Summarium der Unvernunft

Weltkatechismus

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Weltkatechismus

"Summarium der Unvernunft", meinte Eugen Drewermann am 26. Januar spät abends bei einer 3-sat-Fernschdiskussion mit Eugen Biser. Was steht drin, in diesem Sammelsurium von Wörtern, die dem Wortschatz unserer Tage nicht mehr angehören, die auch nicht mehr dem Wortschatz gläubiger Christen unserer Tage angehören? Wäre es nicht besser, das dicke Buch zu ignorieren? Aber es wird gekauft. Viel gekauft. Sehr viel gekauft. Läßt auch in Luxemburg auf der Liste der meistgekauften Bücher einer bekannten Buchhandlung alle andern Druckerzeugnisse weit hinter sich. Wird wohl in sechs Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste auf Anhieb Platz eins einnehmen. Doch wir sind es gewohnt, daß Bücher, die zu lesen sich nicht lohnt, wie verrückt gekauft werden.

Poleurs

Ein Katechismus, der kein katholischer ist

Katechismus der katholischen Kirche nennt sich das Buch. Es ist unwahrscheinlich, daß es deshalb wie verrückt gekauft wird. Warum dann? Vielleicht weil eine Menge Leute sich nostalgisch nach dem Katechismus ihrer Kindheit sehnen. Sollte dies der Fall sein, wird die Enttäuschung nicht auf sich warten lassen. Denn es ist kein Katechismus, wie sie ihn in Erinnerung haben.

Es ist aber auch kein Katechismus der katholischen Kirche. Sondern nur eines Teiles dieser Kirche. Abgesehen von der Tatsache, daß es neben der römisch-katholischen Kirche ein paar andere katholische Kirchen gibt. Die größte dieser anderen ist die altkatholische, die sich nach dem ersten Vatikanischen Konzil (1870-71) von der römischen abspaltete, weil sie weder die Unfehlbarkeit noch den Rechtsprimat des Papstes anerkannte. Die römische katholische Kirche brüstet sich damit, die größte aller Religionsgemeinschaften zu sein. In Kürze überschreite sie die Milliardengrenze. Sei’s drum. Doch nur eine klinzige Minderheit dieser Milliarde (etwa 3,5 pro Million) hat den Katechismus in Auftrag gegeben. Wenn diese klinzige Minderheit sich auch hohe Hüte aufsetzt, so ist ihr Ansehen doch stark angekratzt. Aber natürlich gibt es auch bei den hütlosen Katholiken etliche, die froh sind, nun wieder zu wissen, wo man dran ist. Sagte doch ein ehemaliger Kollege mir mal wieder den Spruch: "War denn alles falsch, was wir im Seminar lernten?" Ich war so perplex, weil ich diese Rede lange nicht gehört hatte, daß meine erste Reaktion ein unnünciertes "ja" war. Damit hatte ich mich natürlich lächerlich gemacht. Stand ich doch nun wieder da als derjenige, der zwar den Papst nicht unfehlbar sein läßt, dafür aber die Unfehlbarkeit selber in Anspruch nimmt. Wo ich doch der Ansicht bin, kein Mensch sei unfehlbar. Womit ich mir zwar erlaube, meine eigene Ansicht über christlichen Glauben zu haben und zu äußern. Im Gegensatz zum dunkelblauen Buch jedoch fällt es mir nicht im Traum ein, meine eigene Meinung allen Katholiken, ganz bestimmt nicht allen Christen, und schon gar nicht der ganzen Welt zu verordnen. Ich könnte allerdings meine Freude nicht verbergen, wenn jemand meine Meinung wenigstens diskutabel fände.

Apostolische Konstitution "fidei depositum"

Am 11. Oktober 92 unterzeichnete Johannes Paulus pp II. eine "apostolische Konstitution", sagen wir: ein päpstliches Empfehlungsschreiben zum neuen "Katechismus der katholischen Kirche". Wie in der römischen Kirche üblich wird das Schreiben nach seinen zwei ersten Worten benannt. Die lauten: "fidei depositum". Was ist ein "fidei depositum"?

Der Ausdruck begegnet uns zum ersten Mal in den beiden Briefen, die Paulus an seinen Schüler Timotheus geschrieben haben soll. Die meisten Bibalexperten legen mit überzeugenden Argumenten dar, daß jene Briefe gewiß nicht von Paulus selbst, sondern von einem Christen so um die erste christliche Jahrhundertwende verfaßt wurden. Damals war Paulus bereits dreißig oder vierzig Jahre tot. Dreimal kommt der Ausdruck "depositum" (griechisch: paratheke) in den Timotheusbriefen vor, immer mit der Aufforderung, dieses "depositum" zu bewahren. So unbekannt ist uns dies lateinische Wort gar nicht. Es hat im französischen "dépôt" ergeben: der Ort, an dem wir etwas hinterlegen, oder auch die "Hinterlegschaft" selbst. Das Banksafe zum Beispiel und auch das im Safe Abgelegte. Zweck der Hinterlegschaft: Verwahrung.

Doch kann man den Glauben so einfach "hinterlegen"? Wer auch immer der Schreiber der beiden Timotheusbriefe gewesen sein mag, er spricht nicht von einer "Glaubenshinterlegschaft". Hätte er auch gar nicht können. Hinterlegt bei ihm war das ihm gesagte "Wort". Auch wenn der Briefschreiber damit das Wort Gottes gemeint hat, so ist dieses Wort nicht der Glaube. Wo er zum drittenmal von der paratheke, der Verwahrung des Hinterlegten schreibt, meint er, Timotheus solle "durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt" darüber wachen. Nach dem Glauben des Paulus und seiner Schüler ist der Heilige Geist kein Wachhund, der auf einen "Schatz" aufpaßt. Der Geist wacht darüber, daß das Vermächtnis Jesu lebendig bleibt, Früchte bringt. Das "depositum", ist also keine Mischung aus kostbarem Museumsschaustück und geheimnisvollem Stein der Weisen. Ein solcher war ja von mittelalterlichen Gelehrten gesucht worden. Aber er wurde nie gefunden, jener Katalysator, der beim Umwandlungsprozeß nur einfach dabei sein muß, und schon wird Blei zu Gold. Wundersam, wie der Katalysator unverändert die Verwandlung, und verlief sie noch so stürmisch, überlebt. So auch das "depositum fidei" der vatikanischen und johannespaulinischen Vorstellungswelt. Der Begriff des "depositum fidei" war vor 120 Jahren auf dem 1. Vatikanischen Konzil definiert worden und so gut wie vergessen. Er ist nämlich nicht in der Lage, auch nur annähernd das zu beschreiben, was christlicher Glaube ist. Nun hat Johannes Paul II. ihn wieder ausgegraben. In vatikanischen Kreisen spielte er, spielt er anscheinend noch immer, eine große Rolle. Aber auch nur dort. Ein Zeichen mehr, wie weit man in jenen Kreisen vom lebendigen Glauben der Gemeinden entfernt ist.

Ganz nach vatikanischem Verständnis sieht Johannes Paul II. die Bewahrung des "depositum fidei" als jenen Auftrag an, den der Herr "seiner Kirche" anvertraut hat. Da gibt es in den Evangelien aber ganz

andere Töne. Im Gleichnis von den Talenten, die der Herr, als er verreiste, seinen Knechten übergab. Nutzbringend sollten sie dieselben anlegen. Auf keinen Fall sie in einen Tresor einschließen. Die Talente sind Arbeitsgrundlagen, die über dem Verarbeiten verändert werden, wachsen, Zinsen bringen, die ihrerseits aufs neue angelegt werden. Genau so, und nicht starr, für alle Zeiten dogmatisch festgelegt, sieht die Glaubenshinterlegschaft aus, die der Herr Jesus "seiner Kirche" hinterließ.

Hier ist nun eine weitere Frage fällig: "Wer ist diese Kirche?" Nach vatikanischem Sprachgebrauch steht die Schatztruhe im Vatikan. So was kann der Schreiber des Briefes an Timotheus nicht gemeint haben. Damals stand auf dem vatikanischen Hügel das goldene Haus des Nero. Ein Papst und eine Zentralverwaltung der Kirche waren noch lange nicht in Sicht. An ein unfehlbares "Lehramt" dachte niemand. Christlicher Glaube war lebendig in jeder Gemeinde. In jeder Gemeinde war er "hinterlegt". Nur etwas durfte ihm nicht passieren: Rost durfte er keinen ansetzen. Glaube war Vertrauen. Christen vertrauten dem "Wort", das ist: dem Beispiel, dem Leben, dem Tod und der Auferweckung des Jesus. Vertrauen mag ein Schatz sein. Doch keiner der "hinterlegt" wird. Vertrauen, das nicht "gebraucht" wird, verkümmert. Glaube, der nicht gelebt wird, mag auf dem Papier stehen. Aber dort ist er, wie alles, was auf dem Papier steht, toter Buchstabe. Und wenn auf dem Papier Wörter stehen, die heute kein normaler Mensch mehr versteht, dann sind sie doppelt tot. Das wird offenbar in der Gleichgültigkeit, mit der Menschen diesen Wörtern begegnen. Genau solch tote Wörter stehen zwischen den dunkelblauen Deckeln des "Weltkatechismus". Sie werden nichts in Bewegung setzen außer dem Geld, das in den Kassen der Verlage, der Buchläden und des Vatikan klingelt.

Auf derartige Gedanken kommt man, wenn man sonst nichts als den Titel der apostolische Konstitution betrachtet, die den "Weltkatechismus" vorstellt. Eine Analyse des päpstlichen Empfehlungsschreibens bringt sonst nichts als die Erkenntnis, daß der Katechismus die offizielle Darlegung des römischen Dogmas ist.

Nur eines noch: Johannes Paul II. selbst gibt die Gebrauchsanweisung: "Der Katechismus ist (den Hirten und den Gläubigen [ob die Hirten keine Gläubigen sind?]) als sicherer und authentischer "Referenztext" zur Unterweisung in der katholischen Lehre, und ganz besonders zur Erstellung der Partikularkatechismen in die Hand gegeben. Er möchte Unterstützung geben in den ökumenischen Bemühungen. Und schließlich wird er jedem Menschen angeboten, der Rechenschaft verlangt über die Hoffnung, die in uns ist. Und natürlich jedem, der wissen möchte, was die katholische Kirche glaubt." (S. 9 der französischen Ausgabe) Ob der Papst glaubt, es stehe drin? Oder ob der Papst glaubt, das, was in dem Buch drinsteht, glaubten alle Katholiken? Oder auch noch, ob der Papst tatsächlich glaubt, der "Weltkatechismus" diene der Einheit aller Christen?

Die Redakteure des Katechismus stehen mit der Geschichte auf Kriegsfuß, sonst müßten sie doch wissen, daß es wenigstens bis zu Beginn des dritten Jahrhunderts außer der Taufe keine eigenes Bußsakrament gab.

Warum ich nicht alles glaube, was das dunkelblaue Buch mir zu glauben vorstellt

Einen ersten Vorbehalt melde ich an wegen der Art und Weise, wie die Verfasser mit dem Begriff Apostel umgehen. Als ich ihm auf der ersten Seite des eigentlichen Katechismustextes zum ersten Mal begegnete, notierte ich: "zu kontrollieren!" Laut Stichwortverzeichnis kommt Apostel 40mal vor. Es steht zwar öfter drin. Doch gerade deshalb gehen die Apostel quer durch die beiden ersten Teile: Bekenntnis und Sakramente des Glaubens.

Ich glaube,

nicht nur Bischöfe sind Nachfolger der Apostel.

Apostel seien von Jesus gesandt, lese ich im "Katechismus" immer wieder. Im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, sind die "Apostel" dieselben wie die "Gesandten". Jesus selbst ist ein Apostel, denn er ist "vom Vater »gesandt«". Er seinerseits sendet nun "Jünger". Die sind seine Schüler. Unter ihnen gibt es die Zwölf, dann die Zweitendseits, schließlich die Vielen. Die Verfasser des "Weltkatechismus" machen da keinen Unterschied. Behaupten munter drauf los, Jesus habe seine Apostel gesandt. Und deren Nachfolger seien die Bischöfe.

Es gibt in den Evangelien tatsächlich Stellen, in denen Jesus nur die Zwölf "aussendet". Lukas zum Beispiel erzählt von zwei "Probesendungen": In Lk 9,1-6 werden die Zwölf zusammengerufen, mit Vollmachten ausgerüstet und "gesandt" das Reich zu verkünden. Ihre Rückkehr wird in einem Halbsatz 9,10a berichtet. Im zehnten Kapitel werden weitere zweiundsiebzig in jede Stadt und jedes Dorf "gesandt". Sie werden ausführlicher unterwiesen als die Zwölf. Sie haben genau die gleiche Aufgabe wie die Zwölf.

Mester in: Publik-Forum

Sie sollen jedem Dorf und jeder Stadt mitteilen, das Reich Gottes sei angekommen. (Lk 10, 1-11) Auch von ihrer Rückkehr samt Erfolgsmeldung wird erzählt (Lk 10,17). Die Zweitendsiebzig sind keine Nachfolger der Zwölf. Weder ihren Auftrag noch ihre "Vollmacht" erhalten sie von einem der Zwölf, sondern vom "Herrn" selbst. Von einer abgestuften "Hierarchie", einer heiligen Herrschaft geht hier nun wirklich keine Rede.

Wie verhält es sich im Schlußkapitel bei Markus und Mattäus mit der "Aussendung" der "Elf"? Diese Schlußsätze werden im "Katechismus" immer wieder zitiert. Nun, bei Mattäus geht die Rede von elf Schülern und nicht von "Aposteln". Sie sollen alle Völker zu Jesusschülern machen. Mehr sind sie ja selbst auch nicht. Sie sollen Taufende sein. Aber das wissen sogar noch diejenigen unserer Zeitgenossen, die im Religionsunterricht fast alles verschlafen haben: taufen kann jeder Mensch. Bildlich gesagt: die Tür zum Eintritt ins Gottesreich wird nicht von Petrus kontrolliert, wenn auch alle Märchen das Gegenteil behaupten. Am Schluß des Lukasevangeliums erhalten die "Schüler" bei Jesu "Abschiedsbesuch" zwar keinen Taufbefehl, dafür sind sie aber zahlreicher als die "Elf". Außer diesen sind auch alle da, "die mit ihnen versammelt waren" (Lk 24,33). Die Versammelten erhalten den Auftrag: "Ihr (= die "Elf" + die mit ihnen Versammelten + die beiden hinzugekommenen Emmausjünger) seid Zeugen dafür". Wofür? In einer Kurzversion wird wiederholt, worin die beiden Emmausjünger auf ihrer Wanderschaft und beim Brotbrechen vom "Auferweckten" bereits belohnt worden waren: "daß, angefangen mit Jerusalem allen Völkern in seinem Namen das Umdenken und die Vergebung der Sünden verkündigt wird." (Lk 24,47b)

Wie ist es nun aber mit der Apostelgeschichte, die nach alter Überlieferung auch aus der Feder des Lukas stammt? Dort steht ja in 1,2 eindeutig: "… vom Anfang des Lehrens und Wirkens Jesu bis zu jenem Tag, da er, während er den Aposteln, die er ausgewählt hatte, im Heiligen Geist (letzte) Anweisungen gab, weggenommen wurde." Doch diese Apostel waren ebenfalls nicht nur die "Elf". Die werden zwar namentlich aufgezählt. (Apgesch. 1,13). Doch zu ihnen gehören auch "Frauen, und die Mutter Jesu, und seine Brüder" (Apgesch. 1,14), im Ganzen "ungefähr hundertzwanzig Leute" (Apgesch. 1,15), darunter noch wenigstens ein Bekannter, der an die Stelle des Judas zu wählende Matthias und dessen Gegenkandidat Josef Barsabas (Apgesch. 1,23). "Und nach Vollendung der fünfzig Tage, waren alle versammelt … und sichtbar wurden Zungen wie von Feuer. Und die setzten sich auf jeden von ihnen. Und voll heiligen Geistes wurden alle." (Apgesch. 2,1-4a). Nicht nur die "Apostel", sondern alle – auch die Frauen – erhielten jene Fülle des Heiligen Geistes, die der "Katechismus" so gerne den Bischöfen vorbehalten möchte. Das bedeutet doch, daß Bischöfe wohl Nachfolger der Apostel sind, doch nur insofern sie in Gemeinschaft mit allen "Apostelnachfolgern" sind. Nach dem zweiten vatikanischen Konzil müßte die Erkenntnis sich doch langsam durchsetzen, daß alle Kirchen apostolisch sind, weil sie den Glauben der "Apostel" teilen. Hat man die homerischen Kämpfe vergessen, mit denen eben jenes zweite vatikanische Konzil das ganze kuriale Prokjekt auf den Kopf stell-

ten? So daß nun in der Konstitution über die Kirche zuerst vom "Volk Gottes" (zu dem auch die Bischöfe gehören) geredet wird, bevor die einzelnen Begabungen und Aufgaben in diesem Volk zur Sprache kommen. Erleben wir im Katechismus nun genau das, was die Kurienleute schon damals prophezeiten: "Wenn das Konzil vorbei ist, gehen die Bischöfe nach Hause, wir aber bleiben hier!" Haben die vatikanischen Pförtner alle von Johannes XXIII. geöffneten Fenster wieder hermetisch geschlossen? War der jahrhundertealte heilige vatikanische Staub von den Dienstboten in den Jahren 1963-65 sorgfältig

eingesammelt und nun wieder gleichmäßig verteilt worden? Es gibt im "Weltkatechismus" eine Menge Indizien, die solches nicht nur vermuten lassen. Die ebenfalls vermuten lassen, die Redakteure des Katechismus ständen mit der Geschichte auf Kriegsfuß, sonst müßten sie doch wissen, daß es wenigstens bis zu Beginn des dritten Jahrhunderts außer der Taufe keine eigenes Bußsakrament gab. Doch darüber und einiges andere über die "Apostel" demnächst.

Jupp Wagner, 15.03.93

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