Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Sehr geehrter Herr Heiderscheid!
Als im Sommer 1976 eine sog. ‚antifaschistische Liga‘ versuchte Sie des Faschismus zu bezichtigen, gehörte ich mit meinen Freunden aus der ‚gesellschaftspolitischen Arbeitsgruppe der ‚Jugendpor Lëtzebuerg“ zu jenen, die Sie verteidigten und den Vorwurf wegen unhistorischer Begriffsverwirrung zurückwiesen (vgl. ‚forum 8/25.9.76‘). Ich bleibe bei der Meinung, dass ähnliche Vorwürfe höchstens den echten, historischen Faschismus verniedlichen, wenn sie heute für jede konservative Politik gebraucht werden. Erlauben Sie mir trotzdem Ihnen mein Erschrecken mitzuteilen, das mich befiel als ich Ihren Leitartikel vom 3.2.79 im L.W. lies. Sätze wie: ‚Jetzt könnte es ein Ende haben mit der allseits zu beobachtenden Versprengung und Zerstreuung der Gläubigen. Jetzt könnte es zu einer neuen Sammlung, zu einem neuen Zusammenstehen, zu einem neuen Miteinander all derer kommen, die bereit sind auf diesen Chef Jean-Paul II. zu hören und mit ihm auf dem Fundament des Evangeliums nach den klaren, eindeutigen Weisungen der Kirche im Dienste der Menschen und der Gesellschaft zu wirken!‘ erinnerten mich nämlich an folgenden wenige Tage zuvor bei einer Unterrichtsvorbereitung gelesenen Satz: ‚Wenn sodann nach dem Willen der staatlichen Autorität die Zerrissenheit und Gegensätzlichkeit innerhalb unseres Volkes endlich der Einheit und Geschlossenheit weichen soll, so findet sie uns Katholiken auch auf diesem
Gebiet als verständnisvoller und opferwillige Helfer. Ausgehend von der katholischen Einheit bedauern wir jegliche Gespaltenheit und Zerklüftung, weil sie dem Geiste Gottes widersprechen und die Volkskraft nach aussen und innen verhängnisvoll lähmen.‘ (Hervorhebungen im Original) Die Zeilen stammen aus dem gemeinsamen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe vom 8.6. 1933.
Ihr Kollege, Herr R. Neuens, hatte am 24.1.1979 schon erschreckende Forderungen gestellt, als er die Schulordnung eines hessischen Schuldirektors zitierend, ‚arbeiten und sich ausbilden, um dem Vaterland zu dienen; Rektor und Lehrer ohne Widerspruch gehorchen(…)‘ als ‚pädagogisch richtig und zurecht formulierte Leitsätze‘ hinstellte, mit denen ‚abgesehen vom ersten, leicht nach Hurra-Patriotismus (…) riechenden Satz, eigentlich jeder normaldenkende Bürger (…) einverstanden sein müsste.‘ Sie selbst atmen nach der Puebla-Rede des Papstes befreit auf und verlangen einen ähnlichen Gehorsam ihm gegenüber: ‚Klar und deutlich hat der Papst in Puebla gesprochen. Seine Weisungen sind nicht misszuverstehen(…)‘. Er hat (…) in der Kirche und für alle, die noch bereit sind, auf die Kirche zu hören, das angesichts aller Verunsicherung, Verirrung und Verwirrung unter den Gläubigen, angesichts aller Verfälschung des kirchlichen Auftrags und aller daraus resultierenden Unwirksamkeit der Christen längst fällige Wort der Ver-
nunft gesprochen und eindeutig, ohne Wenn und Aber, ohne Zögern und Zaudern, die Marschrichtung aufgewiesen, die wir einzuschlagen haben." Als Christ, Bürger und Lehrer muss ich dieses Verlangen nach unbedingtem Gehorsam zurückweisen. Ich verstehe nicht, wie Sie, der Sie doch selbst die Diktatur Hitlers und die Diktatur Stalins am eigenen Leibe erleben mussten, so autoritäre Parolen ausgeben können. Ähnliche Rufe nach Einheit, Gehorsam, rechter Lehre usw. gehörten noch immer zum ideologischen Arsenal jeder Diktatur. Ich fühle mich daher als Geschichtslehrer verpflichtet meine Schüler zu kritischen Bürgern zu erziehen, die nicht "ohne Wenn und Aber", "ohne Widerspruch" gehorchen. Nicht die Autorität des Lehrers oder des Papstes soll sie zum Tun veranlassen, sondern die vernunftgemässe Einsicht in die Interessen ihrer Mitmenschen. (Auch Jesus hat von seinen Zuhörern nämlich nie Gehorsam verlangt, sie nie gezwungen oder nur überredet; durch Dialog und Beispiel suchte er sie für sich zu gewinnen.) Ihre Vorstellungen, wie jene von R. Neuens, laufen hingegen schnurstracks auf den autoritären Staat hinaus. Haben Sie dies nicht
in: Bergpattie 40/März 91
einmal bemerkt als sie die französische Uebersetzung "Chef" statt des deutschen Wortes "Führer" vor den Namen des Papstes setzten?
Scheinen mir Ihre Gedankengänge also schon als Staatsbürger und Lehrer höchst gefährlich, so kann ich sie als Christ nur verwerfen. In der von Jean-Paul II. heiss geliebten dogmatischen Konstitution "Lumen Gentium" über die Kirche, wird diese eindeutig als Volk Gottes definiert, auch wenn die Verantwortungen hierarchisch gegliedert sind. Wie kann ich dann "auf die Kirche hören" wenn ich selbst ihr Teil bin? Zusammen mit meinen Glaubensbrüdern bilden wir die Kirche, versuchen wir auf das Evangelium zu hören, die Erklärungen des Lehramtes zu verstehen und die Frohbotschaft Christi zu leben. Soweit meine in der Synode, die ja auch typischer Ausdruck des Gemeinschaftscharakters der Kirche ist – doch von ihr halten Sie ja auch nicht viel, das ist gewusst -, soweit meine in der Synode gesammelten
theologischen Kenntnisse reichen, hat die Kirche auch nicht Jean-Paul II. als "Chef", sondern allein unsern Herrn Jesus Christus. Jean-Paul II. hat dies übrigens den lateinamerikanischen Bischöfen eingangs seiner Rede in Puebla eindringlich in Erinnerung gerufen.
Das 2. Vatikanische Konzil hat in der Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" zudem ausdrücklich festgehalten, dass es in politischen Fragen – und um die geht es ja offensichtlich in ihrem Leitartikel – durchaus verschiedene Meinungen geben kann (GS.43) Auch unsere Diözesansynode hat in dem jüngst vom Bischof in Kraft gesetzten Beschluss über "Glaube und Politik" den Grundsatz des Pluralismus betont (Leitsatz 9). Wenn Sie nun die Existenz anderer Meinungen als der Ihrigen als "Durcheinander, wie Heu und Stroh" bezeichnen und die Bejahung des Pluralismus durch Bischöfe als "ängstliches ‚Laisser faire, laisser aller’" monieren, dann drücken Sie m.E. nur ihre Verachtung für das Konzil aus. Allein der pluralistische Respekt vor Andersdenkenden kann die wahre Einheit gewährleisten; mit dieser Haltung bewährten sich die Bischöfe, die Sie nun als Feiglinge hinstellen, bestens als Diener der Einheit, auch jener von Luxemburg. Politisch gesehen machen Sie aber mit Ihrem Rufen nach Einheit und Gehorsam die christliche Frohbotschaft zu einer Ideologie, in der Christus nur noch als Nicht-Sozialrevolutionär und erster Antikommunist vorkommt. Sehr deutlich ist dies ja auch aus der Tatsache zu entnehmen, dass Sie zwar die "unmissverständlichen" "Weisungen" über die "Marschrichtung" die der neue "Chef" gegeben hat, überschwenglich begrüssen, ohne aber – ausser der vagen Formulierung "im Dienste der Menschen und der Gesellschaft" – positiv die Richtung zu zeigen, wo es hingehen soll. Wir erfahren nur, dass der "Marxismus als Methode, als Analyse, als Denkansatz, als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, als Ideologie und Weltanschauung […] ein für allemal beendet sein" müsste. Und wer "mit Marx und dem Marxismus verwandt" ist, bestimmen wohl Sie oder der "Chef"? Sie sprechen zwar von "unserer Soziallehre, die alle Christen verpflichtet", doch kein Satz gibt an, welchen Inhalts sie ist. Das wäre auch nicht nötig, würden Sie wenigstens sagen, wer für Sie Jesus Christus ist. Aber selbst von ihm wird nur gesagt, wer er nicht ist. Einheit, Gehorsam bleiben also Selbstzwecke.
Ich frage mich -und eine Antwort Ihrerseits würde mich ehrlich freuen- was mich noch mit Ihnen, einem Priester der katholischen Kirche, im Glauben verbindet.
Erlauben Sie, dass ich zum Schluss noch eine historische Tatsache richtigstelle. Die katholische Soziallehre war in den letzten 15 (?) Jahren doch nicht deshalb "zur Unwirksamkeit verurteilt weil auf einmal unter uns […] selbsternannte Propheten und Besserwisser von eigenen Gnaden aufstanden, die als lautstarke Miesmacher alles zerredeten und kritisierten, verhöhten und verpönten, was nicht zumindest mit Marx und dem Marxismus verwandt war." In den letzten 50 Jahren waren in Luxemburg doch Sie und Ihre Parteifreunde an der Macht, und keineswegs Marxisten. Warum haben sie mit verbalen Bekenntnissen, wie Freund Hubert Hausemer Ihnen schon geantwortet hat, diese Lehre zu einem "staatsherhaltenden
Stück der herrschenden Ideologie‘ werden lassen (LL,9.2.79), statt sie in die Wirklichkeit umzusetzen? Ich bin mit H. Hausemer überzeugt, dass viel ’sozialpolitisches Dynamit‘ in dieser Soziallehre steckt, ja dass bestimmte Teile sogar ‚mit Marx und dem Marxismus verwandt‘ sind, und dass genau deshalb Sie und Ihre Parteifreunde im Dienst der besitzenden Schichten eine integrale Verwirklichung der Soziallehre trotz ‚C‘ im Parteinamen immer zu verhindern wussten. Warum haben Sie z.B. die in dieser Beziehung weit konkreteren Aussagen von Jean-Paul II. in seinen Reden von Oaxaca und Guadalajara nicht ausführlicher im L.W. dokumentiert, statt seiner für Luxemburg irrelevanten Auslassungen über die sog. Befreiungstheologien? Warum verschweigen Sie dort den Brief der französischen Bischöfe an
ihre lateinamerikanischen Kollegen, in dem sie die Mitschuld Europas an der Ausbeutung und Abhängigkeit Süd- und Mittelamerikas sehr konkret mit Namen nennen und verurteilen? Aber, es ist hier nicht der Platz allgemein auf die Haltung des L.W. gegenüber der Dritten Welt einzugehen. Es ging mir heute nur um Ihre ideologische Vereinnahmung des christlichen Glaubens, die Sie selten zuvor so deutlich zum Ausdruck brachten als in Ihrem Leitartikel vom 3.2.1979. Ich hoffe Sie werten meinen Brief nun nicht als Versuch eines KGB-Agenten, die Kirche zu unterwandern (L.W. 10.2.1979). Die Realitäten liegen anders als die antikommunistische Verblendung sie sieht. Die Sache Christi verdient eine ernstere Beschäftigung mit ihr.
michel pauly
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!