„Unser Hauptziel ist, den schulischen Misserfolg zu bekämpfen“
Ein Gespräch mit Erziehungsministerin Erna Hennicot-Schoepges
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Ein Gespräch mit Erziehungsministerin
Erna-Hennicot-Schoepges
"forum": Sie haben angekündigt, das Aufnahmeexamen für den Sekundarunterricht werde abgeschafft. Welches sind Ihre Motive und Ihre Ziele?
Erna Hennicot-Schoepges: Die Maßnahme steht im Rahmen von Überlegungen, um den schulischen Mißerfolg zu bekämpfen. Die Neugestaltung des Übergangs von der Primärschule in den Sekundarunterricht ist im Regierungsprogramm von 1994 vorgesehen. Sie war geplant für 1998. Ich fand aber, man sollte diese Maßnahme vorziehen. Ich nahm den Vorschlag der Elternvereinigungen, eine Dispens vom Aufnahmeexamen zu ermöglichen, als interessanten Denkanstoß auf. Im Falle, wo die Eltern das Orientierungsgutachten annehmen, wird ihr Kind vom Aufnahmeexamen entbunden. Dadurch sind schon eine Reihe schulische Mißerfolge aus dem Weg geräumt. Wenn Eltern und Lehrpersonal sich einig sind und Vertrauen herrscht, soll das Kind den schulischen Weg gehen, den beide einvernehmlich für das Kind ausgesucht haben.
Fest steht, daß zur Zeit trotz Aufnahmeexamen die Zahl der Mißerfolge sehr hoch liegt. Eine Studie hat in den 80er Jahren bewiesen (siehe Tabelle S. 35), daß eine sehr hohe Durchschnittsnote im Aufnahmeexamen Voraussetzung war für den Erfolg im Abitur nach 7-9 Jahre! Von 3907 Schülern, die 1994-95 im 6. Schuljahr waren, besuchen nach dem Aufnahmeexamen 2047 den klassischen Sekundarunterricht (ES), 1176 den technischen Sekundarunterricht (EST) und 617 den ‚régime préparatoire‘ (RP). Im Gegensatz stellen wir fest, daß global gesehen, zwei Drittel sämtlicher Schüler im technischen Sekundarunterricht eingeschult sind. Es kommt also im Lauf der Jahre zu einem massiven Überwechsel von ES zu EST. Man muß also schlußfolgern, daß im klassischen Sekundarunterricht eine ganze Reihe Mißerfolge stattfinden, die überflüssig wären, wenn die Schüler sofort in den richtigen Schultypus orientiert worden wären. Diese bessere Orientierung ist das Ziel unserer Reform, die im Schuljahr 1996-97 anlaufen soll.
Man muß hinzufügen, daß auch die Promotionsreglemente im unteren Zyklus des ES und des EST zur Zeit
einer Reform unterzogen werden. Das Ziel der Luxemburger Schule muß es sein, die Mißerfolge zu begrenzen, die Schüler in jenen Schultypus zu orientierten, in dem sie die größten Chancen auf einen erfolgreichen Abschluß haben werden. Übrigens kommen etwa ein Drittel aller Abiturienten aus dem technischen Sekundarunterricht, und die Tendenz ist steigend. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Übergangsmöglichkeiten, die dem Schüler erlauben, wenn das sich als richtig herausstellen sollte, von einem in den anderen Schultypus überzuwechseln. Mein langfristiges Ziel ist es daher, in allen Schulgebäuden den unteren Zyklus aller Schultypen anzubieten. Das läuft schon so in einigen Schulgebäuden des Es und EST – letzthin haben wir dieses Angebot in Mersch eingeführt – und das hat sicher zum Abbau einer Reihe von Schranken beigetragen. Das wird auch im dritten Lyzeum auf ‚Geesseknäppchen‘ der Fall sein.
"forum": Diese letztgenannte Maßnahme wird sicher Eltern die Entscheidung erleichtern, ihr Kind in eine Schule zu schicken, ohne ipso facto dem Nachbarn sagen zu müssen, welchen Schultypus es dort besucht. Die Geringschätzung des technischen Sekundarunterrichts kann so sicher schneller abgebaut werden.
Erna Hennicot-Schoepges: Unsere Sorge muß es auch sein, die Eltern deutlicher über die verschiedenen Schultypen aufzuklären. Zur Zeit ist der klassische ES ja darauf angelegt, ein Universitätsstudium vorzubereiten; der EST kann auch auf ein Universitätsstudium vorbereiten – die Eltern müssen also nicht befürchten, daß das von vornherein ausgeschlossen ist -, andererseits bietet der EST eine ganze Reihe von Ausbildungsmöglichkeiten, die stärker praxisbezogen sind und dem bestehenden Arbeitsmarkt besser angepaßt sind. 200 offene Lehrstellen im Handwerk sind eine Herausforderung, die zu fundamentalem Umdenken zwingt, als uns möglicherweise lieb ist. Insofern hoffe ich, daß die derzeitige öffentliche Diskussion über die Schule uns weiterbringt in unseren Überlegungen über die Gesamtausrichtung des Luxemburger Schulsystems.
Fest steht,
daß zur Zeit
trotz
Aufnahme-
examen die
Zahl der
Mißerfolge
sehr hoch
liegt.
"forum": Wäre es in dem Zusammenhang nicht auch wichtig, die Eltern stärker vor ihre Verantwortung zu stellen? Die vorgesehenen Orientierungsgespräche könnten dazu ja einen guten Ansatz bieten. Bisher wurden die Eltern meistens zu allgemeine Aufklärungsversammlungen eingeladen zum Thema: "Was tun nach dem 6. Schuljahr?". Das geschah aber auf freiwilliger Basis und zumindest in der Stadt Luxemburg tun das Lehrer in ihrer Freizeit in sehr unterschiedlicher Qualität, wie man hört. Müßte dieses Orientierungsgespräch mit den Eltern nicht individuell sein und obligatorisch, verbunden mit präziser Information über die verschiedenen Schultypen?
Erna Hennicot-Schoepges: Ihr Beispiel ist gut gewählt: Die Stadt Luxemburg verzichtet neben drei anderen Gemeinden auf die Orientierungstest, die schon seit einigen Jahren in Zusammenarbeit mit Schulpsychologen im 6. Schuljahr durchgeführt werden. Sie arbeitet auf diesem Gebiet nicht mit dem Erziehungsministerium zusammen.
Es geht darum, das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Lehrpersonal der Primärschule herzustellen, wiederherzustellen. Die erste Etappe muß darin bestehen, die Eltern genauestens über das Schulsystem zu informieren. Diese Aufklärung muß von Professionellen geleistet werden. Dann kommt in einer zweiten Etappe die Orientierung des individuellen Kindes. Dabei sollen die Eltern schon vor der Abfassung des Orientierungsgutachtens am Ende des 6. Schuljahrs mit dem Lehrer, dem Psychologen, dem Inspektor individuell zusammentreffen.
"forum": Das klingt alles sehr schön. Ist das aber so kurzfristig zu realisieren? Wie kann das alles für den Herbst fertig sein?
Erna Hennicot-Schoepges: Das war für mich ein Grund, die Reform zu diesem Zeitpunkt anzukündigen. Jetzt wissen alle Beteiligten, daß es ernst wird und Nägel mit Köpfen gemacht werden müssen. Man kann mir auch nicht unterstellen, ich habe niemanden vorher informiert: In allen meinen Gesprächen mit den Direktoren, den Elternvereinigungen, aber auch den Lehrergewerkschaften habe ich stets meine diesbezüglichen Absichten offen angekündigt. Wir sind im Ministerium also vielleicht besser vorbereitet als man uns das draußen immer wieder nachsagt.
"forum": Es ist schade, daß das draußen falsch empfunden wird, denn so kommt unter den Lehrern wie unter den Eltern gleich Panikstimmung auf.
Erna Hennicot-Schoepges: Diese Ängste hatte ich erwartet. Ich wußte, daß man diese innerhalb des Systems als erste abbauen müßte. Deshalb arbeiten seit einiger Zeit innerhalb von Kommissionen die Lehrer mit den Professoren zusammen. Das sind vertrauensaufbauende Maßnahmen, die intensiviert werden müssen.
Ich habe schon gesagt, daß die Orientierungsgutachten des CPOS ja jetzt schon in 114 von 118 Gemeinden laufen. Sie müssen wahrscheinlich verfeinert und leicht überarbeitet werden, doch aufgrund gesammelter Erfahrungen. Dann müssen wir den Gemeindeverantwortlichen klar Anweisung geben, daß im 6.
Schuljahr nur qualifiziertes Lehrpersonal unterrichten darf. Mit den Lehrern, die nächstes Jahr ein 6. Schuljahr unterrichten werden, werden wir jetzt, im Laufe des dritten Trimesters, sobald die Schulorganisation der Gemeinden steht, zusammenkommen und sie auf ihre neuen Aufgaben vorbereiten. Nach Ostern werden wir mit Hilfe der Inspektoren sektorielle Informationsversammlungen mit den Gemeindeverantwortlichen anlaufen lassen. Druckreif sind auch die Testaufgaben für Französisch.
"forum": Unseres Wissens sind bisher nur Französisch-Teste in der Erprobungsphase.
Erna Hennicot-Schoepges: Die andern stehen auch vor dem Abschluß. Wir müssen für den Herbst 1996 bereit sein. Wir wollen auch nicht dirigistisch vorgehen und bestimmte Prüfungen vorschreiben, die dann sozusagen Mini-Aufnahmexamen übers Jahr verteilt wären. Die Primärschule leidet unter dem Syndrom, daß sie gemessen wird a) von Außenstehenden und b) mit Parametern, die nichts aussagen. Es darf nicht auf einzelne Noten ankommen, sondern auf die Gesamtbilanz eines Schülers, die ein Lehrer aufgrund mehrerer Instrumente erstellen kann und nicht nur aufgrund der Noten in drei Fächern. Die Testaufgaben sind ein solches Hilfsinstrument.
Wir müssen es auch endlich fertigbringen, die Übergänge vom 6. Schuljahr auf Septima in beiden Schultypen besser aufeinanderabzustimmen. Im 6. Schuljahr gelten die ‚Prüfungsfragen‘ als Bibel und auf Septima beklagen sich die Lehrer: ‚Sie können dies und das nicht.‘ Die erwarteten Kompetenzen müssen also für die Abschlußklassen der Primärschule und
den unteren Zyklus der Sekundarschule neu definiert werden.
"forum": Das kann nur erfolgreich gelingen, wenn die Lehrer beider Schultypen in den Entscheidungsprozeß eingebunden werden.
Erna Hennicot-Schoepges: Wir müssen unbedingt die Präsidenten der Programmkommissionen der übergreifenden Fächer einbeziehen. Und wir müssen die Inhalte derart definieren, daß das, was in der Primärschule als Lernziel vorgeschrieben wird, auch gewußt ist, wenn der Schüler die Septima erreicht. Und meine Haltung in dieser Frage ist eindeutig: Weniger ist mehr. In der Primärschule soll man nicht unbedingt viel lernen, aber vertieft lernen, festigen; der Akzent soll auf Lernmechanismen liegen. Zum Beispiel sollen die Schüler systematisch lernen, auswendig zu lernen, damit ihr Gedächtnis aktiviert ist, wenn sie in den anderen Schultypus überwechseln. Es soll auch klar sein, was nicht verlangt ist, bevor man die Schule wechselt.
Mir scheint es auch wichtig, daß auf Septima das erste Trimester zählt. Diese Probezeit, die zur Zeit auf Septima vorgesehen ist, setzt m. E. falsche Signale. Es muß sofort klar sein, daß trotz Schulwechsel eine Kontinuität besteht.
"forum": Sie haben sicher recht, daß auf dem Gebiet der Wissensvermittlung Kontinuität besteht oder bestehen sollte. Aber es gibt keine Kontinuität im sozialen Bereich – der Klassenverband ist ein anderer, er ist auch viel größer – und nicht im Bereich der psychologischen Betreuung des Schülers – an die Stelle eines Lehrers, den der Schüler gut kennt, treten sechs bis acht verschiedene Lehrkräfte mit zum Teil sehr unterschiedlichen pädagogischen Methoden. Es stellen sich also m. E. über das Aufnahmeexamen hinaus eine ganze Reihe weiterer Übergangsprobleme. Auch der Klassensaal ist völlig anders: In der Primärschule strahlt er heute immer öfter eine warme, lernfördernde Atmosphäre aus, während er in den Lyzeen in einheitsgrauer Farbe getünkt ist, Blumen sind verboten.
Erna Hennicot-Schoepges: Es stimmt, daß wir in den postprimären Schulen das gesamte Umfeld, insbesondere den ‚Accueil‘ anders gestalten müssen. Mein langfristiges Ziel ist es, den ‚Educateur‘ mit eigenem Profil neben dem Professor in die Schule zu integrieren. Vielleicht besteht schon demnächst die Möglichkeit dazu: Ich habe vor, den Lehrbeauftragten ab Herbst einen unbefristeten Arbeitsvertrag anzubieten, unter der Bedingung, daß sie dann auch Aufgaben im Bereich des ‚Accueil‘ und der Verwaltung wahrnehmen.
Es bleibt eine Tatsache, die mir viel Sorgen macht: Zwischen den einzelnen Schultypen sind die Wände sehr hoch, wie überhaupt in unserer Gesellschaft. Die Lehrer aus dem postprimären Bereich müssen in gemeinsamen Sitzungen diese Problematik angehen. Im Rahmen des Projekts ‚Perikles‘, das stärker an den Inhalten arbeitet, sind diesbezügliche Sitzungen vorgesehen. Daher ist es auch wichtig, diese Panikstimmung und diese Angst vor dem Neuen richtig zu kanalisieren. Die Eltern sollen verstehen, daß die Schu-
le für sie ein Partner ist. Wenn sie die Schule zum Gegner machen, wenn sie den schulischen Druck in die Familien hineinspielen lassen, ist kein Vertrauensverhältnis möglich und die Reform kann scheitern. Statt sich in der Schule wohlzufühlen entwickelt schließlich das Kind selbst Angstgefühle.
Ich kann leider keine Zusage machen, daß wir in den nächsten zwei Jahren in allen sekundären Schulgebäuden so ausstaffiert sein werden, wie das eigentlich erforderlich wäre. Die Verhältnisse sind auch nicht in allen Gemeinden so positiv, wie Sie sie beschrieben haben. Es gibt auch dort schlecht ausgerüstete Schulklassen.
Die Kinder müssen andererseits auch lernen, daß Übergänge in eine neue Lebensphase nicht immer schmerzlos sind. Wenn sie aber bei den Eltern und beim Schulpersonal Unterstützung finden, können sie sich in der neuen Situation zurecht finden. Vielen gelingt das ja auch. Aber zu viele geraten ins Schleudern, und das sind meistens jene, die einen Mißerfolg erlebt haben, die manchmal viel älter sind als der Klassendurchschnitt.
"forum": Was geschieht mit den Schülern, deren Eltern das Orientierungsgutachten nicht annehmen? Die sollen sich einem Examen stellen können. Wird das nur 1997 so sein oder auch in Zukunft?
Erna Hennicot-Schoepges: Ich möchte die Ergebnisse der Versuchsphase abwarten. Unser Ziel ist es ja, den Weg in den technischen Sekundarunterricht nicht mehr als Mißerfolg anzusehen, keine ‚orientation par l’échec‘ mehr. Ein weiteres Ziel ist es, den Eltern zu verdeutlichen, welches Bildungsangebot unser Schulsystem insgesamt bietet. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß wir aus einer historisch gewachsenen Situation kommen, daß Konflikte also vorprogrammiert sind. Um die zu lösen, wollen wir, statt ‚par l’échec‘ auf den technischen Unterricht hin zu orientieren, ‚par sélection‘ auf den klassischen Unterricht hin orientieren.
"forum": Das würde bedeuten, daß das Aufnahmeexamen in dem Fall viel strenger wird als heute, denn heute liegt ja das Problem eher darin, daß es zu leicht ist: Wenn ich als Lehrerin den Eltern den EST empfehle und sie schicken es trotzdem mal zunächst zum Aufnahmeexamen in den klassischen Sekundarunterricht, kommt es ja sehr häufig vor, daß das Kind die Prüfung besteht, dann aber im nächsten Jahr ins Schleudern gerät. Wenn das Aufnahmeexamen also so bleibt wie es zur Zeit gehandhabt wird, werden die meisten Eltern eine Orientierungsempfehlung in Richtung EST verwerfen, in der Gewißheit, daß die Prüfung durchaus zu schaffen ist.
Erna Hennicot-Schoepges: Für das Ministerium wäre das ein Reinfall: Das würde bedeuten, daß wir es nicht fertiggebracht hätten, den Eltern klar zu machen, um was es eigentlich geht, nämlich um die Interessen ihrer Kinder. Ich betone noch einmal, daß der von mir vorgeschlagene Weg eigentlich von den Elternvereinigungen stammt, weil durch diesen Vorschlag die blockierte Diskussion ums Aufnahmeexamen aufgebrochen wurde. Letzten Endes stellen Sie die Frage nach den Rekursmöglichkeiten der Eltern
Es bleibt eine Tatsache, die mir viel Sorgen macht: Zwischen den einzelnen Schultypen sind die Wände sehr hoch, wie überhaupt in unserer Gesellschaft. Die Lehrer aus dem postprimären Bereich müssen in gemeinsamen Sitzungen diese Problematik angehen.
gegen die Orientierungsempfehlung. Ich war aber der Meinung, man soll pragmatisch an die Sache herangehen und solche Grenzfälle nicht bis ins letzte Detail ausarbeiten, bevor mal die Grundlinien der Reform festliegen. Die Aufnahmeprüfungen zum klassischen Sekundarunterricht können ja von den Erfahrungen des bisherigen Aufnahmeexamens profitieren. Und dessen Unzulänglichkeit dokumentieren ja unter anderem die hohen Mißerfolgsquoten im ES.
"forum": Klar, wer das nicht verstehen will, kann man auch nicht zu seinem Glück zwingen.
Erna Hennicot-Schoepges: Ich höre das sehr häufig von Lehrpersonen, die die Eltern nach bestem Gewissen beraten und deren Rat doch nicht von den Eltern befolgt wird. Ich habe volles Vertrauen in die Lehrer, daß sie ihre Aufgabe erfüllen werden.
"forum": Sie erwähnten vorhin ihre Absicht, langfristig die drei Schultypen in jedem Sekundargebäude anzubieten. Trotzdem wird sich den Eltern immer wieder die Frage stellen: Wohin schicke ich mein Kind? Wird da nicht doch das Gebäude, das schon eine Tradition im klassischen Sekundarunterricht genießt, bevorzugt gewählt werden, auch wenn das Kind auf den EST hin orientiert wurde?
Erna Hennicot-Schoepges: Das spricht für Gebäude mit dem doppelten Schulangebot. In Wirklichkeit läuft es in der Hauptstadt ja anders. Bestimmte als elitäragesehene Gebäude ziehen alles an. Wir hatten noch im letzten Herbst das Problem mit einer Limpertsberger Klasse, die wir nach Bonneweg verlegen mußten, woraufhin uns brieflich Rassismus unterstellt wurde: ob ihre Kinder nach nach Bonneweg müßten, weil sie Ausländer sind? Dabei werden in Bonneweg gerade sowohl ES und EST in der Unterstufe angeboten.
Die Frage nach der Gebäudewahl ist sicher berechtigt. Wir haben daher eine Schulkarte anfertigen lassen, die demnächst veröffentlicht wird. Dann können wir sagen: In der Schule X sind so viele Klassen zu n Schülern möglich, in der Schule Y stehen noch so viele Plätze in Klassen offen. Das bedeutet, daß dann die Klasseneffektive ausgeglichener werden. Wir hoffen, daß daraufhin die Eltern genug Verstand haben werden, ihre Kinder bevorzugt in Gebäude zu schicken, die nicht schon überfüllt sind. Die Schulkarte soll also nicht autoritär von oben den Eltern aufgezwungen werden, sondern eine gute Information bieten, damit die Eltern besser entscheiden können.
"forum": Ich glaube schon, daß ein wesentlicher Erfolgsfaktor insbesondere in den unteren Klassen darin liegt, ob der Lehrer sich genug Zeit nehmen kann, um sich mit den individuellen Problemen der Schüler auseinanderzusetzen. Die Frage der Klasseneffektive ist also schon wesentlich. Viele Schuldirektoren weisen mit einem gewissen
Stolz daraufhin, daß sie ‚menschliche‘ Klassengrößen haben, vor allem im oberen Zyklus, daß es höchstens auf Septima noch Klassen mit 27-30 Schülern gibt… Ich finde die Aussage wahnsinnig: Gerade auf Septima müßte der Lehrer Zeit haben, sich eingehend mit jedem Schüler beschäftigen zu können.
Erna Hennicot-Schoepges: Kleine Klassen sind ein relativer Begriff. Man braucht auch eine Mindestzahl, damit sich eine Gruppendynamik ergibt.
"forum": Selbstverständlich, ich spreche nicht von Klassen mit 12 Schülern.
Erna Hennicot-Schoepges: Dreimal sieben finde ich eine gute Norm. Aber ich teile Ihre Sorge zugunsten geringerer Klasseneffektive auf Septima. Aber sie scheitert ganz einfach an mangelnden Schulgebäuden. Das ist leider eine Tatsache. Auch an einer guten Verteilung der Schulbevölkerung. Es gibt zwei Schulgebäude, die Platz haben und die ES und EST anbieten, und kein Schüler will hin: Grevenmacher und Düdelingen. Das können wir nicht mehr hinnehmen. Die Eltern müssen einschen, daß in allen Schulen gleich gut gelehrt wird.
"forum": Noch eine praktische Frage: Werden diese Orientierungstests ein für allemal ausgearbeitet, so daß bestimmte Lehrer sie dann mit ihren Schülern drummen können? Besteht dann nicht die Gefahr, zumindest in Stadtvierteln und Vorstädten mit entsprechendem Druck von seiten der Eltern, daß eine verkappte Form des Aufnahmeexamens durch die Hintertür wiedereingeführt wird?
Erna Hennicot-Schoepges: Nein, wir wollen das ja begleiten. Wichtig ist die Gesamtbilanz des Schülers, nicht der einzelne Test. Und darin soll auch sein Fort-
Schüler eines Lycée technique hatten ihren Klassenraum durch einen Neuanstrich, das Aufhängen von Bildern und das Aufstellen von Grünpflanzen etwas wohnlicher gestaltet. In den Schulferien zerstörten die ‚Bâtiments publics‘ die Arbeit der Schüler, indem sie den alten Zustand wieder herstellten: Bilder runter, graue Farbe an die Wände, Grünzeug raus!
schritt einfließen. Das haben wir auch vor bei der Reform der Promotionskriterien im unteren Zyklus des Sekundarunterrichts. Dadurch wird auch der Lehrer vor seine Verantwortung gestellt. Wenn er etwas über den schulischen Fortschritt seines Schülers aussagen muß, wenn der aufgrund dessen im Klassenrat am Trimesterschluß sechs Punkte verteilen muß, muß er sich mit der Arbeitsweise seiner Schüler auseinandersetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir nun statische, sklerosierte Tests an die Stelle eines Examens setzen.
"forum": Im selben Zusammenhang hört man von Lehrern, die sich weigern wollen, in Zukunft im 5. und 6. Schuljahr zu unterrichten, weil sie diese Verantwortung gerade scheuen und Angst haben, den Eltern die Wahrheit über ihr Kind sagen zu müssen.
Erna Hennicot-Schoepges: Es ist ja vorgesehen, daß das Orientierungsgespräch zusammen mit dem Schulinspektor und dem Psychologen stattfinden wird. Wir wollen dem Lehrer den Rücken stärken. Der Lehrer darf nicht allein gelassen werden. Er darf nicht als Gegenpart der Eltern da stehen. Sein Verantwortungsgefühl muß anerkannt werden. Es muß verdeutlicht werden, daß er das Kind am besten kennt. Lehrer und Eltern sind wohl in unserem Land jene zwei soziale Gruppen, die die größten Berührungsängste haben. Wenn wir es fertig bringen, aus der Konfrontation ein Vertrauensverhältnis zu machen, wird vieles einfacher werden. Ich kann sagen, daß die Elternvereinigungen, denen ich diese Vorstellungen vorgetragen haben, sie durchaus wohlwollend aufgenommen haben. Ich denke, es hat auch
schon eine Entwicklung stattgefunden: Nicht mehr alle Eltern sehen es als soziale Sanktion an, wenn ihr Kind nicht in den klassischen Sekundarunterricht gehen darf.
"forum": Das hängt sehr vom Schulort ab. – Nicht erwähnt haben wir bisher die Lehrer aus dem Sekundarunterricht, insbesondere aus dem klassischen ES. Deren Stellung zu Ihren Reformprojekten ist ja mittlerweile in der Tagespresse nachzulesen. Das Kommuniqué der APESS kann ich nur verstehen als Ausdruck einer Angst vor Entmachtung.
Erna Hennicot-Schoepges: Das ist genau das Problem. Wenn man jemanden eine Kontrollmöglichkeit wegnimmt, die bisher offenbar zu seiner Existenzberechtigung gehörte, muß man sich Fragen stellen. Ich möchte auch die Widersprüchlichkeit des bestehenden Systems herausstreichen: Über den Erfolg des Schülers im 6. Schuljahr entscheiden die Lehrer des ES und des EST. Am Ende der Schule entscheidet doch auch nicht die Universität darüber, ob sie das Abitur geschafft haben oder nicht. Die Entscheidung gehört in die Schule, in der das Lehrpersonal das Kind zum Teil seit Jahren begleitet hat und sicher am besten kennt. Sekundarlehrer, die sich echt um ihre Schüler sorgen, müßten sich doch an erster Stelle um die hohe Mißerfolgsquote Sorgen machen. Ich frage daher: Was hat das Aufnahmeexamen denn gebracht, wenn es soviele Mißerfolge hinterläßt in den folgenden Klassen? Die erste Reaktion könnte natürlich darin bestehen, die Leistungsanforderungen im Aufnahmeexamen zu erhöhen, und dann ist alles in Butter. Die APESS schlägt das ja vor. Diese Methode
Foto: Linden Paul
scheint mir aber nicht der Situation angepaßt zu sein. Ich muß daher fragen: Kann man an einem Tag aus einer einzigen Prüfung eine aussagefähige Schulbilanz ziehen? Ich wehre mich gegen die Unterstellung, unsere Reform beabsichtige ein ’nivellement vers le bas‘. Es geht darum, die Lerninhalte im 5. und 6. Schuljahr besser an jene auf Septima anzupassen. Zu bedenken ist schließlich, daß Luxemburg heute das
einzige europäische Land ist, in dem ein derartiges Aufnahmeexamen stattfindet.
"forum": Frau Ministerin, besten Dank für das ausführliche Gespräch!
Für "forum" waren Michel Pauly, Christiane Staudt-Blanche und Claude Wey am Gespräch beteiligt, das am 21.3.1996 aufgenommen wurde.
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