Wasser in christlich-jüdischer Tradition

"Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben."

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Gérard Kieffer

Wasser in christlich-jüdischer Tradition

„Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“

In allen christlichen Kirchen kennt man ein Aufnahme- oder Einstiegsritual, das in engem Zusammenhang mit Wasser steht. So leitet sich die Taufe vom Symbolismus der alttestamentlichen Israeliten ab, die von Moses aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt wurden, durch das Rote Meer zogen bis hin zur im Neuen Testament erwähnten Taufe Jesu durch Johannes den Täufer im Jordan. Der Gebrauch von Wasser im Zusammenhang mit der Taufe gibt aber nur einen Teil des Stellenwertes wider, den Wasser in der Ausgestaltung der christlichen Religion birgt.

Wasser und (religiöse) Mythologie

In vielen Erzählungen zur Entstehung der Welt spielt Wasser eine sehr bestimmende Rolle. Es symbolisiert die Welt vor der Welt, ehe die Göttlichkeit gestaltend in das Chaos eingreift. Aus dem Wasser entsteht alles Leben.

In der Genesis (Schöpfungsgeschichte) wird zu Beginn die zerstörerische Kraft des Wassers des Ur-Chaos dargestellt. Das Buch erzählt, dass „Gottes Geist über dem Wasser schwebt“. Nach und nach bändigt Gott dieses Wasser, indem er mit dem Firmament und den Ufern Grenzen schafft (s.a. Ps 33,7; 104,5-12,25-26). So entsteht in der Mitte des Wassers ein Raum, der mit den für die Entstehung von Leben nötigen Voraussetzungen erfüllt werden muss. Diese Welt mit ihren günstigen Lebensbedingungen wird dem Menschen anvertraut.

Wasser als Segen … und als Fluch

Im zweiten Schöpfungsbericht (1 Mose 2,4-6) steht zuerst die große Dürre

und Trockenheit, und erst als Wasser in Form von Nebel, der die Erde sanft befeuchtet, entsteht der Garten Eden.

Wasser ist Lebens-Mittel,
ist ein Geschenk Gottes.
Das ist die klare Botschaft
der Bibel.

Beide Berichte zusammen geben also die Erfahrungen von Überflutungen und Wassermangel wider, der das alltägliche Leben der Israeliten prägten. Wasser als Erfüllungsgehilfe der göttlichen Gewalt kommt auch in der Erzählung über Noah und die Sintflut vor. Gott spült die Verdorbenheit der Erde weg und vollzieht in kleinem Rahmen eine weitere Schöpfung, in der der Mensch eine aktivere und gewichtigere Rolle bei der Kontrolle der Kräfte der Naturgewalten übernehmen muss.

Die Erfahrung von Dürre war für viele antike Völker gegeben, wenn es monate-

lang nicht regnete. Angesichts dieses Erlebens wird Gott in der Bibel als Retter aus dieser Not dargestellt. Nachdem Hahar, die ägyptische Magd Saras, von deren Mann Abraham fortgeschickt worden war, irrte sie mit ihrem kleinen Sohn durch die Wüste. Als sie kein Wasser mehr hatte, legte sie in ihrer Verzweiflung das Kind unter einen Busch und entfernte sich ein Stück, weil sie nicht mit ansehen wollte, wie ihr Kind starb und klagte ihr Leid. Gott hörte sie und „tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und tränkte den Knaben.“ (1 Mose 21,19). Wasser ist Lebens-Mittel, ist ein Geschenk Gottes. Das ist die klare Botschaft der Bibel. Ein Psalmist hat den Wasser und Leben spendenden Gott so gepriesen: „Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“ (Psalm 23,2).

Wasserstellen – Orte der Begegnung

In der Bibel wird die Rolle des Wassers stellenweise als ambivalent charakterisiert. Der Kampf um knappe Wasserressourcen in der Region genau wie die Angst vor Überschwemmungen durch starke Regenfälle stehen den segensreichen Seiten des Elementes gegenüber.

Begegnungen an Wasserstellen sind in einer Region, in der hohe Temperaturen, karge Vegetation und damit verbunden geringe Wasservorräte verfügbar sind, nicht immer friedvoll. In biblischen Texten kommt der Kampf um das tägliche Wasser an mehreren Stellen zum Ausdruck, insbesondere wenn es um die Auseinandersetzungen über die Kontrolle von Brunnen geht. Im Buch Genesis reicht Abraham bei Abimelech, König von Gerar, Klage ein gegen dessen Diener, die seinen Brunnen beschlagnahmt hatten. Dieser Brunnen wurde zum Ort eines Freundschafts- und Nicht-Angriffspaktes zwischen den beiden Männern und ihren Völkern (Gen 21,22-34).

In der Bibel sind die Begegnungen um die Brunnen jedoch nicht immer mit Auseinandersetzungen verbunden; die Wasserstellen können zu Stätten der Gastfreundschaft werden. Als Abraham seinen Diener auf die Suche nach einer Frau für seinen Sohn Isaak ausschickt, lassen sich die Kamele beim Brunnen außerhalb der Stadt Nahor beim Aramder-zwei-Flüsse nieder. Die Gesten des Willkommens und der Gastfreundschaft Rebekkas, der Tochter Betouëls, erlauben es, sie als die von Gott erwählte Frau für Isaak zu erkennen (Gen 24).

Im Buch Exodus flieht Moses – auserwählt, um die Hebräer aus der Zwangsarbeit in Ägypten zu befreien – vor dem Pharao. Hier wird der Brunnen ein Ort der Liebesbegegnung, an dem Moses im Land von Midian die Töchter des hiesigen Priesters rettet. Diese sollten von einigen Hirten vertrieben werden, als sie versuchen, ihre Herden zu tränken. Moses, Beschützer der Rechte des Zugangs zum Wasser dieser Familie, wird hier als Fremder auf der Flucht willkommen geheißen, erhält Asyl … und eine Frau – Zippora, eine der Töchter von Reguël (Ex 2,15-22).

So sehr die einzelnen Gruppen ihr Recht auf Wasser verteidigten, so selbstver-

Foto: © Raymond Clement (Stausee Esch-Sauer)

ständlich war es, Wasser mit einem Gast zu teilen. Als Zeichen der Gastfreundschaft und Zuwendung erhielt diese Geste einen versöhnenden Charakter, der in diesem biblischen Spruch deutlich wird: „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken.“ (Sprüche 25,21).

In der Bibel sind die Begegnungen um die Brunnen jedoch nicht immer mit Auseinandersetzungen verbunden; die Wasserstellen können zu Stätten der Gastfreundschaft werden.

Im Neuen Testament findet sich eine weitere Deutung des Elements Wasser. Als Jesus auf die Samariterin trifft (Joh 4), bietet er sich selbst als lebendiges Wasser an, damit sie nie wieder Durst leide – mit anderen Worten, er verweist auf das Wasser als Symbol für ewiges Leben durch ihn. Diese Wasserstelle wurde zum Ort der Begegnung im Glauben.

Wasser und Taufe

Die zentrale Bedeutung des Wassers im Neuen Testament wird aber in der Dar-

Darstellung des Wirkens Johannes des Täufers und der Taufe an sich deutlich. Erst nachdem Jesus von Johannes getauft worden war, trat dieser öffentlich in Erscheinung. In der Taufe wurden und werden Menschen in die christliche Gemeinschaft aufgenommen. Gleichzeitig ist die Taufe des Menschen Wandlung und Neuwerdung. Das Wasser symbolisiert hier die lebensspendende Kraft, es reinigt und erneuert den Menschen. Die Taufe war und ist damit nicht nur ein Zeichen der Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen, sondern den Kirchen auch Zeichen der Gnade Gottes, der Vergebung der Sünden und des Neubeginns des Lebens.

In vielen Kirchen der Welt ist bei der Taufe das Eintauchen ins Wasser üblich, in anderen das Begießen oder Besprengen des Täuflings. Aus dieser Gemeinschaft und des Lebens unter einem „neuen Vorzeichen“ erwächst für viele Menschen die Kraft, aktiv an der Gestaltung des Reiches Gottes auf Erden teilzunehmen. Wasser hält ab, Wasser lässt teilhaben, Wasser spült weg und Wasser füllt – die Lebendigkeit des Wassers wird im christlichen Kontext umfassend verstanden.

Neben der Taufe spielt Wasser auch bei der Heilung eine zentrale Rolle, wie der Bericht über die Heilung des Blinden zeigt, der von Jesus zum Teich Schiloach

geschickt wird, wo er sein Auge waschen soll – und danach wieder sehen kann (Joh 9,1-7).

Es wäre falsch, die Bedeutung des Wassers im Neuen Testament auf die spirituelle Dimension zu begrenzen. Immer wieder findet sich dort auch die Verbindung von ganz realem Wasser und dem Wasser des Lebens und Heils. Jesus war ein Wanderprediger in einem heißen Land und Wasser war für ihn und seine Jünger keine Selbstverständlichkeit, sondern ein wertvolles und köstliches Nass. Dieser Aspekt wird deutlich, wenn Jesus sich zur Aufnahme seiner Jüngerinnen und Jünger durch die örtliche Bevölkerung äußert: „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mt 10,42)

Dieses umfassende Verständnis von Wasser prägt auf vielfältige Weise den jüdischen und christlichen religiösen Alltag und die Glaubenspraxis. Als Stichworte seien hier nur die Taufe, das Pilgern zu heiligen Quellen, die alljährliche liturgische Wasserweihe und die Einbeziehung der reinigenden Kraft des Wassers in religiöse Zeremonien erwähnt. In dieser religiösen Praxis liegen viele Anknüpfungspunkte für eine Beschäftigung mit dem Menschenrecht auf Wasser.

Wasser im aktuellen Zusammenhang

Im Herbst 2005 hat die Katholische Kirche in Luxemburg ein Pastoralprojekt begonnen, das sich bis 2008 hinziehen wird. Im ersten Jahr steht das Wasser und die damit eng verbundene Taufe im Mittelpunkt. Mit Projekten, Liturgien, Konferenzen und verschiedenen didaktischen Materialien (Wanderausstellung, Bücherkoffer, Wasserkoffer, Ideenordner) soll die Bedeutung der Taufe für die christlichen Gemeinschaften einerseits und die Verantwortung des Menschen für das Grundelement Wasser andererseits vertieft werden.

Neben ökologischen Aspekten werden auch politisch sensible Themen diskutiert, wenn im Rahmen des Pastoralprojektes z. B. für die „Aktion Schutzdeich – gegen Wasserprivatisierung“ geworben wird. Gleichzeitig unterstüt-

zen einige Pfarrverbände im Zuge der Mitarbeit an diesem diözesanen Projekt landwirtschaftliche, sanitäre und Bildungs-Projekte rund um Wasser in Afrika, Asien und Südamerika. Es geht hierbei sicher auch um direkte Hilfe bei der Sicherstellung vom Zugang zu sauberem Wasser, der Aspekt der sinnvollen und effektiven Nutzung von Wasser in der Landwirtschaft fordert jedoch zu Kreativität und „dem-sich-Lösen“ von traellerten Anbau- und Bewässerungsmethoden – geht also weit über eine rein technische Unterstützung hinaus.

Letztendlich geht es darum, die Erhaltung, die nachhaltige Verwaltung und die gerechte Verteilung von Wasser für alle zu fördern. Diese Herangehensweise baut auf dem Verständnis auf, dass Wasser ein Geschenk Gottes und ein Menschenrecht ist.

Die katholische Kirche hat sich auch als Weltkirche zu der Ressource Wasser geäußert. In Anlehnung an Absatz 69 (II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes) kann man sagen, dass ein ausreichendes Entwicklungsniveau in jeder geographischen Region nur dann gesetzmäßig und respektvoll garantiert sein wird, wenn der Zugang zu Wasser als

Recht der Einzelperson und der Völker anerkannt ist.

Damit dies geschieht, muss „die internationale Politik (…) erneut die Aufmerksamkeit auf den unschätzbaren Wert der Wasserressourcen lenken, die oft nicht erneuerbar sind und nicht das Eigentum einiger weniger werden dürfen, denn sie sind gemeinschaftliches Gut der gesamten Menschheit. (…) Wasser ist Grundlage für die Nahrungsmittelsicherheit.“ (Papst Johannes Paul II., Botschaft zum Welternährungstag 2002).

Quellen:

Blum, Matthias: Wer hat das Wasser in ein Gewand gebunden?, Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität Berlin, 2004

Kürschner-Pelkmann, Frank: Das Recht auf Wasser in den Religionen der Welt, Hintergrund-Materialien zur Aktion „MenschenRecht Wasser“, Brot für die Welt 2003

Osborne, Tom: „Erwecke die Quellen lebendigen Wassers, die in unseren Herzen schlafen“ – Wasser in der Bibel, in: Wasser – Quelle des Lebens, Begleitbroschüre zur gleichnamigen Ausstellung, Office Diocésain de Pastorale Luxembourg 2006

Chromolithographs made from paintings done in 1874 by George Moerlin, and published in his book, A trip around the world, Cincinnati, Ohio, M. & R. Burgheim, 1886.

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