Die Leidensgeschichte des Luxemburger Volkes

Warum der Dokumentarfilm "Heim ins Reich" nicht überzeugen kann

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Warum der Dokumentarfilm ‚Heim ins Reich‘ nicht überzeugen kann

Benoît Majerus

Luxemburg ist eine Ausnahme. In welchem Land gelangt ein Dokumentarfilm über den Zweiten Weltkrieg ins Kino, nicht in irgendein obskures Autorenkino, sondern in die großen Säle mit Popcorn und Cola? In welchem Land erobert ein solcher Film einen Platz in den Top Ten der Kinocharts? Und in welchem Land verdrängen Berthe Linster und Victor Fischbach Tom Cruise und Brad Pitt von den ersten Plätzen? ‚Heim ins Reich‘, der von Claude Lahr realisierte Dokumentarfilm, war ein echter Kassenschlager. Über 25 000 Zuschauer haben sich den Film angeschaut und die DVD, die im April in den Verkauf kommt, wird sicher ebenso ein großer Erfolg! Second World War sells. Nicht nur, aber auch in Luxemburg. Die Faszination für diese Epoche scheint

ungebrochen. Die 2002 vom städtischen Museum organisierte Ausstellung ‚Et wor alles nät sou einfach…‘ und der Verkaufserfolg des die Ausstellung begleitenden Katalogs zeugten schon davon. Und die Kommemorationswelle, die Luxemburg wie den Rest Europas im Herbst 2004 überrollte, spricht Bände.

Die Idee für den Film kam dem Belgier Willy Perelsztejn, der auch als Produzent auftrat, während die Finanzierung zu gut dreiviertel von Luxemburg ausging (CNA, Fondspa). Claude Lahr präsentiert einen Film ohne Tabus, in dem sämtliche Themen angesprochen werden, und dies auf eine sehr nuancierte Weise. Bei Einzelaspekten wie der wirtschaftlichen Kollaboration oder der Zahl der Luxemburger Freiwilligen in der Wehrmacht werden die Lücken in der luxemburgischen Historiographie vermeldet. Kontroversen, wie zum Beispiel über die Beweggründe der luxemburgischen Widerstandsbewegungen (nationaler versus antifaschistischer Widerstand) werden angedeutet². In chronologischer Reihenfolge werden in dem zweistündigen Film sämtliche klassischen Etappen der Kriegszeit beleuchtet. Mit der Hundertjahrfeier von 1939 beginnt der Film, andere Ereignisse aus den 30er Jahren werden nicht thematisiert. Nach dieser Hochmesse des luxemburgischen Nationalismus werden die Ereignisse vom 10. Mai 1940 angesprochen und bis zum Ende des Film kommt es zu einer Aneinanderreihung bekannter Themen: Verdeutschung der Luxemburger Zivilgesellschaft, Personenstandsaufnahme, Generalstreik, Kollaboration… bis zur Epuration nach dem Krieg. Dabei ist ein guter Schulfilm herausgekommen. Wer eine knappe und historisch abgesicherte Zusammenfassung über den Zweiten Weltkrieg in Luxemburg wünscht, wird hier bedient.

Dreharbeiten, Heim ins Reich, Foto: CNA

Im Gegensatz zum Historiker musste (oder konnte) Claude Lahr seine Darstellung jedoch mit Bilder und Ton illustrieren; er griff dafür auf drei klassische Formen des Dokumentarfilms zurück.

Die zahlreichen Archivbilder aus dem CNA, die hier zum ersten Mal einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden, sind außergewöhnlich und gehören sicherlich zu den starken Seiten dieses Films. Wenn die Deutschen nicht viel Bildmaterial über Luxemburg produzierten, so erweisen sich die zahlreichen von Luxemburgern gedrehten Bilder als sehr interessant.

Der Gebrauch der Interviews ist schon weniger gelungen. Es ist nicht so, dass in ihnen keine wahren Momente zu finden wären oder Emotionen fehlten. Die Art jedoch, wie Claude Lahr diese Interviews benutzt, erscheint wenig inspirierend. Die Interviews werden harmonisch aneinandergereiht. Es wäre interessanter gewesen, verschiedene Geschichten über dasselbe Ereignis zu hören. Wenn Claude Lahr auf den CNA-Internetseiten ein berechtigtes Plädoyer für oral history hält, so hätte er die Spannung, die sich zwischen dem heutigen Erzählen und dem damaligen Erleben ergibt, thematisieren müssen³. Dieses Element hätte vielleicht dem Film das fehlende gewisse Etwas geben. So kommt es zu einer unkritischen Aneinanderreihung von Interviews, die manchmal das Publikum emotional stark ansprechen, die sich jedoch gegenseitig nur bestätigen und wiederholen. Auf die Frage, was ihn am meisten während seiner Arbeit beeindruckt hat, antwortet der Regisseur: „Mes émotions les plus fortes sont liées aux contacts avec les témoins d’époque. Leur franchise, leur volonté de partage, l’énergie qu’ils mettaient à jour pour faire part de leur vécu m’ont profondément touché.“ Wenn dieses Gefühl von Empathie und Teilnahme während des Interviews verständlich ist, so scheint es mir wichtig, diese Gefühle in einer zweiten Etappe zu brechen, zu hinterfragen. Wenn schon oral history dann auch nach den Regeln der Kunst, sonst bestätigt man sämtliche Vorwürfe, denen diese Disziplin zu Unrecht in den 70er und 80er Jahren ausgesetzt war⁴. Die fehlende Distanz zu den Zeugen, auch wenn sie leicht nachvollziehbar ist, nimmt dem Thema nicht nur viel von seiner potentiellen Spannung, sondern ist auch methodologisch fragwürdig.

Eine dritte Art von Bildmaterial besteht aus nachgespielten Szenen. Auch wenn dieses Prozedere heute sowohl in den qualitätsvollen Dokumentarfilmen der BBC wie in den fragwürdigeren ZDF-Darstellungen benutzt wird, so scheint mir diese Vorgehensweise weiterhin problematisch. Dies um so mehr, als es Claude Lahr unter anderem darum geht, durch diese nachgespielten Szenen den Gauleiter Gustav Simon als einen „fil conducteur formel“ im Film erscheinen zu lassen. Diese Interpretation einer personenzentrierten Darstellung der deutschen Verwaltung ist wenig

sinnvoll. Insgesamt wird Gustav Simon in bester Guido-Knopp-Manier zum Sinnbild des Bösen. Diese Sichtweise wird noch weniger sinnvoll, wenn Claude Lahr nicht vor der allzu einfachen und pauschalisierenden Psycho-Histoire zurückschreckt: „Säi Numm ass Gustav Simon. Sou kleng wéi en ass, sou besiess ass e vun engem enormen Éiergäiz“, so die off-Stimme bei den ersten Bildern über Simon.

Die neue Dreifaltigkeit der luxemburgischen Geschichtsschreibung – Widerstand, Zwangsrekrutierung und Judenverfolgung – dominiert den Film. Dies wird besonders bei den befragten Zeugen deutlich. Die Hälfte von ihnen waren als Resistenzler tätig. Der Autor verfällt hier wieder ins Klischee von der Dominanz Luxemburger Widerstandskämpfer. Dass es schwierig ist, Kollaborateure vor das Mikrophon oder gar vor die Kamera zu bekommen, hat der Rezensent selbst erfahren. Warum jedoch nur zwei von 22 Zeugen keiner der drei obengenannten Kategorien zuzurechnen sind, kann nicht einfach darauf zurückgeführt werden, dass es keine anderen Zeugen gab. Und genau hier liegt das eigentliche Problem dieses Filmes. Wie es so schön im Pressedossier heißt: „L’invasion du Grand-Duché de Luxembourg par l’armée allemande en 1940 signifie pour le peuple luxembourgeois le début d’un long calvaire“. Zu selten verlässt der Film die Beschreibung dieses Leidensweges.

Aber auch während der Besatzung überwiegt die alltägliche Normalität. Zu selten erscheinen diese Momente im Film. Nur manchmal kommen diese auch während des Krieges existierende „Eigen-Sinne“ (Lüdtke) zur Sprache, so zum Beispiel wenn Hélène Schmitt-Flammang von der „Freed um Fortlafen“ spricht, wenn sie den Streik der Escher Schülerinnen beschreibt. Oder wenn dieselbe Zeugin von der Normalität spricht, die ihre Erinnerungen an den Bund deutscher Mädel bestimmen. Sicherlich gibt es noch wenige wissenschaftliche Arbeiten, die sich der Frage des Alltäglichen im Krieg stellen. Der Diskurs über die Besatzung ist geprägt von dem Außergewöhnlichen, doch es genügt die rezente Sammlung von Erinnerungen Öslinger Frauen zu lesen⁵, um sich bewusst zu werden, dass der Krieg den Alltag nicht permanent bestimmte. Diese Normalität, diese Kontinuität mit der Vorkriegszeit ist Tabu in diesem Film wie auch in der nationalen Geschichtsschreibung. Und genau in diesem Punkt hätte die Stärke des Dokumentarfilmes liegen können, da er im Gegensatz zu den oft auf schriftliches Material fixierten Historiker, durch die oral history genau an diese Alltäglichkeit hätte gelangen können. Mit einem solchen innovativen Blick auf den Zweiten Weltkrieg wäre Claude Lahr ein spannender Dokumentarfilm gelungen, so jedoch ist es nicht mehr als eine filmische Darstellung der (traditionellen) luxemburgischen Historiographie.

"Heim ins Reich"
Regisseur:
Claude Lahr
Produzent:
Willy Perelsztein
hrg. v. CNA
Preis: 24,90 Euro

¹ Neben dem eigentlichen Film „Heim ins Reich“ beinhaltet die DVD eine große Anzahl von zusätzlichem Material, besonders über Aspekte, die im Film nicht behandelt wurden wie der Reichsarbeitsdienst, die „Freiwilligkämpfer“ und „Freiwillige“. Zusätzlich gibt es noch drei andere kleine Filme: einer über die Rückführung von in Hinzert gestorbenen Luxemburgern, einer über Sonnenburg und einer über die Befreiung Luxemburgs.

² Cf. MAJERUS, Benoît, „Et le débat existe bel et bien“, in: forum, n°227.

³ Auf www.cna.lu findet sich ein Interview mit Claude Lahr, auf das in dieser Rezension mehrere Mal zurückgegriffen wird.

⁴ Zur Geschichte und Methodologie der oral history vgl. V.R. YOW, Recording Oral History. A Practical Guide for Social Scientists, London, 1994.

⁵ Erinnerungen. Erfahrungen zu Frauen a Meedercher am Zweete Weltkrich, Esch am Loch, 2004.

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