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Am ersten 1. Januar 1982 veröffentlichte der Bischof von Luxemburg ein "Wort zum Sonntagsgottesdienst in einer Zeit akuten Priestermangels", vorgelesen in allen Kirchen der Diözese, nachzulesen im "Luxemburger Wort" vom 16. und 23. Januar 1982. Jupp Wagner veröffentlichte auf dem wöchentlichen "Pfarrkalender" der Pfarrei Niederanven dazu einen Kommentar in Fortsetzungen. Wir geben ihn hier, etwas überarbeitet, wieder.

WAS ICH GUT DARAN FINDE.

  1. Dass der Bischof vom Luxemburg das Problem vor seine Kirche, die Gemeinschaft aller Christgläubigen Luxemburgs bringt. In der Tat, es ist eine Lebensfrage, die nicht nur den Klerus, sondern alle Christen unserer Diözese betroffen machen muss.

  2. Dass der Bischof klar zum Ausdruck bringt, wie sehr eine Kirche steht und fällt mit dem Besuch der Sonntagsmesse. Ich lese hier zum erstenmal, dass ein Bischof den "messbaren Zusammenhang zwischen der abnehmenden Sonntagspraxis und dem Schwund des christlichen Glaubens und Lebens" erwähnt, auf den die Religionssoziologen seit langem hinweisen.

  3. Dass der Bischof die dreimalige Feier der Eucharistie für das Höchstmass hält, das einem Priester am Sonntag zugemutet werden kann.

  4. Dass der Bischof den Trend der Zentralisierung, durch welche kleine Gemeinschaften aufgelöst würden, kritisch betrachtet, weil der Schaden ohne Zweifel grösser ist als der Nutzen.

  5. Dass der Bischof feststellt, die gegenwärtige Priesterkrise sei nicht an erster Stelle (hervorgehoben durch mich) eine Zölibatskrise.

  6. Dass der Bischof auf aktivere Christengemeinden setzt, soll man überhaupt aus der Krise heraus.

  7. Dass der Bischof eine Sprache schreibt, die allgemein verständlich ist, und darum eigentlich zum Dialog mit seiner Diözese herausfordert.

WAS ICH NICHT SO GUT FINDE.

  1. GRUNDSÄTZLICHES.

95 von 274 Pfarreien unserer Diözese haben keinen eigenen Pfarrer mehr. In 4 von den 95 hat ein Priester seinen Wohnsitz und er leitet auch dort den Sonntagsgottesdienst. Annähernd 50% der noch lebenden Priester sind über 65 Jahre alt. Nachwuchs ist ungenügend. Es wäre zu untersuchen, warum der Nachwuchs ausbleibt.

1.1. Die Schrumpfung der Gemeinden.

Der erste und meiner Meinung nach hauptsächliche Grund scheint der zu sein, dass das Reservoir für Priesterberufe im klassischen Sinn geschrumpft ist: die christliche Gemeinde. Wenn die Zahl der Glaubenden schrumpft, geht naturgemäss die Zahl der Priesterberufe zurück. Die Schrumpfung der Zahl der Christgläubigen ist ein Prozess, der sich seit einigen Jahrzehnten vollzieht und noch lange nicht am Ende angelangt ist. Es ist bei uns kaum anders als in unsern Nachbarländern. In den letzten 5 Jahren ist die Zahl der Sonntagsmessteilnehmer um 3-5% zurückgegangen. Dieser rapide Rückgang ist leicht zu erklären. Seit dem Zählsonntag, dem 13. März 1977 sind von den Menschen, die damals über 60 waren, rund 8300 gestorben. Etwas mehr als ein Drittel davon waren am 13. März 1977 in der Kirche. Die inzwischen leergewordenen Plätze werden von den jüngeren Generationen nicht mehr eingenommen. Landein, landaus kann man die Klagen der Pfarrer hören, dass der Auszug aus den Kirchen mit dem Erstkommuniontag beginnt. Die Gemeindeschrumpfung ist kein akuter, sondern ein chronischer Prozess. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir es zur Zeit mit einem akuten, sondern mit einem chronischen Priestermangel zu tun haben.

1.2. Der Wandel des Priesterbildes.

Der zweite Grund erscheint mir eher als eine Kette von Ursachen, die man am besten mit Wandel des Priesterbildes umschreiben könnte. Es ist klar, dass sich in einer verändernden Gesellschaft ein ‚Stand‘ nicht unbehelligt auf dem gleichen Niveau halten kann. Wenn früher ein junger Mann ins Priesterseminar eintrat, so konnte er erwarten, dich im sozialen Ranggefüge um eine oder mehrere Stufen

zu erheben. Heute ist es schon fast das Umgekehrte. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die meisten Priester aus unsern Dörfern kamen, wohin sie dann nach ihren Kaplansjahren auch zumeist wieder zurückkehrten. Sie waren bewandert in Ackerbau und Viehzucht, führten vielfach die Raiffeisenkasse oder waren Rendanten der ‚Fortuna‘. Sie wurden in vielen Fragen um Rat angegangen. Kurzum, sie lebten mit ihren Dorfgemeinschaften. Sie kannten alle Dorfbewohner, und alle kannten sie. In den Städten war es bereits anders. Dem Pfarrer war es dort nicht mehr möglich, all seine ‚Pfarrkinder‘ zu kennen. Auch war er in den Städten nur mehr für den ‚Religionsbetrieb‘ zuständig, und der interessierte immer weniger Leute. Heute ist der Pfarrer in einer technisierten und spezialisierten Welt ein Mensch, der von immer mehr Dingen immer weniger versteht. Und die Theologie, in der er eigentlich bewandert sein müsste, lockt kaum noch jemand hinter dem Ofen hervor.

Und es ist noch etwas geschehen: für die grosse Mehrheit der Luxemburger ist der Pfarrer zum Druiden geworden, zum ‚Panoranix‘, der viermal im Leben interessiert: zur Geburt, zur Pubertät, zur Heirat und beim Tod. Er ist zu dem geworden, als was er im Code Napoléon aufscheint: ‚Ministre du culte catholique‘, der sein Gehalt von der Gesamtheit der Steuerzahler bezieht, ganz gleich, ob der Steuerzahler Mohammedaner oder Christ, Agnostiker oder Atheist, praktizierender oder nichtpraktizierender Katholik ist. Die Konsequenzen sind verheerend: noch fast alle Steuerzahler reklamieren den Pfarrer zu den genannten Lebensetappen. Die meisten Pfarrer, aus Angst vor weiterem Kundenverlust, sind auch bereit, undifferenziert ‚Sakramente zu spenden‘. Das geht natürlich auf Kosten der wirklichen Sakramente. Bei 3 von 4 Taufen, ‚Erstkommunionen‘, Firmungen, kirchlichen Trauungen und kirchlichen Begräbnissen wird die Theologie ein Stück weiter ins Abseits gespielt. Und die Priester, die es sicher alle gut meinen, machen sich eigentlich lächerlich. Eventuelle Kandidaten für das Priesteramt wissen zum Teil, was nach ihrer Primiz auf sie wartet, … und verzichten.

1.3. Die theologische Festschreibung des gesellschaftlich gewachsenen Priestertyps.

Die ‚Hierarchie‘ hält fest an einem Priesterbild, das gesellschaftlich irrelevant (siehe Grund 2) und theologisch fragwürdig geworden ist. Die charakteristischen Eigenschaften dieses ‚hierarchischen‘ Priestertyps könnte man bezeichnen als: 1. sazerdotal, 2. lebenslänglich, 3. zölibatär, 4. katapultiert.

Im Einzelnen:

  1. Sazerdotal ist ein Eigenschaftswort, das vom lateinischen ’sacerdos‘ gebildet ist. Zum Begriff des ’sacerdos‘ gehört seine Vermittlerrolle zwischen der Gottheit und den Menschen. Der ’sacerdos‘ ist allein befugt, in den heiligen, göttlichen Raum einzutreten, um der Gottheit die Gaben des Volkes darzubringen und dem Volk die Antworten der Gottheit mitzuteilen.

Nun ist es aber in der Zwischenzeit publik geworden, dass auf dem Niveau des Neuen Testamentes nicht ein einziger der vielfältigen kirchlichen Dienste mit ’sacerdos‘ bezeichnet wird. Das Wort ’sacerdos‘ (im Griechischen: hiereus) ist dennoch dem Neuen Testament nicht unbekannt. Es wird gebraucht zur Bezeichnung der jüdischen und der heidnischen ‚Priester‘. Es wird gebraucht als Charakterisierung des Christus, der im Hebräerbrief ‚der einzige Mittler‘ genannt wird. Und es wird gebraucht zur Charakterisierung des Dienst-

tes, den die gesamte christliche Gemeinschaft an der Welt zu leisten hat. Wenn also dem Neuen Testament der Begriff des ’sacerdos‘ wohlbekannt ist, es ihn trotzdem nicht auf einen Dienst in der Gemeinschaft anwendet, dann sieht es ganz danach aus, als ob der Begriff vermieden werde, und das heisst: auf dem Niveau des Neuen Testamentes gab es keinen sazerdotalen Dienst für ein einzelnes Mitglied der christlichen Gemeinden.

Es wird auch heute immer schwieriger, einzusehen, wieso ein Einzelner, in einer auf immer mehr Brüderlichkeit angewiesenen Kirche, sich das Recht anmassen darf, vor seiner Gemeinde als Vermittler zwischen Gott und den Menschen aufzutreten. So wieso wird ja tatsächlich eine derartige Mittlerrolle nicht mehr nur vom ‚Priester‘ ausgeübt. Die Rolle des einzigen Mittlers Jesus Christus wird auch dargestellt vom Lektor, der vor der versammelten Gemeinde das ‚Wort Gottes‘ vorliest. Sie wird dargestellt vom Prediger, welcher der versammelten Gemeinde das ‚Wort Gottes‘ konkret in ihre Situation hinein interpretiert. Sie wird dargestellt durch den Katecheten, der in die Gedankenwelt des Jesus Christus einführen will. Man könnte noch weiter gehen und sagen, dass auch der Arzt, der Sozialhelfer, der Lehrer, und noch viele andere, jeder in seiner Kompetenz, einen Teil der Mittlerrolle des Jesus darstellen. Überall, wo Menschen daran arbeiten, die Welt heiler zu machen, stellen sie den Jesus Christus dar. Überall, wo die Welt heiler wird, kommt der lebendige Gott zum Vorschein, der uns in Jesus, dem Christus, sein endgültiges, heilmachendes Wort gesagt hat.

So wird es dann auch immer klarer, was der ‚Priester‘ dienst in einer Kirche, die zu ihrer Umwelt nicht mehr dephasiiert erscheinen möchte, eigentlich sein müsste: jener Dienst, der in seiner konkreten Gemeinde die einzelnen Dienste daran hindert, die Gemeinde zu zersplittern. In andern Worten: sein Dienst wäre der Dienst an der Einheit seiner konkreten Gemeinde, und der Dienst der Einheit mit den andern christlichen Gemeinden. Es ist sicher angemessen, denjenigen, der den Dienst der Einheit zu verantworten hat, auch dem Sakrament der Einheit, der Eucharistie, vorstehen zu lassen.

  1. Lebenslänglich. Ich habe diesen Ausdruck bewusst provokativ gewählt. Gemeint ist die Professionalisierung des ‚Priester‘ dienstes: der ‚Priester‘ gehört einem Berufsstand an, und verdient seinen Lebensunterhalt mit dem ‚Priester‘-amt. Abgesehen davon, dass der ‚Priester‘, genau wie jeder andere Christ, zum Zeugen für Jesus, den Christus, berufen ist, und dass Zeugesein mit Geldverdienen doch wohl verdächtig ist, also davon einmal abgesehen, wird es dem Berufspriester‘

fast unmöglich, seinen Beruf zu wechseln, ohne den Lebensunterhalt zu riskieren. Denn erstens hat er nichts anderes gelernt, und zweitens diskriminiert er sich selbst. Denn er wird von Rom in den ‚Laienstand‘ zurückversetzt, und damit sogar – wenigstens dem Wortlaut der ihm von Rom gewährten Dispens nach – zum ‚Laien‘ zweiter Klasse, da ihm kirchliche Dienste, die heute jedem ‚Laien‘ offenstehen, unzugänglich sind. In anderen Worten: er wird von der Hierarchie bestraft für seinen Berufswechsel. Und das in einer Zeit, wo ein Berufswechsel für andere Leute gar nichts unehrenhaftes, sondern oft etwas lebensnotwendige ist.

Das Ganze ist stark ideologieverdächtig. Denn die Verweigerung eines Berufswechsels für die Priester gründet auf ein ‚unauslöschliches Merkmal‘, das auf dem Niveau des Neuen Testamentes nicht zu finden ist. Oder sie gründet auf den Titel ’sacerdos auf ewig‘, der allerdings im Hebräerbrief einzig und allein dem Jesus Christus reserviert ist.

Das kirchliche ‚Priester’amt müsste nicht notwendigerweise ein Beruf sein, denn es war ja nicht immer so. Es ist denkbar, dass einer seinen Lebensunterhalt mit einem andern Beruf verdient, den ‚Priester’dienst in seiner kirchlichen Gemeinde neben- und/oder ehrenamtlich versieht. (Übrigens gibt es in unserer Diözese etliche Dutzend ‚Priester‘, die von Beruf Professoren, Religionslehrer oder Direktoren sind. Warum können sie nicht neben- oder/und ehrenamtlich kleine Pfarreien leiten, die keinen eigenen Pfarrer mehr haben?)

Es ist gleichfalls denkbar, dass jemand eine Pfarrei leitet ‚auf Zeit‘, um nach abgelaufener Frist, ohne aus seiner Gemeinde wegzugehen, die Leitung an einen andern abzugeben.

  1. Zölibatär. Allmählich ist bekannt, dass es den priesterlichen Pflichtzölibat nicht von Anfang an gab, und dass es ihn übrigens auch in der katholischen Kirche heute nicht überall gibt. Allmählich wird bekannt, welche geschlechtsfeindliche Wurzeln der Priesterzölibat im lateinischen Teil der römischen Kirche hat. Denn, als es damit anfing, waren die meisten Priester verheiratet, sie mussten sich nur vor der Eucharistie des ehelichen Verkehrs enthalten. Es ging also deutlich um kultische Reinheit, so als ob man sich durch den ehelichen Verkehr beschmutzen würde. Aus demselben Grunde wurde übrigens auch den ‚Laien‘ nahegelegt, sich vor dem Empfang der Kommunion des ehelichen Umgangs zu enthalten. Alle diese Tatsachen werden in der Zwischenzeit von immer mehr Menschen gewusst. Und die Argumente, welche der Papst für die Beibehaltung des Pflichtzölibats anführt, überzeugen immer weniger, besonders in einer Zeit des Priestermangels, auch wenn der Priesterzölibat nicht allein, nicht einmal die grösste Schuld am gegenwärtigen Nachwuchsmangel trägt.

Das Argument von der grösseren Verfügbarkeit des zölibatären Priesters überzeugt nicht, da es andere Berufe gibt, die eine wenigstens genau so grosse Verfügbarkeit verlangen: Ärzte, Krankenpfleger, Sozialhelfer, Schichtarbeiter…

Das Argument vom Jünger, der seinem Meister in der Ehelosigkeit nachfolgt, ist in seiner Kurzschlüssigkeit besonders schwer zu durchschauen. Nichts gegen einen Menschen, der diese spezielle Nachfolge Jesu wagt. Doch auch verheiratete Christen sind Jünger des Jesus. Qualitativ ist die Nachfolge der Verheirateten nicht geringer als die der Unverheirateten. Wenn nun Mangel an Nachwuchs zölibatärswilliger Kandidaten herrscht, an-

"Wunderbar! Was ist das?"

dere aber zur Übernahme des Priesterdienstes in einer kirchlichen Gemeinschaft bereit sind, dann ist die Einschränkung auf zölibatswillige Kandidaten schwer zu verantworten.

Das Argument vom hohen Wert der Ehelosigkeit um des Evangeliums willen stösst nicht nur bei den Leuten, die kaum noch Kontakt mit der Kirche halten, auf Unverständnis. Die priesterliche Ehelosigkeit soll Zeichen sein für das Reich Gottes. Ein zweideutiges Zeichen ist aber kein Zeichen. Viele Leute sagen: "Wenn die Pfarrer verheiratet wären, dann wüssten sie aus eigener Erfahrung, was Ehe- und Familienleben ist. Dann redeten sie nicht mehr so, wie sie jetzt reden." Das sagen auch Christen, die regelmässig mit ihrer Kirche Kontakt halten.

Es gibt niemand, der der Meinung ist, nun müssten alle Pfarrer heiraten, sondern es geht um die Freistellung des Zölibats. Es handelt sich beim Zölibatsgesetz ja um ein rein menschliches Gesetz, das abgeändert werden könnte. Wenn behauptet wird, die Kirche halte fest am Zölibat der Priester, dann stimmt das einfach nicht, denn es ist weltweit nicht bloss eine kleine Minorität, sondern erwiesenermassen die Majorität der Katholiken, die eine Abänderung des Gesetzes erwarten, und das auch dürfen. In anderen Worten: die Kirche hält gar nicht fest am Zölibatsgesetz für ihre Priester, es sei denn, man verenge den Begriff ‚Kirche‘ – trotz der ersten Kapitel von ‚Lumen Gentium‘ – wiederum nur auf den Papst und die Bischöfe. Wobei es sich auch schon herumgesprochen hat, dass noch lange nicht alle Bischöfe mit dem Festhalten am Zölibatsgesetz einverstanden sind.

Die ‚Laien‘ sollen mündig werden in der Kirche. Die Frage nach der Koppelung von Priesteramt und Zölibat in der lateinischen Kirche ist keine dogmatische Frage. Sie würde sich dazu eignen, Demokratie in der Kirche zu proben. Warum kein katholisches, das heisst: weltweites, Referendum unter den Kirchgängern veranstalten, freilich nach vorhergehender Darlegung der Argumente für und wider die obligatorische Verbindung von Priesteramt und Zölibat? So was könnte der Orientierung der gesamten Kirche dienen.

  1. Katapultiert. Damit ist gemeint, dass heutzutage und hierzulande die kirchliche Gemeinde gar kein Mitspracherecht besitzt bei der Besetzung eines vakanten Pfarrerpostens. Seit Generationen sind wir gewohnt, dass das Domkapitel dem Bischof Kandidaten vorschlägt, dass der Bischof daraufhin die Ernennungen vornimmt, und dass die Gemeinden durch die Zeitung erfahren, welchen Pfarrer der Bischof ihnen beschert. Natürlich handeln Bischof und Domkapitel nach bestem Wissen und Gewissen.

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Fraglich ist allerdings, ob dieser traditionelle Ernennungsmodus noch verantwortet werden kann. Sind Bischof und Domkapitel nicht überfordert bei ihren alljährlichen Ernennungsbemühungen? Kennen sie die Bedürfnissen der einzelnen Gemeinden? Kennen sie die Fähigkeiten der zu ernennenden Pfarrer? Welche Kriterien wenden sie an, um den rechten Mann auf den richtigen Platz zu bringen?

Ist das Katapultieren die einzig mögliche Art, einer Gemeinde ihren Gemeindeleiter zu geben? Ganz bestimmt nicht, denn es war ja auch schon mal anders. In den frühen christlichen Gemeinden wurde der Gemeindeleiter von den Gemeindemitgliedern gewählt. Sogar der Papst, als Bischof von Rom, wurde bis ins dritte Jahrhundert von den römischen Christen gewählt. Und dann, als gewählter Bischof von Rom, von den Nachbarbischöfen ordiniert (geweiht).

Wenn das möglich ist, ist es dann auch nötig? Es gibt wohl heute nur mehr sehr wenig Bischöfe, die sich nicht sehr viele mündige Diözesanen wünschen. Solche Diözesanen wird es aber nicht geben, solange den ‚Laien‘ nicht jene demokratischen Rechte in der Kirche zugestanden werden, die sie im zivilen Bereich längst besitzen. Und da immer weniger ‚Laien‘ sich bevormunden lassen wollen, wandern sie aus. Eine Kirche von Mündigen lässt sich nicht aufbauen durch Gebote, Verbote, Dekrete, Belehrungen und Ermahnungen. Das Gros der Getauften nimmt sie nicht einmal mehr zur Kenntnis. Es praktiziert etwas ganz anderes als das, was ihnen ‚von oben‘ angepriesen und empfohlen wird. So geschieht es ja in Sachen Sonntagsmesse, Geburtenregelung, Ehescheidung (bei 17,3% der im Jahr 1980 geschlossenen Ehen war wenigstens ein Partner geschieden), in Sachen soziale Gerechtigkeit, Mitverantwortung für die dritte Welt, Abrüstung… Lauter Sachen, zu denen Päpste und Bischofskonferenzen Stellung genommen haben. Die Mitbeteiligung der Gemeinden an der Wahl ihrer Pfarrer wäre sicher eine weitere Möglichkeit Demokratie in der Kirche zu proben, und den ‚Laien‘ eine Chance zu geben, ein Stück Mündigkeit zu erwerben.

2. EINZELHEITEN.

2.1. Ich finde es nicht so gut, wenn der Bischof kategorisch erklärt: ‚Die Sonntagspflicht ist darum auch keine Schikane.‘

Das ist vom Standpunkt des Glaubens absolut richtig. Tatsächlich wird aber die Sonntags ‚pflicht‘ von 70% der Luxemburger Getauften als Schikane empfunden, sonst würden sie doch wohl sonntags zur Kirche gehen. Die 70% sind allerdings nur ein Durchschnitt. In Wirklichkeit liegen die Prozentsätze für die Stadt Luxemburg und die meisten grösseren Minetteortschaften bei über 80%, und dort für die Altersgruppen der 25-29jährigen sogar über 90%.

2.2. Ich finde es nicht so gut, wenn vertröstend

gesagt wird: ‚Eine solche Notlage ist übrigens nicht neu für unsere Gegend. Das Kaundorfer Pfarrregister berichtet aus der Zeit, da Luxemburg zur französischen Republik gehörte und der Pfarrer den Treueid auf die Republik verweigert hatte, wie die Kaundorfer am Sonntag einen Gottesdienst hielten in Abwesenheit ihres versteckten Pfarrers. Sie taten eben, was unter solchen Umständen zu tun möglich war.‘

Jene Notlage scheint mir aus wenigstens 3 Gründen mit der heutigen nicht vergleichbar.

Es gab damals einen Kaundorfer Pfarrer. Er hielt sich zwar versteckt, war jedoch durch einige Mitglieder der Pfarrei mit seinen Kaundorfern in Kontakt.

Kaundorf war damals eine reine Agrargemeinde, mit einheitlicher soziologischer Struktur, wie sie heute in keinem einzigen Dorf, und schon gar nicht in den Städten anzutreffen ist.

Die Theologie hat inzwischen etliche Fortschritte gemacht. Zu den Neu-erkenntnissen der Theologie gehören auch solche, die das Priesteramt betreffen.

ZUSAMMENFASSUNG.

Der Mangel an Priesternachwuchs hat eine Reihe Ursachen. Kompliziert wird die Sache, weil die verschiedenen Ursachen nicht voneinander unabhängig, sondern miteinander vernetzt sind.

Die immer (noch) weiter fortschreitende Schrumpfung der Gemeinden bringt mich zur Überzeugung, dass wir es mit einem chronischen Nachwuchsmangel zu tun haben.

Der Priesterberuf (im klassischen Sinn) ist nicht mehr attraktiv. Das bestärkt mich in der Überzeugung dass der Nachwuchsmangel irreversibel ist, es sei denn…

… das Kirchenvolk besinnt sich. Und zwar das ganze Kirchenvolk, Papst, Bischöfe und ‚Laien‘. Diese müssen an den Entscheidungsvorgängen der Kirchen aktiv und verantwortlich beteiligt werden. Sie dürfen nicht nur beratende Mitglieder bleiben für zweitrangige Entscheidungen. Der Papst und die Bischöfe müssen den ‚Laien‘ vollwertige Partnerschaft zugestehen.

Es ist sicher ein Hoffnungsschimmer, wenn sich aufgrund des bischöflichen Schreibens mehrere hundert ‚Laien‘ gemeldet haben, um in einer Kurzausbildung sich die notwendigen Voraussetzungen anzueignen, einen ‚priesterlosen‘ Gottesdienst zu leiten. Die Hoffnung besteht darin, dass solche ‚Gottesdienstleiter‘ bald die ganze Pfarrei leiten. Und dann wird es eines schönen – hoffentlich nicht zu fernen – Tages geschehen, dass ganz von selbst die Frage sich aufdrängt, warum diese tatsächlichen Gemeindeleiter nicht zu regelrechten Gemeindeleitern ordiniert (geweiht) werden.

Jupp Wagner.

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