Verletzte Menschenrechte — Antwort der Christen
Ökumenische Optionen angesichts der Entwicklung in Lateinamerika
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Ökumenische Optionen angesichts der Entwicklung in Lateinamerika
Immer wieder gelangen einzelne Meldungen aus Ländern wie Bolivien, Paraguay, Brasilien zu uns, die von zunehmender Unterdrückung sowohl der Armen wie derer, die für sie zu sprechen suchen, reden. Wir hören von einzelnen Bischöfen, manchmal auch von ganzen Bischofskonferenzen, die Stellung nehmen, aber dass wir es mit einem übergreifenden System zu tun haben, das fast den ganzen Kontinent von Lateinamerika umspannt, ist noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen.
Der nachfolgende, ursprünglich in englischer Sprache verfasste Bericht wurde vom Ecumenical Press Service verbreitet. Er war bestimmt für die Versammlung einer Kommission des Weltkirchenrates (Interchurch Aid, Refugee and World Service) in Genf (11.6.1975). Insofern er deshalb da und dort eher auf ‚Insider‘ bezogen scheint, gibt er uns jedenfalls Einblick in eine Arbeit, die unsere Aufmerksamkeit verdient. Der Verfasser, Charles Harper, steht in Genf dem Hilfsbüro ‚Menschenrechte für Lateinamerika‘ als Sekretär vor. Die Übersetzung besorgte Antonio Fonseca:
Die Opfer unmittelbarer Repression haben sich in Brasilien, Uruguay, Paraguay, Argentinien, Chile und Bolivien unleugbar vermehrt: eine vorsichtige Schätzung ergibt
gegenwärtig 15 000 Männer, Frauen und Kinder. Ich betone: eine vorsichtige Schätzung. In drei Tagen, die ich Ende April in Uruguay verbrachte, wurden 1500 Leute verhaftet. Wie man mir sagte, wurde nur die Hälfte davon wieder freigelassen. Ausserdem wird die Zahl der politischen Gefangenen und Häftlinge in diesem Land auf 4000 veranschlagt. In Argentinien werden Leben und Gesundheit derer, die sich um die Verteidigung politischer Häftlinge bemühen, bedroht. Laut einem anfangs Juni von der Internationalen Juristenkommission veröffentlichten Bericht hat die rechtsextreme terroristische Organisation AAA (Argentine Anti-Communist Alliance) 26 Anwälten mit Mord gedroht, und 6 Anwälte sind auch tatsächlich getötet worden. Laut Bericht wurden auch Richter bedroht, die ‚bei Subversionsanklagen zu milde geurteilt hätten, und auf einen Richter, der 13 Polizisten wegen illegaler Tötung verurteilte, wurde ein Mordanschlag verübt‘ (ICJ-Presseerklärung vom 2. Juni 1975). Ähnlich verhält es sich mit den Flüchtlingen. In Argentinien befinden sich nebst schätzungsweise 3000 Personen, die für kurz oder lang gefangen oder in Haft gehalten sind, auch 25 offiziell unter dem Schutz des UNO-Hochkommissariats stehende Flüchtlinge. Gegen die Hälfte dieser Leute besteht bekanntlich keine Anklage.
Die Zustände in den Gefängnissen und die raffinierten Foltermethoden haben sich verschlimmert. Es beginnt eine Ära langwieriger Inhaftierungen und Einzelhaft bei einem Subsistenzminimum der Häftlinge, mit willkürlichen Besuchsbedingungen, die es Verwandten und Anwälten je länger je mehr erschweren, in Lagern, Haftzentren und Gefängnissen Einlass zu finden.
Immer mehr Leute verschwinden
Es sei hier das Beispiel zweier Frauen angeführt, die monatelang ihre Gatten suchten. Freunde hatten ihnen dabei geholfen. Eines Tages platzten sie freudestrahlend mit einer Flasche Weisswein und einem frischen Rosenstrauss ins Büro eines Freundes, offensichtlich um zu feiern. Der Freund war überglücklich, da er annahm, ihre Gatten wären nach Hause zurückgekehrt. ‚Aber nein‘, rief die eine Frau. ‚Wir haben sie gefunden. Sie sind im Gefängnis!‘ So stehen die Dinge in Lateinamerika.
Und wer hat am meisten unter den Zuständen in diesen Ländern zu leiden? Es sind eh und je die Armen. Sie, die Arbeiter und Bauern, werden vom Prozess der Marginalisierung in den heutigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen am meisten getroffen.
Wir haben eine wohlbegründete Folgerung zur Kenntnis zu nehmen: Es bestehen deutliche Anzeichen dafür, dass die Unterdrückungsmaschinerie, die von den regierenden Militärregimes in diesen Ländern ausgeübt wird, auf einem hochentwickelten, computerisierten Kommunikationsnetz beruht, das dauernd und abwechselnd von Armee, Polizei und polizeilichen Hilfskräften benützt wird. Offensichtlich bezweckt dieses Unternehmen, jede wirkliche und mögliche Opposition gegen solch äusserst autoritäre, militarisierte und auf Hegemonie bedachte Regierungen zu isolieren und zu vernichten.
La petite « Mafalda », héroïne d’une bande dessinée célèbre des deux côtés du Rio de La Plata. L’humour, dernière arme de l’Uruguay ?
Das jüngste Beispiel für einen solchen Prozess (es ist ein langwieriger Prozess) liefert uns und der ganzen Welt bekanntlich Chile mit dem brutal-gewalttätigen Staatsstreich, der sich vor fast zweieinhalb Jahren in diesem Land ereignet hat. Dasselbe geschieht aber in Paraguay schon seit 28 Jahren, seit drei Jahren in Uruguay und Bolivien, seit elf Jahren in Brasilien und in höchst beunruhigender Weise seit über einem Jahr in Argentinien. Die Isolierung oder Eliminierung von Professoren, Doktoren, Gewerkschaftsführern, Studenten, Lehrern, Arbeitern und Bauern wird auf viele Arten erreicht: durch Exil, Asyl in andern Ländern, lange Zeitspannen im Gefängnis, Inhaftierung, Folter und sogar durch den Tod. (…)
Druck auch auf die Kirchen
Die Kirchen entrinnen diesem Druck nicht mehr. Ganz im Gegenteil: wo lateinamerikanische Kirchen und christliche Gemeinden, Bewegungen und Einzelpersonen öffentlich gegen Folter, gegen das Verschwinden von Leuten und gegen andere schreiende Verletzungen der Menschenrechte protestieren, wo sie den Opfern der Unterdrückung wirksam helfen (auch wenn sie dabei aus völlig humanitären und christlichen Beweggründen handeln), fallen auch sie der gleichen Unterdrückung zum Opfer. Das interkirchliche Flüchtlingskomitee in Argentinien ist wiederholt bedroht worden. Pastoren, Priester und Laien sind in Uruguay langen und eingehenden Verhören unterworfen worden. (…) Priester sind aus Bolivien ausgewiesen worden, und es wird behauptet, das Innenministerium habe dort Anweisungen gegen die katholische Kirche in Umlauf gesetzt. Über hundert Priester sind aus Chile ausgewiesen worden, vierzig wurden in Haft gesetzt und drei getötet. Immer noch sind Pastoren im Gefängnis. In diesem Land sind vor kurzem fünf Leute durch rohe Behandlung ums Leben gekommen. (…)
Ökumenische Hilfskomitees
In all diesen Ländern haben sich die Kirchen zu verschiedenen Organisationen zusammengeschlossen, um Komitees für die dringendsten Bedürfnisse der Flüchtlinge, besonders der ausländischen Flüchtlinge aus Chile, aufzustellen. Daher wurden in Chile, Argentinien und Peru, aber auch in Kolumbien, Panama, Costa Rica, Honduras und in verschiedenen Asylländern Komitees ins Leben gerufen. In Chile selbst wurde nach dem Staatsstreich das ‚Komitee zur Zusammenarbeit für Frieden in Chile‘ gegründet, das sich aus Katholiken, Orthodoxen, Methodisten, Lutheranern, Baptisten und Juden zusammensetzt. Dieses Komitee hat oft unter schwierigsten Bedingungen Häftlingen, Gefangenen und ihren Familien rechtliche Hilfe sowie technische und moralische Führung zukommen lassen, indem es lokale Werkstätten, die Arbeit beschafften, in Santiago und anderen Städten förderte. (Wie bekannt musste dieses Komitee seine Arbeit inzwischen einstellen. Die Red.)
Alle diese Komitees befassen sich in der Hauptsache mit zweierlei Aufgaben: seelsorgerische Aufgaben, d.h. mit den Leidenden leben, ihnen zuhören und mit ihnen teilen; und prophetische Anprangerung aller Situationen und konkreten Geschehnisse offensichtlicher und bewiesener Verletzungen der Menschenrechte. Da sich diese Kirchen und Gemeinden in einer autoritären Gesellschaft befinden, bringen sie oft als eine der letzten Stimmen des Volkes dessen Verzweiflung und Hoffnung zum Ausdruck.
Ein grosser Teil der Information über die mit Intelligenz und Engagement ausgeführte Arbeit dieser Komitees liegt beim Weltkirchenrat vor. Im folgenden soll kurz die diesen Gruppen in ökumenischer Art und Weise zukommende Unterstützung beschrieben werden.
• Als Chile offensichtlich sofortige und massive Hilfe benötigte, schuf der Weltkirchenrat im September 1973 eine Einsatzgruppe. Zwei weltweite Aufrufe zur Nothilfe wurden an die Kirchen gerichtet, (…). Es geht aber um mehr als Geld. An erster Stelle steht die Pflicht, die von den Christen in Lateinamerika ergriffenen Initiativen zu unterstützen, zu ermöglichen und zu unterschreiben. (…) Diese örtlichen Initiativen müssen getreu, wenn sich nicht immer
kritiklos, unterstützt und manchmal koordiniert werden.
° Ausserdem gibt es eine Art unsichtbarer Unterstützung, die jedoch genauso wichtig ist und wie sie beispielsweise der belagerten evangelisch-lutherischen Kirche in Chile zuteil wurde. (…) Der Weltkirchenrat muss zur Hilfeleistung aktivieren, indem er alle Gruppen und Kirchen dazu aufmuntert, sich nationenweise zusammenzuschliessen und in diesen Ländern Kräfte anzuspornen, damit die Leute möglichst gut informiert und dazu gewonnen werden, ihrem Zugehörigkeitsgefühl gegenüber jenen, die sich in diesen lateinamerikanischen Ländern abmühen, auch praktisch Ausdruck zu verleihen, entweder indem sie gefährdeten Menschen gezielt helfen und sie direkt schützen, oder indem sie ihre verschiedenen Regierungen veranlassen, das immer wieder bewährte Mittel internationalen Druckes zugunsten der Menschenrechte anzuwenden.
° Weiter hat der Weltkirchenrat seine Rolle als Anwalt gegenüber internationalen Organisationen ausgeübt. Erfahrungsmässig sind Kirchen und Weltkirchenrat oft freier als internationale Regierungsorganisationen. Diese Aufgabe muss so eindringlich, feinfühlend und klug wie möglich durchgeführt werden.
Keimzellen einer neuen Ökumene
Welche Folgerungen ergeben sich für die Zukunft? Was lehren die Erfahrungen der lateinamerikanischen Gemeinden für die Reaktion des Weltkirchenrates auf diese Auseinandersetzung?
Selbstverständlich müssen wir auch weiterhin Mittel (d.h. Geld) in Bewegung setzen, um in Situationen, wo es auf Leben und Tod geht, den Bedürfnissen und Hilferufen gerecht zu werden. Etwas anderes wäre unverantwortlich. Früher oder später müssen wir aber auch wahrnehmen, wie hier Christen Seite an Seite auf eine noch nie dagewesene ökumenische Weise kämpfen. Aus diesem Ringen, dieser Zusammenarbeit und Solidarisierung mit den wirklich Unterdrückten ergibt sich quer zu allen hergebrachten Grenzen zwischen Kirche und allen möglichen christlichen Gruppen eine neue Art christlicher Gemeinschaft. Lateinamerikaner stellen fest, dass es in den letzten zwei Jahren eine aus Katholiken, Methodisten, Orthodoxen, Pentekostalen und Lutheranern bestehende Keimzelle gibt, die konkret am eigenen Körper erfährt, was es heisst, der lebendige Leib Christi zu sein. Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass diese spontane Ökumene nicht von aussen oder oben her an sie herangetragen worden ist, dass sie auch nicht das Resultat irgendeines Konsults oder einer interkirchlichen monographischen Studie ist. Sie wird in einer Barackensiedlung mit 20 000 Einwohnern gelebt, wo Priester, Pastor und Laien zusammen Wege und Mittel (er)finden, wie man für 251 unterernährte Kinder Mittagessen beschafft und in einem knarrenden alten Auto die im Gefängnis oder Konzentrationslager sitzenden Eltern ebendieser Kinder besucht und ihnen Nahrungsmittel, Briefe und Bücher bringt.(…)
Viele Leute in Lateinamerika fühlen, dass direkte oder strukturelle Unterdrückung sich für längere Zeit behaupten wird. Nur wenige sehen ‚das Licht am Ende des Schachtes‘. Es wird ein mühsamer Kampf für unsere lateinamerikanischen Freunde und die Kirchen dieser Länder sein, die nun der Wucht des Direktangriffes ausgesetzt sind.
Aus diesem Grunde genügt es nicht, dem wachsenden Engagement lateinamerikanischer Christen in Seelsorge und gegenseitiger Hilfe gerecht zu werden: es gilt je länger je mehr die Rolle wahrzunehmen, die die Kirchen und der Weltkirchenrat durch Herausforderung und Konfrontation gegenüber Regierungen zu spielen haben, die durch ihre Lateinamerika-Politik die Macht der Regimes dieser Länder mit militärischer Hilfe oder auf andere Art vergrössern und so mitursächlich an der ‚Produktion‘ der Übel, die auf diesem Boden wachsen, beteiligt sind, das heisst, dass es all dies gibt: die Flüchtlinge, die Häftlinge, die politischen Gefangenen, die Exilierten und Gefolterten, die Todgeweihten und die Toten.
Wer vertritt die Rechte der Unterdrückten?
Die Frage die wir in dieser Beziehung zu stellen haben, führt unausweichlich zum Schluss, dass wir möglicherweise noch grössere Bereitschaft und grösseren Mut zeigen müssen, n i c h t k i r c h l i c h e n Gruppen wie Gewerkschaften und Bauernbewegungen d i r e k t e H i l f e angedeihen zu lassen, denn in diesen Ländern vertreten diese Gruppen wirklich die Ausgebeuteten, Armen und Unterdrückten. Von der Basis her gebildet, sind diese Organisationen am ehesten fähig und bereit, die Ursachen der Unterdrückung zu bekämpfen. Dabei geht es um die Machtverhältnisse und nicht bloss um Almosen und herkömmliche Hilfe.
(…) In Lateinamerika gibt es eine christliche Gruppe, die ihre eigene Echtheit und Treue zu Jesus Christus im selbstbezahlten Kampf, in der Solidarität mit den verfolgten Menschen entdeckt. Nicht wir sind es, die ihnen helfen. Sie helfen uns, treu zu bleiben. Wir müssen hier das Möglichste tun, ihrem Zeugnis die Treue zu wahren.
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