Wie die Reform des jüdischen Glaubens zur neuen Religion verkam
Was ist schiefgelaufen? (IV)
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Was ist schiefgelaufen? (IV)
Wie die Reform des jüdischen Glaubens zur neuen Religion verkam
Gewiß, die «Heiligen Jahre» (s. forum Nr. 192, S.65) haben die bereits im 13. Jahrhundert existierende Schieflage des Christentums offenbart und verfestigt. Die Kirchenherren allerdings verkannten die Schieflage. Christlicher Glaube war immer mehr zur «christentümlichen» Religion verkommen. Nicht alles kann der «konstantionischen Wende» angelastet werden. Es gibt wesentliche Elemente, die bereits vor Konstantin diese Entwicklung in die Wege leiteten. Dazu gehört die gesamte Liturgie. Mit ihr wurden «Heiden» «überrumpelt». Vielfach wurden sie ja aufgefordert, «anzubeten, was sie verbrannt, und zu verbrennen, was sie angebetet» hatten, obgleich sie nicht in der Lage waren, den Unterschied zwischen den «alten Göttern» und dem «neuen Gott» zu erfassen. An die Stelle der alten Götter und die sie gnädig stimmenden Riten trat ein neuer Gott, der andere ihn gnädig stimmende Riten verlangte. Aber letztendlich war ja nicht einmal mehr den Bischöfen dieser Unterschied klar.
Sind es im zweitletzten Jahr des zwanzigsten christentümlichen Jahrhunderts nicht immer noch die alten Götter, die Eltern dazu bringen, ihre Kinder taufen zu lassen: Die Götter der Angst? Gewiß es geht nicht mehr um die Angst, ein ungetauftes Kind könne eine ganze Ewigkeit lang zu leiden haben unter der von den Eltern unterlassenen Taufe. Es geht auch nicht mehr um die «Erbsünde». Mit der hat die Wissenschaft aufgeräumt. Wenn Eltern, die in der erdrückenden Majorität ihre Kirchengemeinden meiden, dennoch ihre Kinder taufen lassen, so hat das mit einer ganz anderen Angst zu tun: es geht schlicht und ergreifend um die Angst, daß die Kinder, einmal größer, dann erwachsen geworden, und schließlich verstorben, von andern Ritualien, wie Einzigkommunion, Ersttrauung und kirchlichem Begräbnis, ausgeschlossen würden. Denn darauf hält man, Wenigstens die Großeltern, mit denen die Eltern es nicht verderben wollen. Diese halten zumeist nicht mehr darauf. Es sei denn nach dem Motto: «Maach wéi d’Leitt, da geet et der wéi de Leitt!» Ein Motto entgegengesetzt zu dem, was
die Taufe bedeutete, als es mit dem christlichen Glauben anfing. Damals ging es genau darum, es nicht so zu machen, wie die anderen. Man wollte es so machen, wie der Jesus es gemacht hatte; und damit war ein Risiko verbunden. Nicht selten das Risiko dabei das Leben zu verlieren.
Was also die Taufe anbelangt, ist nicht nur ein bißchen schiefgelaufen. Ziemlich früh ist es total in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Wir sind heute in der Lage herauszufinden, warum. In der Tat wurden schon im ersten Jahrhundert auch Kinder getauft. Oder, besser gesagt: sie wurden «mitgetauft», wenn das Familienoberhaupt sich taufen ließ.
Was Paulus sich unter der Taufe vorstellte, hat er den Römern geschrieben: «Da wir der Sünde gestorben sind, wie sollten wir noch in ihr leben? Oder wißt ihr nicht, daß alle, die wir in den Messias Jesus hineingetauft worden sind, in seinen Tod hineingetauft sind? Begraben wurden wir also mit ihm durch die Taufe in den Tod, damit – wie der Messias von den Toten
auferweckt wurde … auch wir im Neuen des Lebens den Weg gehen» (Röm 6,2+3). Die Römer verstanden diesen Satz ohne jede Schwierigkeit. Denn 1°: der Ausdruck vom «neuen Weg» war ihnen bekannt. Der neue Weg war der Weg des Jesus; vielleicht sogar, um mit dem Evangelisten Johannes zu sprechen, wurde Jesus selbst als der neue Weg verstanden. Wir würden heute sagen: «die neue Religion». Das Wort «religio» war den Römern zwar bekannt, nicht aber den Juden; auf keinen Fall wurde es so verstanden, wie wir es heute verstehen. Und 2°: die Zeitgenossen des Paulus – wie ja auch er selbst – waren dabei gewesen, als sie getauft wurden. Sie waren ins Wasser hineingetaucht worden. Als sie wieder auftauchten, schnappten sie nach Luft; es war eine sehr beeindruckende Erfahrung: ein neues Leben wurde ihnen geschenkt. Ihr Leben lang erinnerten sie sich daran, wie, wann und wo sie zu diesem neuen Leben auferstanden waren. Allen, die als Kinder getauft wurden – und immer noch werden -, fehlt diese Erfahrung.
Ein Pfarrer unseres Landes möchte die Babies auch wieder untertauchen, so wie es früher war. (Wie übrigens die Ostkirchen es noch heute tun: sie taufen Kinder, allerdings erst wenn sie ein paar Jahre alt sind. Diese Kinder werden sich noch irgendwie daran erinnern, wie sie untergetaucht wurden; an diese Erinnerung kann man immerhin anknüpfen, um ihnen zu erklären, warum man das mit ihnen getan hatte.) Bei uns spielen die Eltern aber verständlicherweise bei dieser «Neuerung» nicht mit. Denn «das war ja noch nie»! Außerdem könnte das Kind Schaden nehmen. Der gute Pfarrer weiß nicht, daß das Untertauchen von Babies genau so wenig funktioniert wie das Übergießen mit Taufwasser: die Babies würden sich später genau so wenig an ihr Untergetauchtwerden erinnern wie an ihr Übergossenwerden. Ein sehr ernster Hinweis, daß das Risiko des «Sterbens mit dem Messias» nur von Erwachsenen getragen werden kann: nur sie verstehen, worauf sie sich mit der Taufe einlassen. Und das ist keineswegs auf Konformität. In unserer Zeit, in der Eltern nicht mehr in der Lage sind, den Lebensweg ihrer Kinder zu bestimmen, können sie auch nicht mehr eine so einschneidende Entscheidung, wie die Taufe eine ist, an der Stelle ihrer Kinder treffen. Es sei denn, die Taufe bedeutet nichts lebensveränderndes, sondern einzig und allein eine von der Gesellschaft irgendwie noch erwartete Zeremonie, die in unseren Breitengraden einfach dazugehört wie die übrigen «in der Kirche gefeierten» Lebenswenderiten: zu Pubertät, Familiengründung und Tod. Doch die Zeichen mehren
sich, daß «die Gesellschaft» immer mehr auch ungetaufte Kinder annimmt, und daß für die Lebenswendefeiern immer mehr «zivile» Riten aufkommen. Ziviltrauungen und Zivilbegräbnisse gibt es jeden Tag.
Die Babytaufe, wenn auch vom ersten Jahrhundert an praktiziert, entwickelte sich schon bald zum Problem. Bis heute steht im Credo: «Ich glaube an die eine Taufe zur Vergebung der Sünden». So überlegte denn Augustinus (+430): «Wenn wir Babies taufen, so müssen sie wenigstens eine Sünde haben, die ihnen vergeben werden muß. Doch wo kommt die her?» Dergleichen Überlegungen hatten auch schon andere gemacht. Aber keiner hat mit so großer Folgerichtigkeit die «Adamsünde» als «Erbsünde» verstanden wie Augustinus. Er ging also von der Tatsache der Babytaufe aus und folgerte die Erbsünde. Diese Richtung des Gedankengangs geriet bald in Vergessenheit. Im Bewußtsein der Kirchenleute wurde die «Ursünde» des mythischen biblischen Urvaters als Tatsache verstanden, die als Folge die Kindertaufe haben mußte, sollte das kleine Würmchen nicht auf ewig verloren gehen. Die Richtung, in der Augustinus überlegt hatte, war also umgekehrt worden. Der war ja, ganz modern, von einer Tatsache ausgegangen und hatte messerscharf die Existenz einer Sünde gefolgert, die bereits «die Seele» eines Kleinkindes «beschmutzte». Augustin war 33 Jahre alt, als er sich taufen ließ. Sein ungetaufter Vater Patricius hatte sich der Taufe seines unmündigen Sohnes widersetzt. Es war also genau das geschehen, was damals üblich war: der Vater bestimmte, zu welcher Religion die Hausgenossen gehören sollten. Religion war Chefsache. Augustins Vater war der christliche Glaube nicht unbekannt, hatte er doch mit Augustins Mutter Monika eine christliche Frau geheiratet. Er dachte wohl, sein Sohn soll sich mal die Hörner ablaufen. Er kann sich ja auch später noch taufen lassen, so er es dann immer noch will. Gäbe es in unserer Gesellschaft viele Väter, die sich der Taufe ihrer Kinder widersetzten, könnte die Kirche dadurch nur gewinnen. Ein neuer Augustinus, der sich die Hörner abgelaufen und dabei am Puls der Zeit geblieben, wäre vonnöten. Allerdings, und genau hier liegt der Haken, bräuchten wir dann eine mutige und Mut machende Erwachsenenkirche. Keine Kirchengemeinschaft mehr, die auf Kinder setzt, indem sie diese Generation als Babies tauft, ihnen Religionsunterricht erteilt und glaubt, so könne es bis zum jüngsten Gericht weitergehen. Das Fiasco des Religionsunterrichtes ist mit den Tausenden von Religionsunterrichtgeschädig-
Piero della Francesca.
Die Taufe Christi
(um 1450), Ausschnitt
Um die Säuglingstaufe zu rechtfertigen mußte eine ganze Theorie erfunden werden: die von der Erbsünde.
ten handgreiflich. Immer weniger Getaufte sind noch in der Lage, einen heute verantwortbaren christlichen Glauben an die nächste Generation weiterzugeben. Sogar Katecheten bringen ihre Ware kaum noch an das Kind. Christlicher Glaube ist unwiderruflich Sache von Erwachsenen geworden.
Da nützt auch keine «Firmung», die von Firmpredigern immer noch gerne im Sinne des Faustus von Riez (+ um 500) als Sakrament der Mündigkeit angepriesen wird. Auch jener Faustus scheint nicht mehr gewußt zu haben, daß die Firmung nur die «andere Hälfte» der Taufe war. Immerhin hat ein römischer Bischof die «Erfindung» des Faustus aufgegriffen, und seither wurde die wahnwitzige Idee der Mündigkeit von Zwei- oder Achtjährigen in den Firmpredigten «verkündet». Hinzukommt, daß die «Firmung» in der Westkirche ziemlich früh den Bischöfen vorbehalten wurde, während in der Ostkirche der Pfarrer die Kleinkinder schon bei ihrer Taufe «besiegelt». In der Zwischenzeit haben auch in der Westkirche manche Bischöfe den Begriff der Besiegelung aufgegriffen. Doch was war mit der «Besiegelung» gemeint?
Niemand wird ja für sich getauft. Sondern hinein in eine Gemeinschaft von bereits Getauften. Sich für die Taufe entscheiden, ist Sache des Täuflings; doch von der Gemeinschaft angenommen werden, ist Sache eben dieser Gemeinschaft. Diese Aufnahme erfolgte bei Erwachsenen naturgemäß nicht 10 Jahre nach der Taufe, sondern sofort im Anschluß an dieselbe. Die Entscheidung der Getauften wurde von der Kirche, das heißt von der versammelten Kirchengemeinde, besiegelt, freudig gutgeheißen, mit dem geschwisterlichen Kuß «konfirmiert». Aus diesem Kuß wurde, als die Spendung der Firmung in der Westkirche dem Bischof, ihr Empfang Kindern vorbehalten wurde, ein Streicheln, aus dem Streicheln ein (gelinder) Backenstreich, den man noch vor dreißig Jahren als Ritterschlag zum Streiter Christi deutete. In der Zwischenzeit gibt es nur noch vereinzelte (Kreuz-)Ritter, so zum Beispiel die vom Heiligen Grab in Jerusalem. Folklore! Aber auch Erinnerung an jene grausamsten Irrwege der christlichen Kirche des 11., 12. und 13. Jahrhunderts: die Kreuzzüge. Irrwege, da es dem Jesus wurstegal ist, wo sich sein «Heiliges Grab» befindet; nicht wurstegal wäre es ihm zu wissen, daß zur «Befreiung» eben dieses Grabes Hunderttausende niedergemetzelt wurden. Der fürchterlichste aller Kreuzzüge war der «Kinderkreuzzug», 1212 von französischen und deutschen Jugendlichen unternommen,
menen, bei dem diese, «von religiösem Eifer ergriffen, zu Tausenden nach Genua und Marseille zogen. Die meisten kamen unterwegs elend um, oder wurden als Sklaven verkauft» (Bertelsmann: Lexikon der Geschichte CD-Rom). Irregeleitet durch «religiösen Eifer». Nein! so hatte Jesus es bestimmt nicht gemeint, als er seinen Schülern sagte: «Laßt die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran. Denn den so Beschaffenen gehört das Himmelreich» (Mk 14b, Mt 19,4b; Lk 18,16b). Mag sein, daß Kinder christlicher Eltern in der Vergangenheit die Zukunft der Kirche waren, doch seit die erdrückende Majorität der Eltern selber nur noch an konsequenzlosen Zeremonien interessiert ist, werden Kinder keine Zukunft für eine wie auch immer geartete Kirche sein. Wer an Religionsunterricht in den Schulen glaubt, kann 1° die Zeichen der Zeit nicht lesen, und 2° verspielt damit den Zeitpunkt, an eine Kirche von Erwachsenen zu glauben und sie konsequent anzugehen.
Zwischenbilanz
Unter den Komponenten, welche die Schieflage der Kirchen erklären, ist die Babytaufe die bedeutsamste. In der Tat, um die Säuglingstaufe zu rechtfertigen mußte eine ganze Theorie erfunden werden: die von der Erbsünde. Die biblische Sündenfallerzählung ist natürlich dem Judentum bekannt, dennoch kennt die jüdische Auslegung des dritten Genesiskapitels keine Erbsünde im augustinischen Sinn. Weil aber ab der Mitte des ersten christentümlichen Jahrtausends die Kindertaufe überhandnahm, gab es bald (fast) keine Erwachsenen mehr, die hätten getauft werden können. Damit ging im christlichen Volk auch das Bewußtsein verloren, daß die Taufe von Erwachsenen eigentlich das Normale sein müßte. Hand in Hand damit verlor sich auch das Bewußtsein, daß niemand für einen anderen die Entscheidung zum Christwerden treffen kann. So befindet sich das Kirchenschiff aktuell in der verhängnisvollen Lage, daß es zum allergrößten Teil angefüllt ist mit Getauften, die sich nie zum Christwerden entschieden haben. Konsequent dazu ist die Haltung der Kleriker aller Ränge. Sie weigern sich anzuerkennen, daß die meisten Eltern bei der Taufe ihrer Kinder schlicht und ergreifend lügen, wenn von ihnen das Hersagen eines Glaubensbekenntnisses, von dem sie nichts halten, verlangt wird.
Jupp Wagner
Kirchberg am 2. Juli 1999
Die Kirche befindet sich heute in der verhängnisvollen Lage, daß sie zum allergrößten Teil aus Getauften besteht, die sich nie zum Christwerden entschieden haben.
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