Kirche: Religionsgeschäft oder Glaubensgemeinschaft?

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RELIGIONSGESCHÄFT ODER GLAUBENSGEMEINSCHAFT ?

1. VON DER GLAUBENSGEMEINSCHAFT ZUM RELIGIONSGESCHÄFT.

Martin sass auf einem Stein. Der Stein, auf dem Martin sass, liegt noch immer da. Dort, wo der alte Römerweg sich gabelt in eine Strasse nach Hostert und eine Strasse nach Senningerberg. Er heisst heute ‚Heiligenstein‘. Weil Martin, der draufgesessen hatte, ein Heiliger ist. Der heilige Martin von Tours. Der sich im Gänsestall versteckte, als die Christen von Tours ihn zu ihrem Bischof gewählt hatten. Verständlicherweise blieb sein Versteck nicht lange geheim, da die Gänse mit ihrem Geschnatter – wie ehemals die vom Kapitol – ihn verrieten. Als Martin am Scheideweg auf einem Stein sass, war er noch lange kein Heiliger, denn er weinte. Heilige weinen nicht. Doch Martin weinte. Zum Teil darüber, dass er, als er noch Soldat war, dem Armen den Mantel nicht ganz gegeben hatte. Zum andern Teil darüber, dass er vor ein paar Tagen in Trier nicht heftig genug protestiert hatte, als Maximus, der Kaiser, mit eiserner Strenge gegen die Ketzer vorging. Zwar hiessen die damals noch nicht so, aber, genau wie ihre katharischen Nachfolger, von denen der Ketzertitel stammt, konnten sie mit der offiziellen, von Kaiser und Bischöfen vertretenen Glaubenslehre nicht viel anfangen. Martin weinte, weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Einmal, wie gesagt, wegen seiner im halben Soldatenmantel symbolhaft zu Tage getretenen Halbherzigkeit. Und zum andernmal, weil er das Evangelium nur halbherzig für die Ketzer, gegen den Kaiser und seine eigenen Bischofskollegen, verteidigt hatte. Denn das war Martin ganz klar: das Evangelium mit eiserner Strenge in die Köpfe schlagen, indem man Köpfe abschlägt, ist ein Widerspruch. Eine gute Nachricht, die man mit Drohgebärden und Schwertschlägen an den Mann bringen muss, ist keine gute Nachricht. Evangelium heisst aber ‚gute Nachricht‘. Wie weit war die Christenheit nach dreieinhalb Jahrhunderten vom Evangelium entfernt! Grund genug zum Weinen.

Vielleicht hat das Weinen dem Martin geholfen. Darüber hinaus hat es wenig genützt. Priscillianus – der Ketzer, für den Martin sich in Trier stark gemacht hatte – war nicht der letzte, den der geistliche Arm dem weltlichen Arm übergab, damit der ihn durch Abkürzung des zeitlichen Lebens vor dem ewigen Tode bewahrte. Das Staatskirchentum war nicht mehr vom Kirchenstaatstum zu unterscheiden. Eine schlimme Zeit für das Evangelium. Aus dem einfachen

Weg des armen Jesus war eine Staatsreligion geworden. Mit allem Drum und Dran.

Was bei dieser Staatsreligion, – wie bei allen Staatsreligionen – in die Augen stach, waren die sich in immer buntere Gewänder hüllenden Priester. Obschon der Jesus keine Priester – das sind Mittler zwischen Gott und den Menschen – gewollt hatte, bildeten sich ganze Priesterhierarchien heraus. Heilige Herrscher beherrschten bald die Szene, wie das in fast allen Religionen der Fall ist. Sie herrschten über die Kirche, und es dauerte nicht lange, bis die Priester sich mit der Kirche identifizierten: sie waren ‚die Kirche‘ geworden. Genau so stand es im Katechismus, der noch zu Beginn dieses Jahrhunderts unsere Eltern und Grosseltern fragte: ‚Wer ist die Kirche?‘, um sie darauf zu belehren: ‚Die Kirche an und für sich sind der Papst, die Bischöfe und die Priester. Doch manchmal werden auch die einfachen Gläubigen ‚Kirche‘ genannt.‘ Dem entsprach dann auch die andere Frage: ‚Wann geht es in der Kirche am besten?‘, auf welche zu antworten war: ‚In der Kirche geht es dann am besten, wenn die Gläubigen den Priestern, die Priester den Bischöfen, und die Bischöfe dem Papst gehorchen.‘

Im Anfang hatte es nur Gemeinschaften gegeben, wo es keinem der ‚Brüder‘ eingefallen wäre, sich über andere zu erheben. Es dauerte aber keine drei Generationen, bis sich einige unter den Brüdern zu profilieren begannen, so dass schon der Martyrerbischof Ignatius von Antiochien (hingerichtet 117 oder 138) schreiben konnte: ‚… es ist klar, dass wir den Bischof ansehen müssen wie den Herrn selbst‘. Damit ist er Zeuge eines Trends, der dann unter Kaiser Konstantin, der im Jahre 313 die Christenverfolgungen stoppte, ja die Christen ganz eindeutig bevorzugte, schliesslich zu zwei Gemeinschaften innerhalb der Kirche führte: die der Kleriker und die der Laien.

Als es mit der Kirche angefangen hatte, waren alle Dienste, die in einer brüderlichen Gemeinschaft anfallen, von jenen Leuten geleistet worden, die dazu am geeignetsten waren. Natürlich unentgeltlich. Als das Christentum nicht nur hoffähig, sondern obendrein auch noch Staatsreligion wurde, verbeamteten die Kleriker, sie wurden zu Fachleuten des Christentums. Sie vereinigten die verschiedenen Dienste in Personalunion und machten sich unent-

behrlich. Ihre Monopolstellung war innerhalb der christlichen Gemeinden bald unbestritten, als niemand mehr wusste, wie es anfangs gewesen war. Der neue Zustand wurde als bequem empfunden. Es ist klar, dass sich nun ein sozio-ökonomisches Gesetz Geltung verschaffte: wer eine Monopolstellung besetzt hat, dem fallen Privilegien in den Schoss. Damit wuchs im einfachen Volk die Achtung vor den Klerikern. Sie wurden ein ‚Stand‘, nicht nur in der Kirche, sondern in der Gesellschaft. Dort leisteten sie unzweifelhaft Dienste. Sie leisteten sie aber nicht mehr unentgeltlich. Als Beamte wurden sie dafür bezahlt. In der Hauptsache leisteten sie ‚religiöse‘ Dienste. Sakrale Handlungen sind in allen Gesellschaften gefragt. Zuständig für dieselben waren im vorkonstantinischen Rom die ’sacerdotes‘, in deren Rolle nun die christlichen ‚Presbyter‘ und ‚Episkopen‘ schlüpften. Aus den Presbytern wurden Priester, aus den Episkopen Bischöfe.

Die Lage wurde noch verschärft durch die vielen Klöster. Diese waren entstanden zum Teil als Protestgemeinschaften, als neue brüderliche Gemeinschaften. Anfänglich sammelten sich dort solche Christen, die mit der Wandlung zur Staatsreligion das Ende des Christentums befürchteten. Dann wiederholte sich der Prozess der Privilegienbildung. Die Mönche leisteten Grossartiges für die einfache Bevölkerung. Sie sind aus der Kulturarbeit, die in Europa geleistet wurde, nicht wegzudenken. Doch dann häuften auch sie Feld auf Felder, Haus auf Häuser. Die Klöster wurden reich. Abtsitze waren begehrt von den Adeligen, oft für ihre nachgeborenen Söhne. Um in den Besitz der Abtpfürde zu gelangen, brauchten die nicht einmal ins Kloster einzutreten. Der Verfall der Klöster war vorprogrammiert.

Hinzukommt, dass die Klöster ihrerseits verklärungslos werden. Wo anfänglich in jedem Kloster nur ein Einziger zum Presbyter ordiniert war, vermehrten sich bald die ‚Priester‘, um die vielen ‚Messen zu halten‘, die in den Klöstern ‚bestellt‘ wurden. Manche Mönche standen nun fast den ganzen Vormittag am Altar und hielten Messen auf Messen. Aus dem Abendmahl des Jesus war ein Messopfer geworden, das für die verschiedensten Anliegen ‚dargebracht wurde‘. Für jede Messe erhielt der Priester bzw. das Kloster ein ‚Almosen‘. Das Abendmahl war nicht mehr brüderliches Teilen, gläubige Versammlung, sondern ein religiöser Akt, den der ‚Priester‘ allein vollzog. Man brauchte nicht mehr dabei zu sein, wenn die Messe ‚gelesen‘ wurde. Man brauchte nur zu zahlen. Aus dem Christentum war eine Religion geworden. Mit allem Drum und Dran.

Als es mit der Kirche angefangen hatte, wussten die Jünger Jesu sich befreit. Angst war nicht mehr in ihnen. Alle konnten begründen, warum sie Christen geworden waren. Alle konnten über die Erfahrungen, die sie als Christen gemacht hatten, berichten. Seit das Christentum Staatsreligion geworden war, geriet die Lehre immer mehr in die Hände von Profis. Damit wurde sie immer komplizierter, für ‚Laien‘ immer undurchschaubarer. Aus einem Weg in die Freiheit war eine Strasse geworden, verunsichert von (Raub)ritter, Tod und Teufel, auf der einem angst und bange werden konnte.

Privilegien für eine bestimmte Gruppe, die das Monopol beansprucht, Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sein; Hand-in-Hand-gehen dieser privilegierten Gruppe mit den andern Privilegieninhabern, dem Kaiser und seinen Vasallen, der Staatsgewalt also; Kompliziertheit der Lehren, über die nur mehr Fachleute, die Theologen, sich unterhalten konnten; dazu einige von einfachen Volk leicht zu begreifende Gebote, bei deren Übertreten mit Gottes Strafe gedroht wurde; doch die Privilegierten konnten

ten dem Sünder mittels Zeremonien das Wohlwollen der Gottheit wiederbeschaffen; für diese Zeremonien liessen sich die Vermittler natürlich bezahlen. All das sind Anzeichen dafür, dass aus dem Weg des Jesus eine Religion geworden war. Noch eine Religion mehr. Es gab schon so viele.

Es wäre an der Zeit, dass jene Leute, die immer noch meinen, Jesus habe eine Religion gestiftet, und zwar die beste von allen, sich zwei Fragen stellten: 1. Ist das Christentum überhaupt eine Religion, und 2. behauptet nicht jede Religion, sie sei die beste?

Religionen sind immer konservativ: sie konservieren die Privilegien. Sie machen Angst. Sie konsolidieren die bestehende Ordnung. Stütze der bestehenden Ordnung ist der Gehorsam, in allen Religionen die Haupttugend, oder zum mindesten eine der wichtigsten. Zur Begründung des Gehorsams wird die Gottheit selbst bemüht, in deren Namen die Priester sprechen, und von der sich die Gewalt der Kaiser und Könige herleitet.

Martin von Tours starb im Jahr 397. Er erlebte die Entwicklung des christlichen Glaubens zur Staatsreligion nur in ihren Anfängen. Hätte er erfahren müssen, dass es bald getaufte Soldaten gab, die gegen andere getaufte Soldaten ins Feld zogen, auf beiden Seiten geführt von getauften Generälen, auf beiden Seiten von christlichen Militärseelsorgern aufgefordert zum Beten für den Sieg. Martin wäre wohl an seinem christlichen Glauben irre geworden, hatte er doch die Uniform ausgezogen, weil er den Christusdienst für unvereinbar hielt mit dem Marsdienst.

Noch mehr Verwunderung würde es dem Martin abverlangen, käme er in unsere Zeit. Von Staatsreligion kann heute keine Rede mehr sein. Die Zeit, da die Herren in Kirche und Staat mit christlicher Religion ihre Geschäfte machten, sind vorbei. Die Herren der grossen Politik wissen, dass sie sich nicht mehr auf den Klerus verlassen können, um das Volk bei der Stange zu halten. Sie haben ihn ja auch nicht mehr nötig, da sie mit Fernsehen und anderen Massenmedien viel wirksamere Mittel der Volksverdummung einsetzen können. Religion ist Privatsache geworden. So sehr, dass der Staat nicht mehr an der Religionszugehörigkeit, geschweige denn an der Religionsausübung seiner Bürger interessiert ist. Weil Religion dennoch in Westeuropa – wenigstens zu den vier Lebenswenden: Geburt, Pubertät, Heirat und Tod – gefragt ist, kann man mit ihr noch immer Geschäfte machen. Fürstenhochzeiten in einer Kirche verkaufen sich gut. Sehr gut sogar. Auch wenn Prinzessinnen und Prinzen eher selten in den Versammlungen des gewöhnlichen Kirchenvolkes anzutreffen sind. Aber das Image der Kirche wird aufpoliert, wenn hochgestellte Persönlichkeiten an kirchlichen Feiern teilzunehmen geruhen. Ausserdem wirkt es be-

ruhigend auf das Volk, wenn ihm am Fernsehschirm vorgeführt wird, wie Minister, Parlamentarier, Direktoren und sonstige Honoratioren in Kirchenstühlen Haltung annehmen.

Doch, wie gesagt, Religion ist zu den vier Lebenswenden immer noch gefragt. So hat die Geschäftswelt regelrechte Marktlücken entdeckt und ausgefüllt: da gibt es Spezialgeschäfte für Tauf- und Kommunionartikel; auch Hochzeitsmessen und Totenmessen werden auf Bestellung geliefert, und Bruder Pförtner klärt den Totenmessenbesteller darüber auf, dass der Indes mal wieder gestiegen ist, und dass deshalb die Messen auch teurer geworden sind. Es stimmt schon: mit Religion lassen sich immer noch Geschäfte machen.

Ich weiss nicht, ob Martin, lebte er heute, aus der Kirche austräte. Ich wünschte, er bliebe drin und versuchte, das Religionsgeschäft zur Glaubensgemeinschaft zu reformieren. Reformieren heisst: zurückformen. Doch wie macht man das? Zwar liegt das neue Testament uns als Glaubenszeugnis der vier ersten Christengenerationen vor. Zwar ist es uns möglich, dieses Glaubenszeugnis mit grösserem Verständnis zu lesen, als dies noch vor einem Jahrhundert möglich war. Doch wir leben nicht mehr in einer Bauern-, Töpfer- und Schmiede-, Schuster- und Zimmermangesellschaft, sondern in einer computergesteuerten, arbeitslosenproduzierenden Industriegesellschaft. In andern Worten: es gibt Probleme, von denen weder Jesus noch seine Jünger des ersten Jahrhunderts auch nur die blasseste Ahnung haben konnten. Und die wiederum hatten Probleme, die nicht die unsern sind. Einer Übersetzung der Glaubenszeugnisse des ersten Jahrhunderts stehen schon von daher nicht geringe Schwierigkeiten im Weg. Ferner ist das Glaubensverständnis der meisten unserer Zeitgenossen beladen mit ungeheuer viel Ballast. Der wurde ihnen aufgehalst im schulischen Religionsunterricht, wo man Kinderköpfe mit theologischen Vokabeln vollzustopfen versuchte, die natürlich nicht verdaut werden konnten, deshalb zum grössten Teil sofort vergessen wurden, zum kleinen Rest als unverdauter Brei in den Hirnwindungen fixiert blieben.

2. VOM RELIGIONSGESCHAFT ZURÜCK ZUR GLAUBENSGEMEINSCHAFT.

Der Weg von der Glaubensgemeinschaft zum Religionsgeschäft ist glatt verlaufen. Er ist verlaufen, wie Märsche auf sanft abfallenden Pfaden verlaufen: grosse Anstrengungen waren nicht vonnöten, es ging fast von selbst.

Wie schafft man nun den Weg zurück? Leicht wird es nicht sein. Beim Weg zurück wird man das Empfinden nicht los: es geht bergauf, da ist Kraft und Ausdauer gefragt.

Wie schafft man den Weg zurück? Eine Rückkehr, die eine echte Bekehrung sein dürfte. Erfahrungen auf diesem Gebiet liegen höchst vereinzelt vor. Die solche Erfahrung machten, wurden zumeist verbrannt, in seltenen Fällen heiliggesprochen, in allen Fällen zu Aussenseitern gestempelt. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass im Bewusstsein heutiger Getaufte auch Heilige Aussenseiter sind, ganz anders, als am Anfang der Kirche, da alle Getaufen sich als Gemeinschaft der Heiligen verstanden.

2.1. Widerstand.

Es ist deshalb ebenfalls heute mit heftigem Widerstand gegen die Bekehrung vom Religionsgeschäft zur Glaubensgemeinschaft zu rechnen. Aktiver Widerstand ist zu erwarten von Priestern, Politikern und Händlern, also von jenen Leuten, die mit Religion ihre Geschäfte machen. Passiven Widerstand wird die

in: Die Zeit 11/4/1915

grosse Mehrheit der Getaufen leisten, die sich in ihrer religiösen, zu fast nichts verpflichtenden, Christentümlichkeit eigentlich ganz wohl fühlen. Wenn ab morgen die Lehre von der Dreifaltigkeit durch eine Lehre von der Vierfaltigkeit ersetzt würde, hiesse der Mehrheit einziger Kommentar wahrscheinlich: "Na ja, wenn die da oben es meinen, dann wird es wohl auch so stimmen, kontrollieren kann es sowieso niemand." Und sollte der nächste Papst die Pille als Mittel zur Geburtenregelung freistellen, würden sie sagen: "Endlich hat er das begriffen, was wir schon lange tun!" Versuchte jedoch ein nächster Papst die Babytaufe als einen nicht mehr zu verantwortenden, unzeitgemässen Unsinn abzustellen, würden sie massenweise auf die Barrikaden gehen, oder zu einer anderen Religion konvertieren, die Zeremonien an Neugeborenen anböte.

Angesichts des zu erwartenden, massiven passiven und kämpferischen aktiven, Widerstandes, könnte es vernünftig sein, zu fragen, ob eine Bekehrung vom Religionsgeschäft zur Glaubensgemeinschaft überhaupt notwendig ist. Sollte man nicht lieber alles laufen lassen, wie es nun mal läuft? Weil Gott ja, um einen beliebten Albispruch zu zitieren, auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Oder ebenfalls den andern Albispruch: auf keinen Fall möchte man eine Elitekirche haben. Dagegen wäre zu fragen, ob Gott nicht gerade mit jedem verbrannten Ketzer einzugreifen versucht habe. Man könnte auch fragen, wie das denn damals mit dem Jesus gewesen sei, der doch so laut zur Bekehrung aufgerufen hat, dass sein Schrei noch heute nicht zu überhören ist. Der nicht nur Fischer, Huren und Diebe zur Bekehrung aufrief. Die allerdings haben seinen Appell schneller verstanden als die Frommen des Landes.

Müssen wir nicht in der Jesustradition stehen, wenn wir Christen sein wollen? Müssen wir dann nicht ebenfalls die Bekehrung vom Religionsgeschäft zur Glaubensgemeinschaft wollen? Auf keinen Fall ist diese Frage einfach vom Tisch zu wischen. Gehen wir ihr also nach!

2.2. Aus Vätern werden Brüder.

Nach den Erwartungen des Evangeliums sollte unter Christen der Vatertitel für Gott, der Meistertitel für den Christus reserviert sein. Untereinander sollen alle Christen Schwestern und Brüder sein. Diese fundamentale Brüderlichkeit aller Getauften ist in Vergessenheit geraten. Daran ändern auch die Sonntagsansprachen der Prediger nichts, die ihr Publikum mit "Brüder und Schwestern in Christo" anzureden pflegen. Wunder darf uns das nicht nehmen, da die hierarchische Organisation, in welche die Kirche nach und nach hineingeschlittert ist, schon bald strukturellen Charakter annahm, als göttlichen Rechts proklamiert wurde und die fundamentale Brüderlichkeit aller Getauften total überlagerte.

Zeichen und Instrument der mangelnden Brüderlichkeit ist die Zweiteilung der Kirche in Kleriker und Laien, in Fachleute und Unwissende, in Führer und Geführte, in Lehrende und Hörende, in Befehlende und Gehorchende. Es dürfte äusserst schwierig sein, diesen durch Jahrhunderte ins Bewusstsein eingeprägten, und deshalb als normal empfundenen, Riss durch die Kirche aus den Herzen und Hirnen der Christgläubigen auszujäten, das Antisakrament der Brüderlichkeit, oder anders: das Sakrament der Unbrüderlichkeit, unwirksam zu machen.

Den grösseren Teil der Verantwortung zur Beseitigung der Zweiteilung der Kirche tragen jene, die von dieser Zweiteilung profitieren. Deshalb sind von Klerikerseite her die grösseren Anstrengungen zu machen, den seit 1600 Jahren bestehenden Graben zuzuwerfen.

In diesen Abschnitt von der mangelnden Brüderlichkeit gehört auch ein Gedanke an die Ökumene. Katholiken müssen lernen, dass sie mit Protestanten, Lutheranern, Calvinisten, Anglikanern, Orthodoxen und vielen andern, Brüder desselben Christus und Kinder desselben Vaters sind. Deshalb dürfen Organisationsformen nicht länger in den Rang von Strukturen hochgespielt werden. Die fundamentale Brüderlichkeit verbindet mehr als die Verschiedenheit von Riten, Agenden und Lehrformeln trennt. Es ist wahr, in Hinsicht auf ökumenische Brüderlichkeit sind schon manche Fronten aufgeweicht, doch für den Augenblick sieht es eher nach ökumenischem Stillstand aus.

2.3. Raus aus den goldenen Fesseln.

Wir haben schon gesehen: der Staat ist nicht mehr interessiert an der Religionszugehörigkeit seiner Bürger. Trotzdem stehen im Staats- und in den Gemeindebudgets mehrere hundert Millionen für Kleriker- und Katechetengehälter, für Bau, Unterhalt und Restaurierung von Kirchen und Pfarrhäusern. In den Grundschulen hat christlicher Religionsunterricht eine Vorzugsstellung: alle Kinder müssen daran teilnehmen, sofern sie von ihren Eltern nicht abgemeldet werden.

Diese Privilegien stammen aus einer Zeit, da von den Herrschern Religion gebraucht wurde zur Abstützung ihrer Herrschaft. Warum belässt ein Staat, der religiös neutral geworden ist, der Kirche Privilegien, die der Gesamtheit der Bürger doch eine schöne Stange Geld abverlangen. Trotz der Distanz, auf welche die Majorität der Bürger zur Kirche gegangen sind, bringt keine der Parteien, welche einige Aussicht haben, an der Regierung beteiligt zu werden, den Mut auf, von den Kirchenprivilegien eines zu streichen. Trotz Sparmassnahmen werden Kirchenbudgets immer noch gestimmt. Warum wohl? Ganz eindeutig, weil die Parteien Stimmenverlust befürchten.

Nur eine verschwindende Minderheit jener 75% der

An diesem Sonntag nach unserer Erstkommunionfeier…

Eltern, die zur Kirche auf Totaldistanz gegangen sind, ist bereit, auf Kindertaufe und Erstkommunion zu verzichten, auf religiöse Feiern von Geburt und Pubertät also. Wenn nur sehr wenige Eltern ihre Kinder vom katholischen Religionsunterricht abmelden, dann sind die meisten dazu nicht bereit, weil Religionsunterricht für sie gleichbedeutend ist mit Moralunterricht, und weil ohne diesen Unterricht keine Erstkommunion gefeiert werden kann. Junge Erwachsene wären wohl eher bereit, von einer religiösen Feier ihrer Trauung abzusehen, wenn nicht Eltern, Tanten und Grosseltern darauf bestünden. Ein ziviles Begräbnis für ihre Verwandten ist für die allermeisten Luxemburger noch immer eine undenkbare Sache, auch wenn sie von der Auferstehung nichts halten und bei den Leichenfeiern peinlich berührt und wie Fremdkörper im Kirchenschiff herumstehen.

Wir sind ein Parteienstaat. Die Vorstände der an die Macht gekommenen Parteien bestimmen, soweit sie nicht von Geldinstanzen in Pflicht genommen sind. Parteivorstände haben nicht den Mut, Kirchenprivilegien zu liquidieren. Es ist deshalb an der Kirche, die Initiative zu ergreifen, ihre Vorrechte zurückzugeben.

Das wäre ein Zeichen von Einsicht der zur Kenntnis genommenen Realität: Kirchenvolk und politisches Volk sind nicht mehr deckungsgleich. Den christlichen Staat gibt es nicht mehr (falls es ihn überhaupt einmal gab).

Es wäre ein Zeichen von Gerechtigkeitsempfinden, wenn eine minoritär gewordene Kirche Privilegien zurückgäbe, die ihr einmal zugefallen waren, als sie in Europa das Monopol im Vertrieb von Weltanschauung besass, als sie die einzige Instanz im Angebot von Lebenssinn war.

Es wäre ein Zeichen von Bekehrung, und damit ein Zeichen von Genesung, wenn die Kirche bereit würde, selber zu bezahlen, was sie in Auftrag gibt. Aus dieser Bekehrung würde ihr eine Menge Vorteile entstehen: sie würde ihre Selbstherrlichkeit verlieren, sie könnte die erste der acht Seligkeiten oder

auch das 25. Kapitel des Mattäusevangeliums, die grosse Gerichtsszene, wieder aus eigener Erfahrung und deshalb glaubwürdig verkünden. Sie würde wieder lernen, ihre eigenen Kräfte zu mobilisieren, auf ihren eigenen Füßen zu stehen, weil sie die Krücken ihrer Abhängigkeit weggeworfen hätte.

2.4. Primat der Basis.

Mit dem 1. vatikanischen Konzil begann ein Papstkult, der mit Johannes Paul II. in vollster Blüte zu stehen scheint, dessen Frucht ein wucherender Zentralismus ist. Die ‚Teilkirchen‘ (Kirchenprovinzen bzw. Diözesen) und mit ihnen die ‚untersten‘ Säume der Kirchenorganisation (Pfarreien u. ä.) werden von breiten Kreisen verstanden als Filialen einer Weltzentrale. Wie ist es anders zu erklären, dass in den Massenmedien der Papst andauernd und heftig ‚Ober’haupt der katholischen Kirche genannt wird, ohne dass ein Theologe, Bischof oder auch nur ein Pfarrer diese unsinnige Sprechweise zu korrigieren versucht? Wie kann eine Kirche neben ihren einzigen ‚Haupt‘, Jesus Christus nämlich, noch ein Oberhaupt haben? Da schlägt doch bei allen Zeitungs- und Fernsehredakteuren die Vorstellung durch, die katholische Kirche sei etwas wie die grossen Multinationalen, mit einheitlichen Vorschriften, einheitlichen Formularen, einheitlichem Gebahren, und natürlich einem obersten Boss. Einheit wird mit Uniformität verwechselt.

Christliche Einheit ist anders. Von der Bergpredigt und vom ganzen Evangelium her müsste den Uniformversessenen ein Licht aufgesteckt sein: christliche Einheit wird nicht von oben befohlen, sondern wächst von unten, von der Basis her, weil nach dem Zeugnis des Lebens und des Lehrens Jesu Gott da anzutreffen ist, wo nach den Masstäben menschlicher Hierarchien unten ist. Bekanntlich suchten nach Mattäus die Weisen aus dem Orient den neugeborenen König vergeblich im Herodespalast, nach Lukas wurde er sogar in einem Stall geboren. Und ein Staatsbegräbnis wurde ihm auch nicht zuteil.

Christliche Einheit ist von besonderer Art. Mit Communio bezeichneten die ersten Christengenerationen nicht nur ihre eigene lokale Gemeinschaft, sondern auch all das, was ihre Gemeinschaft mit den andern verband: ‚Ein Glaube, eine Taufe, ein Geist, ein Gott, ein Christus und Herr aller.‘ Genau diese Communio ist jene besondere Art, welche einen strukturellen Überbau, der die Einzelkirchen zu Filialen degradiert, überflüssig macht. Ja, ein solcher Überbau kann zur Gefahr für die Einheit werden, wenn er in das Eigenleben der Partikulärkirchen eingreift, immer mehr regulieren und am lieb-

sten den Heiligen Geist für sich reservieren möchte. Eine recht verstandene und praktizierte Communio respektiert das Eigenleben jeder der dazugehörenden Kirchen, kann selbstverständlich organisatorisch dies und das aufeinander abstimmen oder sogar gemeinsam regeln, wird jedoch niemals die Organisation für göttliches Recht halten, sondern immer bewusst sein, dass anderswo und zu andern Zeiten anders organisiert werden kann, ja anders organisiert werden muss.

Christliche Einheit ist sakramental. Das heisst: jede Kirche besitzt ihr Organ der Einheit, sichtbar in einem Mitglied oder auch in einem Mitgliederkollegium eben dieser Kirche, das für diesen Dienst der Einheit bestellt ist. Der spezielle Dienst dieses Christen (oder Kollegiums von Christen) ist doppelter Art: es ist die Sorge 1. um die Einheit und die Versöhnung in der eigenen Kirche; 2. um den Kontakt mit den Nachbarkirchen. Zum Teil ist dieses sakramentelle Zeichen heute noch sichtbar bei der Bischofsweihe. Es sind die Nachbarbischöfe, die ihrem neuen Kollegen die Hände auflegen. Doch es ist eben nur mehr zum Teil sichtbar. Als es noch ganz sichtbar war, wurde der neue Bischof von seiner eigenen Gemeinde gewählt. Die hat heute kein Mitspracherecht mehr. Bischöfe und Pfarrer werden ‚von oben‘ ernannt. Wen wundert’s da, wenn sie sich selbst als verlängerten Arm der Hierarchie betrachteten und selber zu Minihierarchen wurden? Doch diese Zeit ist vorbei. Heute bedrängt uns etwas ganz anderes: der ‚Priestermangel‘. Gibt es den überhaupt? Oder ist er vielleicht hausgemacht? Wenn wir von der Priorität der Basis ausgehen, dann kann es gar keinen ‚Priestermangel‘ geben. Denn dann hat jede Gruppe ein Mitglied, das zum Dienst der Einheit befähigt ist, vielleicht keinen Berufszölibatär, vielleicht keinen Akademiker, vielleicht einen, der diesen Dienst nur nebenberuflich tut und keineswegs dafür bezahlt wird, und warum nicht eine Frau?

Christliche Einheit braucht überschaubare Gemeinden. In unsern Riesenpfarreien stimmt eigentlich überhaupt nichts mehr. Zwar sind fast alle 1000 oder 15000 Bewohner des Pfarrterritoriums getauft. Doch 80 – 90 % dieser Getaüften sehen in der Pfarrkirche eine Tankstation, im Pfarrklerus die Tankwärter, die sie an den 4 Lebenswenden, etliche auch alljährlich einmal, einige Unentwegte sogar allwöchentlich mit religiösem Zermontier zu versorgen haben. Der Pfarrer, auch wenn er eine 72-Stundenwoche praktiziert, ist nicht ‚testende alle ’seine Schäfchen‘ zu kennen, was er jedoch muss, will er ein ‚guter Hirt‘ sein, und nicht etwa ein Mietling. Also schon nach der bis jetzt geltenden Sprachregulierung sind die Riesenpfarreien Undinge. Die Aufteilung unserer Pfarreien ist ein Gebot der Stunde, weil es die Kategorie der religiös ‚versorgten‘ Christen nicht gibt. Durch Taufe und Firmung sind alle auf tätiges Christsein verpflichtet. Man kann nicht miteinander tätig sein, wenn man sich nicht kennt. Schon zur Zeit, als das neue Testament niedergeschrieben wurde, scheinen die Evangelisten gewusst zu haben, dass effektives Arbeiten, Dienen, Verkündigen, Lehren und Beten nur in kleinen Gruppen möglich ist. Weshalb ginge sonst die Rede von den 72 Jüngern, die zu 2 und 2 auf Probemission geschickt wurden? Oder warum sonst bei der Speisung der 5000 im Lukasevangelium die Aufforderung, sich zu Gruppen von 50 zu lagern? Auch wenn eine Christengruppe keine Primärgruppe im soziologischen Sinne ist, kennen müssen sich die Mitglieder schon, sonst fällt die Gruppe auseinander.

2.5. Wozu Kirche?

Religionen hat es schon genug gegeben, mehr als genug. Ginge es nicht um mehr als um Befriedigung re-

ligiöser Bedürfnisse, um Angstbeschwichtung in Ausnahmesituationen wie Geburt, Pubertät, Heirat und Tod, Krieg, Überschwemmung und Erdbeben, man verstünde nicht, wie dieser Dinge wegen jemand am Kreuz sterben musste. Mit dem Leben, dem Tod und der Auferstehung des Jesus muss es also eine andere Bewandnis haben. Es ging wohl nicht um Angstbeschwichtung, sondern um Befreiung von der Angst, um Freude am Leben, um Dank fürs Leben, und zwar für alle, für alle ohne Ausnahme. Alle Menschen aller Nationen, wir würden heute wohl noch hinzufügen: aller Rassen und aller Klassen, sollen Jünger des Jesus werden. Deshalb braucht es das Zeugnis von Menschen, die auf seinem Weg gehen, die nicht nur schöne Worte machen und feierliche Zeremonien veranstalten, sondern dafür sorgen, dass gerade jene, die immer zu kurz und immer zu spät kommen,

Freude am Leben haben können. Wie sollten sie sonst Gott als Vater, als guten Vater erkennen?

3. SCHLUSSWORT

Das 2. Vatikanische Konzil hat das Wort von der ‚ecclesia semper reformanda‘, der sich stetig zu erneuernden Kirche, wieder entdeckt. Vielleicht müssten wir es noch etwas abwandeln und von der ‚ecclesia semper vigilans‘, der stets wachsamen Kirche reden. Denn sollte die Kirche je den Weg vom Religionsgeschäft zurück zur Glaubensgemeinschaft wagen, sie würde auch danach immer in der Versuchung bleiben, den bequemen und breiten Weg zum Religionsgeschäft wieder hinabzugehen. Trotz all des Lehrgeldes, das sie schon bezahlt hat.

Jupp Wagner

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