„Veritatis splendor“

Entzücklika oder Entsetzlika?

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In der römisch-katholischen Kirche gibt es nicht immer – aber immer öfter – Ereignisse, von denen kein Christ weiß, ob er darüber lachen, weinen oder sich ärgern soll. Jüngst gab es wieder so was. Es war eine Geburt. Eine Schwergeburt. Eine schwere Schwerstgeburt. Die Namen des Mädchens – in der betreffenden Familie kommen nur Mädchen zur Welt – waren längst bekannt: Familienname: ENZYKLIKA; Vornamen: VERITATIS SPLENDOR. Alle aus der Familie der Enzykliken tragen Doppelvornamen. Einen wunderbar strahlenden Namen für das Jüngste aus der Enzyklikenfamilie. Eine Echographie des Foetus war durch (gezielte?) Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangt. Die Analyse des Ultraschallbildes hatte für einige Aufregung gesorgt. Am 6. August wurde das Kind geboren und zwei Monate danach dem ganzen Erdenrund vorgezeigt. Dabei stellte sich heraus, daß die Analyse der Echographie wenigstens etwas richtig erkannt hatte: VERITATIS SPLENDOR war keine echte Enzyklika. Eine echte Enzyklika ist ja, wie der Name besagt, fürs ganze Erdenrund bestimmt. Jedoch nicht das ganze Erdenrund sollte VERITATIS SPLENDOR kennenlernen, sondern nur ein paar tausend Auserwählte, nämlich die Onkel des jüngsten Enzyklikakindes, die "Ehrwürdigen Brüder" des "Heiligen Vaters". Die restliche Analyse war derart ungenau, daß das Ärzteteam, das sich um die Zangengeburt gekümmert hatte, nur darüber

spotten konnte, wie die Welt wieder auf die (gezielte?) Indiskretion hereingefallen war.

War es eine gezielte Indiskretion? Mir scheint so. Weil man sich im Vatikan nicht ganz sicher war, wie weit die Ablehnung der vatikanischen Moral im katholischen Volk bereits gediehen ist, wollte man sich Gewißheit verschaffen, ob ein Überspannen des Bogens den sowieso laufenden Auszug des Kirchenvolkes in Europa nicht noch beschleunigen würde. Doch, wie gesagt, das ist meine unbeweisbare Sicht der Dinge. Beweisbar hingegen ist, daß die Analyse des Ultraschallbildes in den groben Umrissen stimmte: es war ein sehr häßliches Kind. Am Zürchersee hat sogar jemand ausgerufen: "Das ist doch keine Entzücklika, das ist eine Entsetzlika!", als er das jüngste Familienmitglied der Enzykliken von Angesicht erblickte.

Zwar scheint mir VERITATIS SPLENDOR keine Entsetzlika, sondern eher eine Ärgerlika oder auch eine Unehrlika zu sein. Auf jeden Fall wurde sie nicht für unsereiner geschrieben, sondern für die Herren Bischöfe, damit sie uns lehramtlich sagen können, wo’s langgeht. Trotzdem kommt unsereiner an den Text des von Wahrheit glänzenden Papiers. Zwei Tage nach dem offiziellen Erscheinungsdatum ergatterte ich das Schaufensterexemplar. So schnell hatte

Carlo Schmitz

sich VERITATIS SPLENDOR sogar in Luxemburg verkauft. Das Ding ist also doch so angelegt, daß nicht nur seine Adressaten, sondern jedermann es erstehen kann.

Meine erste Lektüre ging quer durch den Text. Ich suchte, wie immer, wenn mir ein erzbischöfliches oder römisches Dokument unterkommt, nach zwei Worten: "Kirche" und "Lehramt". Erzbischöfliche und mehr noch römische Dokumente und Interviews zeichnen sich dadurch aus, daß in ihnen zumeist die Bischöfe mit "Kirche" gleichgesetzt werden. Als ob das 2. Vatikanische Konzil nicht das ganze "Volk Gottes" als "die Kirche" wiederentdeckt hätte. Die Querbeetlektüre ergab als provisorisches Resultat 148mal "Kirche" und 24mal "Lehramt", das "Volk Gottes" zweimal, einmal davon in der Verknüpfung von "hierarchische Verfassung" mit "Volk Gottes".

Entzücklika ist die Enzyklika nicht einmal für alle Bischöfe. Bezeichnenderweise fand sich kein Bischof im deutschen Sprachraum bereit, am 28. Oktober an einer Diskussionsrunde über das Papier teilzunehmen. Die ehrwürdigen Brüder des Heiligen Vaters sind wohl erst dabei, sich eine gemeinsame Erklärung über das peinliche Dokument zurechtzulegen.

Wo liegen die Peinlichkeiten?

Sogar kritische Moraltheologen machten römisches Tauwetter aus, als endlich das lang- und bangerwartete Dokument erschien. Es sei weniger schlimm als befürchtet. Obschon es nach meiner, natürlich recht unmaßgeblichen, Meinung, schlimm genug ist, wenn der (und/oder die) Verfasser den theologischen Fachleuten das Forschen zwar erlauben, doch allzu forsch dürfen sie das nicht tun. Denn, wenn sie etwas herausfinden, womit das "Lehramt" sich nicht einverstanden erklärt, dürfen sie es nicht weitersagen. So was steht ja schon im kirchlichen Gesetzbuch. Etwa im Kirchengesetz Nummer 752: "Religiöser Gehorsam des Verstandes und des Willens ist einer Lehre des Glaubens oder der Sitten entgegenzubringen, die der Papst (oder) das Bischofskollegium vorlegen, auch wenn sie nicht vorhaben, dieselbe als endgültig zu verkünden." Nach Kirchengesetz Nummer 1372 §1 ist "mit einer gerechten Strafe zu belegen, wer eine derartige Lehre hartnäckig ablehnt, und trotz Ermahnung seitens des Apostolischen Stuhls oder der Ortsbischofs nicht widerruft". Eine Gesetzgebung, die heute noch nach diesem Muster funktioniert, ist eine Peinlichkeit. Nicht nur weil sie undemokratisch zustandekam, sondern weil sie jeder heutigen Auffassung von wissenschaftlichem Arbeiten widerspricht.

Peinlichkeit Nummer zwei

Wenn schon Theologen von den Ergebnissen ihrer Arbeit, die den Vorstellungen des "Lehramtes" nicht entsprechen, nichts ausplaudern dürfen, so ist heute kaum noch zu verstehen, daß "Lehramtsinhaber" jene Erkenntnisse der Forschung, die zum Allgemeingut der Theologen geworden sind, entweder schlicht und ergreifend nicht kennen, oder aber kurzerhand ignorieren. Kennen sie dieselben nicht, so ist diese Tatsache zum mindesten ärgerlich. Wie können

Männer sich als Inhaber eines "Lehramtes" behaupten, ohne über die jüngsten Erkenntnisse des eigenen Faches auf dem laufenden zu sein? Nach modernem Verständnis wären sie fürs Lehramt ungeeignet. Oder aber sie tun nur so, als gäbe es keine neuen Erkenntnisse. Sind sie dann nicht genau so ungeeignet? Ist eine solche Haltung nicht unehrlich? In beiden Fällen ist es peinlich, Lehramtsinhaber darauf hinzuweisen, daß sie für ihr Amt ungeeignet sind.

Genau wie ihr vor neun Monaten zur Welt gekommener Bruder, der "Katechismus der katholischen Kirche", versteht VERITATIS SPLENDOR die Bibel als Steinbruch, aus dem man Zitate herausbrechen kann, um sie als Beweismittel für die eigene Ideologie zu verwenden. Beweismittel, die allerdings in den Augen der Fachleute kaum noch Beweiskraft haben. Nicht weil die Bibel voller Irrtümer wäre, sondern weil wir inzwischen gelernt haben, Bibeltexte in ihrem literarischen, soziologischen, ökonomischen, politischen und vor allem jüdischen Kontext zu lesen. Als Beispiel diene Lukas 10,16: "Wer euch hört, hört mich." Diese fünf Worte dienen schon dem "Katechismus der katholischen Kirche" als Beweis für ein von Jesus gewolltes "Lehramt" der Apostel und ihrer Nachfolger. Wer sich die Mühe macht und bei Lukas nachliest, findet schnell heraus, daß Jesus diese Worte an die 72 Schüler richtet, ehe er sie in die Städte und Dörfer vor sich herschickt, die Ankunft des Gottesreiches zu verkünden. Im neunten Kapitel hatte er die Zwölf ausgesandt, doch davon, daß er allein zu ihnen gesagt hätte, wer sie höre, höre ihn selbst, steht in diesem neunten Kapitel kein Wort. VERITATIS SPLENDOR behauptet das dann doch wieder im zweiten Abschnitt der Nummer 25. Ignoranz oder Irreführung? Auf jeden Fall peinlich.

Peinlichkeit Nummer drei

In Nummer 28 von VERITATIS SPLENDOR steht zu lesen: "Die Kirche hat immer den Worten Jesu Rechnung getragen, die er dem reichen Jüngling sagte, E sie hat treu bewahrt, was das Wort Gottes lehrt, E sie hat nicht aufgehört, und kann niemals aufhören das ‚Geheimnis des eingeborenen Wortes‘ zu ergründen." Auf einem knappen Fünftel der 182 Seiten meditiert Johannes Paul II. über die Begegnung Jesu mit dem reichen Jüngling. Gleich nach dieser Meditation steht die eben zitierte Passage. Sie verrät wieder einmal das gestörte Verhältnis der vatikanischen Kreise zur Geschichte. Trug die reiche Frau Kirche jemals den Worten Jesu Rechnung? Trägt sie ihnen heute Rechnung? Gibt es ein einziges Wort Jesu, das "der Kirche" die Gründung einer Vatikanbank auftrug? Gibt es hingegen nicht ganze Predigten und Gleichnisse Jesu, in denen er vor dem "ungerechten Mammon" warnt? Dem man nicht dienen kann, wenn man gleichzeitig Gott dienen will? Wird in den Evangelien nach Markus, Mattius und Lukas nicht erzählt, der junge Mann sei der Einladung Jesu nicht gefolgt, da er sich von seinen Gütern nicht zu trennen vermochte? Wieso kommt Johannes Paul II. in seiner Meditation nicht auf den Gedanken, seine "Kirche" sei eine reiche Jungfrau, die Jesus nicht nachfolgt? Doch auch in anderen Zusammenhängen hat "die Kirche" Jesu Wort keine Rechnung getragen. Zum Beispiel, als sie Menschen in den Krieg und auf die Scheiterhaufen schickte. Der Peinlichkeiten allzu

Wie können Männer sich als Inhaber eines "Lehramtes" behaupten, ohne über die jüngsten Erkenntnisse des eigenen Faches auf dem laufenden zu sein?

viele auf einem Haufen. Die vollmundige Behauptung, "die Kirche" habe nie aufgehört und könne nie aufhören das ‚Geheimnis des eingeborenen Wortes‘ zu ergründen" ist von der Kirchengeschichte schlicht und ergreifend Lügen gestraft. Zwar wurde kürzlich auch Kopernikus "rehabilitiert", dem im letzten Jahrhundert die Ehre des Index der verbotenen Bücher zuteil geworden war. Doch die Zehntausende gehängter und verbrannter Frauen und Männer wurden noch immer nicht rehabilitiert. Auch die dem "Geheimnis des Eingeborenen" total entgegengesetzte Bulle "Summis desiderantes affectibus" des Papstes Innozenz VIII. aus dem Jahr 1484 und der in ihrem Gefolge drei Jahre später verfaßte "Hexenhammer" sind immer noch nicht widerrufen.

Nur Kritik an VERITATIS SPLENDOR?

Natürlich nicht! Zwar würde ich nicht so weit gehen, römisches Tauwetter zu diagnostizieren. Mag der Ton der endgültigen Fassung von VERITATIS SPLENDOR auch gemäßigter und versöhnlicher klingen als der jenes Textes, der durch die erwähnte (gezielte) Indiskretion in die Hände von Theologen und Journalisten gelangt war, so ist doch deutlich zu machen, daß kein Mensch den Unterschied zwischen Gut und Bös verwischt sehen will. Genau das will ja auch VERITATIS SPLENDOR nicht.

Mag die Enzyklika nun auch die traditionelle Unterscheidung von Todsünden und läßlichen Sünden aufrechterhalten, so wird sie doch nicht verhindern, daß die philosophisch-theologische Diskussion weitergeht um klarzustellen, ob irgendein Mensch in der Lage ist, Gott so schrecklich zu beleidigen, daß dieser ihn dafür eine Ewigkeit lang bestrafen muß. An dieser akademischen Diskussion ist das Volk Gottes nicht mehr interessiert. VERITATIS SPLENDOR ist ja in der Hauptsache ein äußerst akademisches Papier.

Warum jedoch wird dann diese theoretische Ebene verlassen? "Zur Illustration" sagen die Kommentatoren. Konkrete Dinge mußten angesprochen werden, um die Theorie von Taten, die in sich böse sind, zu illustrieren. "In sich böse" ("intrinsèquement mauvais" steht in der französischen Ausgabe), also böse unabhängig von allen Umständen, böse ohne Ausnahme, zu allen Zeiten und in allen Zonen vom Gegenstand her absolut unerlaubt. Die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" des 2. Vatikanischen Konzils wird von VERITATIS SPLENDOR in Nr. 80 ausgiebig zitiert, um konkrete Beispiele solcher in sich bösen Taten zu geben: "Mord und Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und geplanter Selbstmord; Verstümmelung, körperliche und seelische Tortur; unmenschliche Lebensbedingungen, willkürliche Einkerkerung, Menschenverschleppung, Sklaverei, Prostitution, Menschenhandel; entwürdigende Arbeitsbedingungen." Ob der Katalog nicht erweitert werden müßte um etliche in sich tödliche Verbrechen wie Waffenproduktion und -handel, Versenken von Atommüll und chemischem Abfall im Meer, Drogenhandel, Verhinderung regenerierbarer Energieer-

zeugung, Zerstörung der Welt durch Öltransporte und Urwaldrodung? Solche Untaten würden auch die einen oder anderen Atheisten und Agnostiker als in sich böse bezeichnen.

Peinlich wäre dann nur, wenn irgend jemand sich zur moralischen Autorität aufspielte, dann jedoch Geschäfte machte mit den Tätern genannter in sich bösen Handlungen, sich mit ihnen zu Tisch setzte oder ihnen auch nur die Hand schüttelte.

Peinlich auch der ganze zweite Absatz von Nr. 80, der einzig und allein dazu gebraucht wird, die Kernthese von "Humanae Vitae" (natürlich nur als Beispiel) zu wiederholen: empfängnisverhütende Praktiken gehören zu den in sich schlechten und "der menschlichen Person unwürdigen Handlungen, auch wenn sie mit der Absicht begangen werden, Güter der Person, der Familie oder der Gesellschaft zu fördern". (HV Nr. 14)

Den schwarzen Peter haben nun die ehrwürdigen Brüder des Heiligen Vaters. Wenn sie sich damit herausreden wollen, VERITATIS SPLENDOR habe "Humanae Vitae" nur als Beispiel zitiert, so werden ihre Kirchen sie fragen, warum denn gerade dieses Beispiel so ausführlich gebracht wird. Ging nicht das bange Warten auf VERITATIS SPLENDOR genau um die Frage, ob die These aus Pauls VI. "Humanae Vitae" für unfehlbar erklärt werde oder nicht. Das ist nun zwar nicht geschehen. Dennoch werden "empfängnisverhütende Praktiken, durch welche der Geschlechtsakt bewußt unfruchtbar gemacht wird", erneut in den Zusammenhang mit den in sich schlechten, nie zu rechtfertigenden Taten gestellt. Die an praktischen Antworten interessierten Kirchen werden also in Zukunft zwei Enzykliken ignorieren und guten Gewissens ihrem Gewissen folgen. Denn dadurch, daß die These Pauls VI. nun in zwei Enzykliken steht, hat sie für die Kirchen nicht an Überzeugungskraft gewonnen. Da mit Fug und Recht gefragt werden darf, ob es, im Hinblick auf die Überbevölkerung, nicht eine in sich schlechte Tat ist, "jeden Geschlechtsakt auf Fruchtbarkeit hin offenzuhalten".

Was die Kirchen tun müßten.

Sie müßten ihren Bischöfen den Rücken stützen, um sie zu ermutigen, jedem "Heiligen Vater" wie weiland Sankt Paulus dem Sankt Petrus ins Angesicht zu widerstehen. Sonst werden sie in Kauf nehmen müssen, der gleichen Peinlichkeiten geziehen zu werden wie die Verfasser von VERITATIS SPLENDOR. Die Peinlichkeit aller Peinlichkeiten für Moralapostel besteht ja darin, die hehren Prinzipien nicht selber zu praktizieren, die sie mit erhobenem Zeigefinger dozieren. Das wußte schon der Herr Jesus. Man kann es in allen Evangelien nachlesen.

Da fällt mir gerade noch ein: Ob es nicht eine in sich schlechte Handlung ist, tausenden von Kirchengemeinden auf Grund eines längst schrottreifen menschlichen Gesetzes, die Sonntagsseucharistie zu verweigern?

Jupp Wagner
13.11.93

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