Faktuell 3 – Erstens kommt es anders…

Die letzten Wochen haben uns gleich zwei Langzeitstudien mit dem Zeithorizont 2060 beschert. Zunächst meldete sich der Conseil national des finances publiques (CNFP) zu Wort, um die Regierung zu Einsparungen und Reformen des Rentensystems zu ermahnen, da ansonsten Luxemburg 2060 zum höchstverschuldeten Land der EU würde.1 Kurz danach stellte das STATEC ein neues demographisches und ökonometrisches Modell vor mit einer Projektion für dieselbe Zeitspanne. Bis 2030 schreibt es die augenblickliche Entwicklung fort und für die Zeit danach spielt es vier verschiedene Szenarien durch. Das „optimistischste“ Szenario mit einem BIP-Wachstum von 4,5% ergibt 1,162 Millionen Einwohner und eine Erwerbsbevölkerung (emploi intérieur total) von 870 000, mit 422 000 Grenzpendlern.2 Selbst bei Nullwachstum ab 2030 würde die Wohnbevölkerung auf 996000 anwachsen.

Die neuen Projektionen des STATEC stellen einen großen Fortschritt dar gegenüber den, auch vom CNPF benutzten, rein demografischen Studien von EUROSTAT, da sie Migration und Grenzpendler-Phänomene berücksichtigen, ohne die eine kleine, offene Gesellschaft und Wirtschaft, wie die luxemburgische, nicht modelliert werden kann.

Natürlich braucht es Zukunftsplanung und es tut gut, zu erfahren, dass unsere Renten mittelfristig  sicher sind und dass unsere Staatsschuld erst im Jahre 2043 die vom europäischen Stabilitätspakt vorgeschriebenen 60% Prozent des am Brutto-inlandsprodukts gemessenen Staatsschuldanteils überschreiten würde. Wohlgemerkt: dieser liegt heute in Luxemburg bei 23,4%, bei einem EU-Durchschnitt von 83,4%. Selbst Deutschland, als am wenigsten verschuldeter unserer direkten Nachbarn, hat heute eine Staatsschuld von 66%.3

Beide Studien haben dieselbe Krux. Sie schreiben nur die rezente Entwicklung fort. Dabei ist das einzig verlässliche, was über die Zukunft gesagt werden kann, dass sie anders sein wird. Vor 43 Jahren schrieben wir das Jahr 1974. Die einzige Gemeinsamkeit: Auch damals gab es eine Regierung ohne CSV-Beteiligung. Wegen der Stahlkrise schien die Zukunft des Landes angesichts der monolithischen Wirtschaftsstruktur bedroht. Die Société luxembourgeoise d’énergie nucléaire wurde gegründet, um ein KKW in Remerschen zu betreiben. Die Antibaby-pille war seit knapp einem Dutzend Jahren auf dem Markt und die Geburtenrate ging zurück. Der Begriff des demografischen Selbstmordes machte die Runde. Beim Pariser INED-Institut wurde eine Bevölkerungsprognose mit dem Zielhorizont 2008 in Auftrag gegeben, die zum beruhigenden Ergebnis kam, dass der Bevölkerungsschwund sich mit einem Minus von 2400 Einwohner in Grenzen halten würde. In Wirklichkeit nahm die Einwohnerzahl um 126400 zu.4

Die Abbildung auf Seite 8 zeigt verschiedene Projektionen zur Einwohnerzahl aus der Vergangenheit und vergleicht diese mit der realen Entwicklung.5 Dass diese immer unterschätzt wurde, muss aber nicht heißen, dass das auch in Zukunft so sein soll. Denn erstens kommt es anders …
ff

1.CNFP, Evaluation de la soutenabilité à long terme des finances publiques, http://www.cnfp.lu/fr/actualites/2017/soutenabilite_2017.html
http://www.statistiques.public.lu/fr/actualites/economie-finances/conjoncture/2017/11/20171110/index.html
2.https://de.statista.com/statistik/daten/studie/163692/umfrage/staatsverschuldung-in-der-eu-in-prozent-des-bruttoinlandsprodukts/
forum-Dossier „Le mythe du suicide démographique“.
3.https://www.forum.lu/issue/le-mythe-du-suicide-demographique/
4.Majérus, Paul (2015): „Étude comparative des analyses ex post des projections démographiques luxembourgeoises, belges, françaises, britanniques et néerlandaises du vingtième siècle“. In: Economie et Statistiques (82).

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