Schulpolitik der Gegenwart
Ein Glossar
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Daniel Tröhler / Ragnhild Barbu
Schulpolitik der Gegenwart
Ein Glossar
Große Schulreformen sind in der Regel in spezifischen Sprachen formuliert und beziehen ihre Argumente aus eben diesen Sprachen. Die gegenwärtig dominante Sprache der Schulreform entstand am Ende des Zweiten Weltkrieges in den beiden Großmächten der Welt: USA und UdSSR. Dominant sind technokratische Vorstellungen, wonach kulturelle Phänomene in Analogie zur Technologie als Systeme verstanden werden. Jérôme Bruner, der wohl bedeutendste kognitive Psychologe der letzten 50 Jahre, hatte 1959 keine Mühe, die Entwicklung der Schule mit dem ehrgeizigen militärischen Atlas-Weapon-System zu vergleichen, das heißt mit der ersten Generation interkontinentaler Raketen, welche die USA 1957 entwickelt hatten: Was im Militär technologisch möglich sein sollte, müsste auch mit der Schule funktionieren. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass PISA neben den Sprachen auf Mathematik und Naturwissenschaften setzt und Schulfächer wie Geschichte, Geographie oder auch Kunst nicht berücksichtigt.
Im Sinne eines Glossars sollen im Folgenden einige zentrale Begriffe dieser neuen dominanten Sprache über Schule erörtert werden. Wir folgen einer alphabetischen Ordnung.
Best practice
Best practice (wörtlich: beste Praktik) beschreibt die Idee, dass es sinnvoll sei, erfolgreiche Schulen bzw. erfolgreiche Schulreformen genau zu analysieren und sie andernorts zu kopieren. So forderten zum Beispiel einige Experten, dem PISA-Primus Finnland folgend auf der Sekundärstufe Gesamtschulen einzuführen. Der umtriebige New Yorker Schulkanzler Joel Klein brachte 2008 diese Vorstellung von Best practice prägnant zum Ausdruck: “This works. All we got to do is to replicate this.”
Evaluation
Evaluation (wörtlich: Bewertung) bezeichnet den Vorgang, in welchem die Schulverwaltung prüft, ob die Schule die ihr gestellten Vorgaben auch richtig erfüllt. Evaluationen sind systematische
Untersuchungen, die sich an international anerkannten und standardisierten Kriterien orientieren sollen. Sie berücksichtigen nicht nur unterrichts- und ergebnisbezogene Situationen, sondern versuchen auch strukturelle und prozessuale Bedingungen sowie die Zufriedenheit der Schüler und Eltern zu erfassen.
Evidence-based education
Evidence-based education (wörtlich: beweisgestützte Bildung) geht davon aus, dass Schule und ihre Reformen sich ausschließlich an empirisch nachgewiesenen Daten orientieren sollen. Diese empirischen Daten werden nach Modellen der kognitiven Psychologie quantitativ erfasst. Daten aus anderen empirischen Ansätzen werden in der Regel als nicht ‚beweiskräftig‘ genug erachtet und haben dementsprechend weniger Einfluss.
High stakes tests
High stakes tests (wörtlich: Tests mit hohem Einsatz) sind empirisch-quantitative Evaluationen, die ausschließlich auf der Basis standardisierter Kriterien durchgeführt werden und gravierende Konsequenzen für einzelne Schulen haben können. Das berühmte George W. Bush-Schulgesetz No Child Left Behind von 2001 stützt sich bei der Schließung vermeintlich schlechter Schulen auf high stakes tests. In Europa sind high stakes tests (noch?) nicht etabliert.
Human capital
Die Humankapital-Theorie wurde Ende der 1950er Jahre entwickelt und besagt, dass einzelne Unternehmen und die Wirt-
Daniel Tröhler ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Luxemburg, Direktor der Forschungseinheit „Language, Culture, Media and Identities“ (LCMI) und Verantwortlicher der universitären Forschungspriorität „Erziehung und Lernen im mehrsprachigen und multikulturellen Kontext“ (2010-2013).
Ragnhild Barbu, Diplomsoziologin, arbeitet als wissenschaftliche Assistentin in der Forschungseinheit LCMI und in der oben genannten Forschungspriorität.
schaft insgesamt nicht nur vom Geld – dem physischen Kapital – Profit ziehen können, sondern auch vom Wissen der Menschen – dem humanen Kapital. Vor diesem Hintergrund werden Schule und Bildung als Investitionen verstanden, die nicht nur dem Individuum, sondern auch der nationalen Ökonomie dienen. Die OECD und PISA stützen sich maßgeblich auf die Humankapital-Theorie.
Input- vs. Outcome-Steuerung
Traditionellerweise war die Schule – in heutiger Terminologie – input-gesteuert. Das heißt, dass Schulpolitik und -verwaltung versuchten, gute Schulen über verbesserte Lehrer- und Lehrerinnenbildung, bessere Lehrpläne und vor allem zeitgemäße Lehrmittel zu ermöglichen. Die neue Doktrin kritisiert, dass Schulen dadurch nur teuer, aber nicht effizienter geworden seien und beabsichtigt, Schulen nach ihren Leistungen (outcomes) zu belohnen bzw. zu bestrafen (incentives = Anreizprämien). Die Schulen sind dabei weitgehend frei, zu entscheiden, wie sie die vorgegebenen Ziele erreichen.
Large scale tests
Large scale tests (wörtlich: Großversuche) zielen darauf, in standardisierten Verfahren eine sehr große Zahl von Testpersonen bzw. Testorganisationen einzubeziehen. Die ersten large scale tests wurden von amerikanischen Psychologen an Soldaten des Ersten Weltkrieges durchgeführt, um deren Intelligenz zu messen und sie entsprechend dieser Daten in Truppengattungen einzuteilen. Heute ist PISA ein berühmter large scale test, der damit nicht gleich auch ein high stakes test ist, weil die Konsequenzen aus den Ergebnissen noch unklar sind.
Literacy
Literacy ist ein kaum übersetzbarer Leitbegriff von PISA. Er gründet in der Unterscheidung zwischen Wissen per se und praktisch umsetzbarem Wissen, wobei nur letzteres als literacy beschrieben wird. Literacy bezeichnet also die Fähigkeit der Schüler, in der Schule Gelerntes im außerschulischen Bereich anzuwenden, wogegen die Fähigkeit der Schüler, in der Schule Gelerntes in Prüfungen wiederzugeben (und damit gute Noten zu erhalten), von keiner besonderen Wichtigkeit ist. Eher verwirrend ist, dass gelegentlich auch die Begriffe der Grundbildung und der Kompetenz für literacy verwendet werden. PISA hebt drei wichtige literacies hervor: mathematische, naturwissenschaftliche und muttersprachliche.
Monitoring
Der Begriff des Monitoring (wörtlich: Überwachung) stammt aus der Medizin und bezeichnet die systematische Erfassung eines Patienten (zum Beispiel in der Notfallstation). Auf die Ebene der Schule übertragen meint Monitoring die systematische und wiederholende Erfassung der Schule mittels standardisierter Kriterien, um anhand von Ergebnisvergleichen bildungspolitische Schlussfolgerungen zu ziehen.
Ranking
Ranking (wörtlich: Klassifizierung) ist eine Konsequenz aus den standardisierten Schulvergleichen und zielt darauf, die Teilnehmenden zu motivieren, besser zu werden als die Konkurrenten. Dabei wird auf die Idee des Best practice verwiesen mit dem Ziel, erfolgreiche Praktiken zu importieren, um damit bessere Resultate zu erzielen.
Schulsystem
Heute ist es üblich geworden, vom Schulsystem zu sprechen. Noch vor zwanzig oder dreißig Jahren wäre dies im deutschsprachigen Raum – mit Ausnahme der DDR – kaum denkbar gewesen. Man sprach von der Schule oder vom Schulwesen. Die technologische Idee des Systems setzte sich erst mit dem Ende des Kalten Krieges durch und ist heute in der Schuldiskussion heimisch geworden. Mit ihr ist die Idee der Outcome-Steuerung verbunden.
Standards
Standards (wörtlich: Normen) stehen im Zentrum der neuen Sprache der Schulreform. Sie bezeichnen drei Sachverhalte, die jedoch unterschiedlich gewichtet werden. Der opportunity-to-learn-standard (Input-Norm) entspricht der Gewährleistung gleicher Lernchancen für Schülerinnen und Schüler. Die beiden anderen wurzeln in der Idee der Outcome-Steuerung und sind in der schulpolitischen Reformdiskussion ungleich wichtiger als der erste. Der content standard bezeichnet die generelle Angleichung von Lehrplänen und Schulbüchern zwecks besserer Leistungsvergleiche. Dabei zeigt der performance standard (Leistungsnorm) an, welche der jeweiligen Leistungen ungenügend, akzeptierbar oder gut sind.
École normale 1950 (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)
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