Von der verkürzten Christologie zur Unfehlbarkeitsdebatte
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zur Unfehlbarkeitsdebatte
Der Vorwurf einer "verkürzten Christologie",
wie er von der katholischen Hierarchie und von
katholischen Theologen gegen Hans Küng erhoben
wird, ist am schärfsten zusammengefasst in drei
Fragen, die Kardinal Josef Höffner am 22. April
1977 so formuliert:
- Ist Jesus Christus der unerschaffene, ewige
Sohn Gottes, gleichwesentlich mit dem Vater? - Stimmen Sie – immer mögliche und notwendige
Erläuterungen bezw. Vertiefungen vorausgesetzt
- letztlich vorbehaltlos dem Bekenntnis der
Kirche zu, dass Jesus Christus wahrer Mensch
und wahrer Gott ist?
- a) Verlangt eine Rückkehr zur "Perspektive der
ersten Jünger" – wenigstens im theologischen
Sinne – nicht eine Vermittlung durch das leben-
dige Glaubensbewusstsein der Kirche?
b) Ist das Bekenntnis der Kirche (z.B. zur Got-
tessohnschaft Jesu) das Vorgegebene, das der
Theologe mit Hilfe aller seiner methodischen
Möglichkeiten auszulegen hat? Oder stellt in
Ihren Augen eine historische Rekonstruktions-
hypothese allein und für sich einen ausrei-
chenden Zugang zum theologischen Verständnis
Jesu Christi dar?
Auf diese Fragen "in Katechismusform zu antworten"
hat Hans Küng sich geweigert. (Brief an Kardinal
Höffner vom 12. September 1977.)
Warum wohl?
CHRISTOLOGIE "VON UNTEN".
Entscheidend für Küngs Christologie ist der Ansatz-
punkt "von unten". Diesen Ansatzpunkt könnte man
vielleicht folgendermassen beschreiben:
Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes, über-
haupt alle, die den lebenden Jesus von Nazaret ge-
kannt haben, sahen zunächst in ihm keinen Gott,
sondern einen Menschen. Einen Mann, der sie fas-
zinierte, für den sie ihren Beruf aufgaben, um
"mit ihm zu gehen". Er redete so ganz anders als
die Schriftgelehrten, er handelte so ganz anders
als die Frommen im Lande. Er setzte sich mit Sün-
dern an einen Tisch, Geld und Macht waren für ihn
total unwichtig. Kranke, Kinder, Arme hingegen
waren für ihn sehr wichtig. Am unantastbaren
Mosesgesetz übte er Kritik jedesmal, wenn durch das
strenge Einhalten des Gesetzes die Gesundheit, das
Leben, die Freude am Leben in Gefahr waren. Kri-
terium seiner Gesetzeskritik war der Mensch: der
Sabbat ist des Menschen wegen da, nicht der Mensch
des Sabbats wegen. Jesus schaffte das Gesetz nicht
ab, aber er relativierte es. Dieser Mannbegeisterte
sie: er wurde ihr Meister, dem sie folgten, auch
wenn das, was er sagte und tat, für sie so unge-
wohnt war, dass sie Mühe hatten, ihm zu folgen.
Seine Hinrichtung am Kreuz, der er sich nicht ent-
zog, war für sie zunächst ein Stein des Anstosses,
"und sie verliessen ihn alle." (Erst das um die
Jahrhundertwende entstandene Johannesevangelium
weiss um den Jünger, "den Jesus liebte", der unter
dem Kreuz stand.) Doch sie fanden sich wieder zu-
sammen. Um den, der von Gott auferweckt worden war.
Und probierten nun ihrerseits, auf dem "Weg" zu ge-
hen, den ihr Meister ihnen vorangegangen war. Und
je mehr sie diesen Weg gingen, um so freier wurden
sie.
Der Retter.
"Jesus hat uns befreit", sagten sie, "in einem viel
umfassenderen Mass, als Moses die Hebräer aus der
ägyptischen Sklaverei befreite". Deshalb gaben sie
Jesus die Titel "Retter, Erlöser, Befreier".
Der Herr.
"Jesus ist unser Herr", sagten sie. Wobei zu bemer-
ken ist, dass dieser Titel eine Kontestation des
Kaisers und anderer hohen Herren ist. Der arme
Jesus, "der nichts hatte, wohin er sein Haupt le-
gen konnte", ist der Herr. Herr ist für sie einer,
der keine Macht hat. Jedenfalls keine solche Macht,
wie der Kaiser sie hat. Zugleich darf nicht ausser-
acht gelassen werden, dass "Herr" die Lesart des
für Juden unaussprechlichen Gottesnamens Yahweh
ist. In dem armen Jesus kommt Yahweh selbst zu
Wort. In dem Mann von Nazaret sehen die Jünger
Gott selbst.
Zeichnung: Jala
Das Ebenbild Gottes.
Das bedeutet, dass durch Jesus ihr Bild, das sie
sich von Gott gemacht hatten, radikal umgekremp-
pelt wurde. Der wirkliche, der lebendige Gott
"sieht so aus" wie Jesus. Jesus ist das Ebenbild
Gottes,
der Sohn Gottes.
An den Gedanken, die Jesus hat, kann man erkennen,
was Gott selbst denkt. Gott ist einer, der "nicht
auf das Ansehen der Person schaut". In den Taten
Jesu werden die Taten Gottes selbst gesehen, der
mit den Armen Not leidet, der mit den Kranken
Schmerz empfindet, der mit den Ausgestossenen
ausgestossen ist, der mit den Aussenseitern sich
am Rand der Gesellschaft befindet, der mit den
Sündern unter der Sünde leidet und die Verzei-
hung als Heilung von der Sünde praktiziert.
Jesus, der Sohn Gottes. Wobei wiederum zu bemer-
ken ist, dass die Zuwendung des Gottessohn-
titels auf Jesus eine Kontestation des übli-
chen Gebrauches dieses Titels ist, der ja be-
kanntlich, wie der Titel "Herr", den Königen
und Kaisern reserviert war.
Der Messias (= der Christus).
Jesus ist für seine Jünger dann auch der von den
Juden erwartete Messias. Auch in der Zuwendung
dieses Titels an einen Gekreuzigten liegt eine
Kontestation vor: kein mächtiger Kriegsheld ist
der Messias, sondern der ohnmächtige, von den
Spitzen Jerusalems zum Tode verurteilte und hin-
gerichtete Jesus. Dieser ist es, auf den das Volk
Israel wartete. Ein Bekenntnis, das "den Juden
ein Ärgernis ist" und den Heiden eine unbegreif-
liche Dummheit.
Der Sohn Davids.
Jesus ist für die ersten Christen der Sohn Davids. Der alte David hatte die zerstreuten und zerstrittenen Stämme Israels geeinigt. Jesus ist in viel höherem Masse derjenige, der Menschen, alle Menschen sammeln und einigen will.
Der Hirte.
Jesus ist der Hirte – David war auch einer – der alle Völker sammelt, der die kühnsten Träume der alttestamentlichen Profeten verwirklicht.
Der neue Adam.
Jesus ist der neue Adam. In ihm ist endlich jener Mensch erschienen, der das realisiert, was dem alten Adam nicht gelungen war. In Jesus wird endlich jener Mensch sichtbar, der Gottes Ebenbild ist, der Stammvater eines neuen Menschengeschlechtes, das Mass nimmt an Jesus, dem Christus, dem Sohne Gottes, dem Sohne Davids. Bei all den Titeln, welche die ersten Christengenerationen Jesus gaben, ist zu bedenken, dass sie das nicht spekulativ deduzierten, sondern dass diese Titel hervorgingen aus der am lebendigen Leib gemachten Erfahrung, die ihren Ausdruck suchte in Bildern und Gleichnissen des alten Testaments. Es war die Erfahrung der Menschen, die sich in den Christusgemeinden zusammengefunden hatten. Erfahrung von Menschen, die in den Christengemeinden versöhnte, geeinte Menschen wurden, ohne Rücksicht auf Hautfarbe, Rasse, Alter, Geschlecht, Vermögen oder soziale Herkunft. Erfahrung von Brüderlichkeit, die alles miteinander teilte. Eine Christusverbandsion von unten, gewachsen aus der gemeinsamen Erfahrung des "Weges", den sie mit dem Gekreuzigten und Auferweckten, mit Jesus, dem Messias-Christus, der zur Rechten Gottes sitzt, gingen. Eine sehr reiche Christologie, diese Christologie "von unten"!
CHRISTOLOGIE VON OBEN.
Es sollte nicht bei der Christologie von unten bleiben. Im Laufe der 2 ersten Jahrhunderte wurde der arme Mann aus Nazaret immer höher entrückt. Die kontestatäre Entstehung seiner Titel geriet immer mehr in Vergessenheit. Etwa anderes trat in den Vordergrund, das unbedingt erhellt werden musste: das Verhältnis des Sohnes Gottes zum Sohn Mariens. Gott und Mensch. Wahrer Gott und wahrer Mensch. Die Spekulation setzte ein. Nicht mehr "von unten", aus der Erfahrung des Weges, den man mit und in Christus ging, nicht mehr "von der konkreten Einheit des geschichtlichen Menschen Jesus, sondern von der Verschiedenheit zweier Naturen und Wesenheiten, der göttlichen und der menschlichen" ging man aus. (HANS KÜNG, Menschwerdung Gottes, Freiburg 1970, S.619.) Diese Spekulationen gingen in den Kirchen nicht vor sich ohne Debatten. 200 Jahre haben sie gedauert, bis im Jahr 451 auf dem Konzil von Chalkedon die Synthese gefunden wurde: die dogmatische Formel von "ein und demselben Christus, dem Sohn, dem Herrn, dem Einziggeborenen, der in 2 Naturen, der göttlichen und der menschlichen, unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert besteht. Niemals wird der Unterschied der Naturen wegen der Einigung aufgehoben, es wird vielmehr die Eigentümlichkeit einer jeden Natur bewahrt, indem beide in einer Person und Hypostase zusammenkommen. Wir bekennen nicht einen in 2 Personen getrennten und zerrissenen, sondern einen und denselben einziggeborenen Sohn, das göttliche Wort, den Herrn Jesus Christus."
Das ist die "unverkürzte" Christologie "von oben". Deren Vorteil darin besteht, dass sie das Resultat eines zweihundertjährigen Hin und Her ist, mit der dann endlich Klarheit geschaffen wurde, wer denn nun eigentlich ein Ketzer, und wer ein Rechtgläubiger ist. Die aber auch etliche Nachteile hat.
- Nachteil:
Ausgangspunkt der Formel von Chalkedon ist eher eine aprioristische und abstrakte Betrachtung über die Natur Gottes und die Natur des Menschen, bei der mehr oder weniger unberücksichtigt bleibt, dass Jesus – der arme, einfache Mann – der neue Adam, das endlich wiedergefundene Ebenbild Gottes, der richtige Mensch ist. Und ebenfalls mehr oder weniger unberücksichtigt bleibt, dass man sich kein Bild von Gott machen soll und kann, dass also nicht von einer abstrakten Gottesvorstellung her spekuliert werden darf, sondern dass wiederum ausgegangen werden muss von dem gekreuzigten und auferweckten Jesus, der ja das Bild ist, das Gott uns von sich selbst geschenkt hat.
- Nachteil:
Mit der Formel von Chalkedon waren die strittigen Fragen der Christologie noch lange nicht erledigt. Auch nachher tauchten welche auf, wohl im Zusammenhang mit der philosophischen Arbeit am Personbegriff. Es wurde bis ins 7. Jahrhundert danach gefragt, ob Jesus nur einen oder zwei Willen, einen göttlichen und einen menschlichen besass. In diesen Streit des Monotheletismus (=ein einziger Wille in Christus) griff ein Papst ein, Honorius I, der erklärte: "Wir bekennen einen Willen unsers Herrn Jesus Christus, da offenbar die Gottheit unsere Natur, nicht aber die Schuld in ihr angenommen hat, und zwar unsere Natur, wie sie vor der Sünde war." Diese Stellungnahme des Papstes Honorius wurde 681 auf dem 6. Konzil von Konstantinopel verurteilt. In der Tat ist die Formel von Chalkedon mit der Ansicht des Honorius und der Monotheletisten nicht zu vereinbaren.
- Nachteil:
Die Formel von Chalkedon überfordert die einfachen Leute, und das sind genau jene Menschen, mit denen Jesus sich solidarisierte. Am besten zeigen Zahlen diesen Nachteil auf: von den getauften Luxemburgern sind 34 % zur Aussage bereit: "Jesus ist der Sohn Gottes. Er hat uns am Kreuz erlöst. Heute lebt er als Auferstandener. Ich begegne ihm im Gebet, in den Sabramenten, in der Bruderliebe." Ein grösserer Anteil, 40 % der getauften Luxemburger unterschreiben: "Jesus war nur ein Mensch, aber ein grosser Mensch, der die Menschen zum Guten führen wollte. Er kann mir deshalb heute noch ein Vorbild sein." 12 % der getauften Luxemburger sind der Meinung: "Jesus hat vor 2000 Jahren gelebt. Heute leben wir in einer ganz anderen Welt. Für mich hat Jesus heute keine Bedeutung." Bleiben 14 %, die zu Jesus entweder keine Meinung haben oder diese nicht äussern wollen. (Die Zahlen wurden hochgerechnet aufgrund der Synodenumfrage von 1971 und des Zählsonntags vom 13. März 1977.) Trotz ihrer Ungenauigkeit zeigen die Zahlen auf, dass es kein einheitliches Glaubensbewusstsein in der Kirche Luxemburgs (mehr) gibt. Das bedeutet, dass die von Kardinal Höffner an Hans Küng gerichtete Frage, "ob eine Rückkehr zu ‚Perspektive der ersten Jünger‘ nicht eine Vermittlung durch das lebendige Glaubensbewusstsein der Kirche (verlangt)".
Papst Bonifaz VIII. hat 1302 definiert:
Außerdem erklären, sagen und definieren wir, daß es für jedes menschliche Wesen heilnotwendig ist, unter dem römischen Papst zu stehen (Dz 469/875).
Ziemlich genau das gleiche hatte bereits vorher das vierte Laterankonzil gelehrt, und noch deutlicher sprach 1442 das Konzil von Florenz:
Sie (die römische Kirche) glaubt fest, bekennt und verkündet, daß niemand außerhalb der katholischen Kirche – und zwar weder Heiden noch Juden, noch Häretiker, noch Schismatiker – des ewigen Lebens teilhaftig werden kann, sondern daß jeder ins ewige Feuer gehen wird, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, der sich nicht vor seinem Lebensende dieser anschließt (Dz 714/1351).
Gegen diese offiziellsten Texte hat jedoch das Zweite Vatikanische Konzil gelehrt, daß selbst Arbeiten das Heil erlangen können, sofern sie getreu nach ihrem Gewissen handeln.
Ein solcher Widerspruch zwischen Konzilien läßt sich nur überbrücken, wenn man anerkennt, daß die zeitbedingte und oft fehlerhafte Form kirchlicher Äußerungen sehr tief mit dem gemeinten Glaubensinhalt verwoben sein kann.
Raymund Schwager, in:Orientierung 38(1974) p.121
einen ganz hübschen Bumerangeffekt hat. Wo ist es denn, das ‚lebendige Glaubensbewusstsein der Kirche‘? Selbst wenn zugestanden wird, dass das Glaubensbewusstsein der Kirche nicht majoritär bestimmt werden darf, bleiben Fragen. Die Frage (hier nur am Rande vermerkt), warum man denn den 66 %, die das Glaubensbewusstsein der Kirche nicht mehr teilen, Sakramente spendet (Taufe und kirchliche Trauung hauptsächlich), die doch Zeichen des christlichen Glaubens sind. Es stellt sich die Frage, ob beim Ausdruck ‚Glaubensbewusstsein der Kirche‘ das Wort ‚Kirche‘ – trotz Vatikanum 2 – noch immer nur den Papst, die Bischöfe und Priester, eventuell auch noch Theologen (aber nicht alle) bezeichnet?
Ausserdem lässt eine genauere Untersuchung der 34 % ‚rechtgläubiger‘ Luxemburger erkennen, dass ihr Christusglaube eindeutig doketische Charakteristiken aufweist: die Gottheit Christi wird hochgeschätzt, doch die Menschheit Jesu wird mehr oder weniger zu einer Scheinmenschheit entleert. Offensichtlich sind viele Gläubige mit der Formel von Chalkedon überfordert, und auch sie huldigen einem verkürzten Christus.
UNSERE TITELFRAGE
lautete: von der verkürzten Christologie zur Unfehlbarkeitsdebatte? Wobei die Chronologie umgekehrt erscheint, denn das 2. Lehrverfahren handelte Küng sich ein mit dem Buch ‚Unfehlbar? Eine Anfrage.‘ (Benziger, Juli 1970.) Erst im 3. Lehrverfahren wegen des Buches ‚Christ sein‘ (Piper, 1974.) wurden die ‚verkürzte Christologie‘ und andere damit zusammenhängende ‚Irrtümer‘ (Trinitätslehre, Marienfragen, Eucharistie-
lehre u.a.) beanstandet. Doch schon im Buch ‚Menschwerdung Gottes‘ (erschienen bei Herder) mit kirchlicher Druckerlaubnis vom 21. Januar 1970 (also vor ‚Unfehlbar? Eine Anfrage‘) hatte Küng die Unzulänglichkeit der Formel von Chalkedon so beschrieben: ‚…eine grossartige, einfache theologische Synthese, die die kirchliche Christologie bis in die Gegenwart hinein bestimmt, und doch zugleich in verschiedener Hinsicht eine … sehr problematische theologische Kompromissformel.‘ (S.619.) Demnach darf man als eine der Ursachen der Unfehlbarkeitsanfragen bei Hans Küng vermuten: Dogmatische Formeln sind zeitbediente Aussagen, ständig Überholbedürftig, aber auch Überholfähig. Das führt vielleicht zu einer zweiten Ursache von ‚Unfehlbar? Eine Anfrage‘: Das von niemand bestrittene pastorale Engagement Hans Küngs, gewachsen aus der Erkenntnis, dass die Formel von Chalkedon für viele Christen von heute unverständlich, wenn nicht missverständlich geworden ist. Und vielleicht noch eine dritte Ursache: Die ökumenische Arbeit Hans Küngs, welche, wie jede ökumenische Arbeit, durch die Hypothek des Unfehlbarkeitsdogmas belastet ist. Anlässe, die Problematik irrefurbabler Glaubensauslagen ins Gespräch zu bringen mögen einerseits das Zentenar des 1. Vatikanischen Konzils und andererseits die Diskussion um die Enzyklika ‚Humanae vitae‘ gewesen sein. Letztere wurde zwar von Paul VI. nie als unfehlbare Kathedraentscheidung verteidigt, doch es gab Bischöfe und Kardinäle – nicht alle, denn es gibt ja eine Reihe von Hirtenschreiben (auch eines vom luxemburger Bischof), welche die Methode der Geburtenregelung dem Gewissen der Eheleute anheimstellten – welche der Enzyklika den Rang einer unfehlbaren Entscheidung zuerkannten.
WARUM WOHL?
Warum hat Hans Küng Kardinal Höffner nicht so geantwortet, wie der Kardinal es für angebracht hielt? ‚Sie waren nach Grundwahrheiten des katholischen Glaubens gefragt. Die Fragen waren einfach mit dem unaufgebbaren Bekenntnis dieses Glaubens zu beantworten gewesen.‘ So schreibt Kardinal Höffner an Hans Küng unter dem Datum vom 21. September 1977. Warum hat
Interessant ist der Vergleich, den man anstellen kann zwischen dem ‚Gemeinsamen Kanzelwort der deutschen Bischöfe‘ und dem Auszug aus einem Interview mit Kardinal Hermann Volk, der dieses Kanzelwort übrigens mitunterschrieben hat. Während Volk sagt: ‚Entscheidend für den Entzug der Lehrerlaubnis ist die Christologie Küngs gewesen‘, und so vorgibt, es handle sich bei der ganzen Affäre tatsächlich um eine ernsthafte Angelegenheit, schreiben die Bischöfe in entlarvender Deutlichkeit: ‚Im Vordergrund der Auseinandersetzungen steht das Wort ‚Unfehlbar!‘. Dieser Widerspruch deutet darauf hin, dass es in Wirklichkeit nicht um seriöse theologische Kontroversen geht, sondern um die vatikanische Vendetta gegen einen Aufnüpfigen, der es gewagt hat, an die Tragfesten des kirchlichen Machtapparates zu rühren. (Zitate nach LW, 12.1.1980) Hubert Hausemer
Küng sich geweigert, in Katechismusform zu antworten? Eine Frage, die viele Menschen sich stellen. Die Antworten sind so verschieden, wie die Menschen, die sich die Frage stellen. ‚Aus Trotz, aus Besserwisserei, aus Hochmut, aus Arroganz, weil ihm Angst ist, sonst kein Geld mehr mit seinen Büchern zu verdienen, weil er selber unfehlbar sein will!‘ die einen. Die andern: ‚Weil man so nicht antworten kann, weil die Methoden inquisitorisch sind, weil die Verfahren dem Rechtsempfinden moderner Mensch Hohn sprechen.‘ Mir scheint, dass Hans Küng, dem irreformable Glaubensaussagen diskutabel, wenn nicht wegen ihrer Un- und Missverständlichkeit problematisch sind, gerade wegen dieser Problematik gewagt hat, sein Buch ‚Christ sein‘ so zu schreiben, wie er es geschrieben hat, nämlich unter Verzicht auf dogmatische Formulierungen, aber mit Kenntnis der Ergebnisse moderner Bibelwissenschaft, die – wie die Erklärung der deutschen Bischofskonferenz es zur Genüge aufweist – manchen Bischöfen abgeht. Das hat Hans Küng versucht mit seinem Buch ‚Christ sein‘, das für viele bekümmerte, suchende, anonyme – oder wie man sie immer benennen mag – Christen eine Hilfe geworden ist. Hans Küng hat versucht den Reichtum eines biblisch begründeten Christusbekenntnisses zu geben. Soll er nun ein ‚unverkürztes‘ Christusbekenntnis ablegen mit papiernen Worten und damit die Leute, denen er
Bei der letzten Papstwahl gab es bekanntlich Schwierigkeiten, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Ein Kardinal fragte darob auch Prof. Küng, ob er gegebenenfalls bereit sei, das Amt anzunehmen. Küng bat sich drei Tage Bedenkzeit aus, dann kam die Antwort: ‚Nein, -dann wäre ich nicht mehr unfehlbar.‘
eben Mut gemacht hat, wieder zu bekümmerten, suchenden, anonymen und schliesslich resignierenden Christen zu machen. Niemand wird gezwungen, weder Hans Küngs Bücher zu lesen, noch durch die Einstiegsluke in den christlichen Glauben einzusteigen, die er geöffnet hat. Doch warum soll man’s nicht einmal versuchen? Sich wie die ‚ersten Jünger‘ ‚von unten‘ auf den Weg mit Christus zu machen? Wenn es ihnen geglückt ist, warum soll es heute nicht mehr glücken, ruhig eine ‚verkürzte‘ Christologie in Kauf zu nehmen, um in brüderlicher Gemeinschaft – nicht zuletzt beim Brotbrechen – den Herrn zu erkennen, zu erfahren, dass Jesus der gottgesandte Messias-Christus ist, der Befreier, der Sohn Gottes, der Weg, die Wahrheit, das Licht, zu erfahren, dass man mit ihm und den Brüdern zum wirklichen Leben kommt?
Jupp Wagner
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