich umzingeln und auf den richtigen Moment warten, dir zuzusetzen. Wo immer ein Geheimnis fortwährt und wo immer auch eine Maske fällt, dort erscheint der Feind.³ In der paranoiden Erkenntnis ist das noch nicht Erkannte immer nur das versteckte Bekannte. Unter der Sonne der Paranoia gibt es wahrlich nichts Neues. Oder besser: Es darf dort nichts Neues geben. Das Neue provoziert eine unerträgliche Angst, die erst mit der Demaskierung des Vertrauten zur Ruhe kommt. Aus diesem Grund bleibt die berüchtigte Intelligenz der Paranoiker trotz erstaunlichster Einbildungskraft steril. Sie erschöpft sich in der Wiederholung des Immergleichen.
Spätestens an diesem Punkt fragt sich der Zuschauer des Einakters: um was handelt es sich eigentlich in
diesem Gespräch? Um was geht es diesen beiden Behältern? Und was genau behüten sie?
„Die Leute da draußen“, so der Geheimdienstchef, „wären vielleicht schockiert, wenn sie wüssten was wir tagtäglich tun“. Könnte sein. Aber wohl nicht so sehr über die „geheimnisvolle Welt des Geheimdienstes“, wie es der wirkliche Minister später in den Medien formulierte, sondern über die geheimnisvolle Welt alltäglicher Machtpolitik.
2. Macht und Paranoia
„Aber was für Ticker ist ein Poli-Tiker, Woher kommt er, und was will er von der Welt?“⁴
Was folgt ist ein Versuch auf einige der vom Schauspiel aufgeworfenen Fragen zu antworten. Der Begriff der Paranoia sollte hier nicht im psychiatrisch-bürokratischen Sinne verstanden werden. Es handelt sich vielmehr um die Beschreibung einer Weltauffassung oder eines Lebensgefühls, das sich in solchen Szenen noch klarer herausstellt, als es sich im öffentlichen Politikspektakel andeutet.
Man erinnere sich an Lacans Witz über den Unterschied zwischen dem Verrückten und Napoleon Bonaparte: im Gegensatz zum Verrückten hielt sich Napoleon Bonaparte nicht für Napoleon Bonaparte. Die Idee ist vielversprechend, das Beispiel jedoch falsch. Selbstverständlich hielt sich Napoleon Bonaparte für Napoleon Bonaparte. Demgemäß fiele der Unterschied zwischen Machthaber und Paranoiker auch weit geringer aus, als es der Witz annehmen möchte. Solche Gleichsetzung wäre jedenfalls, wenn
man Elias Canettis klassischer Analyse von Macht und Paranoia folgt, zu verallgemeinern. Jeder Machthaber, so Canetti, denkt wie ein Paranoiker, jeder Paranoiker kämpft um seine Macht.
Macht darf nicht einfach mit Gewalt gleichgesetzt werden. Eine Katze, die eine Maus fängt und sie dann frisst, verübt Gewalt. Die Katze jedoch, die mit ihrer Maus spielt ehe sie sie frisst, übt Macht aus. Das Überleben der Maus obliegt jetzt ihrer Lust und Entscheidung. Die Katze nimmt sich Zeit, sie lässt die Maus manchmal in Ruhe, sie lässt sie laufen, sie gestattet ihr immer wieder „Augenblicke der Hoffnung“, in denen sie sich vielleicht schon gerettet wägt. Manchmal kehrt sie der Maus wohl gar den Rücken und wendet ihren Blick ab, als ob sie sich gelangweilt an anderem interessiere. Die Maus weiß, dass sie in der Macht der Katze ist, aber sie weiß nicht sicher was die Katze im nächsten Moment mit ihr vorhat.
Der Kern dieses Machtverhältnisses besteht im Geheimnis. Was will die Katze? Was sie kann, ist gewusst. Aber was sie beabsichtigt, bleibt unklar. Diese unbequeme Mischung aus Wissen und erraten müssen charakterisiert das Machtverhältnis.
Wenn man Canetti folgt, so ist der Machthaber notwendigerweise Inhaber von Geheimnissen. Machthaber haben viele Geheimnisse. Und sie teilen immer nur Geheimnisstückchen mit wenigen Auserkoren. Diktatur, als Inbegriff des Machtverhältnisses, wirkt deshalb als Konzentration von Geheimnissen. Alle Geheimnisse liegen hier bei dem Einen, dem Machthaber. Auch seine engsten Mitarbeiter haben ungleich weniger Geheimnisse. Und damit dieses Machtgefälle erhalten bleibt, muss der Machthaber ständig weitere Geheimnisse anhäufen. Er muss immer imstande sein, die Geheimnisse der anderen zu durchschauen, ohne dass diese wissen, was genau schon durchschaut wurde.
In dieser Hinsicht erweist es sich am nützlichsten, wenn jeder immer und überall von verdeckten Ermittlern ausgespäht wird. Selbstverständlich gilt dies auch für die Ermittler selbst. Das wäre der innenpolitische Sinn von Geheimdienst, Geheimpolizei und Geheimarmee; auch in einer Demokratie. Ausspähung dient der Aufrechterhaltung der Macht.
„Geheimdienst und Transparenz schließen sich aus“, so ein Kenner der Politik des Geheimnisses. Hinter der logischen Binsenweisheit steckt aber vor allem die tiefere Einsicht, dass autoritäre Macht und Transparenz sich ausschließen. Der Machthaber soll allwissend und allgegenwärtig sein. Deswegen ist seine Macht nicht denkbar ohne die Tendenz der
ständigen Ausbreitung des Machtbereichs durch die Akkumulation geheimen Wissens.
Für den Machthaber bedeutet das, dass er sich mit „den Leuten da draußen“ anfreunden oder sie beseitigen muss. Freunde und Feinde haben für ihn nur die eine Funktion: seine Ausbreitungstendenz, seine Machtanhäufung zu fördern oder zu hemmen. „If you’re not part of the solution, you’re part of the problem.“ Er darf die ihm untergebenen Massen nicht aus dem Auge verlieren. Mit Einzelnen und Einzelnem, mit Kleinigkeiten und Details kann er sich nicht abgeben, denn er zielt auf das Große, auf das Ganze.
Aber dieses Ganze ist für ihn auch gefährlich, denn die Massen verbergen Feinde. Und die Feinde kommen nie allein. Sie kommen selbst als boshafte oder blutrünstige Masse; sie drohen mit geheimen Komplotten und versteckten Abkommen. Folglich weiß der Machthaber immer schon um die Gefahren, die da draußen noch niemand ahnt. Der Behüter weiß es allen voraus: die Bedrohung ist zwar noch unsichtbar aber schon real. Er muss uns folglich vor ihr retten.
Wie die Rettung, geht auch die drohende Gefahr aufs Ganze. Die Gefahr die der Machthaber vorausfühlt ist die globale Katastrophe: „Es ist eine gefährliche Zeit, in der wir leben.“ Der Untergang Europas oder besser noch, der Untergang des Abendlandes steht kurz bevor. Alle Mittel sind recht, wenn es um das höchste Gut geht; die Errettung des Landes, die Errettung Europas, die Errettung der Welt, die Erlösung der Kranken und der Waisen.
An diesem Punkt ähneln sich Macht und Paranoia in der Tat aufs Erstaunlichste. Canetti bringt dies so auf den Punkt: „Die Paranoia ist, im buchstäblichen Sinne des Wortes, eine Krankheit der Macht.“
Wie der Paranoiker wittert der Machthaber Komplotte und Verschwörungen. In seiner Welt kann alles Bedeutung erlangen. Alles ist Zeichen, weil „alles was geschieht auf mich bezogen wird“ (D. P. Schreber). Ich, das heißt für den Machthaber selbstverständlich der Staat, das Land, oder die Welt.
In solcher Welt gibt es keine Fehler, keine Missgeschicke und kein Versagen. Für die Paranoia gibt es keine Zufälle, sondern nur Absichten und Ursachen. Nichts geschieht ohne Grund. Und jeder Machtverlust entsteht durch Verrat und Verschwörung, durch Subversion und geplante Zersetzung. Jeder Machtverlust wird so zum Beweis dafür, dass die Feinde nicht ruhen und jeden Moment zum Angriff bereit stehen können. Die Welt des Paranoikers ist ein
Vor der Paranoia der allgegenwärtigen Informations- und Beeinflussungsapparate versagt die Einbildungskraft des paranoiden Individuums.
ständig gefährdetes Machtsystem. In diesem Sinne hört es in der Tat nirgends mehr auf, wenn man paranoid wird. Der Machtmensch kann sich nicht zur Ruhe setzen, denn diese bedeutet ihm das Ende der Welt.
Es ist leicht zu ersehen, dass die Feinde des Paranoikers ihm als Spiegelbild der eigenen Absichten erscheinen. Wie er walten sie im Verborgenen, wie er sammeln sie Geheimnisse, wie er streben sie danach allwissend und allgegenwärtig zu sein. Wie er möchten sie die Einzigen sein und müssen sich deshalb vermehren und ausbreiten. In der mystifizierten Welt des Immergleichen gibt es nur Machtstreben und Machtkampf. Die Macht selbst ist hier unbewegter Beweger aller menschlichen Verhältnisse.
Aber reichen solche Überlegungen noch aus, um das heutige Verhältnis zwischen Macht und Ausspähung zu verstehen?
3. Von Orwell zu Kafka
„It’s control. All these things arise from one difficulty: control. For the first time it was inside, do you see. The control is put inside. No more need to suffer passively under ‚outside forces‘…“
In einem humorvollen Spruch von William Burroughs heißt es, Paranoia sei manchmal nur der Besitz aller Fakten. Das mag sein, aber die Informationsgroßbesitzer der oben beschriebenen Szene scheinen trotzdem nicht weniger beschränkt in ihrer schaurig traurigen Machtwelt. Denn so sicher sie sich dort auch zu fühlen vermögen, so scheinen sie schon von der realen Paranoia der elektronischen Welt weit überholt. Hier reichen psychologische Erwägungen nicht mehr aus.
Die naheliegende Analogie für die universale und systematische Bespitzelung ist Orwells 1984. Das scheint richtig und unzureichend zugleich. Für die politische Paranoia ist es auch heute von höchster Wichtigkeit zu wissen, was potentielle Feinde tun. Doch noch wichtiger ist zu erspähen was sie denken. Begehrlichstes Ziel von Überwachung, so der Wissenschaftshistoriker George Dyson, ist die Ausspähung und Rekonstruktion des Denkens. Und dies ist dank der heutigen Informationstechnologie endlich „in Reichweite“.$^{9}$
Verbleiben wir zuerst in Orwells Welt. Orwells Gedankenverbrechen und Gedankenpolizei, seine Teleschirme die uns mitanschauen wenn wir sie anschauen, seine Ministerien der Liebe und der Wahrheit mit ihren Überwachungstechniken, die lernen-verstehen-akzeptieren Umerziehungstherapien
Jack Sharkey, „The Programmed People“, Amazing Stories, 1963
pien sowie die geheimen Zimmer, sie alle gehören zum Alltag der neuen freien Welt. Und nicht einmal eines totalitären Systems hat es dazu bedurft.
Die totale Überwachung von Orwells Sicherheitsutopie ist Wirklichkeit. Prism, Tempora, Boundless Informant, Fairview, XKeyscore integrieren jede elektronische Kommunikation in verborgene Kommunikationsnetze, deren Zweck in der Speicherung und möglichen Auswertung von allen gespeicherten Daten besteht.
Diese derzeit bekannten Ausspähprogramme arbeiten komplementär zum Upstream-Programm, das die optischen Glasfaserkabel internationaler Telefonkommunikation direkt anzapft.$^{10}$ Auch die Betriebssysteme unserer Teleschirme, die diskret mit Hintertüren für die genannten Ausspähprogramme ausgestattet wurden, haben sich in ihrem Begriff relativiert: lokale Betriebssysteme wurden zu globalen Spionageanwendungen umfunktioniert.
Und dennoch scheint der paranoide Hauptgedanke von Orwells Welt als einziges und ausschließliches Organisationsprinzip nicht ganz zutreffend. Orwells
Cover der Philip K. Dick Romane Vulcan’s Hammer (1960), Clans of the Alphane Moon (1964), A Scanner Darkly (1977)
Überwachungsstaat selbst hat sich vervielfältigt in eine Mehrzahl von Überwachungsstaaten. Und diese haben ihr Ausspähen darüber hinaus an eine Unzahl von verschiedenen privaten Überwachungsauftragnehmern umverteilt, die nicht nur die Leute „da draußen“, sondern auch die „da drinnen“ überwachen. Erst jetzt wird allgemeinverständlich, was der Geheimdienstchef dem Staatsminister schon 2007 sagte: Jeder kann abgehört werden, auch die geheimen Mithörer.
Das heißt aber auch, dass die objektiv-reale Paranoia heute außerhalb der Reichweite der subjektiv-persönlichen liegt. So überraschend das scheinen mag, so versagt dennoch die Einbildungskraft des paranoiden Individuums vor der Paranoia der allgegenwärtigen Informations- und Beeinflussungsapparate. Wir werden nicht nur von staatlichen Freunden ausgespäht, sondern auch von unzähligen privatwirtschaftlichen.
Die schwerwiegendste Differenz zu Orwells Sicherheitsutopie ist vor allem, dass wir von Maschinen abgehört werden. Es sind nicht mehr die gottähnlichen Spione der subjektiven Paranoia, die uns aus geklauten Informationsklumpen zu verwaltbaren Männlein zusammenfügen, sondern blinde elektronische Biographen und Psychologen. Die reale Paranoia hört in der Tat nirgends auf: Sie findet weder Ruhe, noch beschränkt sie sich auf die stereotypen Deutungen der subjektiven Paranoia.
Die unspannenden Details, die wir freiwillig an übergreifende Datenbanken abgeben, wirken zwar harmlos. Paranoide Programme jedoch können diese
jederzeit zu interessanten Gesamtfiguren zusammenstellen, die auf die Interessen abwechselnder Informationsabnehmer antworten. Wenn wir noch ungefähr wissen, was Big Brother mit den erspähten Informationen vorhat, so erweisen sich die Spähprogramme mit ihren Little Brothers, Sisters und Cousins unvergleichlich undurchsichtiger. Bei ihnen können wir nicht im Voraus ahnen, wer unsere unauslöschlich gespeicherten Daten wann und zu welchem Zweck verwendet. Der Paranoiker kennt nicht einmal einen Bruchteil der Fakten.
Von den interessanten Empfehlungen der elektronischen Buchverkäufer, über die polizeiliche Überwachung von Schnellkochtöpfen¹¹, bis zu den staatlichen Geheimdiensten und deren privaten Subunternehmen, scheint die Liste der möglichen Anwendungen und Auslegungen unserer Informationen unerschöpflich.
Aus diesem Grund, so der amerikanische Rechtsgelehrte Daniel J. Solove, bedarf Orwells Analogie einer weiteren, komplementären Analogie. Was heute geschieht muss zugleich auch aus der Perspektive von Kafkas Prozess verstanden werden.
Am Anfang von Kafkas Roman wird Joseph K von zwei „Wächtern“ verhaftet, die ihm nicht den Grund seiner Verhaftung angeben dürfen. Die Verhaftung lässt ihn zwar fast so leben wie vorher, aber K versucht unablässig herauszufinden, weshalb er verhaftet wurde, wessen er schuldig ist und was er vom bevorstehenden Prozess zu erwarten hat. Dabei gerät er immer tiefer in ein unsinniges und unmenschliches bürokratisches Räderwerk, das sich mit jeder
Die unspannenden Details, die wir freiwillig an übergreifende Datenbanken abgeben, wirken zwar harmlos. Paranoide Programme jedoch können diese jederzeit zu interessanten Gesamtfiguren zusammenstellen, die auf die Interessen abwechselnder Informationsabnehmer antworten.
neuen Information zusätzlich verkompliziert. K sucht die Quelle der Macht, aber verfängt sich in unzähligen, absurden Warnungen, Versprechen und Widersprüchen, um am Ende „wie ein Hund“ von zwei „Schauspielern“ in lächerlichen Kostümen abgestochen zu werden.
Gegenüber Kafkas Welt erscheint Orwells Großer Bruder noch wie ein Versprechen von Sinn und Zusammenhalt. Orwells Analogie trifft die Welt der subjektiven, politischen Paranoia. Wie vormals die Kirche, stiftet die politische Paranoia einen allumfassenden und leichtverständlichen Sinn, mit dem sich die Welt erklären lässt. Orwells Welt ist diejenige des „kurzen zwanzigsten Jahrhunderts“. Mit der digitalen Revolution setzt eine tiefgreifende Veränderung dieser Welt ein.
In der digitalen Überwachungswelt gibt es, wie in Kafkas Bürokratie, keinen zentralen Sinn und keine zentrale Organisation mit einer ausschließlichen, wenn auch repressiven Ordnung. Wie in Kafkas Bürokratie scheint hier alles irgendwo aufgezeichnet zu werden um irgendwann, man weiß nicht von wem, für oder gegen einen verwendet zu werden. Einmal aufgezeichnete Informationen werden auch nie wieder vergessen, und können jederzeit, je nach Bedarf, zu neuen Fakten zusammengestellt werden. In dieser Welt kann alles was aufgezeichnet wurde, auch das unspannende, zu irgendeinem Zeitpunkt spannend werden.
„When I use a word,“ Humpty Dumpty said in rather a scornful tone, „it means just what I choose it to mean – neither more nor less.“
„The question is,“ said Alice, „whether you can make words mean so many different things.“ „The question is,“ said Humpty Dumpty, „which is to be master – that’s all.“¹³
Aus dieser Perspektive erhält Juncker/Mille eine zusätzliche Dimension. Genauer: eine ungeahnte Vervielfältigung der Dimensionen. Nicht nur verkörpert der Geheimdienstchef als Handelnder jenen Feind, vor dem er als Sprecher warnt. Spätestens in der theatralischen Inszenierung wird er selbst ahnungslos noch einmal zum ausgespähten Ausspäher. Hinter der Szene der doppelten subjektiven Paranoia eröffnet sich, mit der Präsenz des elektronischen Aufzeichnungsgeräts, eine unkontrollierbare Reproduktivität von zusätzlichen Szenen. Die Uhr eröffnet hinter der Welt der subjektiven Paranoia die unauslotbare Welt der Maschinenparanoia. In dieser Welt werden derweil auch Machthaber zu ohnmächtigen Hampelmännern in unvorhersehbaren Machtkämpfen. ♦
1 Pynchon, T. (1995). Gravity’s Rainbow. New York: Penguin Books, S. 296.
2 Solove, D. J. (2007). „I’ve Got Nothing to Hide’ and Other Misunderstandings of Privacy.“ San Diego Law Review, 44 (4), 745–772.
3 Zitiert aus der Verschriftung des Juncker-Mille Gesprächs zum Szenario des ILL Stücks Juncker/Mille von Tom Dockal mit Marc Baum und Jacques Schiltz. Die Audiodatei des aufgezeichneten Gesprächs kann an folgender Webadresse heruntergeladen werden: http://5minutes.rtl.lu/fr/actualite/luxembourg/361417.html
4 Für mehrere Beispiele, siehe Raimondo J. (2013). „Surprise! You’ve Been XKeyscored!“ http://original.antiwar.com/justin/2013/08/01/surprise-youve-been-xkeyscored/. Auch in Europa: Hamann M. (2013). „Geheimdienste: Mit einer E-Mail vom Normalbürger zum Islamistenhelfer.“ Spiegel Online, http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/wie-michael-blume-zum-islamistenfreund-gestempelt-wurde-a-913972.html; Bump P. (2013). „Now We Know Why Googling ‚Pressure Cookers‘ Gets a Visit from Cops“. The Atlantic Wire, Aug. 1 2013. http://www.theatlanticwire.com/national/2013/08/government-knocking-doors-because-google-searches/67864/
5 Canetti E. ([1960] 2011). Masse und Macht. Frankfurt: Fischer Verlag, S. 539.
6 Georg Kreisler, Was Für Ein Ticker Ist Ein Politiker?
7 Canetti E. ([1960] 2011). op.cit, S. 532.
8 Pynchon, T. (1995). op.cit., S. 25.
9 George Dyson, „Das Entscheidungsproblem“, FAZ 26.7.2013, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueberwachung/datensammlung-und-spionage-das-entscheidungsproblem-12305406.html
10 Bamford J., „They Know Much More Than You Think“, New York Review of Books (elektronische Ausgabe), 15. August, 2013, S. 17–18.
11 Michele Catalano, „Pressure cookers, backpacks and quinoa, oh my!“ https://medium.com/something-like-falling/2e7d13e54724.
12 Solove, D. J. (2004). The Digital Person: Technology and Privacy in the Information Age. New York: New York University Press, S. 27–55.
13 Through the Looking Glass, Chapter 6.
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