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Gott,
wir haben uns ein Bild von dir gemacht.
Wir dachten, du seist
UNNAHBAR
wie die Könige,
bei denen man wochenlang vorher
um eine Audienz ersuchen muss,
die der Herr Oberhofmarschall
nach Lust und Laune
gewährt oder auch nicht gewährt.
Ein langer Instanzenweg ist zu durchlaufen,
bis einem gestattet wird,
den König zu sehen.
Unter Verbeugungen wird man vorgelassen,
unter Verbeugungen wird man entlassen
im Rückwärtsgang,
da es ungeziemend ist,
dem König die Rückseite zu zeigen.
Gott,
wir haben uns ein Bild von dir gemacht.
Und dachten, du seist
LAUNISCH
wie die Grossen der Erde.
Und noch schlimmer.
Denn ohne ersichtlichen Grund
lässt du die einen mit einem Herzfehler
zur Welt kommen
und die andern
gesund und munter.
Die einen lässt du in Schlössern wohnen
und die andern in Hütten.
Die einen raffst du hinweg
in der Blüte der Jahre,
und die andern lässt du
zu zitternden Mummelgreisen altern.
Gott,
wir haben uns ein Bild von dir gemacht.
Und dachten, du seist
MÄCHTIG
wie die Herren der Welt.
Und ärger noch: allmächtig.
Du lässt die Sonne scheinen
auch dann noch,
wenn sie die Ernte verdorrt.
Du lässt den Regen fallen
auch dann noch,
wenn Flüsse über die Ufer treten.
Du lässt Vulkane spucken
und die Erde beben.
Du schleudest Blitze
und zündest Häuser an
auch wenn Menschen fragen:
was haben wir ihm getan,
dass er gerade unser Haus anzündet,
wo wir doch nicht schlechter sind
als der Nachbar?
Es ist nicht einzusehen,
wann, wo, wieso und weshalb
du manchmal gut
und manchmal böse bist.
Genau so sind auch die Grossen der Erde,
die Reichen und Mächtigen.
Wenn sie mal wieder Krieg machen wollen,
dann tun sie es,

und fragen das arme Volk nicht lange,
ob es auch Krieg haben will.
So weit geht die Demokratie nicht.
Genau so,
Gott,
haben wir uns dich vorgestellt.
Und gewartet
und gehofft
und gebangt,
ob nicht einmal einer kommt,
der uns von dir,
dem tyrannischen Gott
befreit.

Dann ist einer gekommen.
Mit Wort und mit Leben hat er bezeugt,
dass du nicht bei den Generälen bist,
die tausendfach Mord planen,
um als Helden in die Geschichte einzugehen.
Dass du nicht bei den Politikern bist,
die Tausende von Milliarden
in Panzer und Bomben investieren,
während Millionen von Menschen
in Bidonvilles hausen
und vor Hunger krepieren.
Es ist einer gekommen,
und war einer von uns,
den Armen, den Trauernden, den Gewaltlosen,
den Unterdrückten, den einfältig Vertrauenden,
den Nachgiebigen, den Verfolgten,
den Kriegsdienstverweigern.
Er hat uns befreit vom Tyrannengott.
Er hat uns dein Gesicht gezeigt.
Das Gesicht, das er uns zeigte,
zertrümmerte das Bild,
das wir uns von dir gemacht hatten.
Da war auf einmal
kein unnahbarer,
kein launischer,
kein allmächtiger
Gott mehr.
Sondern ein Gott mit uns.
Da war der Advent vorbei.
Die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen,
die einfältig Vertrauenden, die Verfolgten,
die Unterdrückten, die Kriegsdienstverweigerer
durften sich freuen.
Denn Gott war mit ihnen.

Doch dann kam der Kaiser
und mit ihm die Priester
und machten den Gott-mit-uns
wieder zum unnahbaren,
launischen Allmächtigen,
der Könige einsetzt von Gottes Gnaden,
der sich einladen lässt
bei Regierenden, bei Bankiers,
bei Waffenhändlern, bei den Grossen der Welt.
Und nun dürfen wir,
die Armen, die Trauernden,
die Gewaltlosen, die Unterdrückten,
die einfältig Vertrauenden,
die Nachgiebigen, die Kriegsdienstverweigerer
wieder warten,
wieder hoffen,
wieder bangen,
ob nicht einer kommt,
der uns befreit.
Und auch die oberen Zehntausend befreit
von ihrer Unnahbarkeit,
von ihrer Macht,
von ihrem Dünkel und ihrer Selbstherrlichkeit.

Herr Jesus, kommst du noch einmal?

Jupp Wagner

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