Offene Fragen an Johannes Paul II
Bruder Johannes Paul!
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Bruder Johannes Paul!
Du warst zu Besuch in Paris. Allgemeine Begeisterung rauschte darob durch den Blätterwald. So laut war die Harmonie, dass nicht nur das Geschnatter des ‚Canard Enchaîné‘, sondern auch die kritischen Stimmen seriöser Zeitungen übertönt wurden. Nun, da wieder Stille eingetreten ist, darf eine Einzelstimme, die aber nicht nur meine Stimme ist, mit Zimmerlautstärke einige Fragen stellen, die deine Pariser pastorale Stipvisite ausgelöst hat. Allerdings ist mir dein Stil schon so vertraut, dass ich mir bewusst bin, meine offen gestellte Fragen werden offene Fragen bleiben. Leider.
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Deine Pariser Reise, während der du in 3 Tagen ein Riesenpensum bewältigtest, hat die Franzosen anscheinend 6 Millionen gekostet. Sicher ist, dass sie die Bewohner der Stadt Paris, die nicht allesamt christ-katholisch sind (noch 38% der dort geborenen Kinder werden getauft), 2.791.000 Franken zu stehen kam. Hinzu kommen noch schätzungsweise 3.300.000 Franken, die von der armen Kirche Frankreichs aufgebracht werden müssen. 6 Millionen FF, oder 1½ Millionen $, oder 42½ Millionen BF, oder 1.2 Milliarden Lire. Meinst du nicht auch, das sei ein bisschen viel für die Dreitagereise eines einzigen Mannes. Was wohl unser Herr Jesus darüber denkt?
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In einem weissen ‚Command-car‘ bist du, zusammen mit dem französischen Staats-chef von der Place Georges Clemenceau zur Place de la Concorde gerollt, vorbei an einer Ehrenformation der Garde, vorbei an einer höflich jubelnden Menge von Franzosen und andern Nationen. Bist du nicht der Meinung, dass dieser Stil einer vergangenen Epoche angehört? Bist du dir bewusst, dass du da politisch vermarktet wurdest? Gewiss hat niemand etwas dagegen, dass der Nachfolger Petri der
Kirche von Paris eine pastorale Visite abstattet. Warum aber dann zulassen, dass daraus ein Staatsakt wird? Was wohl unser Herr Jesus dazu denkt? Ist er doch auf dem Armeleutepferd, einem Esel – nicht auf einem Schlachtross – mach Jerusalem hineingeritten … zu seiner Passion. Oder nicht?
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Ich las, du hättest die Franzosen in aussergewöhnlicher Weise fasziniert und in deinen Bann gezwungen. Hattest du auch diesen Eindruck? Oder doch vielleicht jenen andern, es sei eigentlich nur eine Minorität der Franzosen gewesen, die dir Beifall klatschten? Gewiss, das schlechte Wetter mag schuld daran gewesen sein, dass nicht einmal ein Drittel der von den französischen Bischöfen erwarteten Million auf den Flughafen ‚Le Bourget‘ gekommen war zur ‚Messe des Gottesvolkes‘. Gewiss haben Unzählbare an den Fernsehschirmen diese Messe mitangesehen. Aber wie viele taten da so, wie man auch
andere sensationelle Ereignisse, etwa eine Prinzenhochzeit, oder die Fussballeuropameisterschaft am Fersehschirm konsumiert?
Hast du dir Gedanken gemacht über die Zusammensetzung deines Publikums auf dem ‚Bourget‘? War es wirklich repräsentativ für ‚die‘ Franzosen? Oder waren dort jene überrepräsentiert, die durch die Entwicklung nach dem 2. vatikanischen Konzil verunsichert worden sind? Es besteht kein Zweifel daran, dass es die Gruppe der Verunsicherten in den Kirchen gibt. Doch sind sie ‚das‘ Volk, wie die grösste Luxemburger Tageszeitung extrapoliert? Möchte ‚das‘ Volk eine Vaterfigur, die es führt, mit starker Hand? Oder ist ‚das‘ Volk in seiner Mehrheit die Gängelei satt? Möchte ‚das‘ Volk fasziniert werden, in den Bann gezwungen werden? Wäre, falls solches tatsächlich vom Volk gewünscht würde, das nicht eine höchst bedenkliche Erscheinung? Der schleunigst gegengesteuert werden müsste? Soll ein christlicher Leader überhaupt faszinieren und in seinen Bann zwingen? Was unser Herr Jesus wohl dazu sagt? Hat er nicht die beifallklatschende Menge abgewiesen, als sie ihn zum König krönen wollte? In deiner Predigt auf dem ‚Bourget‘ hast du von der ‚croissance de l’homme‘ geredet. Ist Faszination nicht dasselbe wie: in der Unmündigkeit halten? Bedeutet: in seinen Bann zwingen nicht das gleiche wie: unfrei machen?
In diesem Zusammenhang noch etwas anders: mündig werden sollen die Christen, haben die Bischöfe des 2. vatikanischen Konzils – unter denen auch du warst – gedacht. Ist es dir bewusst, dass du bei der Kommunionausstellung die Leute unmündig machst, ja sie zu Säuglingen degradierst, wenn du ihnen die Handkommunion verweigerst? Hast du das Recht, die Mundkommunion zu erzwingen, indem du den Kommunizierenden einen Teller unters Kinn halten lässt, so, dass sie die Hand nicht ausstrecken können? Hast du das Recht, jenen, die dir aus der 2. Reihe die Hand hinhielten, damit du ihnen den Leib des Herrn hineingibst, den Rücken zu kehren? Ist die menschliche Hand unwürdiger, die Hostie zu empfangen, als die Zunge? Wo bleibt da dein Respekt vor dem Menschen, den du selbst ganz zu Recht forderst? Wo bleibt da der Respekt vor der, mit römischer Erlaubnis, in der Kirche Frankreichs gepflegten Tradition der Handkommunion? Vielleicht glaubst du, solches hervorzuheben, sei nur der Ausdruck eines kleinlichen Geistes. Dürfte man deine Behinderung, wenn nicht die Verweigerung, der Handkommunion nicht als Symptom eines autoritären Stiles sehen, der keine andere Meinung zulässt als die eigene? Ausserdem, wenn die Frage ‚Hand- oder Mundkommunion?‘ nur eine kleine Randfrage ist, warum kannst du sie dann nicht einfach dadurch lösen, dass du jedem die Kommunion so reichst, wie er es wünscht? Was wohl unser Herr Jesus dazu sagt? Und all die Christengenerationen, die nichts anders kannten, als die Handkommunion?
Am Sonntagnachmittag hast du dich mit 142 französischen Bischöfen im Seminar von Issy-les-Moulineaux kollegial zusammengesetzt. In effektiver und affektiver Kollegialität. Dann hast du deine ‚Charta für unsern bischöflichen Dienst‘ – so nannte der Präsident der französischen Bischofskonferenz deine Rede – ausgepackt. Und deine Ansicht, wie das 2. vatikanische Konzil fortgesetzt werden soll, dargelegt. Sowohl gegen den Progressismus, wie auch gegen den Integrismus. So, wie du das gesagt hast, scheint der Progressismus sogar schuld am Integrismus zu sein, letzterer nur als Reaktion gegen ersteren entstanden zu sein. Oder habe
P.-F. 17/18
ich das falsch verstanden? Die ungeduldigen Progressisten, die sogar den Glaubensinhalt, die christliche Ethik, die Liturgie, die kirchliche Organisation den Mentalitätsänderungen, den Anfragen der Welt anpassen wollen. Die dabei nicht genügend dem allgemeinen Glaubenssinn Rechnung tragen, die Gläubigen verunsichern. Mehr noch: die weder das Wesentliche des definierten Glaubens genügend bedenken, noch die Wurzeln der Kirche, noch deren jahrhundertealten Erfahrungen, noch jene notwendigen Normen, welche die Kirche braucht zu ihrer Treue, ihrer Einheit und ihrer Universalität. Ich weiss, Bruder Johannes Paul, du sagst, was du denkst. Doch hast du genügend bedacht, was du sagtest. Deine Vorstellungen über den gemeinsamen Glaubenssinn der Gläubigen sind seltsam abstrakt, entsprechen nicht der Realität. Gewiss, es gibt die Gläubigen mit Köhlerglauben. Nicht nur bei der älteren Generation. Auch bei den Jüngeren gibt es solche, die das, was von einer Autorität gesagt wird, bedingungslos akzeptieren. Das ist ihr gutes Recht, das ihnen von niemand bestritten wird. Doch sie sind nur eine kleine Minderheit. Die Mehrzahl der Getauften hält dogmatische Formeln für irrelevant. Die Mehrzahl der Getauften desavouiert in Wort und Tat die christliche Ethik, pfeift auf die Liturgie und hält die kirchliche Organisation für antiquiert. Bist du dir dessen nicht bewusst? Darfst du dann, ohne die Tatsachen studiert zu haben, eine solche Rede halten, wie du sie vor den französischen Bischöfen gehalten hast? Warum haben nur 4 oder 5 Bischöfe auf jener kollegialen Versammlung das Wort ergriffen, freilich ohne auf deine Rede einzugehen? Muss eine derartige ‚Kollegialität‘ nicht zwischen Gänsefüsschen gesetzt werden? Nehmen deine Kollegen dich nicht ernst? Oder – was womöglich noch schlimmer wäre – nehmen sie sich selbst nicht ernst? Opfern sie ihre pastoralen Erfahrungen auf dem Altar der Ergebenheit? Da lob ich mir den Paulus, der dem Petrus ins Angesicht widerstand. Und den Petrus, der bereit war, von den pastoralen Erfahrungen des Paulus zu lernen. War das nicht eine ganz andere Kollegialität? Warum durfte das Fernsehen in Issy-les-Moulineaux nicht dabei sein? Soll das Volk nicht erfahren, was seine Bischöfe miteinander reden? Was muss da geheim bleiben?
Am Sonntagabend warst du im Parc des Princes mit 50000 Jugendlichen zusammen. Ich kann kaum annehmen, dass du die 50000 für ‚die‘ Jugend Frankreichs hieltest. Es gibt genug Anzeichen dafür, dass die grosse Mehrzahl der Jugend Frankreichs an diesem Sonntagabend nicht vor dem Fernsehschirm hockte. Die 50000 aber waren begeistert. Sämtliche Berufsunterhalter müssen blass vor Neid gewesen sein. Ist es dir nicht kalt den Rücken heruntergelaufen, als du die Frage stelltest: ‚Pour vous, qui est Jésus-Christ?‘ und du
hörtest – oder hast du es nicht gehört? – wie einige
schrien: "C’est vous." War es nicht doch zu billig,
jene Frage, die die Jugendlichen das gestellt hatten,
einfach wie einen Ping-pong-ball zurückzuspielen?
Hast du deinen Glauben an Jesus Christus wirklich
einfach und verständlich gesagt? Bist du nicht dem
Jungen, der sich als Atheist bekannte und dich bat:
"Eclairez-moi!" die Antwort, eine verständliche Ant-
wort, schuldig geblieben? Und was hast du von jenem
Transparent gedacht, das verkündete: "Merci Marie
pour notre pape."? Ich hätte, was diese Jugendveran-
staltung im Parc des Princes angeht, noch eine ganze
Reihe von Fragen, so dass ich nicht verheimlichen kann,
dass die Begeisterung der 50000 mir fragwürdig vor-
kam. Um nicht zu sagen bedenklich. Fragwürdig und be-
denklich. Bedenklich deshalb, weil hier unbedenklich
eine Verfremdung durch Faszination – um nicht zu sagen
Fanatisierung – praktiziert wurde, die uns doch von
andern Shows her genügend aufstösst. Du sagtest, du
kämest gerne zur Jugend, weil sie die Zukunft der
Kirche sei. Ist aber die Zukunft der Kirche nicht eher
in der Gemeinschaft von Alten und Jungen, von Frauen
und Männern, von Arbeitern und Akademikern? Ist die
Zukunft der Kirche nicht gerade in der brüderlichen
Gemeinschaft aller – im Gegensatz zur ‚Welt‘, die doch
wahrhaft genügend Jugendvergötzung treibt? Wäre das
nicht zu bedenken?
Fragen. Viele Fragen. Offene Fragen.
Bruder Johannes Paul. Ich habe sie gestellt. So manch
Anderer stellt sie auch. Vielleicht meinst du nun, ich
sei gegen den Papst. Ich muss gestehen, dass ich etwas
gegen das Wort ‚Papst‘ habe, weil es unsere Verwand-
schaftsverhältnisse durcheinander bringt. Denn Papst be-
deutet ja ‚Vater‘. Nun aber ist Gott unser gemeinsamer
Vater. Ja, um ein unvergessliches Wort deines Vorgängers
in Erinnerung zu rufen: er ist uns Vater und Mutter.
Deiner und meiner. Demnach wären wir Brüder. Doch ich
bin unbedingt für den Petrusdienst in und an den Kir-
chen. Für den Dienst der Einheit. Bist du nicht, durch
dein schon lange zurückliegendes Theologiestudium ein-
geschworen auf eine Sicht der Einheit, welche eher
Uniformität beinhaltet? Bist du der Mann, der einen
neuen Stil des Petrusantes inaugurieren wird? Einen
glaubwürdigen Stil? Der nicht mehr als absolute Herr-
schaft, sondern als brüderlicher Dienst verstanden
werden kann? Ein Stil, der nicht faszinieren, sondern
freimachen will.
Dein Bruder
Jupp Wagner.
(…) LES médias ont fait grand bruit
autour de la « condamnation » de l’Inté-
grisme et du progressisme. A croire qu’ils
n’ont pas lu ce texte. Certes, le pape est
sévère pour ces marginaux de l’extrême-
droite et de l’extrême-gauche. D’ailleurs il
commet une injustice quand il place sur le
même plan les uns et les autres. Les inté-
gristes n’hésitent pas à désobéir, à se
rebeller. Ils dénoncent les évêques. Ils
occupent des églises. Ils ordonnent des
prêtres. Ils sont en état de schisme.
Jamais à l’extrême-gauche on ne se com-
porte ainsi, même si souvent les paroles
sont dures et les critiques vives. Mais il est
tellement facile de faire croire que la vérité
est au centre, que la bonne voie est celle
du juste milieu ! (…)
CE type de voyage a permis aux
récupérateurs de toutes obédiences de
s’en donner à cœur joie.
Giscard d’Estaing a fait bénir son voyage
à Varsovie et, sous le prétexte de rattraper
les soixantes minutes de retard initiales,
il a réussi à s’installer avec le pape
dans un command-car démilitarisé et re-
peint en blanc. Georges Marchais, large-
ment souriant, a serré deux fois la main du
pape également souriant. Voilà une photo
qui sera largement utilisée. Jacques Chirac
a monté une manifestation populaire et
enthousiaste, place de l’Hôtel de Ville, qui
s’opposait au style académique et froid de
la réception giscardienne de la Concorde.
(…) Et que dire de tous
ces hommes politiques, de tous ces nota-
bles qui ont tout fait pour être vu aux côtés
du pape ! En d’autres temps les pouvoirs
politiques, militaires, financiers, économi-
ques, avaient moins d’attention pour Celui
qui mourut sur la Croix. Le sel de l’Evan-
gile serait-il devenu moins brûlant, moins
exigeant ?
Au début du mois de juillet Jean-Paul II
se rendra au Brésil. Comment fera-t-il pour
ne pas servir de caution au dictateur
Figueiredo ? (…)
Nous ne condamnons pas les uns pour
approuver les autres. Les tâches spécifi-
ques des évêques de Rome ne sont pas
les nôtres. Nous sommes invités à vivre en
témoins de Jésus-Christ là où nous vivons.
L’évêque de Rome est un père et non un
chef. Nous sommes des fils respectueux
mais des fils adultes, des fils debout. Nous
sommes pleinement au cœur du peuple de
Dieu. C’est pourquoi nous refusons toute
marginalisation.
L’essentiel c’est Jésus-Christ que
Jean-Paul II a annoncé et c’est l’homme
pour lequel il a tant plaidé. L’homme
menacé par la civilisation technicienne, par
les conditions de travail, par les idéologies,
par les armes nucléaires. L’homme qu’il
faut affirmer pour lui-même et dont il faut
défendre les droits.
Voilà un combat que nous connaissons
bien et que nous poursuivrons, pour la
Dignité de tous et d’abord des plus pau-
vres et des exploités.
Georges Montaron in: TC, 9/6/1980
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