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Thierry Simonelli
Bemerkungen zur Psychologie des Charismas
„je ne voudrais sinon entendre comme il se peut faire que tant d’hommes […] endurent quelquefois un tyran seul, qui n’a puissance que celle qu’ils lui donnent ; qui n’a pouvoir de leur nuire, sinon qu’ils ont pouvoir de l’endurer ; qui ne saurait leur faire mal aucun, sinon lorsqu’ils aiment mieux le souffrir que lui contredire.“ (Étienne de La Boétie, Discours de la servitude volontaire ou le Cont’un, 1549)
De la Boéties Antwort war erstaunlich für einen 18-Jährigen des 16. Jahrhunderts: „c’est le peuple qui s’asservit […], qui consent à son mal, ou plutôt le pourchasse.“ Die Macht des Tyrannen, pamphletisiert La Boétie gegen die Diktatur des Einen, liegt im Auge des Betrachters.
Als Max Weber sich anschickte seinerseits auf La Boéties Frage zu antworten, fand er eine seiner wichtigsten Analogien in der „Nebelregion der religiösen Welt“. Auf eine der Formen von Herrschaft war Weber in Rudolf Sohms¹ zweibändigem Kirchenrecht gestoßen: das „Charisma“. Charisma und charismatische Autorität, schreibt Weber in Wirtschaft und Gesellschaft, entstammen den außeralltäglichen und außergewöhnlichen Qualitäten eines Menschen. Damit wäre Charisma zuerst an der Person festgemacht. Im folgenden Satz verlagert Weber jedoch wieder den Akzent auf den Glauben der Beherrschten.² Dieses Hin und Her zieht sich durch Webers Werk hindurch und dürfte in der Tat aus Webers eigener Faszination fürs Charisma stammen.³ Immerhin schrieb
Weber 1919 in der Berliner Börsenzeitung „offen und nackt“ vom Weimarer „Banausenparlament“ es sei „unfähig, in irgendeinem Sinne eine Auslesestätte politischer Führer darzustellen“.⁴
Charisma und charismatische, […], Autorität entstammen den außeralltäglichen und außergewöhnlichen Qualitäten eines Menschen.
In der plebiszitären Demokratie bedurfte es also Weber zufolge durchaus eines charismatischen Führers der allein, wenn auch im Rahmen parlamentarischer Kontrolle, das stahlharte Gehäuse der bürokratischen Hörigkeit durchbrechen konnte. Nicht umsonst hat Wolfgang Mommsen in Carl Schmitts „volksgewähltem Reichspräsidenten als politischer Führer“ die „bis zur Äußersten Grenze“ und unter Ausschluss der Verfassungselemente fortentwickelte Charismatheorie Max Webers gesehen.⁵
Während La Boétie also hier politisch unzweideutiger ist, scheint Weber psychologisch richtiger zu liegen. Nicht jedermann kann als charismatische Autorität fungieren, dazu bedarf es einiger Qualitäten. Aber auch diese Qualitäten wirken erst charismatisch bei Betrachtern mit entgegenkommender Rezeptivität. Damit wird das psychologische Verständnis des Charismas zur wichtigen Ergänzung der soziologischen Analyse von Herrschaftsverhält-
nissen. Eine solche Ergänzung findet man andeutungsweise bei Weber selbst: „Grundlage jeder Herrschaft, also jeder Fügsamkeit, ist ein Glauben: „Prestige“-Glauben, zugunsten des oder der Herrschenden.“⁶ Weiter schreibt Weber, nach seinem Studium der Hauptschriften Freuds: „Gleichwohl unterliegt es keinem Zweifel, dass Freuds Gedankenreihen für ganze Serien von kultur-, speziell religionshistorischen und sittengeschichtlichen Erscheinungen zu einer Interpretationsquelle von sehr großer Bedeutung werden können“.⁷ Weber scheint also nicht nur von der Notwendigkeit, sondern auch von der Machbarkeit einer ergänzenden psychologischen Interpretation überzeugt.
Für Weber heißt dies, dass „der Sinn des eigenen Handelns ja keineswegs immer eindeutig feststellbar oder auch nur bewusst und noch seltener: vollständig bewusst ist.“⁸ Einen Hinweis was damit gemeint sein könnte liest man vielleicht aus der Überlegung, Charisma sei „eine Umformung von Innen her […], die, aus Not oder Begeisterung geboren“ ist.⁹
Leider konnte Weber das wichtigste Werk Freuds in dieser Hinsicht – Massenpsychologie und Ich-Analyse – nicht mehr lesen, da es erst ein Jahr nach seinem Tod erschien. Freud beginnt dort mit der Feststellung,
Bis 2002 hat Th. Simonelli Philosophie und Psychologie an verschiedenen Universitäten gelehrt (Paris, Reims, Metz, Luxemburg). Seitdem arbeitet er hauptberuflich als Psychoanalytiker in Luxemburg.
dass „im Seelenleben des Einzelnen […] ganz regelmäßig der andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht [kommt], und die Individualpsychologie […] daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie“ ist.$^{10}$ Das Individuum erscheint immer als „Mitglied eines Stammes, eines Volkes, einer Kaste, eines Standes, einer Institution oder als Bestandteil eines Menschenhaufens“.$^{11}$
Demgemäß wäre eine Individualpsychologie, abgetrennt von gesellschaftlichen Bestimmungen, ein theoretisches Abstraktum: „Psychodynamik“ ist nämlich damit auch „Reproduktion gesellschaftlicher Konflikte im Individuum“$^{12}$.
Aus dieser Perspektive stellt Freud 1921 die Frage des Zusammenhalts der Individuen in gesellschaftlichen Verbindungen. Welches psychische „Bindemittel“ hält uns in Völkern, Ständen, Gruppen zusammen? In seiner klinischen Arbeit war Freud rasch klar geworden, dass eine der Hauptquellen des neurotischen Konfliktes im Gewissen liegt, im inneren Stellvertreter gesellschaftlicher Normen und Verbote. So erscheint ihm der affektive Kern des Gewissens als „soziale Angst“: die Angst vor dem Urteil der Anderen. Und diese Angst vor sozialen und wirtschaftlichen Sanktionen schlägt sich im Individuum als „zweite Natur“$^{13}$ nieder. Die Anderen sind „Träger der Autorität, deren Strafe man fürchtet, der zuliebe man sich so viele Hemmungen auferlegt hat.“
Nun gibt es aber auch psychische Phänomene bei denen diese Spannung ihre hemmende Wirkung verloren hat und sich durch starke Erregung, innere Getriebenheit, stürmisch gehobene Stimmung und zügelloses Verhalten auszeichnet. Die Psychopathologie des Individuums spricht in diesen Fällen von manischen Phasen. Die Manie ist problematische Zuspitzung der normalen Ausgelassenheit. Diese jeglicher Pathologie gehören solche quasi manischen Zustände in der Tat zur sozialpsychologischen Normalität. Das Verhalten von Gruppen mit Oberhäuptern liefert ergiebige Beispiele dieser Begebenheit.
Der französische Arzt und Psychologe Gustave Le Bon hatte schon die Gesetzmäßigkeit bemerkt, dass Menschenmassen
© SIP / Luc Deflorenne, 2010
sich äußerst leicht der Autorität eines Führers unterordnen und sich dann, unter dessen Leitung, fast „instinktiv“ fanatisieren. Das Oberhaupt, dachte Le Bon, sei mit einer besonderen Qualität ausgestattet, das er „Prestige“ nannte. Und wie Weber hatte er bemerkt, dass dieses „Prestige“ vom Erfolg abhängig blieb und durch Misserfolg verloren ging. Die kurzlebigen, fanatisierten Massenphänomene erklärte Le Bon auf der Führerseite durch das Prestige, und auf der Massenseite durch die gegenseitige Beeinflussung mittels Suggestibilität, d. h. der Nachahmung der Individuen in der Gruppe durch psychische Ansteckung.
Damit hatte Le Bon einen ersten ausschlaggebenden Beitrag zur psychologischen Klärung des Charismas geleistet. Die wichtigen Fragen blieben dennoch offen: Woher kommt dem Führer solches Prestige oder Charisma zu? Wie erklären sich Suggestibilität und Nachahmung der Individuen in der Gruppe? Und wie können sie als Bindemittel im Gruppenzusammenhang wirken?
Freud setzt bei Le Bons Vergleich des Massenverhaltens mit der Hypnose an: „Dieselbe demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie gegen das geliebte Objekt. Dieselbe Aufsaugung der eigenen Initiative“.$^{14}$
Mit dem Erklärungsmodell der Hypnose tritt Freud dann an die Fragen des Charismas und der suggestiblen Bindung heran. In klinischer Arbeit war Freud zur Entde-
Entdeckung gekommen, dass die Identifikation eine der frühesten Gefühlsbindungen an andere Personen darstellt. Kaspar Hausers „I might have a so called a Reiter, we were a Voter is“ bringt diese Idee auf die kürzeste Formel. Der Vater oder die Mutter sind nicht nur das was man haben möchte (Liebe), sondern zuerst das was man sein möchte (Identifikation). Vater oder Mutter haben die Funktion eines Ichideals; mit der bekannten Umkehrung im Jugendalter: so wie meine Eltern möchte ich keinesfalls werden.
Die ersten prägenden Ideale dieser Art entstehen beim Kleinkind in Zusammenleben mit den als allmächtig empfundenen Eltern und Erwachsenen. Die Realität belehrt das Kind zwar schnell eines Besseren, aber die Idealvorstellungen bleiben bestehen und werden später im Zusammenhang mit anderen Erwachsenen und Freunden zum komplizierten Gebilde des Ichideals, an dem wir uns messen und mit dem wir unsere eigenen „Unzulänglichkeiten“ aufs Schärfste verurteilen.
Die vertikale Bindung der Herrschaftspsychologie wird damit verständlicher. Das Charisma entsteht im Auge des Betrachters, wenn der Führer, das Oberhaupt, die faszinierende oder die geliebte Person unbewusst an die Stelle des Ichideals tritt. Anders herum: wenn der Bewunderte sich als Projektionsfläche des Ichideals eignet, erwirbt er Charisma. Diese Eignung entsteht dadurch, dass der Charismaträger in der Tat charakteristische Züge ehemaliger
Ideale aufzeigt. Er oder sie wird dann zum „einzigen Objekt“, das keine fremden Objekte mehr neben sich hat (oder duldet); zu dem Einen von La Boéties Contr’un. Die psychologische Gruppe besteht aus Individuen „die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt“$^{15}$ haben. Am unkompliziertesten geschieht dies bei Not und Begeisterung. In der Idealisierung dieses Einen wird die narzisstische Färbung der Liebe oder Bewunderung sichtbar: ich liebe in der Tat diesen anderen wie das eigene aber unerreichte Wunschbild meiner selbst.
Die Figuren des Helden als des Retters in der Not, des Helfers in der Gefahr, des Befreiers, Schützers, Erlösers stellen den Prototyp des Charismaträgers dar. Die charismatische Person ist stärker, schlauer, hemmungsloser, unverletzlicher und mächtiger als seine Bewunderer und Untergebenen, und zwar in der Art und Weise, wie sie es selber gerne wären. Anders gesagt: das Oberhaupt wirkt als narzisstisches Vorbild. Deshalb sind charismatische Führer in der Tat wesentlich psychologische Repräsentanten.
Bliebe die Frage der horizontalen Bindung. Der „suggestive Einfluss“ entspringt nicht allein dem Verhältnis zum Führer, sondern wird auch „von jedem Einzelnen auf jeden Einzelnen geübt“. Zur charismatischen Gruppen- oder Massenbindung gehört wesentlich das Zusammengehörigkeitsgefühl, esprit de corps, Kameraderie, Gemeinschaftsgefühl auf der einen, soziale Kontrolle, Erwartungsstruktur mit positiver und negativer Sanktion auf der anderen Seite.
Auch hier sieht Freud eine Ähnlichkeit mit einer frühen Familien- und Schulsituation. Selbstverständlich verlangt Liebe nach Ausschließlichkeit und erzeugt Eifersucht und Neid. Aber die Unmöglichkeit diese Einstellung ohne Schaden der Gruppe gegenüber durchzuhalten, zwingt die Kinder zu einer kompromisshaften Anerkennung der Nebenbuhler: der Andere wird akzeptiert unter der Bedingung, dass er es wenigstens nicht besser hat. In solcher affektiven Logik sieht Freud darüberhinaus den Auftakt des Gerechtigkeitsgefühls$^{16}$: „Soziale Gerechtigkeit will bedeuten, daß man sich selbst vieles versagt, damit auch die anderen darauf ver-
verzichten müssen, oder was dasselbe ist, es nicht fordern können.“$^{17}$ Ein entferntes Echo dieses Gedankens ist bis in John Rawls’ Theory of Justice hörbar.
In der gemeinsamen Versagung können sich die Mitglieder einer Gruppe miteinander identifizieren und zusammen den Neid, die Eifersucht, oder allgemeiner: die Aggressivität, an gemeinsame Gegner heften. Auch die auf gegenseitiger Liebe basierenden Institutionen haben ihre Ausschlossenen, die genüsslich gefoltert und gemordet oder, zivilisierter, verurteilt und bestraft werden: qui bene amat, bene castigat.
[…] die Alltäglichkeit ästhetisierter Politik arbeitet unerlässlich und erfolgreich an der Herstellung und Aufrechterhaltung charismatischer Verhältnisse
Der Träger des Charismas ist von dieser Logik ausgenommen. Er ist der Eine, der keinen Verzicht ausüben muss; Verkörperung des utopischen Versprechens eines Lebens ohne Versagung. Unschwer ließen sich hier Beispiele des mächtigen Politikers, des Filmstars, der medialen Millionäre oder Aristokraten anführen. Aus den charismatischen Qualitäten dieser Ideale ließen sich jeweils Hinweise auf den sozialpsychologischen Hintergrund der durch sie institutionalisierten Normativität erstellen: verkörpert der Charismaträger eine ausgeschlossene Minorität, steht er für ausgelassene Gelage, ist er Sinnbild politischer oder finanzieller Macht, oder ist er auch nur schulmeisterlicher Zurechtweiser politischer Gegner? Als Glied des innen- und außenpolitischen Herrschaftsgefüges einer Gruppe, eines Vereins, einer Partei, einer Institution, einer sprachlichen oder nationalen Identität, repräsentiert er deren psychologische Wertherarchie.$^{18}$ Dass sich dabei psychologische Struktur und politische Orientierung nicht unbedingt decken, gehört zur Motivationskomplexität der Gruppe.
Abschließend wäre zu bemerken, dass weder die soziologische noch die psychologische Analyse des charismatischen Verhältnisses bei Webers oder Freuds Ansätzen stehen blieben. Als Anfangspunkte blei-
bleiben sie jedoch, wenn auch mit verschiedenen Akzentuierungen, auch heute noch richtungsweisend.
Charisma ist nicht das Charakteristikum einer vergangenen, religiösen Weltauffassung. Gegen Gramsci ist festzuhalten, dass Charisma auch keineswegs nur zu den primitiven Anfangsphasen politischer Vereinigungen gehört. Im Gegenteil: die Alltäglichkeit ästhetisierter Politik arbeitet unerlässlich und erfolgreich an der Herstellung und Aufrechterhaltung charismatischer Verhältnisse, d. h. an der Verallgemeinerung von irrationalen demokratischen Entscheidungsprozessen. ♦
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