Vom christlichen Engagement in der Gesellschaft
Interview mit Erny Gillen, Präsident der Caritas
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Interview mit Erny Gillen, Präsident der Caritas
75 Jahre Caritas
forum: Caritas feiert dieses Jahr ihren 75. Geburtstag. In meinen Jugendjahren galt Caritas als eher paternalistischer Verein. Man ging nicht davon aus, dass Caritas die Welt verändern würde, sondern dass es höchstens half, ein paar Pflaster zu verteilen. War das immer so und wie ist es heute?
Erny Gillen: Caritas ist eine Grundbewegung, die sich durch die Geschichte des Christentums und der Menschheit hindurchzieht. Wenn man sie als solche betrachtet, ist Caritas oder die humanitäre Aktion innerhalb der Kirche in konkreten Notsituationen entstanden. Grundidee war es, Notsituationen insgesamt zu beheben und nicht nur schnelle Abhilfe zu schaffen. Wenn man sich das letzte Jahrhundert anschaut, in dem Caritas in Luxemburg und in der Welt entstanden ist, dann sieht man, dass dahinter die Bestrebungen der damaligen Akteure standen, die konkrete Not so anzugehen, dass sie für die betroffenen Menschen behoben werden konnte. Dadurch kommt man in einen schwierigen Balanceakt, bei dem man versuchen muss, die Ursachen der Not zu beheben, ohne dass die Betroffenen noch tiefer in die Not hineingeraten. Meiner Meinung nach spielt dieser Balanceakt auch heute noch mit. Inwieweit kann man jedoch als Anwalt tätig sein, ohne denjenigen, die unter der Situation leiden, zu schaden? In dieser Hinsicht ist der Standpunkt der Caritas quer durch ihre Geschichte hindurch klar. Sie stand immer auf der Seite der Menschen, die Hilfe gebraucht haben. Der erste Reflex war natürlich, unmittelbar zu helfen, aber dann auch darüber hinaus eine strukturelle politische Antwort zu geben. In der Geschichte von Caritas Luxemburg findet man immer wieder Direktoren, die ein kritisches politisches Gespräch mit den Kräften innerhalb der Gesellschaft, aber auch innerhalb der Kirche führten.
Wofür steht Caritas heute? Welches sind die Bereiche, in denen Not herrscht und Caritas aktiv sein muss?
E. G.: Caritas ist eine gemeinsame Anstrengung von verschiedenen Akteuren, die sich als Akteure der christlich inspirierten Sozialarbeit verstehen. In dem Sinne vereinigt der Caritasverband heute 19 Organisationen, die in spezifischen Bereichen tätig sind. Der Verband selbst versucht jene Notsituationen zu identifizieren, auf die eine einzelne Organisation heute keine Antwort geben kann und wo es sinnvoller ist, gemeinsam nach einer Antwort zu suchen. Zwei Bereiche, in denen der Caritasverband über die Caritasstiftung gemeinsam eine Antwort gibt, ist der ganze Bereich der Flüchtlinge und der Bereich der internationalen Kooperation. Ein weiteres gemeinschaftliches Interesse ist die Kinderbetreuung und die Maisons relais. In diesem Fall waren wir uns auch einig, dass wir jetzt nicht eine oder mehrere Initiativen starten können. Wir versuchen synergetisch an diese Frage heranzugehen und die Gesamtkompetenzen, die in den verschiedenen Mitgliedsorganisationen liegen, so zu bündeln, dass sie eine sinnvolle Antwort auf die Notsituation, dass viele Kinder nicht gut oder nicht genügend betreut werden, finden. Die Patientenverfügung ist ein weiteres Beispiel, weil wir mit vielen Menschen in Lebensgrenzsituationen in Kontakt kommen. Auch hier kann unserer Meinung nach die Stiftung Hellef Doheem nicht alleine agieren, da sie als Dienstleister in eine zwiespältige Situation kommen würde. Man kann also auf Verbandsebene Initiativen ergreifen, die es ermöglichen, dass die betroffenen Personen gegenüber dem Dienstleister unabhängig bleiben. Diese Menschen müssen die Möglichkeit haben, sich zu ihren Wünschen auszudrücken, wie sie am Ende des Lebens oder in Grenzsituationen betreut werden möchten. Schließlich möchten wir uns im Bereich der Forschung und Entwick-
[Caritas] stand immer auf der Seite der Menschen, die Hilfe gebraucht haben. Der erste Reflex war natürlich, unmittelbar zu helfen, aber dann auch darüber hinaus eine strukturelle politische Antwort zu geben.
lung gemeinsam als Verband anstrengen, weil wir gemerkt haben, dass Sozialarbeit sich genau so schnell weiterentwickeln muss wie die Gesellschaft. Wir haben uns diesbezüglich die Mittel gegeben, um zum Beispiel zu verstehen: Was machen wir da eigentlich als Verband? Wie funktioniert Sozialarbeit in der Gesellschaft? Erreicht man mit den initialen Zielen und Vorgehensweisen immer noch, was man erreichen wollte, oder erreicht man heute mit einer gutgemeinten Initiative von vor fünf oder zehn Jahren vielleicht das Gegenteil? Ich denke daher, dass man das, was der Sozialarbeiter erlebt, was der Kunde erlebt, mit den Zielen konfrontieren muss, die man sich anfangs gesetzt hat oder die man sich heute setzen müsste.
Sie haben soeben die gemeinsamen Anliegen beschrieben. Wenn man nun die 19 einzelnen Organisationen nimmt, in welchen Lebensbereichen sind die aktiv?
E. G.: Die 19 Organisationen arbeiten in sehr verschiedenen Bereichen. Es gibt große Träger wie Hellef Doheem, die eine ganz spezifische Aktivität haben im Bereich der Betreuung der Menschen zu Hause. Dann gibt es große Träger, die eine Art Verband im Verband darstellen wie die Kongregation der Schwestern der Heiligen Elisabeth, die mit vier Vereinigungen im Verband vertreten sind, oder sehr alte Organisationen wie die Conférences Saint Vincent de Paul, die an der Geburtsstunde von Caritas Luxemburg teilgenommen haben, und die Equipes d’entraide oder Croix de Malte, welche Benevolatsorganisationen sind. Es gibt Aktivitäten, die im größeren Umkreis von Caritas entstanden sind wie Fir ans Kanner, die sich früher um Adoptionen kümmerten und heute Kinder platzieren, die nicht in ihrer Familie bleiben können. Andere Organisationen wie Aide familiale, in neuerer Zeit Caritas jeunes et famille oder Caritas accueil et solidarité, sind aus dem Schoß der Caritas entstanden. Dann gibt es die Werke der Schwestern vom armen Kinde Jesu oder das Kinderheim Itzig, das wir von der KMA-Victor Elz asbl übernommen haben. Es bedeutet eine große Anstrengung einer christlich inspirierten Arbeit, eine Plattform zu bieten, um sich weiterzuentwickeln, sich gemeinsame Ziele zu geben, sich aber auch gegenseitig zu kritisieren und sich so voranzubringen und über die Zukunft des sozialen Handelns nachzudenken, ohne sich aber gegenüber anderen abzuschotten. Caritas ist und war immer sehr offen gegenüber allen anderen Akteuren und wollte sich nie in eine katholische Ecke der Sozialarbeit drängen lassen, weil die Sozialarbeit ja auch keinen Unterschied machen kann und will zwischen den Menschen, die in Not geraten. Trotzdem versteht sich die Caritas aus einem klaren Ursprung heraus, nämlich der christlich inspirierten Philosophie.
*Caritas hat dieses Jahr einen Sozialalmanach veröffentlicht. Darin geht es nicht so sehr um die soziale
Arbeit, sondern eher um Forderungen an die Sozialpolitik. Da kommt die Anwaltsfunktion, die Sie am Anfang angesprochen haben, ganz deutlich zum Ausdruck. Mir ist aufgefallen, dass die Forderungen besonders konkret im Bereich des Kindergeldes und dessen Desindexierung sind (vgl. Auszug S. 10-12). Es wird nicht nur Kritik an der jetzigen Regierung geübt, es werden auch konkrete Lösungsvorschläge angeboten. Ist das typisch für die Caritas, dass sie sich auch in den politischen Bereich einbringt?*
E. G.: Ich denke, dass dort wo die Politik an ihre Grenzen stößt, wir uns aufgefordert fühlen, von unserer Seite aus, Antworten vorzuschlagen. Dabei handelt es sich nicht um einen konkreten politischen Vorschlag, sondern um eine alternative Überlegung, wie man es machen könnte und von der wir denken, dass es sich lohnen würde, darüber nachzudenken, wie man auf diesem Weg das Ziel – in diesem konkreten Fall des Kindergeldes – erreichen könnte, wenn man es anders modulieren würde. Der Staatsminister hat sich in seiner Rede zur Lage der Nation so ausgesprochen, als sei die von uns aufgestellte Rechnung falsch (vgl. Auszug S. 11). Umgekehrt können wir nachweisen, dass seine Rechnung, die er dem Land und dem Parlament vorgerechnet hat, sicherlich nahe an einer Milchmädchenrechnung dran ist, weil sie Leistungen, die der Staat sowieso auf Ebene der Kinderbetreuung über die Maisons relais machen muss, mit den Ersparnissen aufrechnet, die dank der Desindexierung gemacht worden sind. Wenn die Regierung schon vor der Idee der Desindexierung die Meinung vertrat, dass mehr Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden müssten, dann muss sie sich überlegen, ob diese Betreuungsplätze nicht gratis sein sollten. Ist dies nicht der Fall, sollten sie aber so moduliert sein, dass jeder sie sich leisten kann. In dem Zusammenhang muss man auch überprüfen, welchen privaten Bedarf man für die Kinderbetreuung noch benötigt, wenn der Staat diese Kosten übernimmt. Das sind Überlegungen, die es unserer Meinung nach erlauben, die Höhe des Kindergeldes zu reduzieren, wenn die Naturalleistungen des Staates dies kompensieren. Man kann jedoch nicht – und hier setzt unsere Kritik an – zuerst die kleinen Leute schädigen und danach mit den anderen Leistungen nachrücken. Dann hätte man zuerst Naturalleistungen anbieten müssen und dann die Geldleistungen zurücksetzen können.
Ich denke, dass dort wo die Politik an ihre Grenzen stößt, wir uns aufgefordert fühlen, von unserer Seite aus, Antworten vorzuschlagen.
Wir treten nicht mit einem Pflichtenkatalog an die anderen heran, sondern wir sind auch konkrete Akteure und dort, wo wir etwas verändern können, probieren wir zu zeigen, was wir verändern können.
Sozialwort 2007
Gab die Kompetenz, die die Caritas sich mit den vielen Unterorganisationen in den verschiedenen Bereichen erschaffen hat, den Anstoß, dass die katholische Kirche in ihrer Gesamtheit das Sozialwort dieses Jahr veröffentlicht hat oder war es etwa eine Initiative von Erny Gillen. Wöher kommt diese Idee, gerade zu diesem Zeitpunkt so ein Dokument aufzustellen. Die Armutsproblematik ist ja nicht neu, man hätte auch vor 20 Jahren schon ein solches Unterfangen erwarten können.
E. G.: Die Kirche hat eine interessante Erneuerung durch die Wahl Benedikts XVI. erfahren. Benedikt XVI. ist bekanntlich in die Nachfolge eines großen Papstes, Johannes Paul II., getreten und hat sich neu positionieren müssen gegenüber seiner eigenen Vergangenheit als Präfekt der Glaubenskongregation. Er hat gut gemerkt, an welchen Stellen die Kirche krankt, nämlich nicht auf Ebene einer guten Lehre – die Kirche hat eine Lehre, die sich weiterentwickelt hat und die sich auch in Zukunft weiterentwickeln wird –, sondern auf Ebene der sozialen Praxis. Diese ist auf lehramtlichem Niveau nicht genügend anerkannt oder gesehen worden. Mit seiner Antrittsenzyklika Deus caritas est hat er deutlich gemacht, was wir brauchen: Wir brauchen eine lebendige Kirche, die dadurch lebendig wird, dass sie für die Menschen konkret greifbar wird. Dieser Vorgang steht am Anfang des Aufschwungs, welches das Soziale auch in der luxemburgischen Kirche erfahren hat. Der Papst hat den Weg freigemacht für das, was sowieso schon im sozialen Bereich geschehen ist, indem man dies in die Mitte der Kirche gerückt und es sichtbarer innerhalb der Kirche gemacht hat. Dem ist das Sozialwort in dem Sinne verpflichtet, dass wir uns mit den sozialen Fragen nicht als eine Nebenbeschäftigung, sondern als eine Hauptbeschäftigung der Kirche auch hier in Luxemburg auseinandersetzen, nachdem wir uns in den letzten 10 Jahren, sicherlich auch aus guten Gründen, mehr mit internen strukturellen Fragen befasst haben.
Drei Grundeinstellungen sind auf die Einladung zu einem Sozialwort hin als wegweisend identifiziert worden. Diese Werthaltungen sollen das soziale und karitative Handeln der Kirche prägen!
(1) Aus ihrer innersten Würde heraus sollen der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen handeln. (2) Sie sollen Gerechtigkeit anstreben in Luxemburg, in Europa und in der Welt und (3) sich deswegen aktiv am gesellschaftlichen und politischen Leben beteiligen. (Sozialwort, S. 5)
In der Endversion des Sozialwortes geht es viel stärker um Selbstverpflichtung als um einen Forderungenkatalog an die Gesellschaft oder an die politisch Verantwortlichen. Ist das aus einer Angst vor einer politischen Einmischung heraus geschehen? Und ist damit nicht die Gefahr verbunden, dass die Kirche systemerhaltend wirkt, das System, das Not hervorbringt, insgesamt also nicht in Frage stellt?
E. G.: Das Sozialwort ist zuallererst ein großer Rahmen, innerhalb dessen, eine Reihe von Aktionen durchgeführt werden können. Am Ende werden wir eine Art soziale Berichterstattung dranhängen, um deutlich zu machen, was die Leistung der Christen in der Kirche innerhalb der Gesellschaft darstellt, gerade auch im Erhalt des sozialen Zusammenhaltes. Die Selbstverpflichtung ist nicht dazu gedacht, dass wir uns jetzt zurückziehen und alles selbst machen, sondern es soll eine Art Glaubwürdigkeitsbeweis sein. Wir treten nicht mit einem Pflichtenkatalog an die anderen heran, sondern wir sind auch konkrete Akteure und dort, wo wir etwas verändern können, probieren wir zu zeigen, was wir verändern können. Mit unserem Handeln möchten wir eine Spur legen, um anderen zu zeigen, wie sie es uns gleicht können. Unsererseits werden wir aber auch Spuren von anderen verfolgen.
Ist die Kirche systemerhaltend? Ich bin der Meinung, die Kirche hat immer eine kritische Rolle gegenüber Machtstrukturen gehabt. In dem Sinne denke ich, dass die Kirche hierzulande sich traut, klar zu formulieren, wo sie sieht, dass der Hebel angesetzt werden muss. Wenn man sich die drei Tugenden, die am Anfang des Sozialwortes aufgezählt werden, anschaut, dann ist das mehr als Selbstverpflichtung. Auch hier wird klar eine Forderung an die Politiker gestellt, dass die Würde des Menschen gelebt werden muss und die Politiker Bedingungen schaffen müssen, wie diese Würde gelebt werden kann und soll in allen Fragen des täglichen Lebens. Es wird der Standpunkt der Gerechtigkeit mit einem klaren Ausgangspunkt, dem der Menschen, denen es am schlechtesten geht, genannt. Wir müssen den Mut haben, aus dieser Perspektive heraus zu handeln. Es wird sehr deutlich gesagt, dass wir eine partizipative Demokratie brauchen. Die Kirche hat etwas gemacht, was vielleicht noch nicht jeder gemerkt hat, aber sie hat einen Beitrag zu dem berühmten Zukunftstisch geleistet, den verschiedene Parteien verlangen, den sie ansonsten aber noch kaum vorbereitet haben. Wir denken, dass auf der Ebene dieser Tugenden, der Erziehung zu den Werten und des Nachdenkens über die Werte, die für den Zusammenhalt sorgen, Akzente gesetzt werden müssen. Man kann sich nicht in den nächsten Jahren darauf berufen, dass die einzige existierende Regel die wäre, dass meine Freiheit dort beginnt, wo die Freiheit des Anderen aufhört. Wir müssen viel tiefer in das gesellschaftliche Leben hinabtauchen
und uns überlegen: Was wollen wir zusammen als Luxemburger in Europa? Was wollen wir zusammen hier in Luxemburg für Europa und mit Europa?
Trotzdem würde ich behaupten, dass das Sozialwort von der Sprache her weniger kritisch ist als der Sozialalmanach.
E. G.: Das ist klar. Das Sozialwort wird von der höchsten Autorität der Luxemburger Kirche, vom Bischof persönlich, verantwortet. Auf dieser Ebene ist eine andere Sprache notwendig als auf Ebene der sozialen Aktion. Sozialwort und Sozialalmanach stehen nicht in Widerspruch zueinander, sondern in einem gesunden Spannungsverhältnis. Der Bischof kommt seiner Verantwortung nach, indem er das in diesem Prozess Gesammelte – denn hinter dem Sozialwort stand ein groß angelegter Prozess – in einer Sprache formuliert, die einem Sozialwort oder einem Hirtenwort gerecht wird, während der Sozialalmanach einer sozialer Realität verpflichtet ist. Es sind zwei literarische Gattungen, die grundsätzlich dieselbe Intention verfolgen.
Mir ist weiterhin aufgefallen, dass im Aufruf, am Sozialwort mitzuarbeiten, größeren Wert auf soziale Kohäsion gelegt wurde, ein Begriff, der im aktuellen politischen Diskurs immer wieder gebraucht wird, während jetzt der Begriff der sozialen Gerechtigkeit stärker betont wird. Hatte ich einen falschen Eindruck oder ist wirklich eine Entwicklung festzustellen?
E. G.: forum hat zum Beispiel in Nr. 263 einen Artikel veröffentlicht, den wir in unsere Überlegungen miteinbezogen haben. Für uns war das ein Beitrag in diesem Prozess und ich bin froh, dass diese Überlegungen zum Teil miteingeflossen sind. Tatsächlich wurde die soziale Kohäsion in einer ersten Fassung als roter Faden benutzt. Dadurch ist bei mehreren Leuten der Eindruck entstanden, man riskiere den Standpunkt Gerechtigkeit zu vernachlässigen, weshalb dieser im Sozialwort stärker betont wurde. Dies geht zurück auf konkrete Anstöße aus dem Prozess.
Eine Thematik ist hinzugekommen, die der Wohnungsnot …
E. G.: Aus den Beiträgen, die wir erhalten haben, wurde ersichtlich, dass Armut und Familie die Menschen am meisten bewegt haben. Innerhalb der Armutsfrage wurde die Wohnungsnot stark betont. Auf der Journée sociale in der Privatschule Fielgen wurde viel darüber nachgedacht, wie wir mit diesen Beiträgen umgehen sollten. Wir haben dann festgestellt, dass wir nicht daran vorbeikommen, die Wohnungsnot, die vorher ein Teil der Armutsproblematik insgesamt darstellte, zu einem eigenen Thema in diesem spezifisch luxemburgischen Kontext auszuarbeiten, weil es eine Frage ist, die man nicht einfach unter Armut einordnen kann, da sie über die Frage der Armut
hinausgeht. Es sind nicht nur arme Menschen von der Wohnungsproblematik betroffen, sondern auch der Mittelstand. Der Appell, den der Bischof im Sozialwort äußert, ist ein eindringlicher Appell an all jene, die Eigentum haben, sich genau zu überlegen, was sie zur Lösung der Wohnungsnot beitragen können.
Heißt das konkret, dass die Caritas in Zukunft in einem neuen Arbeitsfeld tätig wird und im Bereich Wohnungsbau und -vermittlung Initiativen ergreift?
E. G.: Die Caritas ist ein Verband, der praktisch angelegt ist und innerhalb des Verbandes gibt es Träger, die Überlegungen anstellen, wie sie in diesem Bereich ihren Beitrag leisten können. Minister Boden hat gesagt, dass Platz sei für eine dritte Gesellschaft, die im Bereich des Billigwohnungsbau tätig werden kann. Wir werden sicherlich unserer Verantwortung nachkommen und versuchen, mit den verschiedenen Akteuren innerhalb der Kirche auf verfügbarem Bauland Wohnungen zu errichten, und auf die Mittel zurückgreifen, die über den Wohnungspakt neu zur Verfügung gestellt werden. So werden wir sicher von der Möglichkeit des Erbachtvertrags Gebrauch machen, die den Eigentümern, die ihr Eigentum nicht ganz hergeben möchten, die Möglichkeit bietet, es wenigstens zur Verfügung zu stellen, um die Preise drastisch zu senken.
Ein Bereich wird im Sozialwort nicht eigens ausgeführt, sondern nur kurz behandelt: die Immigrationsproblematik.
E. G.: Die Immigrationsproblematik stand in der Einladung. Wir haben uns dann überlegt, dass wenn man sie isoliert angehen würde, dies in einem gewissen Sinne zu einer positiven Ausschließung führen würde. Wir sind daher zu der
Wir werden sicherlich unserer Verantwortung nachkommen und versuchen, mit den verschiedenen Akteuren innerhalb der Kirche auf verfügbarem Bauland Wohnungen zu errichten […].
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Wäre es nicht eher Aufgabe der Politiker, eine Politik der Kontextsteuerung zu betreiben, statt zu versuchen, jede einzelne Frage bis hin zum Mikromanagement zu beheben?
Überzeugung gelangt, den Begriff der sozialen Kohäsion dem Begriff der Immigration vorzuziehen und unter diesem Begriff sowohl das Intergenerationelle als auch das Intercommunautaire zu behandeln. Was Letzteres betrifft, wird innerhalb der Kirche ein klarer Akzent gesetzt, weil wir der Meinung sind, dass die Seelsorge, wie sie heute organisiert ist, zum Teil dazu beiträgt, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften erhalten bleiben und nicht durchbrochen werden. Eine integrierte, innergemeinschaftliche Pastoral soll in Angriff genommen werden, zusammen mit denjenigen, die jetzt bereits in diesem Bereich tätig sind, mit der Zielvorstellung, zu einer integralen und integrierten Pastoral zu gelangen.
Das Sozialwort wurde auch dem Premierminister überreicht. Wie hat er reagiert? Im Dokument gibt es ja implizit eine ganze Reihe von Vorwürfen an die Regierungspolitik.
E. G.: Der Premierminister hat sich erfreut darüber gezeigt, dass sich die Kirche in diesen Fragen überhaupt mal wieder zu Wort gemeldet hat. Er hat die Frage der Integrationspolitik aufgeworfen, eine Frage über die wir längere Zeit diskutiert haben, weil es auch eine Aufgabe der Kirche ist, im Bereich der sozialen Kohäsion tätig zu sein. Auf dieser Ebene, denke ich, konnte man dem Premierminister deutlich machen, welches Anliegen die Kirche hat. Man ist sich einig, dass eine gesellschaftliche Anstrengung gemacht werden muss. Diese Anstrengung erfordert gesellschaftliche Rahmenbedingungen, zu denen der Staat einiges beitragen kann. Damit aber innerhalb der Rahmenbedingungen Leben entsteht, dafür müssen die einzelnen Akteure sorgen. Die Kirche ist eine Volksbewegung, eine Basisbewegung. Die Hierarchie der Kirche steuert nicht alles, was in der Kirche passiert, so wie die Politik nicht alles steuert, was in einem Land geschieht. Man muss hier immer wieder überprüfen, wie nah die kirchliche Hierarchie und wie nah die Politik an der Realität ist. Nur wenn beide sich nahe genug stehen, hat das eine einen Einfluss auf das andere und umgedreht. Dann entsteht daraus eine aufeinander abgestimmte Aktion. Wenn das Sozialwort es fertigbringt, eine Plausibilität zu schaffen für mehr Einsatz in unserer Gesellschaft, bei den Christen und ganz allgemein bei den Menschen, dann hat es einen wichtigen Punkt erreicht.
Die Rede zur Lage des Landes
Diese Sensibilität für die Not und Armut der Menschen, finde ich, fehlt in der diesjährigen Erklärung zur Lage des Landes. Es geht nur um Finanzen, Staatsbudget und Steuerpolitik. Aber Menschen und ihre Probleme werden fast überhaupt nicht erwähnt.
E. G.: Die diesjährige Rede steht meines Erachtens unter dem Zeichen verschiedener Schocks.
Sie steht sicherlich unter dem Schock, dass die Politiker gemerkt haben, dass wir weit hinter der Finanzrealität hinterherlaufen. Unsere Prognosen sind fast immer falsch sowohl in positiver als auch in negativer Richtung, so dass wir nicht voraussagen können, was passieren wird. Ein weiteres Schockerlebnis bleibt jenes der Sicherheit. Man glaubt immer noch, man sei in einem Raum, den man kontrollieren müsse, den man so gestalten müsse, dass man mehr oder weniger alles im Griff habe. In diesem Kontext ist die Rede zur Lage der Nation auf andere Punkte fixiert als auf die direkten Bedürfnisse der Menschen.
Die Lage des Landes beinhaltet aber auch diese Probleme …
E. G.: Das stimmt. In der Rede wird zum Beispiel erwähnt, dass viele junge Menschen auf der Straße stehen. Das sind solche allgemeinen Floskeln, die richtig oder falsch sind, je nachdem aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Ein Politiker ist sicherlich weit davon entfernt zu wissen, was bei einer Familie zu Hause abläuft. Ob es überhaupt seine Aufgabe ist, dies alles zu machen, ist eine andere Frage. Wäre es nicht eher Aufgabe der Politiker, eine Politik der Kontextsteuerung zu betreiben, statt zu versuchen, jede einzelne Frage bis hin zum Mikromanagement zu beheben? Ich habe den Eindruck, dass ein Teil der europäischen Politiker in Zwischenzeit verstanden hat, was Kontextsteuerung heißen könnte. Das wurde auch in den Unternehmen gelernt, dass man über Leitbilder über eine „Philosophie d’action“ versucht, die Firma zu steuern und dann Freiraum schafft innerhalb der Firma, damit es auf eine kreative Weise umgesetzt werden kann. Die Luxemburger Politik ist aber noch nicht dort angekommen. Wir befinden uns auf einem mittleren Niveau, wo versucht wird, das eine und das andere zu machen. Vielleicht sind wir aber auch ganz einfach als „Dorf Luxemburg“ zu klein, um Kontextsteuerung betreiben zu können. Denn wenn jemand hierzulande ein Problem hat, kann er notfalls immer noch zum Telefon greifen und den Premierminister anrufen. Der wiederum beklagt sich darüber, dass er dieses einzelne individuelle Problem nicht lösen kann und sagt, er würde darunter leiden, statt zu sagen, er würde dieses Problem auf eine andere Art und Weise angehen, indem er nämlich einen Kontext aufbauen würde, innerhalb dessen dieses individuelle Problem gelöst werden könnte. Aber dies setzt ein komplett anderes Funktionieren des Staates, ein anderes Selbstbewusstsein von Staat und Politik voraus, aber auch ein anderes Verhaltensmuster bei Menschen. Es ist klar, dass die Führung in diesen Sachen bei der Politik liegt. Das ist die Herausforderung von dem, was sich „Zukunftsdesch Lëtzebuerg“ nennt.
Wir bedanken uns für das Gespräch.
(Das Interview fand am 23.5.2007 statt /mp)
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