Katholische Kirche — wohin?

Wider den Verrat am Konzil

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Wider den Verrat am Konzil

Katholische Kirche – wohin?

In unserer von den Medien geprägten Welt jagt ein Ereignis das andere. Im Vorfeld der aussergewöhnlichen Bischofssynode, die am 25. November bis zum 8. Dezember 1985 in Rom tagte, gab es in kirchlichen Kreisen etliche Aufregung: Fortschritt oder Restauration? war die Frage. Nun hat der Sturm sich gelegt, die Synode wurde Geschichte. Wir sind zur Tagesordnung übergegangen.

Die moderne Vergesslichkeit macht ein Buch wie dasjenige, das Norbert Greinacher und Hans Küng herausgegeben haben (1), um so notwendiger. Es dokumentiert, wie kritische Christen über das kirchliche Leben nach dem 2. Vatikanischen Konzil urteilen.

In der Einleitung stellt H. Küng sehr nüchtern die Aktiv- der Passivseite dieser Bischofssynode, die der Fortschreibung des 2. Vatikanischen Konzils dienen sollte (2) gegenüber. Sein Fazit lautet: Ein Unentschieden, das weiterdrängt: "Wer will, dass die Kirche bleibt, darf nicht wollen, dass sie bleibt, wie sie ist."

24 weitere Autoren steuern Artikel bei, die teils fundiert, teils oberflächlich – teils sachlich, teils polemisch die Punkte aufgreifen, die seit dem 2. Vaticanum das kirchliche Leben beherrschen: Friedenspolitik, das neue Kirchenrecht, Ökumene, die Stellung der Frau, Geburtenkontrolle, Jugend und Kirche, Befreiungstheologie u.a.. Die Haltung Roms den Theologen Schillebeeckx, Pohier und Boff gegenüber wird ebenso analysiert, wie die Reaktion des Vatikans auf die Vorgänge in der holländischen Kirche und auf die deutsche Synode. Manche dieser Beiträge waren früher schon veröffentlicht worden.

Mich haben besonders die beiden Artikel interessiert, die die Theologie Johannes Pauls II. und jene von Kardinal Ratzinger vorstellen: Sie erlauben, die Entscheidungen dieser beiden einflussreichsten Kirchenmänner zu verstehen und in etwa zu erahnen, was von ihnen in Zukunft erwartet resp. nicht erwartet werden kann.

Die innerkirchlichen Auseinandersetzungen lassen sich vor dem Hintergrund zwei verschiedener Auffassungen von Kirche verstehen. Die erste Sichtweise will die Kirche zentralistisch geleitet, eurozentrisch gestaltet und absolutistisch-monarchisch regiert. Diese Gestalt der Kirche ist relativ jung und in geschichtlichen Gegebenheiten gewachsen. Sie ist alles andere als einzig gültig

und dazu bestimmt ewig zu dauern. Sie ist das Leitbild der päpstlichen Kurie, des älteren Klerus und eines Teiles des Kirchenvolkes, der sich nie mit dem Geist des 2. Vaticanums auseinandergesetzt hat.

Die andere Sicht der Kirche, die der Mehrheit der Bischöfe auf dem 2. Vatikanischen Konzil, steht dem Neuen Testament näher. Hier wird die Kirche gesehen als Gemeinschaft im selben Glauben von Ortskirchen, die ihre je eigenen Organisationsstrukturen, Theologien und liturgischen Formen einbringen. Ihre Einheit baut sich auf durch die Kollegialität der Bischöfe, die im Konzil, unter Vorsitz des Papstes, ihren stärksten Ausdruck findet. In der augenblicklichen, pluralen Gestalt der Welt hat nur diese Kirchenform eine Chance, zu überleben.

Das Tragische an diesen innerkirchlichen Querelen ist die Tatsache, dass sie die Energien binden, die eigentlich dort eingesetzt werden müssten, wo es um das Wohl der Menschen geht. "Denn die Menschen sind nicht für die Kirche da, sondern die Kirche für die Menschen." "Globale Probleme wie der Ost-West und der Nord-Süd-Konflikt, die Marginalisierung von Millionen von Menschen, deren Zahl nach wie vor explosionsartig wächst, die ökologische Krise, das Aufkommen neuer Befreiungs- und Friedensbewegungen, neue ethische Fragen im Zusammenhang mit der Gen-Manipulation, das Anwachsen neuer Sekten und Religionen, die Revolution auf dem Kommunikationssektor …: all diese Entwicklungen werden das Leben der Menschen im dritten Jahrtausend mehr bestimmen als kirchliche Vorschriften und Glaubenssätze."

in: Publik-Forum

H. Küng ruft nach einem 3. Vatikanischen Konzil. Es ist fraglich, ob eine Bischofsversammlung Lösungen bringt, wenn sie nicht von einer breiten Basis im Kirchenvolk getragen wird. Hier liegt die dringlichere Aufgabe.

F.K.

(1) N. Greinacher und H. Küng (Hrsg.): Katholische Kirche – wohin? Wider den Verrat am Konzil. Piper München 1986. 467 Seiten.
(2) Schlussdokument der ausserordentlichen Bischofssynode 85 und Botschaft an die Christen in der Welt. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstr. 163, 5300 Bonn I.

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