Viel Harmonie um die Philharmonie

... nebst einigen Missklängen

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… nebst einigen Mißklängen

Es ist schon etwas düster und unheimlich, diese langen Gänge entlangzulatschen. Hier und da ein RTL-Aufkleber, der die grau-braune Filztapete zusammenzukleben scheint. Manchmal ein Trompetenschrei, aber sehr gedämpft. Es ist schwer auszumachen, ob sich die Namensschilder an den Türen auf die heutigen oder auf die vormaligen Okkupanten beziehen. Alle Büroräume sind leer, zumindest heute. Fahles Licht gibt’s nur hinter einem Studiofenster, in dem ein Techniker irgendwelche Bänder abhört, schneidet, zusammenklebt. Ich klopfe, aber er hört mich nicht. Ich suche weiter. An der Monumentaltreppe steht immer noch die Bronzebüste von Großherzogin Charlotte, sie wurde beim Umzug des vorigen Hausbesitzers wohl wissentlich hier vergessen. Mit nationalen Symbolen hat der nichts mehr am Hut. Dann finde ich endlich ein Zimmer, aus dem Stimmen zu hören sind. Ich habe einen Termin mit Herrn Olivier Frank, künstlerischer Direktor des Philharmonischen Orchesters von Luxemburg (OPL). Später werde ich auch noch mit Herrn Lucien Lauer, Chef der Personaldelegation, reden.

Während ich die Villa Louvigny, in der RTL während Jahrzehnten Radio- und Fernsehsendungen produzierte, als recht düster empfinde, sind beide Herren sich einig, daß das Gebäude für das Orchester geradezu ideal ist. Soviel Platz hatten sie noch nie. Es hat sogar jeder seinen Parkplatz vor der Tür und keiner muß seine Baßgeige weit schleppen. Jeder Musiker kann sich irgendwo in einem Büro verkrümmeln und allein auf seinem Instrument üben, … wenn er will. Allzuviele scheinen es aber nicht zu machen; sie üben wohl zu Hause, damit der Nachbar es auch hört. Für das Orchester war es sicher ein Vorteil, das Stammhaus nicht verlassen zu müssen. Hier hatte es schon zu RTL-Zeiten seinen Probesaal und Probesäle für ein 80-Mann-Orchester findet man nicht so leicht. Hier darf es nun vorerst auch bleiben. Der Vertrag mit der Regierung wurde Anfang November unterzeichnet. Das war lange Zeit gar nicht sicher. RTL hatte die

Villa mit dem Turm im Stadtpark an das ‚Institut monétaire luxembourgeois‘ verkauft und erst nach langem hin und her zeigten sich die obersten Währungswächter einverstanden, das Gebäude der Regierung zu vermieten, die nun die vom Orchester benutzten Räumlichkeiten an die Fondation Henri Pensis weitervermietet. In die leeren Gebäudeteile soll irgendwann wahrscheinlich das Gesundheitsministerium einziehen. Ob die Musiker dann auch noch im Büro trompeten dürfen?

Bei aller Freude über die derzeitige Lösung hofft im Orchester natürlich jeder, daß der Verbleib in der Villa Louvigny nicht allzulange dauern wird. Die Regierung plant an der ‚Place de l’Europe‘ auf dem vorderen Kirchberg, zwischen Hochhaus und EP-Sekretariat, den Bau einer Konzerthalle: einen Saal mit 1500 Zuhörerplätzen und einen kleineren Saal für Kammermusik mit 300 Plätzen soll sie fassen. Das Kulturjahr ’95 hat die Notwendigkeit eines größeren Saales zweifellos

Carlo Schmitz in: Musikalische Federspiele

erwiesen. Das Stadttheater ist angesichts des Andrangs bei klassischen Konzerten viel zu klein und die Gagen der Topmusiker von internationalem Ruf sind viel zu hoch, um sie an zwei Abenden nacheinander auftreten zu lassen. Im geplanten Konzertsaal soll das philharmonische Orchester von Luxemburg dann auch seinen offiziellen Sitz und Probesaal haben. Der Wettbewerb der Architekten ist angelaufen: Von 68 Kandidaten kamen 15 in die engere Wahl (5 Luxemburger, 5 Ausländer und 5 Gemeinschaften von luxemburgischen und ausländischen Büros); ausschlaggebend war die Erfahrung mit dem Bau von Konzertsälen. Bis Februar 1997 haben sie Zeit, ihre Vorstellungen zeichnerisch umzusetzen. Dann entscheidet eine internationale Jury, in der auch der OPL-Direktor und der Konzertmeister sitzen, wessen Projekt verwirklicht wird. Zwei Milliarden sind dafür im pluriannuellen Staatshaushalt vorgesehen. Vor der Jahrtausendwende wird aber wohl kein Konzert dort aufgeführt werden.

1933 war das Orchester als RTL-Rundfunkorchester gegründet worden. Durch die Umstrukturierungen im CLT-Aktionariat war es dann Anfang der 90er Jahre in die Abschußlinie gekommen. Nach 60 Jahren Mäzenatentum wollte der bisherige Arbeitgeber den entsprechenden Passus in der Konvention mit dem Luxemburger Staat streichen. Das Beibehalten eines angeblich defizitären Radio- und Fernsehprogramms in Luxemburger Sprache sei Verpflichtung genug. Seit Jahren wurde kaum noch in das Orchester investiert, für das Orchester geworben, mit dem Orchester Staat gemacht. Auch die Musiker merkten, daß die CLT kaum noch Interesse für

sie aufbrachte (vgl. dazu das LW-Interview mit Leopold Hager im Kasten). Das förderte nicht gerade ihre Motivation. Viele bangten ganz einfach um ihren Arbeitsplatz. Der Staat übernahm dann die Rolle des Mäzens. Doch anstelle eines regelrechten Staatsorchesters wählte die Regierung die Form einer Stiftung: die Fondation Henri Pensis wurde gegründet, allerdings

Schon sitzt dem OPL aber die Finanzinspektion im Nacken, deren kulturfeindliche Sparpolitik ja schon oft genug in forum angeprangert wurde. Sie verlangt, daß das Orchester den Organisatoren alle Konzerte in Rechnung stellt, damit der Staat seine finanzielle Unterstützung nach und nach reduzieren kann.

mit drei Monaten Verspätung, da der Staatsrat juristische Bedenken hatte. Beim zweiten Votum in der Abgeordnetenkammer erhielt das Gesetz dann aber sogar mehr Stimmen als beim ersten Mal: nur die DP enthielt sich.

Ein Staatsorchester?

Heute – im Jahr 1 des OPL, aber in der 64. Saison des Orchesters – gibt jeder sich zuversichtlich: der Präsident der Stiftung Adrien Meisch, der Direktor Olivier Frank

Ich habe geglaubt, daß man ein Orchester von einer sehr guten Qualität weiterentwickeln soll. Das geht natürlich nicht, wenn man von der Gesellschaft, also der CLT, sogleich die Grenzen angezeigt bekommt, wenn es z. B. darum ging, Reisen mit dem Orchester zu finanzieren, Außenpolitik zu machen und vor allem wenn es darum ging, das Orchester aufzustocken. (…) Zweitens wußte ich damals noch nicht, welche Rücksichten ich in der Programmierung auf das Publikum in Luxemburg nehmen mußte. (…)

In dem Moment, wo Sie etwas tun, was bis dahin nicht auf der Tagesordnung war, ecken Sie an. Das geht auch anderen Leuten so. Nur, damit wäre jede Kreativität und jedes Andersmachenwollen in Frage gestellt. Gut, damit rechnet man aber auch. Aber, dann braucht man eben Leute, die sagen: Wir helfen, wir ziehen mit, das Ganze auf einen andern Punkt zu bringen! Naja, diese Leute waren zunächst einfach nicht da! (…)

Und wenn ich erst an das Kulturjahr denke … Da hätte ich ja auch etwas deponieren können. Man hat mich nicht einmal zu der Pressekonferenz in Salzburg, in meiner Heimatstadt, eingeladen, um etwas dazu zu sagen. Das war offenbar nicht nötig …

Auszüge aus einem Interview mit Leopold Hager, dem scheidenden Dirigenten des OPL, in: LW, 1.6.1996

und der Chef der Personaldelegation Lucien Lauer. Das Potential des Orchester sei enorm. Die Zahl der Musiker wurde schon auf 81 erweitert; hinzu kommen fünf Leute in der Verwaltung und zwei Tontechniker. Die Konvention mit der Regierung sieht vor, daß es sogar auf 98 aufgestockt werden kann, um nach deutschen Kriterien als A-Orchester auftreten zu können; und der Staat wird auch diese Mehrkosten decken. Zur Zeit steht eine Kreditlinie von 260 Millionen Franken im 96er Staatshaushalt; dieselbe Summe ist für 1997 vorgesehen. Da es sich um ein ‚crédit non limitatif‘ handelt, spricht de facto jeder, Kulturministerin inklusive, von 300 Millionen. Damit sollen die Funktionskosten gedeckt werden: die Löhne der Musiker und des Verwaltungspersonals, die Miete für die Villa Louvigny, der Einkauf von Notenblättern usw. Sponsorengelder sollen benutzt werden, um die Gagen von Gastkünstlern zu bezahlen. Die SES hat sich engagiert, die Kosten von Auslandsauftritten von jährlich bis zu 10 Millionen Franken zu decken. Einladungen liegen schon vor: nach Bordeaux, nach Brüssel (Koproduktion mit dem ‚Théâtre de la Monnaie‘ und Teilnahme an ‚Ars musica‘), nach München, Frankfurt und Düsseldorf (Tournee in 1997), … Solche Auslandsauftritte – da sind Direktor und Personalvertreter sich einig – sind keineswegs nur schöne Reisen – übrigens immer defizitär -, sondern sind künstlerische Herausforderungen, die jedes Orchester braucht, um sich zu steigern.

Schon sitzt dem OPL aber die Finanzinspektion im Nacken, deren kulturfeindliche Sparpolitik ja schon oft genug in forum angeprangert wurde. Sie verlangt, daß das Orchester den Organisatoren alle Konzerte in Rechnung stellt, damit der Staat seine finanzielle Unterstützung nach und nach reduzieren kann. Dagegen wehren sich aber Olivier Frank wie Lucien Lauer. Sie sind sich mit dem Präsidenten der Stiftung Adrien Meisch einig, daß öffentliche Auftritte in Luxemburg wie zu RTL-Zeiten gratis bleiben müssen. Meisch hat als Präsident des Echternacher Festivals ja auch ein eigenes Interesse daran. Würde das OPL dem Veranstalter alle Kosten für ein Konzert berechnen, müßte mit 500-750 000 Franken gerechnet werden. Wohltätigkeitskonzerte wie das traditionelle Weihnachtskonzert zugunsten von SOS-Interfonds könnte man dann völlig vergessen. Im Endeffekt würde das wahrscheinlich darauf hinauslaufen, daß die Veranstalter vom Kulturministerium eine entsprechende Subvention verlangen. Wem wäre geholfen?

Die Konzerte des OPL sind auch dadurch teurer, daß sie in Luxemburg meistens nur

einmal zur Aufführung kommen, während ausländische Orchester sie nicht nur in der Heimatstadt sondern auch in andern Städten ihres Landes aufführen können. Das Problem stellt sich natürlich genauso z. B. für Theaterstücke. Umso wichtiger ist es, zusätzliche Sponsoren für das Orchester zu finden. Staatssparkasse und SES sind bislang noch ziemlich allein. Lauer appelliert auch an die Luxemburger Betriebe, das Philharmonische Orchester für Betriebsfeiern zu engagieren, statt auf ausländische Orchester zurückzugreifen (BIL) oder die Solistes Européens wieder aus ganz Europa zusammenzutrommeln (Paul Würth). Noch jüngst ist ein Sponsoring-Vertrag mit einer Bank geplatzt, weil eine andere Bank (BIL) denselben Solisten José Van Dam mit dem London Symphony Orchestra in Luxemburg für ihre 140-Jahr-Feier auftreten ließ und damit dem OPL-Orchester die Show (und das Geld) stahl. Auch das Verhalten von RTL wird in diesem Zusammenhang bedauert. Der Sender, der 60 Jahre lang als Mäzen des Orchesters aufgetreten ist, erwähnt es heute kaum noch, von Reklame als ’sponsoring en nature‘ gar nicht zu reden.

Zu hoffen ist auch, daß die Kulturministerin ein Einsehen hat und die Stadt Luxemburg auch ohne finanziellen Beitrag als Mitglied im Verwaltungsrat der Stiftung aufnimmt. Sie stellt immerhin den Konzertsaal des ‚Conservatoire‘ zur Verfügung, da das der beste Saal ist für CD-Aufnahmen. Die Einnahmen der dortigen Freitagskonzerte gehören integral dem OPL, der davon nur seine Ausgaben etwa für Solisten bestreiten muß. Ein solcher Beitritt würde dem Orchester zweifellos weitere Engagements bei öffentlichen Gelegenheiten bringen: für seine Rolle als Botschafter der Luxemburger Kultur eine wichtige Sache. Im selben Sinne muß das Orchester unbedingt in die Kulturabkommen eingebunden werden. Lucien Lauer denkt auch an Synergien mit dem Wirtschaftsministerium: Wenn das Orchester einen Auslandsauftritt hat, könnte am selben Ort ein Luxemburger Tag mit Produkten unserer Wirtschaft stattfinden, oder umgekehrt: Wenn eine Luxemburger Woche bei der Hannover Messe stattfindet, sollte auch das OPL eingeladen werden dort aufzutreten.

Außer der Stadt Luxemburg fehlt auch noch das Personal im Verwaltungsrat der Stiftung. Das ist aber eine seiner Forderungen bei den laufenden Kollektivvertragsverhandlungen. Eine weitere Forderung des Personals ist die Beteiligung an den Einnahmen aus Konzerten.

Ein philharmonisches Orchester?

Die einzige wichtige Frage, die nach einem knappen Jahr Existenz noch offen steht, ist die Ernennung eines neuen Orchesterchefs. Die Entscheidung fällt noch vor Jahresende. Nach O. Frank hat die Auswahl sich schon auf zwei, drei Namen reduziert. Von ihm erhofft man sich natürlich einen neuen Elan, denn die unsichere Zukunft bei RTL hat doch seit einigen Jahren den Schwung gebremst. Gesucht wird ein junger Dirigent, der Enthusiasmus und Einsatzvermögen zeigt, aber auch bereit ist, sich in Luxemburg voll zu engagieren und sich mit dem Orchester zu identifizieren, mit ihm auch zu arbeiten, denn O. Frank läßt bei allem Respekt vor den Musikern keinen Zweifel daran, daß es in den letzten Jahren in dieser Hinsicht etwas haperte. Man will keinen Chef, der nur periodisch nach Luxemburg kommt und ansonsten vorrangig an seine Karriere im Ausland denkt. Sicher ist, daß der zukünftige Mann das Orchester schon kennt und das Orchester ihn kennt, weil sie schon im Laufe der letzten zwei Jahre gelegentlich zusammengearbeitet haben und sich beschnuppern konnten. Das Orchester hat

Gesucht wird ein junger Dirigent, der Enthusiasmus und Einsatzvermögen zeigt, aber auch bereit ist, sich in Luxemburg voll zu engagieren und sich mit dem Orchester zu identifizieren, mit ihm auch zu arbeiten, denn man will keinen Chef, der nur periodisch nach Luxemburg kommt und ansonsten vorrangig an seine Karriere im Ausland denkt.

auch zwei Vertreter in der Findungskommission. Außerdem haben die Musiker nach jedem Auftritt eines Kandidaten unter sich abgestimmt: Musiker mögen Chefs, die sie fordern, sie brauchen keine Streicheleinheiten. Insofern ist ihr Votum durchaus zu berücksichtigen.

Mit dem neuen Chef zusammen muß dann auch die Frage nach einer eventuellen Aufstockung beantwortet werden. Eine Bruckner-Symphonie oder eine Mahler-Symphonie kann man nicht mit nur 80 Leuten aufführen. Achtzehn zusätzliche Berufsmusiker würden aber ein Mehr von 50 Millionen für das Staatsbudget bedeu-

ten. O. Frank sieht aber auch andere Möglichkeiten: die Arbeit mit Stagiaren, mit Stipendiaten, mit Gastmusikern … Gute Stagiare könnten dann ins Orchester integriert werden, die andern könnten immerhin auf eine zweijährige Berufsausbildung beim OPL verweisen. Aber das könnte auch das Orchester in eine Art zwei Klassen spalten. Die Klangeinheit würde wohl auch unter ständigem Personalwechsel leiden.

Die Aufstockung soll in erster Linie das Streicherensemble betreffen. Das war schon Leopold Hagers Forderung (vgl. Interview in LW, 1.6.1996). "Ein Orchester ist so gut wie sein Kammermusikensemble innerhalb des Orchesters", zitiert Lauer die Bamberger Symphoniker. Er plädiert denn auch für die Gründung eines echten Kammermusikorchesters innerhalb des OPL, sobald der neue Chef da ist. Das würde zweifellos die Streicher motivieren, ihr Bestes zu geben, da sie im Gesamtorchester notgedrungen manchmal etwas kürzer kommen. Insofern ist auch die Schaffung eines kleineren Saales in der neuen Konzerthalle unbedingt zu begrüßen.

Bruckner- oder Mahler-Symphonien gehören aber zweifellos zum Répertoire des OPL. Im allgemeinen reicht das Répertoire eines philharmonischen Orchesters wie des luxemburgischen von Haydn über Mozart und die Wiener Klassik, Romantik und Postromantik bis heute. In diesem Rahmen hat es sich bewährt. Musik des 19. und 20. Jahrhunderts liegt ihm zweifellos am besten. Sicher hat der Chef beim Répertoire das entscheidende Wort, auch wenn die Musiker auf die Schaffung einer Programmmunition drängen, in der sie auch vertreten wären.

Ein Luxemburger Orchester?

Es ist bekannt, daß die beiden letzten Orchesterchefs Louis de Froment und Leopold Hager nicht so sehr auf luxemburgische Werke bestanden, vor allem weil sie wenig publikumsträchtig waren. O. Frank verspricht aber, daß luxemburgische Komponisten ganz systematisch zum Répertoire des OPL gehören werden. In der laufenden Saison steht z. B. eine Uraufführung von Claude Lenners auf dem Programm. Und zwar wird sie am ersten Abend in Luxemburg und tags darauf in Lüttich aufgeführt. Der Direktor besteht darauf, gerade Luxemburger Werke ins Ausland zu tragen. In zwei Jahren soll das Orchester an einem Festival für zeitgenössische Musik teilnehmen; jetzt schon steht das Werk eines Luxemburgers auf dem Programm, ne-

Klassische Musik

ben anderen zeitgenössischen Komponisten. Natürlich werden nur Stücke aufgeführt, die gewissen Qualitätskriterien entsprechen. Insofern darf jeder Komponist seine Partitur einsenden und zur Aufführung vorschlagen. Wohl kann der künstlerische Direktor dem Dirigenten kein Stück aufzwingen, doch im beiderseitigen Einvernehmen läßt sich normalerweise eine Lösung finden. Der Direktor muß wissen, welchem Dirigenten er welches Stück zumutet, denn das Orchester spielt auch regelmäßig mit Gastdirigenten. Ein Chef, der Lenners gerne dirigiert, dirigiert nicht unbedingt gerne Civitareale, dessen neues Werk z. B. im Sommer 1997 in Wiltz auf dem Programm steht. Das ist eine Frage des Stils. "Dirigentenwechsel sind so wichtig wie Lehrerwechsel in der Schule", meint O. Frank. "Jeder hat seinen Stil und kann dem Orchester andere Fähigkeiten entlocken. Jeder hat sein Répertoire. Das ist ein Auswahlkriterium. Andere Gastdirigenten werden engagiert, weil sie beim Publikum beliebt sind, oder weil ein Gastinterpret auf jenen Chef besteht, oder weil das Orchester gute Erfahrungen mit einem gemacht hat …"

Was die Interpreten anbelangt, gibt es aber keinen Vorrang für Luxemburger. Jeder freie Posten im Orchester wird international ausgeschrieben und ausschlaggebend für die Ernennung ist allein die Qualität. Beim Vorspielen treten die Kandidaten zuerst hinter einem Schirm auf, unsichtbar für die internationale Jury, der normalerweise der OPL-Chef vorsteht. O. Frank sieht die Förderung Luxemburger Musiker eher in Form von Einladungen an Interpreten, als Solisten mit dem Orchester aufzutreten: Françoise Groben, Sandrine Cantoreggi sind nur zwei Namen, die auf die Tour schon mit dem Orchester aufgetreten sind. Außerdem will Frank Luxemburger als Ersatzmusiker vorsehen, um kranke Titulare zu ersetzen, doch auch hier gelten strenge Qualitätsmaßstäbe. Darüber entscheidet der Chefdirigent aufgrund einer Audition. Im übrigen gewinnen auch immer wieder Luxemburger Künstler den Einstellungswettbewerb, so noch vor kurzem ein Hornist. Im Schnitt melden sich für eine Stelle etwa 100 Kandidaten; nicht immer sind überhaupt Luxemburger dabei. Zur Zeit gibt es zwar nur sieben oder

acht Luxemburger im Orchester; vor wenigen Jahren sind allerdings eine ganze Reihe fast gleichzeitig in den Ruhestand getreten.

In Zukunft will der Direktor nicht unbedingt viel mehr Konzerte organisieren, sondern vorrangig auf Qualitätsarbeit setzen. Auf Massenauftritte im Stadion mit internationalen Stars legt er hingegen keinen Wert. Das können andere auch. Wichtig ist es, ein sinnvolles Répertoire einzustudieren, das Interesse weckt. Es gilt in dieser Hinsicht, die in Luxemburg üblich gewordene Routine aufzubrechen. Luxemburg muß lernen, neue Werke entdecken, von bekannten und unbekannten Komponisten. "Ich habe eine Liste der in den letzten zwölf Jahren in Luxemburg aufgeführten Werke zusammengestellt," sagt Olivier Frank. "Es ist viel, sehr viel gespielt worden. Aber es gibt große Werke der Musikliteratur, die noch nie in Luxemburg aufgeführt wurden." Zweitens sollen Interpreten als Solisten engagiert werden, die tatsächlich etwas können, und nicht weil sie bekannt sind. Schließlich will Frank auch mal spektakulärere Aufführungen einproben: Werke mit Chor, Oratorien, konzertante Opern, … Im Februar wird ein Werk von Berlioz aufgeführt, Lelio, bei dem Steve Karier in einer Inszenierung von Frank Feitler als Schauspieler auftritt. Solche Experimente sollen verstärkt werden.

Dasselbe gilt auch für die CD-Produktion, für die O. Frank eine französische Firma gewinnen konnte (allerdings nicht gerade eine sehr bekannte). Auch hier gilt es, in Marktlücken zu springen. Lucien Lauer hofft, daß das OPL an den Erfolg anknüpfen kann, den das RTL-Orchester mit einer Aufnahme von Messiaen-Werken hatte, die aufgenommen worden war, als Olivier Messiaen noch kein weltweit bekannter Komponist war: Es war aber gerade diese Platte, die von allen Rundfunkstationen bei Messiaens Tod benutzt wurde.

Musik für die Jugend?

Franks große Sorge gilt dem Nachwuchspublikum, dem Publikum von morgen: "Bei der Jugend ist das Image der klassischen Musik eher schlecht. Ich gebe den jungen Leuten keine Schuld daran. Der klassische Musikbetrieb hat eher alles unternommen, um dieses schlechte Image zu pflegen. Es heißt auch nicht, sich jetzt auf billige Art und Weise anbiedern. Doch es müssen neue Wege gefunden werden, zusammen mit den Erziehern, mit den Schulen, … um ein neues Publikum zu errei-

Carlo Schmitz in: Musikalische Federspiele

chen. Hier ist ein kohärentes Konzept zu erarbeiten."

Die ‚Jeunesses musicales‘ haben nach Frank und Lauer die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ein klassisches Konzert eines Symphonionorchesters kann junge Leute heute nicht mehr beeindrucken. Die einst enge Kooperation zwischen ‚Jeunesses musicales‘ und RTL-Orchester ist praktisch auf null gesunken. Zum Teil rührt das wohl auch daher, daß die Verantwortlichen der ‚Jeunesses musicales‘ und jene der Solistes européens identisch sind und einem andern Klüngel angehören als die OPL-Pressuregruppe, obschon beiden eine große Nähe zur CSV nachgesagt wird. Andererseits haben die ‚Jeunesses musicales‘ sogar ihr eigenes Kammerorchester gegründet. Tatsache ist, daß zu den Konzerten der ‚Jeunesses musicales‘ kaum noch junge Menschen kommen. Die ausgebuchten ‚Soirées de Luxembourg‘ werden immer noch von den ‚Jeunesses musicales‘ veranstaltet, aber kaum von Jugendlichen besucht. Allein schon der Preis spricht dagegen. Statt Mozart oder Haydn müßte vielleicht mit experimenteller Musik des 20. Jahrhunderts oder elektronischer Musik ein Versuch gestartet werden, Jugendlichen ein Konzert wieder zum Erlebnis zu machen, das den Vergleich mit Disco und Laser-Show aushält. Fertige Lösungen haben die OPL-Leute nicht anzubieten, aber das Bedürfnis nach Überlegungen über einen neuen Zugang für die Jugend groß. Klassische Musik darf nicht pelzbehangenen Konzertbesuchern aus dem Bildungsbürgertum vorbehalten werden. Olivier Frank: "Es muß den Jugendlichen klar gemacht werden, daß Beethoven oder heute ein Luigi Nono nicht Musik komponiert haben, um sie abends zigarrenrauchend vor dem Kaminfeuer zu hören. Da steckte schon mehr dahinter. Leider wird diese Musik heute mißbraucht und daher werden diese Konnotationen vergessen. Beethoven, auch Mozart mit ‚Don Giovanni‘ oder ‚Figaros Hochzeit‘ hatten ganz andere Intentionen als jene, die wir heute noch wahrnehmen. Die historischen Konnotationen ihrer Werke sind aber durchaus noch aktuell; es gilt nur, sie aus der Versenkung hervorzuholen, damit Musik, wie die Literatur, wieder zum Nachdenken anregt, zum Stachel wird. Ich wünschte mir, durch unsere Programmauswahl das wieder ins Bewußtsein zu bringen, auch wenn das weniger bequem ist."

Ob das sehr konservative Luxemburger Publikum dabei mitzieht, bleibt abzuwarten. Es kommt durchaus vor, daß der Saal sich nach der Pause leert, wenn dann ein zeitgenössischer Komponist auf dem Pro-

gramm steht. O. Frank sieht aber auch Möglichkeiten, das Publikum an das Neue heranzuführen, ohne seine eigene Sicht aufzudrängen. Schon heute stellt er einen eindeutigen Unterschied zwischen dem Publikum des Stadttheaters und jenem des

Wenn man bedenkt, daß vor zwei Jahren das Überleben eines großen Orchesters noch durchaus zweifelhaft war, darf man sich wundern, daß heute deren schon zwei vom Staat unterstützt werden.

Konservatoriums fest. Vor allem letzteres reagiere viel sensibler. Man kann z. B. von populären Komponisten wie Dvorak oder Tschaikowskij auch mal weniger bekannte Werke aufführen: das soll nicht abschrecken, sondern bereichern. Oder man programmiert neben bekannten Werken ein Stück, das eher als Stachel wirkt. Oder ein sehr beliebter Interpret führt ein unbekanntes Werk auf, damit das Publikum sich fragt: Wenn der das macht, muß er doch wohl einen Grund haben. Olivier Frank ist optimistisch, daß das Publikum auch mitziehen wird. Voraussetzung ist natürlich Qualität.

Das Luxemburger Orchester?

An den Solistes européens scheiden sich die Geister. Lucien Lauer gerät geradezu in Rage, wenn das Stichwort fällt. Als adhoc- oder Telefonorchester kommen sie nur für einen bestimmten Zweck, auf Bestellung, in der dem Stück angepaßten Zahl zusammen. Das macht die Aufführung natürlich viel billiger und erlaubt die Teilnahme der besten Musiker. Infrastrukturkosten entfallen. Zum Teil kommen die Musiker auch aus Billiglohnländern wie der Slowakei und werden daher weit unter den OPL-Tarifen bezahlt. Doch einen dauerhaften Impakt auf das Luxemburger Kulturleben haben diese Musiker, die ja nicht in Luxemburg leben, in Lauers Augen nicht. Werke Luxemburger Komponisten führen sie auch kaum auf. Ursprünglich als Kammermusikorchester konzipiert führen die Solistes européens aber neuerdings auch symphonische Werke auf; vor kurzem gestalteten sie ein abendfüllendes Programm mit Werken von Beethoven. Lucien Lauer sieht darin eine direkte Konkur-

renz für das philharmonische Orchester. Der Raum sei zu klein für zwei symphonische Orchester. Wenn man bedenkt, daß vor zwei Jahren das Überleben eines großen Orchesters noch durchaus zweifelhaft war, darf man sich wundern, daß heute deren schon zwei vom Staat unterstützt werden. Staatsminister Juncker soll sich schon mal vor Zeugen gewundert haben, daß die Solistes européens mit einem Zuschuß von 6 Millionen Franken aus der Staatskasse auskommen, während das OPL 300 Millionen benötigt.

O. Frank ist weniger pessimistisch. Das Répertoire sei wirklich groß genug, daß beide bestehen können. Der Qualität der Solistes européens zollt er seine uneingeschränkte Anerkennung. Außerdem verstehen sie es, sich gut zu vermarkten, genießen auch Unterstützung von höchster Warte: Ehrenstaatsminister Jacques Santer steht ihnen von Anfang an als Taufpate zur Seite. Die ‚Jeunesses musicales‘ scheinen sie dem RTL-Orchester vorzuziehen. Frank ist überzeugt, das werde sich bald ändern: das OPL müsse die Herausforderung in Sachen Qualität eben aufnehmen.

Lauer empfindet es als ungerecht, daß die Solistes européens von allen (moralischen) Pflichten wie der Aufführung bzw. dem Enregistrement Luxemburger Komponisten, der Zusammenarbeit mit den Schulen, der Aufführung zeitgenössischer oder avantgardistische Werke, die oft weniger attraktiv sind, usw. entbunden sind, ganz zu schweigen von den Verpflichtungen, die zahlreiche Orchester-Musiker als Lehrkräfte an Luxemburger Musikschulen auf sich nehmen. (Letztere ‚Verpflichtungen‘ sind aber als eher freiwillig und lukrativ zu bezeichnen …) Nach Lauer nimmt die Abonnentenzahl des OPL ab, während jene für das traditionalistische Programm der Solistes européens zunimmt. Zumindest müßten den Solistes européens dieselben Auflagen gemacht werden wie dem OPL, wenn sie Staatsgelder erhalten. Wenn man dann gelegentlich hört, daß Luxemburger Konzertbesucher beide Orchester miteinander verwechseln, kann man den Ärger der OPL-Musiker verstehen. m.p.

Sämtliche Zeichnungen von Carlo Schmitz in diesem Dossier sind entnommen aus:

Roland Harsch, Carlo Schmitz: Musikalische Federspiele éditions de l’APESS asbl 327 Seiten, 850 F

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