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Viele von uns sind von Kind auf daran gewöhnt, Jesus, Sohn Gottes zu nennen: ja, wir gebrauchen oft das Wort ‚Herrgott‘ für Gott, den Vater und für Jesus ohne Unterschied!
Wenn heute einigen Theologen vorgeworfen wird, sie würden Jesu Gottheit unterschlagen, kann man dann der traditionellen Katechese und Predigt den Vorwurf ersparen, sie habe das Menschsein Jesu nicht genügend ernst genommen? Die christliche Lehre aber bekennt Jesus als wahren Gott UND wahren Menschen.
Der Ort, an dem Gott sich unüberbietbar zu erkennen gibt, ist der Mensch Jesus. Für einen Christen gibt es keinen anderen Zugang zu Gott als jenen Menschen. Diesen Weg gingen auch die ersten Jünger Jesu. Wir wollen versuchen, ihn in Kürze nachzuvollziehen, so wie die neutestamentlichen Quellen uns das erlauben.
Jesus, wahrer Mensch
Hätte man die Zwölf gefragt, ob Jesus ein Mensch sei, so hätten sie diese Frage sicher nicht verstanden. Den sie kannten, war der Zimmermann aus Nazareth, der Sohn des Joseph und der Maria. Monatelang war sie mit ihm herumgewandert, hatten mit ihm gegessen und getrunken; sie hatten ihm zugehört, mit ihm diskutiert. Sie sahen ihn Fragen stellen, um sich zu informieren; sie sahen, wie er in Ungewißheit seinen Weg suchte, Entscheidungen traf, Angst hatten. Sie sahen ihn beten, nächtelang.
Wer ist dieser Mensch?
Die Art und Weise aber, wie Jesus sein Menschsein lebte, brachte sie zum Staunen, stellte ihnen Fragen.
Sie nannten ihn Rabbi (Lehrer), aber er lehrte anders als ihre Lehrer: er sprach aus eigener Autorität, ohne sich auf die Tradition zu berufen. Wenn die Propheten noch gesagt hatten: ‚So spricht der
Herr‘, hörten sie Jesus sagen: ‚Amen, ich sage euch …‘ Noch pointierter: ‚Ihr habt gehört, dass den Alten gesagt worden ist (=Gott) …, ich aber sage euch…‘ Diese außergewöhnlichen Formeln brachten zum Ausdruck, daß Jesus sich als den authentischen Interpreten des mosaischen Gesetzes, als den letztgültigen Ausleger des Willens Gottes wußte. So setzte er die Reinheitsgesetze außer Kraft und bestimmte, das Wohl des Menschen habe Vorrang vor dem Sabbatgebot.
Die Jünger waren Zeugen, wie Jesus die religiösen Schranken durchbrach, indem er sich mit Sündern und Ausgestoßenen abgab, sich gar mit ihnen an einen Tisch setzte. Daraufhin von den Gesetzeslehrern angesprochen, hörten sie ihn behaupten, das sei Gottes Wille, genauso handle Gott am Menschen. Überall war er zu finden, wo Menschen unterdrückt wurden und litter, und er ließ keinen Zweifel daran, daß er auf ihrer Seite stand.
Andererseits aber stellte dieser menschenfreundliche Prophet Forderungen, wie sie bisher kein Lehrer zu stellen wagte. Der Jünger sollte ihn, Jesus, seiner Familie vorziehen; er solle für ihn alles verlassen,
Zeichnung: Jais
ihm nachfolgen, wohin er auch gehe; ja er solle bereit sein, für ihn zu sterben. Der Glaube an ihn sei der einzige Weg zur Rettung.
Dabei ist an Jesu Wesen keine Spur von Fanatismus oder Überheblichkeit zu entdecken. Kann man sich einen ausgeglicheneren und bescheideneren Menschen vorstellen als Jesus? Nie hat er etwas für sich verlangt, zu seinem persönlichen Vorteil. Vertrauend wie ein Kind, betete er zu seinem Vater; er unterwarf sich dem Willen des Vaters bis in den Tod. Was ist das für ein Mensch?
Nicht so sehr die Tatsache, DASS Jesus Kranke heilte, brachte die Leute zum Staunen (denn Wunder gehörten zur damaligen Weltauffassung), sondern WIE er es tat.
Jesu staunenerregende Taten sind eher unscheinbar, wenn man sie mit den Wundern vergleicht, die das Alte Testament von den Gottesmännern erzählt. So wird verständlich, daß die Pharisäer von Jesus ein "Zeichen vom Himmel" verlangen, endlich etwas überwältigendes, Überzeugendes.
Jesus aber wirkt – im Gegensatz zu den alttestamentlichen Gottesmännern – seine Taten mühelos, ohne viel Getue, ohne vorheriges Beten um Gottes Beistand, aus eigener Kraft. "Ich sage dir, stehe auf!" Ein Wort genügt. So etwas war noch nie dagewesen.
Vollends auf die gleiche Stufe mit Gott stellte sich Jesus, wenn er bestimmten Menschen die Vergebung ihrer Sünden zusagt. Die Umstehenden protestieren: "Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?" (Mk.2,7) Jesus widerspricht ihnen nicht, bleibt aber bei seiner Aussage und erhärtet sie durch eine Heilung. Wer ist dieser?
Jesus ist der Messias, der Sohn Gottes – aber anders als wir denken.
Kaum hatten die Jünger sich zu dem Bekenntnis durchgerungen: Du bist der Messias, der Gottgesandte, auf den wir warten; da zerschlug Jesus ihre triumphalistischen Vorstellungen durch die Ankündigung seines baldigen Todes.
Tatsächlich brach ihre Welt zusammen, als Jesus verhaftet, abgeurteilt und hingerichtet wurde – von den eigenen religiösen Autoritäten, im Namen Gottes. Also stand Gott doch nicht auf der Seite Jesu!
So war Jesu derart reales Menschsein, der Ort, an dem Gott sich zeigt, zugleich auch das Hindernis, Gottes Gegenwart zu erkennen. Vielleicht können wir Gott in Jesus nur dann wahrhaft erkennen, wenn alle unsere selbstgewachsenen Gottesvorstellungen abgestorben sind.
Das erlebten die Jünger im Osterereignis. Der Gescheiterte ist der Sieger! Die vermeintlichen Sieger sind die Unterlegenen. So handelt Gott!
Sie erfuhren Jesus, den Gekreuzigten, als den Lebenden. Er gab sich ihnen zu sehen als der in Gottes Seinsweise Lebende, jenseits aller Grenzen von Raum und Zeit.
Nun verstanden sie nach und nach seine Worte, seine Taten, seine Lebensweise. Noch fehlten ihnen die Worte, um ihre neuen Erkenntnisse auszudrücken; deshalb übernahmen sie bekannte Begriffe: Jesus ist der Messias (Christus), der Sohn Gottes. Aber im Licht ihrer neuen Erfahrung wurden diese alttestamentlichen Namen gesprengt und erhielten einen neuen Inhalt. Aus präzise geeichten Gefässen wurden Fluchtpunkte, mit deren Hilfe wir das unerforschliche Geheimnis Gottes anpeilen können. (Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, daß Christen sich immer wieder dazu verleiten lassen, aus Fluchtpunkten genau geeichte Gefässe machen zu wollen. Ein hoffnungsloses Unterfangen!)
Wer ist ein Christ?
Es bleibt festzuhalten: Die ersten Jünger machten zuerst eine Erfahrung mit dem MenschenJesus; hier liegt der Grund ihres Glaubens. Dann erst münzten sie diese Erfahrung in religiöses Wissen um.
Uns ist es meist umgekehrt ergangen: Uns wurde religiöses Wissen eingebläut, von Kind auf, noch ehe wir fähig gewesen wären, die entsprechende Erfahrung zu machen – in der christlichen Gemeinschaft, die Jesu Werk weiterführt. Und so blieb für sehr viele das Wissen ohne tieferen Erfahrungsgrund, wenn nicht gar das Wissen die Erfahrung ersetzte.
Hier liegt m.E. eine der wirksamsten Ursachen des heutigen "Glaubensverfalls", nicht im Konzil oder was man sonst noch an traditionalistischen oder progressistischen Gründen anführen mag. Als im Gefolge der gesellschaftlichen Veränderungen, die der Industriegesellschaft inhärent sind, die gesellschaftlichen Gegebenheiten die religiösen Strukturen nicht mehr stützten, sondern annagten, entpuppte sich der imposante Bau des "christlichen Abendlandes" als Kartenhaus.
Es gibt nur einen Weg zurück, der eigentlich ein Weg vorwärts ist: In der heutigen Welt innerhalb einer lebendigen christlichen Gemeinschaft jene Erfahrungen machen, die die Apostelgeschichte uns von den ersten Christen erzählt (das nennt man Wirken des Hl. Geistes). Dann wird sich auch die Sprache herausbilden (in Kontinuität mit der echten Tradition), die diese Erfahrung für den heutigen Menschen verständlich zum Ausdruck bringen kann.
Wer ist ein Christ? Ein Christ ist ein Mensch, der die Taufe empfangen hat. Ist das wirklich so einfach?
Ein Christ ist ein Mensch, der an Jesus Christus glaubt. Das klingt schon besser; alles hängt nun da-
davon ab, wer Jesus Christus für diesen Menschen ist, und was für ihn glauben bedeutet. Das kann ich aber nicht aus einem Katechismus herauslesen, nur aus seinem Leben.
Zum Schluss möchte ich noch einen Satz von Karl Rahner zitieren: ‚Wer Jesus den lebendigen liebt … in einem absoluten Vertrauen, das in ihm selbst seinen absoluten Grund weiß, der hat Jesus schon als den angenommen, den der christliche Glaube aussagt, ob er die klassischen und gültigbleibenden Formeln der Christologie versteht oder nicht.‘
F. Koedinger in: Public, Nr.39/Juli 1980
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