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Während Papst Johannes XXIII., der große Kirchenreformer, oder Bischof Oscar Romero, der salvadorianische Märtyrer, von vielen Gläubigen als ihre Vorbilder und Fürsprecher bei Gott verehrt werden, warten sie zur Zeit noch vergeblich auf eine offizielle Heiligsprechung. Nicht so sehr der umstrittene Spanier Josemaría Escrivá de Balaguer y Abbas, den Johannes Paul II. am 17.5. seliggesprochen hat. Die LW-Leser wurden seit Monaten in kleinen Notizen und ganzseitigen Beiträgen auf das Ereignis vorbereitet. Die "forum"-Redaktion kann sich nicht an einen ähnlichen Rummel im LW bei einer der zahlreichen vorausgegangenen Selig- und Heiligsprechungen dieses Papstes erinnern. Sitzt auch ein Opus-Dei-Fan in der LW-Redaktion?

Die beiden folgenden Beiträge beleuchten einerseits die (keineswegs neue) Art des Vatikans, mit Seligsprechungen Politik zu machen, und klären andererseits darüber auf, was es mit dem "Opus Dei", der "Mafia Gottes" auf sich hat. (m.p.)

Opus Dei – Werk Gottes?

Als die Kardinäle sich im Oktober des Drei-Päpste-Jahres 1978 zum zweiten Mal versammelten, um am 28. Oktober den Nachfolger von Johannes Paul I. zu wählen, hatten die Opus-Dei-Leute unter eben jenen

Wahlmännern einen Band verteilt mit Ansprachen ihres Lieblingskardinalerzbischofs von Krakau, Karol Wojtila. Solche Ansprachen hatte dieser öfter

im Opus-Dei-eigenen CRIS (Centro Romano d’Incontri Sacerdotali) gehalten.

Opus Dei wird natürlich bestreiten, an der Wahl Wojtylas gedreht zu haben. Und sowas wird selbstverständlich nicht zu beweisen sein. Papstwahlen sind ja streng geheim. Doch inzwischen sind vierzehn Jahre in die Lande gegangen, während derer Opus-Dei-Leute immer größeren Einfluß gewannen in den vatikanischen Verwaltungsräumen. So offensichtlich, daß die Frage sich immer deutlicher stellt, ob es nun Johannes Paul II. ist, der die Bischofsernennungen vornimmt, oder ob Opus Dei ihm die Ernennungsurkunden auf den Tisch legt; ob Johannes Paul II. selbst die Zeiger der Kirchenuhren vors zweite Vatikanische Konzil zurückdreht, oder ob Opus Dei das tut.

Opus Dei, was ist das?

Die Antwort darauf ist nicht leicht. Aus verschiedenen Gründen. Innenansicht und Außenansicht von Opus Dei haben kaum Bezug zueinander. Wer "L’Opus Dei" von Dominique Le Tourneau (PUF Collection Que sais-je? N° 2207, 1991², wohlversehen mit ’nihil obstat‘ und ‚imprimatur‘) und "The Secret World Of Opus Dei" von Michael Walsh (Grafton Books 1990, ISBN 0-586-20734-1) miteinander vergleicht, dem stellt sich die Frage, wieso für ersteren alles an Opus Dei erhaben ist, für den zweiten dasselbe Werk auf höchst dubiose Weise entstand und in noch undurchsichtigerem vatikanischem Kuddelmuddel sich zur heutigen Gestalt mauserte.

Nach Escrivás Vorstellung ist Opus Dei eine Laienbewegung, welche sichtbar macht, daß Heiligkeit (auch) eine Sache der Laien sein kann. Nicht sehr originell. Doch Escrivá hatte wohl noch nichts von Joseph Cardijn gehört, glaubte vielmehr, mit der Gründung des Opus Dei im Spanien des Jahres 1928 dem zweiten Vatikanischen Konzil vorgearbeitet zu haben. Eigenartig, daß eben dieses Konzil dem Seligen in spe so arge Bauchschmerzen verursachte, daß er in die Orthodoxie auszuwandern gedachte. Doch der Eigenarten gibt es noch mehr. So zum Beispiel, daß in dieser Laienbewegung von Anfang an die Kleriker das Sagen hatten.

Kuddelmuddel und vatikanische Kungelei

Das kirchenrechtliche Statut von Opus Dei ist für eine Laienbewegung in der Tat sonderbar. Escrivá wollte in keinem Fall, daß Opus Dei ein Orden sei, obschon die Vollmitglieder (Numerarier nennen sie sich) wie Ordensleute Ehelosigkeit und Gehorsam versprechen müssen, und natürlich auch Armut. Die meisten Numerarier sind Akademiker, arbeiten als Ärzte, Juristen, Lehrer, Politiker, werden nach Tarif von ihrer Dienststelle besoldet, überweisen ihren ganzen Lohn dem Opus-Dei-Haus, in dem sie mit andern Opus-Dei-Leuten zusammenwohnten. Seit dem 23. August 1982 ist Opus Dei durch Johannes Paul II. zur Personalprälatur erhoben und untersteht damit der vatikanischen Verwaltung für die Bischöfe. Doch erst das Kirchenrechtsbuch von 25. Januar

1983 führt den Begriff der Personalprälatur ein, und zwar in den Kirchengesetzen Nr. 294 bis 297.

Bis jetzt ist Opus Dei die einzige existierende Personalprälatur. Sonderbar daran ist nicht nur, daß sie errichtet wurde, bevor es das entsprechende Gesetz gab, sondern vielmehr, daß die Laienorganisation Opus Dei als Personalprälatur nur aus Weltpriestern und Diakonen (also Klerikern) besteht. Offiziell heißt sie "Personalprälatur vom Heiligen Kreuz und Opus Dei". Das "Heilige Kreuz" stammt von der Priestervereinigung mit diesem Namen. Die war bereits von Escrivá gegründet worden (also vor der Erhebung zur Personalprälatur), um Priestern, die nicht Mitglieder von Opus Dei sind, dann doch einen Zugang – sozusagen von der Seite her – zu ermöglichen. Doch können Numerarier von Opus Dei zu Priestern geweiht werden. Dann bleiben sie als Kleriker Mitglied der Laienbewegung Opus Dei. Kuddelmuddel! In der Zwischenzeit gibt es auch schon echte Opus-Dei-Bischöfe, wie Klaus Küng von Feldkirch im Vorarlberg. Vatikanische Kungelei wird immer offensichtlich! Um die Laienbewegung Opus Dei als Anhängsel der Personalprälatur dann doch juridisch zu rechtfertigen, kommt Kirchengesetz Nr. 296 zu Hilfe: "Nach Übereinkunft mit der Prälatur können Laien sich den apostolischen Werken der Personalprälatur zur Verfügung stellen (sese dedicare possum); die Modalität dieser organischen Zusammenarbeit sowie die hauptsächlichen Pflichten und Rechte sollen durch die Statuten näher bestimmt werden." Die Laienmitglieder von Opus Dei bleiben Mitglieder ihrer eigenen Diözese, unterstehen jedoch für ihre pastoralen Aufgaben gleichzeitig der Prälatur. Doch wie ist es mit den Klerikern?

Seit der Bischofsordination von Alvaro del Portillo – durch Johannes Paul II. eigenhändig vor zwei Jahren – ist die Personalprälatur regelrecht zu einer Personaldiözese geworden, deren Bischof volle Rechtsgewalt (natürlich im katholischen Sinn, also undemokratisch, ohne Gewaltentrennung) über sie hat, der das Recht hat ein nationales oder internationales Seminar zu gründen, die Priesterzöglinge zu inkardinieren (bei der Prälatur als Kleriker anzuschreiben) und sie auf den Titel der Prälatur zu ordinieren (Kirchengesetz Nr. 295 par. 1).

Juridisch Sonderbares gäbe es noch eine Menge zu berichten, welches bei Opus Dei zusammentrifft und belegt, wie weit man in der Kirche kommt, wenn versucht wird, das vom Evangelium geforderte Geschwisterliche mit dem Hierarchischen zu verbinden. Man kann es drehen und wenden, wie man will, auch die Laien des Opus Dei dürfen nur so weit mitbestimmen, wie die hauseigene Klerikerhierarchie das gestattet. Gehorsam ist der Opus-Dei-Leute schärfste Waffe, wie bei den Kreuzzüglern.

Gibt es eine Opus-Dei-Spiritualität?

Wenn es sie gibt, dann muß sie in der Lebensführung der Opus-Dei-Leute sichtbar werden. So wie sie sichtbar wurde in der Lebensführung der ersten Christengemeinschaften. Die hatten keine Kirchenhäuser. Einzig durch ihre Art und Weise zu leben gaben Christen ihren Mitbürgern etliche Rätsel auf. "Wo

Sie haben einen ganzen Katalog geistlicher Übungen zu bewältigen, die man vor siebzig Jahren noch allen katholischen Kindern, Seminaristen und Ordensleuten abverlangte. Alte Technik, statt, wie Jesus von Nazaret bei seinen Schülern erwartete, radikales Umdenken, komplettes Neuverlegen der Denkschienen.

nehmt ihr die Kraft her, so zu leben, wie ihr lebt?" Oder, wie die Apostelgeschichte verklärend erzählt: "Seht nur, wie sie sich lieben!" Wo sind denn die Opus-Dei-Leute, damit wir sehen können, wie sie leben und ob sie sich lieben?

Mit dieser Frage stoßen wir auf eine Eigenart von Opus Dei: Diskretion. Nicht einmal an kirchlichen Manifestationen nehmen sie geschlossen teil, wie wir das von anderen kirchlichen Vereinigungen gewohnt sind. Ein Aspekt der Opus-Dei-Spiritualität? Von seiner Nichtgreifbarkeit rührt auch die nicht sehr liebevolle Bezeichnung für das Opus Dei: "heilige Mafia". Nicht weil es gewalttätig wäre, sondern weil, wie bei allen Geheimorganisationen, kein Außenstehender genau weiß, wer dazu gehört. Gewiß, jedem Mitglied steht es mehr oder minder frei, seine Mitgliedschaft in der Öffentlichkeit zu bekennen. Doch erwünscht ist das nicht. Und dem einzelnen Mitglied wohl auch nur erlaubt nach Rücksprache mit seinem geistlichen Leiter, dem zu gehorchen ist. Dem Vorwurf der Geheimnistuerei begegnet man im Opus Dei mit Demut. Da das Werk ein rein übernatürliches Ziel verfolge, nämlich die Heiligung der Mitglieder, vermeide man, die Mitgliedschaft an die große Glocke zu hängen. Welche Art von Heiligkeit, die im Verborgenen blüht!? In diesem Punkt der Diskretion, was die einzelnen Mitglieder angeht, liegt Opus Dei außerhalb des Spektrums aller bisherigen christlichen Arten von Spiritualität. Die waren immer öffentlich. Franziskaner konnten unterschieden werden von Dominikanern. Benediktiner waren anzutreffen in ihrem Kloster. Doch wie leben Opus-Dei-Leute? "Ganz wie normale Christen", behaupten Opus-Dei-Leute, wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt. Doch ganz stimmt das nicht. Bischöfe beurteilen es heutzutage schon ganz positiv, wenn normale Christen noch mal so an Weihnachten zur Kirche gehen, ihre Kinder taufen und kommunionen lassen. Damit hat’s sich dann auch schon bei den normalen Christen. Die bischöfliche Norm ist erfüllt. Ganz anders Opus-Dei-Leute. Sie haben einen ganzen Katalog geistlicher Übungen zu bewältigen, die man vor siebzig Jahren noch allen katholischen Kindern, Seminaristen und Ordensleuten abverlangte. Zu den von allen Opus-Dei-Leuten freiwillig übernommenen Pflichten gehören: täglich: Morgen- und Abendgebet, das Kreuz küssen, Rosenkranz, Messe, Meditation, geistliche Lesung, Gewissenserforschung, Anbetung des Allerheiligsten; wöchentlich: Beicht, Kreuzweg, Gespräch mit dem Seelenleiter; monatlich: ein ganzer Besinnungstag. Alles alte Hüte, einschließlich der Selbstquälung mit dem Bußgürtel, die nicht verschwiegen werden soll, obschon sie keine Pflicht ist und dem einzelnen Mitglied vom Seelenleiter gestattet werden muß. Alte Technik, statt, wie Jesus von Nazaret bei seinen Schülern erwartete, radikales Umdenken, komplettes Neuverlegen der Denkschienen. In der Kölner St.-Pantaleons-Pfarrei hörte ich einen Opus-Dei-Priester zu einem halben Dutzend Kinder sagen, das mache dem lieben Gott Freude, wenn sie Opfer brächten. Welchen Gott meinte er? "Mit Dir, Jesus, ist der Schmerz voller Freude und das Dunkel voller Licht." (Maxime 228). Noch immer geistert in Opus-Dei-Köpfen ein Gott, der erst durch den Tod "seines Sohnes" besänftigt werden konnte.

Einmal hat Opus Dei sogar Abstand genommen von seiner Diskretion. Dies eine Mal war im Mai 1985. Da trat es in Belgien öffentlich in Erscheinung. Vielleicht trat es aber auch nur ein für Johannes Paul II., dem in den Niederlanden die kalte Schulter gezeigt worden war, dem Luxemburg auch nicht den erwarteten begeisterten Willkommensgruß entgegenjubelte. Doch in Belgien waren sie zu sehen, "un groupe omniprésent et très bruyant qui manifestait son soutien au pape en scandant partout ‚Vive le Pape‘ et ‚Totus tuus‘. Au cours de l’allocution à Louvain-la-Neuve de Véronique Oruba, présidente de l’Assemblée Générale des Etudiants de Louvain-la-Neuve (AGL), la Belgique entière fit la connaissance de ce groupe, grâce à la télévision. Oruba fut à plusieurs reprises interrompue et accueillie par des huées. L’introduction de considérations de gauche dans son allocution au pape ne fut guère appréciée par une partie du public. Qui ne se souvient du désormais célèbre ‚Merci l’Opus Dei‘ prononcé par Oruba, lorsqu’il devint évident à la représentante des étudiants qu’il n’était plus possible de parler dans une atmosphère de sérénité? … A l’issue des cérémonies Mgr Musty, évêque auxiliaire de Namur, confiait à quelques journalistes son indignation: ‚Qu’est-ce que l’Opus Dei faisait là? C’est scandaleux, certains viennent d’Allemagne et d’Autriche. Cela me rappelle d’autres régimes‘." (André Van Bosbeke: Dossier Opus Dei en Belgique, Editions EPO, 2600 Anvers, 1986, pp. 7 et 9).

Nous ne sommes pas intégristes, fiston, nous sommes traditionalistes… Et c’est justement parce que nous respectons la tradition que l’avenir nous appartient.

Fundamentalismus

Golias, no 27/28, 1991

Ein Begriff, über den bereits viel Tinte geflossen ist. Wenn "alles Ständige und Stehende verdampft, alles Heilige entweiht wird, sind die Menschen endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen." So meinte Karl Marx. Doch "wenn die Menschen das nicht aushalten, dann entsteht Fundamentalismus", meint Christoph Türcke in seinem Essay "Die pervertierte Utopie" (in "DIE ZEIT" vom 10. April 1992.) Die Ansicht scheint für Opus Dei zu stimmen. Es hält sich an seinen Gründer, der seinerzeit die neuscholastische Theologie lernte als "theologia perennis", als "zeitlose", darum keiner Verbesserung bedürftige Gottesgelehrsamkeit. Dementsprechend erkannte

Escrivá am 2. Oktober 1928 den Willen Gottes in dessen ganzen Tragweite: "Il voit l’Opus Dei très nettement défini dans ses contours fondamentaux. La lumière reçue n’est pas une inspiration générale mais une illumination précise et déterminée, de sorte que l’entreprise n’est pas une entreprise humaine, mais une grande entreprise surnaturelle, qui a vu s’accomplir en elle à la lettre dès le commencement tout ce qui est nécessaire pour qu’on l’appelle sans vantardise l’Oeuvre de Dieu" (Le Tourneau: p. 20). Wer den Gründer ernstimmt, glaubt Opus Dei nehme teil an der Ewigkeit und Unveränderlichkeit Gottes selbst. Im unbedingten Gehorsam gegen den bald als Seligen (und demnächst wohl auch weltweit als Heiligen) zu verehrenden Josémaría Escrivá de Balaguer y Albas Marqués de Peralta hat Opus Dei nicht nötig, theologisch schöpferisch zu sein. Es hat den Unfehlbaren auf seiner Seite. Das ist auch der Grund, warum es keine Opus-Dei-Spiritualität gibt. Denn auch die Heiligung in der täglichen Arbeit war längst vor Escrivá erfunden. So weit bekannt, steht das "ora et labora" bereits in der Benediktinerregel. Die allermeisten Benediktiner der alten Garde waren Laien. "Priester" gab es anfänglich in den benediktinischen Niederlassungen jeweils nur einen.

Nun hat ja niemand was dagegen, wenn Opus Dei und Johannes Paul II. sich gegenseitig ermuntern, wenn beide Hand in Hand, der eine jetzt schon Heiligkeit ist, die andern der Heiligkeit entgegenwandeln. Entschieden müssen Christen eintreten für das Karol Wojtyla wie der Opus-Dei-Leute Freiheit, ihrem Gewissen zu folgen. Verbieten jedoch sollten es sich alle Christen, daß Opus Dei sich für den heiligen, makellosen und unveränderlichen Rest der Kirche hält, "im Gegensatz zu den übrigen Teilkirchen und zur Gesamtkirche. 1972 hatte Escrivá in einem Cronica-Leitartikel geschrieben: ‚Das Böse kommt von innen und von hoch oben. Es gibt eine wirkliche Fäulnis, und zur Zeit scheint es so, als sei der Mystische Leib Christi ein Leichnam in stinkender Verwesung’" (Zitiert nach: Peter Hertel: Für eine offene Kirche, Publik-Forum Materialmappe, 1990, ISBN: 3-88095-030-9, S. 17). Erkennen müssen alle Christen, die in den letzten Jahren "Wir sind die Kirche" artikulieren lernten, daß

Opus Dei eine sehr ernstzunehmende Gefahr

ist, weil es, genau wie die meisten Kirchen "fürsten", die Zeichen der Zeit nicht lesen kann. Eine sehr ernste

Kirchengefahr, weil es sich vorgearbeitet hat bis in die Schalträume der römischen Zentrale. Der spanische Opus-Dei-Mann Joaquín Navarro Valls hat seit 1984 als vatikanischer Pressesprecher täglich das Ohr Johannes Pauls II. Dies so sehr, daß der Pressesprecher der deutschen Bischofskonferenz, Rudolf Hammerschmidt, 1989 "nicht an den nichtöffentlichen Beratungen (der deutschen Bischöfe) mit dem Papst teilnehmen (durfte)", wohl aber Navarro Valls. "Das Ergebnis war wie ‚absurdes Theater‘, Navarro folgte

den Debatten, die weitgehend auf deutsch geführt wurden, mittels der italienischen Simultanübersetzung. Dann trug er der Presse seine Zusammenfassungen auf italienisch vor, wo ein Dolmetscher, der an den Beratungen nicht teilgenommen hatte, ins Deutsche zurückübersetzte. Dabei stellte sich heraus, daß Navarro einen Teil der spezifischen deutschen Zusammenhänge, über die debattiert worden war, überhaupt nicht verstanden hatte …" (Peter Hertel: Für eine offene Kirche, S.20). Dies nur als ein Beispiel dafür, wie Opus Dei seine Leute an Knotenpunkte einschleust, die dort mit dem Segen des Unfehlbaren jene Knöpfe drücken, welche Kirchenfürsten in alle Lande katapultieren, um dortselbst die römische Linie mal wieder genau durchzuziehen.

"Bis jetzt machen Opus-Dei-Bischöfe ein einziges Prozent aller Kirchenfürsten aus", belehrte mich ein Opus-Dei-Mitglied. Da sei es hysterisch, von einer Gefahr zu reden. Was ja auch stimmte, wenn es bei dem einen Prozent bliebe. Alle Zeichen deuten darauf hin, daß es nicht nicht dabei bleiben wird. Genau hierin ist die Gefahr zu sehen. Sie wird in der aktuellen politischen Arena noch verstärkt durch den in allen Ländern verzeichneten Rechtsruck. Die Leute wollen Sicherheit. Die einen glauben sie zu erreichen in der Ausgrenzung von "Ausländern". Die andern möchten sie erreichen in Anlehnung an Unfehlbare. Deshalb wird Opus Dei sich nicht zufriedengeben mit einem seligen Escrivá. Es wird dessen Heiligsprechung anpeilen. Und mit Johannes Paul II. auch erreichen. Doch neben diesen "übernatürlichen" Sicherheiten, verzichtet Opus Dei keineswegs auf

die "natürlichen" Sicherheiten

irdischer Macht und irdischen Reichtums. Zwar verbietet sich das "Werk Gottes" diesen Vorwurf. Es sei "arm". Doch jedem seiner Mitglieder lasse es alle Freiheit, in seinem Beruf so tüchtig zu sein, wie man in seinem Beruf tüchtig sein kann. Als Politiker so tüchtig, wie nun mal ein Politiker, will er politisch überleben, sein muß; als Bankmanager so tüchtig, wie nun mal ein Bankmanager, will er es in seinem Gewerbe zu etwas bringen, zu sein hat. So wird niemand sich wundern, Opus-Dei-Leute eher in Adelskreisen anzutreffen, als bei Lastkraftfahrerinnen. Niemand wird erstaunt sein, sie verwickelt zu sehen in jene berüchtigten Geschäfte des Banco-Ambrosiano-Bankrotteurs Roberto Calvi und dessen Komplizen Michele Sindona und Erzbischof Paul Marcinkus. Es sind wohl alle Mittel recht, wenn es Opus Dei, laut Cronica (einer Opus-Dei-Zeitschrift nur für Insider), drum geht, "die Institutionen der Völker, der Wissenschaft, Kultur, Zivilisation, Politik, Kunst und sozialen Beziehungen zu christianisieren – als einen gesellschaftlichen Ausdruck des Glaubens der Menschen und als ein Werkzeug, Seelen zu retten, sie in ihrem Glauben zu erhalten und sie zu Gott zu führen." (Peter Hertel in der zitierten Schrift S. 19).

Am 16. April 1992 hatte ich meinen Opus-Dei-Beitrag für "forum" bis hierhin im Computer, als zwei Tage später nebenstehende

  • Opus Dei. A l’occasion de la béatification de Mgr José María Escrivá de Balaguer, fondateur de l’Opus Dei, l’asbl Campus a le plaisir d’inviter à une réunion d’information avec projection de film sur l’Oeuvre et son fondateur. Cette réunion aura lieu à la Maison des Oeuvres, 2, rue Notre-Dame, Luxembourg, le samedi 25 avril 1992 à partir de 15 heures. Pour tout renseignement, prière de téléphoner en soirée au 36 95 32.

LW 18.4.92

Anzeige im LW

stand. Die Statuten der Campus a.s.b.l. sind bis dato nicht im "Memorial" veröffentlicht.

Ich bin der freundlichen Einladung gefolgt, obschon ich über viel mehr Opus-Dei-Informationen verfüge als ich im Vereinshaus erwartete. Ich sollte nicht enttäuscht werden. Neunzehn Vorwitzige hatten sich eingefunden. Der "Opus-Dei-Priester", natürlich im römischen Stehkragen, eröffnete die "Versammlung", ebenso opusdeinatürlich ohne sich vorzustellen. Erst rund zwei Stunden später gab er sich zu erkennen als der für Brüssel verantwortliche "Opus-Dei-Priester", den man als solchen im Klerikerverzeichnis seiner Diözese finden könne. Ein ebenfalls in Aktion tretender Opus-Dei-Laie stellte sich überhaupt nicht vor. Ja, nachdem der Opus-Dei-Priester seinen Namen preisgegeben hatte, weigerte der Opus-Dei-Laie, sich vorzustellen. Er trage seine Opus-Dei-Mitgliedschaft nicht am Rockaufschlag, etwa wie ein kleines Kreuz oder sonst ein Erkennungszeichen, herum. (Maxime 44 aus "Der Weg": "Entschuldige dich liebenswürdig, wie es christliche Nächstenliebe und gesellschaftlicher Umgang erfordern. – Aber dann vorwärts! Mit heiliger Unverschämtheit, ohne dich aufzuhalten, bis deine Pflicht ganz und gar erfüllt ist.") Der Unbenannte hat sich weder liebenswürdig noch unliebenswürdig entschuldigt, sondern offenbar nur die zweite Hälfte der Maxime "mit heiliger Unverschämtheit" befolgt. So ungeschminkt wie an jenem Samstag im Vereinshaus gegenüber der Kathedrale hatte ich die heilige Unverschämtheit eines Opus-Dei-Mannes noch in keiner Versammlung des "Gotteswerkes" erlebt. Es fühlt sich offenbar stark, sehr stark.

Diskussion war wohl nicht eingeplant. Man mußte sie erzwingen. So stellte ich dann eine Frage: "In Europa gibt es wenigstens 15 Millionen Arbeitslose. Wie macht Opus Dei mit diesen Menschen seine Spiritualität wahr: ‚Die Arbeit heiligen; sich in der Arbeit heiligen; durch die Arbeit heiligen‘?" Komplementär dazu: "Gibt es im Opus Dei Arbeitslose?" Als Antwort bekam ich erst mal homerisches Gelächter zu hören. Gespannt wartete ich, ob die mir bereits bekannte Antwort komme. Sie kam: "Die Frage nach der Arbeitslosigkeit ist eine soziologische und eine wirtschaftliche. Wir sind ein rein religiöses Werk." Um dieses Thema wurde herumbrodiert, bis die

Zuhörer glauben mußten, die Frage sei genügend beantwortet. Doch sie bohrten weiter. Zum Beispiel: "Warum ist Opus Dei so umstritten?" und: "Warum die überstürzte Seligsprechung von Escrivá?" und: "In Chur sät ein Opus-Dei-Priester Zwietracht im Priesterseminar". Und: "Warum wurden bei der Weihe von Opus-Dei-Priestern deren akademische Titel aufgezählt?" Die Taktik des Opus Dei wurde greifbar: dauerte eine präzise Fragestellung fünfzehn Sekunden, so war nach fünfzehnminütigem Gerede die "Antwort" immer noch nicht gegeben. Doch die Zuhörer waren ermüdet.

Da ich kein Opus-Dei-Mitglied bin, ist meine Unverschämtheit nicht heilig. So unterbrach ich denn eine langatmige, nichtssagende Antwort, als ein Trierer Opus-Dei-Mann meinte, man sollte doch die Versammlung über Numerarier und Supernumerarier informieren. Es sollten wohl weitere Fragen verhindert werden. Dies gelang nicht. Die anwesenden Opus-Dei-Leute wurden nervös. In der Zwischenzeit waren sie aufmerksam gemacht worden – soweit sie es noch nicht selbst gemerkt haben sollten -, daß unter den Anwesenden die Sympathisanten äußerst dünn gesät waren. So verlief der Schluß der Veranstaltung leicht tumultuös, als Opus Dei sich schließlich doch dazu bequemte, zur Frage Stellung zu nehmen, warum es umstritten sei. Wer das "Gotteswerk" kennt, war nicht verwundert zu hören: "Die Kirche wurde und wird noch immer angegriffen. Das ist ein Zeichen ihres göttlichen Ursprungs." Opus Dei wird angegriffen. Es folgt ein ganz einfacher Syllogismus: Kirche und Opus Dei sind identisch. Besonders der unbenannte Opus-Dei-Mann trat lautstark auf gegen meine nicht minder lautstarke Behauptung, es gäbe in der Kirche so manches, was Kritik herausfordere. Da sei ich aber schwer auf dem Holzweg, wurde mir zu verstehen gegeben. Nein, Kritik an der Kirche sei absolut nicht notwendig. Opus Dei stehe fest und treu auf seiten von Papst und Bischöfen. Es kam, was kommen mußte. Das mir aus meiner Kirchenvergangenheit bekannte Argument wurde mir mal wieder um die Ohren geschlagen: den Papst halte ich für fehlbar, mich selbst hingegen für unfehlbar. Die heilige Unverschämtheit des Opus Dei hatte meine unheilige Unverschämtheit entlarvt und zu Fall gebracht.

Jupp WAGNER
Kirchberg, den 5.5.1992

Die Taktik des Opus Dei wurde greifbar: dauerte eine präzise Frage fünfzehn Sekunden, so war nach fünfzehnminütigem Gerede die "Antwort" immer noch nicht gegeben.

  • "Der Weg" (spanisch El Camino) ist eine Sammlung von 999 Maximen Escrivás, die "auf den ersten Blick wie Kalendersprüche wirken mögen, auf den zweiten wie kluge Lebensregeln, auf den dritten wie geschliffene Aphorismen", so die Werbung des Opus-eigenen Adamas-Verlags.

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