Dürfen Bischhöfe Fehler machen?

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Aus gegebenem Anlaß war diese Frage bereits im Oktober 1991 gestellt und ebenfalls ein Antwortversuch gewagt worden. Da nun Johannes Paul II. mit seinem Schreiben «Sacerdotalis ordinatio» einen neuen Anlaß für diese Frage gegeben hat, sei der damalige Antwortversuch den Lesern von «forum» nicht länger vorenthalten:

Warum sollen Bischöfe eigentlich keine Fehler machen dürfen? Sie sind doch auch nur Menschen. Genießen den Schutz der Menschenrechte. Können des-

deshalb nicht wegen des erstbesten Fehltritts geköpft werden. Ich glaube nicht, daß irgendein Mitteleuropäer das bestreitet.

Halt! Stopp! Dürfen Menschen eigentlich Fehler machen? Waren wir nicht etwas voreilig mit unserer Antwort, Bischöfe dürften Fehler machen, wie andere Menschen auch?

Naja! Beim näheren Zusehen und bei schärferem Nachdenken … Woher nimmt das Lehrpersonal sich

das Recht, die Hefte seiner Schüler mit Rotstift zu illustrieren? Die Schülerfehler blutigrot anzumalen? Das Lehrpersonal darf das. Meine erste Bekanntschaft mit dem Wort "Fehler" machte ich vor 66 Jahren in der Schule. Es war verboten, Fehler zu machen.

Wenn ich es recht bedenke, hatte ich auch schon vorher eine Menge Fehler gemacht. Und meine Geschwister erst. Deren erste Schritte ich alle miterlebte. Es stimmt tatsächlich, was man sich so erzählt: "Durchs Fallen lernen Kinder laufen." Womit wir uns ein tüchtiges Stück Erkenntnis erworben haben. Fehler haben etwas mit Lernen zu tun.

Als Antwort auf unsere Titelfrage käme also in Betracht: Bischöfe dürfen ruhig etliche Fehler machen. Hauptsache sie lernen, auch wenn sie wie andere Menschen dabei mal auf die Nase fallen.

Dennoch stellen Bischöfe beim Hinfallen einen Sonderfall dar. Sie fallen eigentlich gar nicht, sondern es war ihnen, wenn sie mal auf der Nase landen, ein Bein gestellt worden. Oder sie haben sich selbst hingelegt. Sozusagen liturgisch. Um den Boden zu küssen. Giovanni Battista Montini hat diesen liturgischen Kuß meines Wissens als Erster praktiziert, als sein Herr und Lehrmeister Pius XII. ihn vom Prostaatssekretär aus Rom zum Erzbischof nach Mailand befördert hatte, und er sein neues Erzbistum mit einem demütigen Bodenkuß betrat. So tun Bischöfe sich sehr schwer mit dem Lernen. Denn ein richtiger Fall, bei dem auch ein Bischof lernen könnte, muß wie all diese Fälle, ein Zufall sein. Geplant kann ein Bischofsfall nicht sein, sonst wirkt er wie einstudiertes Theater.

Es hat noch einen weiteren Grund, warum Bischöfe nicht hinfallen können, wie andere Leute auch: (Fast) alle Bischöfe der Welt sind derart gehorsame Söhne ihres Heiligen Vaters, daß sie aufs Lernen verzichten können, da sie immer auf dem richtigen Weg sind, wenn sie der römischen Leitlinie folgen. Die ist sicherer als der Leitstrahl, auf welchem moderne Flugzeuge ihre Landebahnen anfliegen. Meinen wenigstens (fast) alle Bischöfe. Wie das "fast" andeutet:

mit etlichen Ausnahmen. Wie zum Beispiel Jacques Gaillot von Evreux. Doch bei dessen Ernennung hatte es wohl eine Panne gegeben in der römischen Unfehlbarkeitsschalttafel. Zum Trost für den Heiligen Vater gibt es dafür eine Reihe Kleriker niedrigeren Ranges, welche die Bischöfe in deren Gehorsam tatkräftig unterstützen und nun ihrerseits die römische Linie treu durchziehen. Damit ist klar, daß auch Klerikern niedrigeren Ranges das Lernen sehr schwer fallen muß. Da sie durch ihren Gehorsam teilhaben an der Unfehlbarkeit, welche der Bischof von Rom sich vor 120 Jahren durch ein Konzil bescheinigen ließ. Gewiß, gewiß, unfehlbar, und somit lernunfähig, soll der römische Bischof nur sein, wenn er in Sachen der Sitten und des Glaubens diese Unfehlbarkeit ausdrücklich für sich beansprucht. Doch wer in den Kirchen kann schon diese feinen Unfehlbarkeitsunterschiedungen auseinanderhalten?

Da ist dann noch der Primat, den der römische Bischof für sich beansprucht. Der ist etwas sehr gefährliches. Nicht bloß für ihn selbst. Sondern auch für seine Brüder im Bischofsamt.

Für ihn selbst ist der Primat deshalb gefährlich, weil er den jeweiligen Besetzer des Heiligen Stuhles ungehörig aufbläst. Besagter Besetzer fühlt sich nämlich nicht nur als Direktmitglied jeder katholischen Kirchengemeinde auf der ganzen Welt. Theoretisch sogar aller christlichen Gemeinden. Doch nicht nur mit dem Anspruch, irgendein Mitglied aus dem letzten Glied zu sein, sondern eines mit "Richtlinienkompetenz". Gefährlich ist das für den jeweiligen römischen Bischof, weil er mit Hilfe seines Primats sich in die "inneren Angelegenheiten" aller Christen – ob römisch-katholisch oder nicht – autoritativ einmischen darf und damit eine Macht erlangt, die kein Mensch verkraften kann, ohne daß sie ihm zu Kopfe steigt. Auch wenn dieser Mensch sich abmüht, den Kopf in aller Demut zu senken.

Gefährlich ist der päpstliche Primat ebenfalls für die "Brüder im Bischofsamt", weil sie im Grunde durch den Jurisdiktionsprimat eines einzelnen Bischofs gar nicht mehr dessen Brüder sind, sondern zu gehorsamen Dienern degradiert wurden, zu Marionetten, die sonst nichts zu tun haben, als – wie definierte es doch jemand ins Schwarze treffend – "die römische Linie durchzuziehen". Diese römische Linie ist allerdings nicht schnurgerade. Sie hat ja als Zentrum den römischen Bischof und ist darum wohl eher ein Kreis. War es nicht Bismarck, der genau diese Entwicklung nach dem ersten Vatikanischen Konzil befürchtet – oder dürfen wir heute vielleicht sagen: vorhergesehen – hatte?

Wie lebensgefährlich die Entwicklung seit 1983 für alle Kirchen geworden ist, läßt sich daraus ermessen, daß Bischofsernennungen durch die vatikanische Bischofskongregation eigentlich gar nicht mehr auf Biegen und Brechen durchgebox werden müssen, da nach Kirchengesetz Nummer 403 § 3 Rom mit Ernennungen von Koadjutoren sämtliche Partikularbestimmungen, was die Bischofsernennungen angeht, unterlaufen kann. Wir dürfen sicher sein, daß Pannen, wie die mit Bischof GAILLOT, sobald nicht wieder passieren. So weitet sich der römische Kreis. Die Richtung läuft eindeutig auf einen weltweiten römischen Absolutismus hinaus. Daß so etwas zu Ende

Mester
in: Publik-Forum

ZEICHNUNG: MESTER

des zwanzigsten Jahrhunderts noch einmal passieren konnte, zeigt wie bedeutungslos Kirchen und Christentum geworden sind. Nur wenn ein Meissner kirchliches Porzellan zerschlägt, oder sonst einer mit seinem Degen hard (sic!) dazwischenfährt und einem Drewermann die Leseerlaubnis entzieht, kommt etwas Bewegung in die ansonsten an kirchlichem Leben kaum noch interessierte Medienlandschaft.

Was die meisten römisch-katholisch Getauften anbelangt: sie kümmern sich keinen Deut um päpstliche oder bischöfliche heilige Hirtenworte. Was von seiten der römisch-katholisch Getauften kein feiner Zug ist. Christen sollten nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. (Wer diese Anspielung nicht verstehen sollte, möge zur Kenntnis nehmen, daß Bischöfe, richtige und falsche Erzbischöfe, Kardinäle und Päpste das Herdengewecker schlicht und ergreifend überhören. Manchmal, wie beim Gemecker über den schrottreifen Priesterzölibat, wird zwar in einem Nebensatz zu erkennen gegeben, daß die Signale bis nach ganz oben gehört wurden, daß es da aber nichts zu meckern gibt, weil das Problem auf allerhöchster Ebene seine Endlösung gefunden hat.)

Da Bischöfe kaum Verbindung mit ihren Kirchen haben, sind sie ahnungslos. Weniger ahnungslos sind die Kleriker vor Ort. Wenn Pfarrtelephone pfarramtlich klingeln, dann möchte in 99 von 100 Fällen jemand beileibe kein Sakrament, sondern eine Lebenswendezeremonie. Nicht für sich, sondern für Kinder und Verstorbene. Es wird ein Schein gebraucht, der dazu dient, ein Anrecht auf den nächsten Schein zu erwerben. Das Scheinchristentum hangelt sich weiter, von Schein zu Schein. Eine gefährliche Sache. Weil die Nachfrage nach Kirchenscheinen hohe wie niedere Kleriker dazu verleitet, ihre Funktion für wichtig zu nehmen. In diesem Zusammenhang sprach der von seinem Erzbischof bestrafte Eugen Drewermann von verwaltetem Christentum.

Manchmal auch klingelt es an der Tür des Pfarrhauses, weil jemand zwar keinen Schein braucht zur Bestätigung von mäßiger Heiligkeit, aber vollends zufrieden ist mit einem Geldschein (bitte nicht unter 500 Franken).

"Haben wir denn früher alles falsch gemacht?" klagten vor noch nicht allzulanger Zeit im Amt schlohweiß gewordene Pfarrer. Inzwischen klagen sie kaum noch. Sie haben resigniert und folgen gehorsam den Weisungen von oben, welche die Sonntagsversammlung der Kirchen herunterspielen, paradoxerweise aber die sogenannten Erst- und Einzigkommunionen hochspielen. Bis …

Ja, bis wieder genügend zölibatäre und lebenslängliche Priester zur Verfügung stehen. In Rom werden sie von Opus Dei und dem in dessen Fahrwasser hinterhergezogenen Lumen 2000 in Hundertschaften produziert. Priester wie vor fünfzig Jahren. Neuscholastisch indoktriniert. Vom zweiten Vatikanischen Konzil nur mit dessen nach rückwärts gerichteten Kompromißtexten berührt. Asketisch durchtrainiert. Voll Marienminne. Wenn sie an die Diözesen der europäischen Katholizität ausgeliefert werden, wird Schluß sein mit § 2 von Kirchengesetz Nummer 1248, welcher die priesterlosen Sonntagsgottesdienste, auch "Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung" genannt, als gewissensberuhigenden Euchari-

steersatz propagiert. Daß die Heiligen Hirten ihren Schafen keine Nahrung zu geben bereit sind, wo sie das doch mit allergrößter Leichtigkeit tun könnten, ist ein sehr verhängnisvoller bischöflicher Fehler.

Sollte in zehn Jahren ein Bischof angesichts der dann nicht mehr abzustreitenden Katastrophe fragen: "Was haben wir denn bloß falsch gemacht?" dann dürfte die Frage eine Menge Antworten erhalten. Denn heute schon wissen die Kirchen, daß sie jede Woche ein Recht auf die volle Sonntagsseucharistie haben. Heute schon wissen die Kirchen, daß alle Getauften einer Gemeinde miteinander Eucharistie feiern, und nicht ein Priester seine Messe hält, bei der die "Gläubigen" zuschauen, zuhören oder auch … schlafen dürfen. Heute schon wissen die Kirchen, daß alle Sakramente Zeichen und Instrumente christlichen Glaubens sind, und keine Lebenswendezeremonien. Heute schon wissen die Kirchen, daß sie getauft sind, um Zeugnis abzulegen dafür, daß es einen Gott gibt, der auf der Seite der Armen zu finden ist. Heute schon wissen die Kirchen, daß sie keinen Menschen zum Glauben zwingen können. Auch nicht mit allersanftesten Druck. Heute schon beginnen die Kirchen zu lernen, daß es verkehrt ist zu meinen, man lasse "die Kinder zu Jesus kommen", indem man sie als Babies tauft, um sie dann schulisch indoktrinieren zu können. Wo doch die Väter und Mütter eben dieser Kinder sich aus der sie beengenden Umarmung eben jenes Kinder-Jesus mit mehr oder weniger sanftem Druck gelöst haben.

Wie es die von Rom abgesandten Signale befürchten lassen, steht der Zug in die Vergangenheit bereits unter Dampf. Milliarden werden verpulvert zur Herstellung von Propagandamaterial, welches ein mittelalterliches Christentum verbreiten will. Als ob weder Kreuzzüge noch Hexenverbrennungen, weder Judenverfolgungen, Reformation, Revolution, noch Aufklärung oder zweites Vatikanisches Konzil stattgefunden hätten. Noch schlimmer für die Bischöfe: sie merken nicht einmal, wie sehr sie bereits im Fahrwasser des Opus Dei schwimmen, wenn sie bei ihren römischen Visiten der Einladung ins CRIS (Centro Romano di Incontri Sacerdotali) folgen, wo sie wieder jene Atmosphäre schnuppern, die ihnen aus ihrer eigenen Seminarzeit bekannt ist. Die Frage stellt sich, ob es wirklich noch der Bischof von Rom ist oder das Opus Dei, welches die römische Linie vorzeichnet.

Dürfen Bischöfe Fehler machen? Daß sie das täten, wäre zu wünschen. Da Bischöfe, die Fehler machen, aufs Maß normaler Sterblichkeit vorwärtsgekommen und deshalb sympathisch (mitleidensfähige heißt das) sind. Vorausgesetzt sie lernen aus ihren Fehlern. Was wiederum voraussetzt, daß sie schon etwas gelernt haben, nämlich sich zu distanzieren von jeder (auch nur partizipierten) Unfehlbarkeit. Warum das? Weil Unfehlbarkeit jeden Menschen lernunfähig macht. Damit ist der neugegebene Anlaß angesprochen: wer die Diskussion über ein Thema, wie das aktuelle der Frauenordination, endgültig der Diskussion entzieht, verhindert einen Lernprozeß. Wie die simpleste Logik und viele Beispiele beweisen. Das aber sollte keine Kirche, die in ihrer Gesamtheit "Volk Gottes" ist, sich noch weiter gefallen lassen.

Jupp Wagner, 23.6.1994

Unfehlbarkeit macht jeden Menschen lernunfähig. Damit ist der neugegebene Anlaß angesprochen: wer die Diskussion über ein Thema, wie das aktuelle der Frauenordination, endgültig der Diskussion entzieht, verhindert einen Lernprozeß.

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