Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
1. Welches Volk äusserte seine Gedanken?
Befragt wurden die Sonntagsmessbesucher in einer Pfarrei des Einzugsgebietes der Stadt Luxemburg. Die Befragung geschah mit Hilfe eines Fragebogens. Allen Messbesuchern über 16 Jahren wurde der Fragebogen angeboten. Etliche wollten ihn nicht annehmen, sei es, weil sie keine Brille zur Hand hatten, andere weil die Frage sie nicht interessierte, oder weil sie der Ansicht waren, solche Frageaktionen gehörten nicht in die Kirche. 220 Fragebogen wurden entgegengenommen. Der Rücklauf betrug 150, oder 68% der angenommenen Fragebogen. 8 davon wurden weiss zurückgegeben, so dass im Endeffekt 142 auswertbar waren.
Selbstverständlich kann diese Fragebogenaktion nicht als repräsentativ angesehen werden. Dazu war die befragte Gruppe erstens zu klein, und zweitens wenigstens in einem Punkt homogen: sie besteht nur aus Sonntagskirchgängern. Sozial gesehen waren es zur grossen Majorität Menschen aus der Mittelschicht. Sowohl extrem Bedürftige wie extrem
Wohlhabende waren nicht vertreten.
Die Geschlechter waren annähernd gleichmässig verteilt:
53% Frauen, 47% Männer.
Altersmässig sieht die Verteilung folgendermassen aus:
16-20-jährige: 14 = 10.1%
21-30-jährige: 29 = 21.0%
31-40-jährige: 41 = 29.7%
41-50-jährige: 22 = 15.9%
51-65-jährige: 21 = 15.2%
65 und älter : 11 = 8.0%
138 = 100 %
Diejenigen, welche sich als Berufstätige zu erkennen gaben stammen
aus dem öffentlichen Dienst: 33 = 45.2%
aus dem Privatsektor als Angestellte: 28 = 38.4%
aus dem Privatsektor als Unabhängige: 12 = 16.4%
73 = 100 %
Letztere stammen mit grosser Wahrscheinlichkeit aus den etlichen noch verbliebenen Bauernbetrieben der Pfarrei.
2. Welche Gedanken äusserten die Befragten?
2.1. Zu den Ursachen der Arbeitslosigkeit.
Auf dem Fragebogen waren die aus der nachstehenden Tabelle ersichtlichen 10 Ursachen angeboten. Diejenige(n) Ursache(n), welche als die wichtigste(n) erschien(en), konnten dreimal angekreuzt werden, die zweitwichtigste(n) zweimal, die drittwichtigste einmal.
Aus der Anzahl der Kreuze wurde eine zehnstufige Rangliste errechnet. Die Ursache, welche am öftesten angekreuzt wurde, erhielt Rangnummer 1, jene, welche am wenigsten Kreuze erhielt, steht auf Rangnummer 10.
MEINUNGSUMFRAGE BEI BESUCHERN DER SOMNTAGSMESSE VOM 10/11. JUNI 1978
| Rangliste: Rang 1 = meistgenannt Rang 10= wenigstgenannt | N= | Total 142 | Männer 62 | Frauen 70 | ALTERSGRUPPEN | | | | | | BERUFTSTÄTIG IM | | |
| — | — | — | — | — | — | — | — | — | — | — | — | — | — |
| | | | | | 16 14 | 21 29 | 31 41 | 41 22 | 51 21 | 65+ 11 | Öffentl. Dienst 33 | Privatsektor Angest. 28 | Unabhängig 11 |
| Doppelverdiener | | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 | 3.1 | 1 | 1 | 2.3 | 1.5 | 1.5 |
| Zu hoher Lebensstandard | | 2.0 | 2.9 | 1.1 | 1 | 1.6 | 2.1 | 1 | 5.4 | 1 | 1 | 3.7 | 1.8 |
| Profitorientierte Wirtschaft | | 3.7 | 2.2 | 5.1 | 6.3 | 1 | 2.1 | 5.1 | 6.8 | 5.9 | 2.1 | 1 | 5.1 |
| Automation | | 5.5 | 4.8 | 6.4 | 4.7 | 1.9 | 5.3 | 4.1 | 9.3 | 10 | 4.2 | 3.7 | 7.5 |
| Schwarzarbeit | | 6.6 | 6.4 | 7.3 | 9.5 | 4.8 | 8.7 | 8.2 | 4.6 | 3.5 | 8.3 | 5.6 | 1 |
| Versagen des Staates | | 8.4 | 8.2 | 8.8 | 8.4 | 8.5 | 9.1 | 8.5 | 7.8 | 5.9 | 8.9 | 7.8 | 7.5 |
| Erdölkrise | | 8.5 | 8.5 | 8.6 | 5.0 | 8.8 | 9.5 | 6.9 | 9.0 | 8.4 | 8.7 | 10 | 3.5 |
| Billige Importe | | 8.9 | 8.9 | 9.0 | 10 | 8.0 | 8.6 | 9.2 | 9.5 | 7.5 | 9.6 | 8.6 | 10 |
| Fremdarbeiter | | 8.9 | 9.1 | 8.7 | 7.4 | 9.1 | 8.9 | 9.2 | 8.5 | 8.4 | 9.1 | 8.6 | 1.8 |
| Verfall des Dollar | | 10 | 10 | 10 | 8.9 | 10 | 10 | 10 | 10 | 8.4 | 10 | 10 | 10 |
EINIGE BEMERKUNGEN ZU OBENSTEHENDER TABELLE.
Eindeutig an erster Stelle steht die Ursache ‚Doppelverdiener‘. In den Altersgruppen verweisen lediglich die 41-50-jährigen diese Ursache auf Platz 3.1.
Auch jene, die sich als Berufstätige zu erkennen gaben, reservieren den ersten Platz einer anderen Ursache.
An zweiter Stelle rangiert die Ursache ‚Zu hoher Lebensstandard‘, jedoch mit einem ‚Ausreisser‘: in der Altersgruppe der 51-65-jährigen steht sie zwar immer noch an zweiter Stelle, jedoch mit einem grossen Abstand zu den ‚Doppelverdienern‘.
Den dritten Platz belegt die Ursache ‚Profitorientierte Wirtschaft‘, allerdings mit einer grossen Streuung zwischen den Gruppen: von Rang 1 (zusammen mit den Doppelverdienern) in der Altersgruppe der 21-30-jährigen rutscht sie hinunter bis zum Platz 6.8 bei den 51-65-jährigen. Bei den Angestellten des Privatsektors steht diese Ursache ebenfalls auf Platz 1, bei den Unabhängigen des Privatsektors jedoch auf Platz 5.1.
„Und nun passen Sie mal auf, was passiert, wenn ich das Ding hier reinstecke“
Rang 5.5 nimmt die Ursache ‚Automation‘ ein, und zwar mit einer sehr breiten Streuung: auf Platz 1.9 bei den 21-30-jährigen, auf Platz 10 bei den 65-jährigen. Der Unterschied zwischen den Angestellten und den Unabhängigen des Privatsektors ist ebenfalls bemerkenswert.
Die gleiche grosse Streuung, Zeichen der Unstimmigkeit zwischen den Gruppen, ist zu beobachten bei der folgenden Ursache, der ‚Schwarzarbeit‘. Sie wird von den im öffentlichen Dienst Beschäftigten auf Rang 8.3 eingestuft, bei den Unabhängigen des Privatsektors jedoch nimmt sie Platz 1 ein.
Ziemlich einhellig ist dagegen die Einstufung der Ursache ‚Versagen des Staates‘ auf Platz 8.4. ‚Ausreisser‘ in der Beurteilung sind die Ältesten der Altersgruppen.
Auch der Erdölkrise wird nicht sehr viel Ursächlichkeit an der Arbeitslosigkeit beigemessen, es sei denn bei den jüngsten der Altersgruppen und bei den Unabhängigen des Privatsektors.
In der Beurteilung der ‚Fremdarbeiter‘ als Ursache von Arbeitslosigkeit stellen die Unabhängigen des Privatsektors nicht nur einen Ausreisser, sondern sogar einen Aussenseiter dar.
Die ‚Billigen Importe‘ sowie der ‚Verfall des Dollar‘ stellen nach der Meinung der Befragten kaum noch nennenswerte Ursachen der Arbeitslosigkeit dar.
2.2. Zu den Abgaben für einen Arbeitslosenfonds.
Derartige Abgaben wurden als ‚unberechtigt‘ empfunden von 17 Personen (=14.9% der Antworten). Von den 65-jährigen haben zwar nur 8 auf diese Frage geantwortet, jedoch 5 davon finden die Abgaben als unberechtigt.
Für 22 Personen (=19.3%) sind die Abgaben zu hoch.
Für 3 (=2.6%) zu niedrig.
Die Allermeisten, nämlich 72 (=63.2%) finden aber eine derartige Abgabe angemessen.
2.3. Zu den Massnahmen gegen die Arbeitslosigkeit.
Zur Beantwortung war ein Massnahmenkatalog angeboten, aus der jeder Teilnehmer an der Frageaktion jene Massnahmen auswählen konnte, die ihm als die beste, die zweitbeste oder die drittbeste erschienen, sowie auch jene, welche ihm als ungeeignet erschienen. Aus den angekreuzten Antworten wurde die nachstehende 10-stufige Rangliste errechnet:
MEINUNGSUMFRAGE BEI BESUCHERN DER SONNTAGSMESSE VOM 10/11. JUNI 1978
| Rangliste: Rang 1 = beste Massnahme Rang 10= schlechteste Massnahme | N= | ALTERSGRUPPEN | BERUFSTÄTIG IM |
| — | — | — | — |
| Total | Männer | Frauen | 21 | 31 | 41 | 51 | Öffentl. Privatsektor | Anjest. |
| 142 | 62 | 70 | 29 | 41 | 22 | 21 | 33 | 28 |
| Neue Industrien ansiedeln | 1 | 1 | 1.7 | 1.2 | 1.7 | 1 | 3.1 | 1.3 | 1 |
| Auf Doppelverdienst verzichten | 2.3 | 2.2 | 3.4 | 2.9 | 1.8 | 2.3 | 4.9 | 1 | 4.5 |
| Schwarzarbeit unterbinden | 4.3 | 3.5 | 4.8 | 3.3 | 3.9 | 4.8 | 6.6 | 4.0 | 3.9 |
| Wirtschaftsplanung und Profitspannen durch d.Staat kontroll. | 4.8 | 4.0 | 4.5 | 3.0 | 5.8 | 6.1 | 2.8 | 1.5 | 5.4 |
| Einschränkung des persönlichen Konsums | 4.8 | 4.8 | 4.6 | 3.1 | 3.5 | 5.8 | 6.7 | 2.2 | 4.4 |
| Automation bremsen | 4.5 | 5.7 | 3.9 | 5.7 | 3.8 | 5.3 | 5.6 | 4.6 | 4.8 |
| Billige Importe stoppen | 5.4 | 5.8 | 5.2 | 5.2 | 6.3 | 6.2 | 5.3 | 5.3 | 6.5 |
| Frühpensionierung | 5.9 | 4.8 | 6.8 | 6.0 | 4.6 | 5.7 | 6.0 | 5.5 | 4.4 |
| Arbeitszeit verkürzen | 6.4 | 4.6 | 6.8 | 6.2 | 3.3 | 5.0 | 5.9 | 3.5 | 5.1 |
| Zahl der Fremdarbeiter verringern | 9.2 | 8.7 | 9.2 | 8.5 | 6.5 | 9.4 | 9.0 | 8.2 | 8.5 |
| Die Discheichs unter Druck setzen | 9.3 | 8.8 | 9.5 | 9.8 | 9.4 | 6.7 | 5.6 | 6.7 | 10 |
| Steigerung des persönlichen Konsums | 10 | 10 | 8.5 | 10 | 10 | 8.0 | 6.6 | 10 | 6.7 |
Zu dieser Tabelle seien folgende Anmerkungen gemacht:
Die Altersgruppen der 16-20- sowie der 65-jährigen und noch Älteren haben so wenige Antworten zu diesen Massnahmen gegeben, dass eine Einordnung in die Rangliste ein falsches Bild ergäbe. Dasselbe ist zu sagen von den Unabhängigen im Privatsektor.
Zu den einzelnen vorgeschlagenen Massnahmen:
‚Neue Industrien ansiedeln‘ wird fast einhellig als die beste zu treffenden Massnahme angesehen.
An zweiter Stelle gefolgt von ‚Auf Doppelverdienst verzichten‘. Ist es verwunderlich, dass diese Massnahme von den Angestellten des Privatsektors auf Platz 4.5 verwiesen wird, von den im öffentlichen Dienst Beschäftigten dagegen an die erste Stelle rückt, noch vor die Massnahme ‚Neue Industrien ansiedeln‘? Auch die Frauen sind etwas zurückhaltender in der Beurteilung der Massnahme ‚Auf Doppelverdienst verzichten‘.
An vierter Stelle wird die Massnahme ‚Automation bremsen‘ genannt. Von den Frauen öfter als von den Männern. Von den 31-40-jährigen öfter als von den übrigen Altersgruppen.
‚Wirtschaftsplanung und Profitspannen durch den Staat kontrollieren‘ halten die 21-30-jährigen sowie die 51-65-jährigen und die im öffentlichen Dienst Beschäftigten für eine geeignetere Massnahme als der Rest der Befragten.
Die ‚Einschränkung des persönlichen Konsums‘ wird mit zunehmendem Alter immer mehr als ungeeignete Massnahme zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit wahrgenommen. Die im öffentlichen Dienst Beschäftigten sehen sie in viel stärkerem Masse als geeignet an, als die Angestellten des Privatsektors.
Aus der Tabelle nicht ersichtlich wird die sehr umstrittene Stellung der Massnahme ‚Billige Importe stoppen‘. Die Mittelstellung in der Tabelle nimmt diese Massnahme nur deshalb ein, weil sie sowohl sehr stark abgelehnt, wie auch sehr stark empfohlen wurde.
Interessant ist, dass die Männer der ‚Frühpensionierung‘ und auch der ‚Arbeitszeitverkürzung‘ eine grössere Chance einräumen, zur Arbeitslosigkeitsbekämpfung etwas beizutragen, als die Frauen.
Die ‚Zahl der Fremdarbeiter verringern‘ wird durchwegs als eine ungeeignete Massnahme zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit angesehen. ‚Ausreisser‘ in der Beurteilung dieser Massnahme stellen die 31-40-jährigen dar.
Auch die ‚Ölscheichs unter Druck setzen‘ wird als nicht geeignete Massnahme beurteilt, erstaunlicherweise jedoch klettert sie die Stufenleiter hinauf in den Altersgruppen. Desgleichen beurteilen die im öffentlichen Dienst Beschäftigten eine derartige Massnahme viel günstiger, bei den Angestellten des Privatsektors steht sie hingegen an letzter Stelle.
Im Gesamt steht zwar die Massnahme ‚Steigerung des persönlichen Konsums‘ an letzter Stelle. Dennoch sehen die Personen der Altersgruppe 51-65 und auch die Angestellten des Privatsektors, dass die Steigerung des Konsums eine Massnahme gegen die Arbeitslosigkeit darstellt.
Gesundschrumpfen:
ich gesunde – du schrumpfst
Zu einigen ‚Ungereimtheiten‘ in der Tabelle:
Dem aufmerksamen Leser dürfte nicht entgangen sein, dass in 3 Kolonnen der Rang 1 nicht aufscheint: in den Kolonnen ‚Frauen‘, ’31‘ und ’51‘.
In 3 Kolonnen erscheint Rang 10 nicht: ‚Frauen‘, ’41‘ und ’51‘.
Das ist der statistische Preis, der zu zahlen ist, wenn mehrere Zahlen auf eine Einzige reduziert werden. Zwar wird eine Tabelle dabei lesbarer, jedoch auch ungenauer. Diese Ungenauigkeit kann dadurch ausgeglichen werden, wenn man weiss, weshalb im vorliegenden Fall in den beanstandeten Kolonnen kein Rang 1 bezw kein Rang 10 aufscheint: die Beurteilung der entsprechenden Massnahmen ist in der betreffenden Gruppe umstritten. Beispiel: ‚Neue Industrien ansiedeln‘ nimmt nicht Rang 1, sondern Rang 1.7 ein bei den Frauen. Das heisst:
für eine Anzahl von Frauen ist diese Massnahme die geeignetste, jedoch für eine nicht zu vernachlässigende Anzahl ist sie nicht die am wenigsten geeignete. Oder, in andere Worten: in jenen Gruppen, wo diese Massnahme auf Rangnummer 1 erscheint, nimmt sie auf der Seite der geeigneten Massnahmen den ersten Platz, und auf der Seite der ungeeigneten Massnahmen zugleich den letzten Platz ein.
2.4. Drei persönliche Stellungnahmen
- Zur Person: Männlich, 31-40-jährig, Angestellter im Privatsektor, verheiratet.
Zusatz: zu den Ursachen: Weltweite Rezession als Hauptsursache.
Zweitursache: Doppelverdiener.
Drittursache: Automation
Abgaben: Angemessen.
Gute Massnahmen: Steigerung des Konsums: beste Massnahme
Neue Industrien ansiedeln: zweitbeste
Frühpensionierung: drittbeste.
Schlechte Massnahmen: Kontrolle durch den Staat: schlechteste Massnahme
Ölscheichs unter Druck: zweitschlechteste
Arbeitszeit verkürzen: drittschlechteste.
- Zur Person: Männlich, 16-20-jährig, nicht berufstätig.
Ursachen: Zu hoher Lebensstandard : Hauptursache
Automation: Zweitursache
Profitorientierte Wirtschaft: Drittursache
Abgaben: ohne Meinung
Gute Massnahmen: Arbeitszeit verkürzen: beste Massnahme
Auf Doppelverdienst verzichten: zweitbeste
Automation bremsen: drittbeste.
Schlechte Massnahmen: Steigerung des Konsums: schlechteste Massnahme
Neue Industrien: zweitschlechteste
Ölscheichs unter Druck: drittschlechteste.
Zusatz: ‚Entweder Lebensstandard senken, das heisst: Arbeitszeit verkürzen, Löhne senken, Bremsung der Automation und der Mechanisierung, oder Bevölkerungszahlen künstlich senken, so dass der Lebensstandard erhalten werden kann.‘
- Zur Person: Männlich, 31-40-jährig, Angestellter im Privatsektor, verheiratet.
Ursachen: Profitorientierte Wirtschaft: Hauptursache
Automation: Zweitursache
Zu hoher Lebensstandard: Drittursache
Abgaben: zu niedrig.
Gute Massnahmen: Zusatz: Umdenken, von persönlichem Profitdenken
abkommen: beste Massnahme
Arbeitszeit verkürzen: zweitbeste
Automation bremsen: drittbeste
Schlechte Massnahmen: Ölscheichs unter Druck setzen: schlechteste
Neue Industrien ansiedeln: zweitschlechteste
Steigerung des Konsums: drittschlechteste.
3. Einige Überlegungen zu den geäusserten Volksgedanken.
3.1. Wie bereits eingangs festgestellt: die Frageaktion ist keine Repräsentativumfrage. Von den ‚Volksgedanken‘ der 142 kann nicht auf die Volksgedanken eines ganzen Landes geschlossen werden. Trotzdem scheint es beachtlich, dass 142 von etwa 240 Messbesuchern über 16 Jahre bereit waren, eine Antwort zu geben. Könnte man das bewerten als eine neue Aufgeschlossenheit dafür, die Zeitung neben der Bibel aufzuschlagen und beide gleichzeitig zu lesen? Könnte man es bewerten als eine Tür, die offensteht zwischen ‚religiösem‘ und
"profanem" Bereich? Und zwar eine neue Tür. Nicht nur mehr jene, die jahrhundertelang aus der "Bitternis dieses Lebens" Zufluchtstor war zu den "Tröstungen der Religion". Sondern eben jene Tür, welche Glauben und Leben verbindet, welche den gesellschaftlichen Impakt christlichen Glaubens wahrnehmen lässt?
3.2. Wenngleich die Frageaktion bei den 142 kein Repräsentanz für sich beanspruchen kann, lässt sich nicht vermuten, dass jene Ursache, die von der Majorität (57.7%) genannt wurde, auch von der übrigen Bevölkerung recht häufig genannt würde? Die "Doppelverdiener"? Weshalb gerade die "Doppelverdiener"? Tragen sie wirklich so grosse Schuld an der Arbeitslosigkeit? Wer ist übrigens Doppelverdiener? Ist die Fremdarbeiterehefrau, welche Büros sauber macht, Doppelverdienerin? Und wenn schon, wem nimmt sie die Arbeit weg? Oder sind wir nicht alle dankbar, wenn in einer Zahnarztehe, wo Mann und Frau das Zahnarztdiplom an der Wand hängen haben, beide ihren Beruf ausüben?
3.3. Das führt zu einer dritten Überlegung: Sind "Volksgedanken" nicht doch zu wenig nüanciert? Dermassen wenig nüanciert, dass sich den Fachleuten die Haare sträuben ob des Unsinns von Fragebogenaktionen, welche unfachmännische Fragen stellen und so auch nur Antworten hervorlocken, die wirklich nicht richtungweisend sind. In diesem Sinne decken die Antworten der 142 etwas auf, was auch für andere Fachbereiche gewusst ist: bei "Volksgedanken" stellt man immer wieder fest, wie gering entwickelt der Sinn für Zusammenhänge ist. Dies zeigen unseres Erachtens auch die beiden Massnahmen, welche am Anfang und am Ende der Massnahmenrangliste erscheinen. Beste Massnahme ist dort die Ansiedlung neuer Industrien, während als schlechteste Massnahme die Steigerung des persönlichen Konsums gesehen wird. Dass neue Industrien doch wohl nur dann einen Sinn haben, wenn ihre Fabrikate auch gekauft und verbraucht werden, ist nicht ins Blickfeld der Majorität von 142 Antwortgebenden geraten.
3.4. Durch den Fragebogen selbst – der sich notwendigerweise beschränken musste – sind etliche Problemfelder verdeckt worden: der Zusammenhang zwischen neuen Industrien und der Umweltverschmutzung, dem Raubbau am Rohmaterial; der Zusammenhang zwischen hohem Lebensstandard und einer weltweiten Geburtenbeschränkung ist von einem 16-20-jährigen aufgewiesen worden; Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen Arbeitszeitverkürzung und
weniger Lohn, teurerer Produktion, niedrigerem Lebensstandard, mehr Freizeit. Und was anfangen mit der Freizeit? Dauerfernsehberieselung? Und was tun am fernsehfreien Tag?
3.5. Wurde das Problem der ‚Menschwerdung‘ des Menschen gesehen?
Wurde der Mensch nicht zu einseitig als Element des wirtschaftlichen Lebens geschaut? Wurde Arbeit nicht allzueingleisig als Mittel zum Geldverdienen angesehen? Ist Arbeit denn nicht ein Teil des Menschwerdens. Wo bleibt das Spiel und die Besinnung als Räume der harmonischen Entfaltung des Menschen?
Ist die um sich greifende Arbeitslosigkeit nicht auch so etwas wie ein Fingerzeig? Werden wir nicht mal wieder mit der Nase draufgestossen: der Mensch ist nicht erst dann ‚vollbeschäftigt‘, wenn er 40 Stunden schuftet. Es gibt auch andere Räume der ‚Vollbeschäftigung‘. Einstweilen steht die Arbeitslosigkeit vor nicht Wenigen als Drohung im euro-amerikanischen Raum. Sie drückt uns mit dem Rücken an die Wand. Und so haben wir Angst, dass uns die Luft ausgehen wird. Schauen wir uns doch mal die Wand an, an die wir gedrückt werden! Haben wir sie denn nicht selbst aufgebaut? Weil wir den Gott Mammon so sehr verehren. Wie wär’s denn, wenn wir den Dienst vor dem goldenen Kalb beendeten? Würde dann nicht die Mauer in unserm Rücken zusammenstürzen, und wir würden unendlich viel Freiheitsraum entdecken? Aufgabe für christliche Gemeinschaften von heute: eine Bresche in den Mammonsdienst schlagen. Wäre das nichts?
Jupp Wagner
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!